Jens Spahn: Wer ist die biologische Mutter von Baby Georg?

Liebe Leserin, lieber Leser, natürlich hat mich die Vaterschaft von Jens Spahn in dieser Woche aufgewühlt. Doch ich bin immer noch im Urlaub, deswegen stelle ich das Thema weiter nach hinten. Obendrein sind mit...

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Jens Spahn: Wer ist die biologische Mutter von Baby Georg?

Liebe Leserin, lieber Leser,

natürlich hat mich die Vaterschaft von Jens Spahn in dieser Woche aufgewühlt. Doch ich bin immer noch im Urlaub, deswegen stelle ich das Thema weiter nach hinten. Obendrein sind mittlerweile in vielen Bundesländern Ferien, womöglich lesen Sie den Newsletter vom Balkon ihrer Ferienwohnung. Oder genießen ihre Auszeit mit Ausflügen.

Egal, ob es zum coolsten Vintage-Shop in Berlin-Prenzlauer Berg geht, ob der Sonnenuntergang auf Zeche Zollverein in Essen bewundert wird, ob wir die Höhlen-Strandbar in den Felsen von Dubrovnik gefunden haben oder uns auf den Weg zu den Drei Zinnen in den Dolomiten machen: Irgendwo läuft immer jemand mit dem Smartphone in der Hand rum, auf der Suche nach dem vermeintlich besonders witzigen, gefährlichen oder einfach nur atemberaubend schönen Ort.

Textchefin Birgitta Stauber sucht sie in ihrem Newsletter „Das Beste am Sonntag“ für Sie aus, eingebettet in ein persönliches Editorial. Kostenlos abonnieren können Sie den Newsletter hier.

Bleiben wir bei den Drei Zinnen: „Da braucht es keine Worte“, schreibt jemand auf Instagram zum Foto. Ein anderer stellt eine ganze Auswahl rein. Zugegeben: Die Bilder der Felsen, Schluchten, Aussichten sind spektakulär. Doch der Preis für die Fotos ist hoch: Um die Besucherströme zu lenken, gibt es Zugangsbeschränkungen. Eine Stunde kann es dauern, bis der Platz im Shuttle zum Berg ergattert ist. Eine Stunde bei sengender Hitze. Aber ach, Hauptsache, das Foto ist „instagrammable“, erzeugt also eine Menge Likes von Leuten, die dann auch da hinwollen. Italien-Korrespondentin Micaela Taroni beschreibt, wie sich der Massentourismus in den Dolomiten durch die sozialen Medien zuspitzt.

Dolomiti. Too many tourists? Overtourism as a concentration problem - Italy 15 July 2023

Nur für ein Foto? Die Drei Zinnen von Lavaredo in den Dolomiten waren früher das Ziel von erfahrenen Wanderern. Inzwischen gilt das Bergmassiv als Touristen-Hotspot. © picture alliance / Photoshot | picture alliance / Photoshot

Ich versuche, derartige Hotspots in Urlaubsregionen zu meiden, indem ich einfach draufloslaufe, zurzeit in die venezianischen Weinberge. Es kann passieren, dass plötzlich der Weg vor einem Gehöft endet und ich wieder umdrehen muss. Oder dass der Wanderweg sich als Straße entpuppt und ich immer wieder in Gräben springe, um Autos, Lkw und schweren Motorrädern das Bremsen zu ersparen.

Doch dann finde ich den Panoramaweg, links der Olivenhain, rechts die Reben, am Horizont das voralpine Gebirge der Monti Lessini – und plötzlich stehe ich auf einer natürlichen Aussichtsplattform, die den Blick freimacht über den Gardasee bis nach Sirmione, genau dort, wo sie jetzt die Monsterwelse einfangen.

Wäre ich Influencerin, wäre es schnell vorbei mit dieser Schönheit, die übrigens gar nicht still ist, weil die Grillen im alten Olivenbaum neben mir richtig krassen Lärm machen. Aber lieber zirpende Grillen als fotoverrückte Urlauber.  

Birgitta Stauber

Birgitta Stauber, Textchefin© FUNKE Foto Services | Reto Klar

Die Frau in der Glocke: So war es auf der Biennale in Venedig

Ich hätte mich auch bei meinem Besuch der Biennale in Venedig unvoreingenommen von Pavillon zu Pavillon treiben lassen sollen, um meinen persönlichen Höhepunkt zu finden. Doch ich laufe, gebrieft von den Feuilletons und auch den sozialen Medien, der Masse hinterher, die sich vor dem österreichischen Haus zu einer langen Schlange formiert. Ich stelle mich hinten an. Nach einer halben Stunde bin ich zum Schild vorgerückt, auf dem es heißt, die Wartezeit betrage noch etwa eine Stunde. Zwischendurch bietet sich ein besonderes Schauspiel, für das Menschen aus der Schlange ausbrechen, um sich für ein Foto in Stellung zu bringen: Eine nackte Frau klettert am Seil hoch zur großen Glocke vor dem Pavillon, hängt sich kopfüber hinein und pendelt zur vollen Stunde hin und her, bis die Glocke zu schlagen beginnt. Nach einer Weile seilt sie sich wieder ab und verlässt die Szene.

Ich habe widerstanden und kein Foto gemacht. Sondern mich gefragt, was das Ganze soll. Die Erklärung: Die Performance ist ein Signal. Der menschliche Klöppel warnt vor gesellschaftlichen Krisen, den Folgen der Erderhitzung und Kriegen. Tatsächlich ging es mir durch Mark und Bein, als der Frauenkörper an die Glockenwände schlug, so unerbittlich und gleichzeitig willenlos.

Im Pavillon setzt sich die Performance „Seaworld Venice“ der Künstlerin Florentina Holzinger fort: Urin der Besucher wird gereinigt und gefiltert. Das so entstandene Wasser füllt ein Aquarium, in dem über Stunden eine Performerin mit Atemmaske lebt. Das soll unsere Abhängigkeit von der Umwelt zeigen – aber auch die Möglichkeiten des Recyclings. Pflichtbewusst gehe ich danach die anderen Pavillons ab, suche das russische Haus, das für heftigen politischen Streit sorgt und die künftige Finanzierung der Biennale in Venedig infrage stellt. Es ist geschlossen. Ohnehin bleibe ich innerlich gefangen von dem Frauenkörper in der Glocke.

Jens Spahn ist Vater. Ich habe da ein paar Fragen

Zurück im kleinen Hotel auf dem Lido di Venezia: ein Blick aufs Smartphone, eine Eilmeldung. Diesmal ist es nicht irgendein Trump-Irrsinn, keine weitere Eskalation rund um den Iran-Krieg. Es ist auf den ersten Blick eine gute Nachricht: Jens Spahn, Fraktionschef der CDU, Hoffnungsträger seiner Partei, dem Ambitionen auf das Kanzleramt nachgesagt werden, ist Vater geworden. Zusammen mit seinem Ehemann Daniel Funke. Ausgetragen hat den kleinen Georg eine Leihmutter aus den USA.

Wie bitte, ausgerechnet Jens Spahn erfüllt seinen Kinderwunsch über eine Leihmutter? Obwohl seine Partei mit den Reproduktionsrechten aus der Sicht vieler Frauen und auch Männer unerbittlich umgeht? Ja, das war zu viel, von links, von rechts und vor allem aus den eigenen Reihen hagelte es angesichts der offensichtlichen Doppelmoral schnell Rücktrittsforderungen.

Im Ronzheimer-Podcast versuchte er dann noch, seine Zerrissenheit zu erklären, sprach von seiner Verbundenheit mit der katholischen Kirche, die nicht immer in Einklang sei mit seiner Lebenswirklichkeit. Er widersprach nicht, als Paul Ronzheimer Kosten von 150.000 Euro in den Raum warf, und gab auch zu, dass eine Eizellspende zu Genese gehörte. Damit das auch mal gesagt ist: Damit hat der kleine Georg nicht nur eine Leihmutter, sondern auch eine biologische Mutter.

Selfie Jens Spahn und Ehemann Daniel Funke

Selfie Jens Spahn und Ehemann Daniel Funke mit Kinderwagen.© Instagram | @daniel_f_punkt

Wenn Sie am Thema interessiert sind, werden Sie das alles gelesen haben: Leihmutterschaft ist in Deutschland nicht mit dem Embryonenschutzgesetz vereinbar. Ärzten, die eine Leihmutterschaft vermitteln, drohen Geld- und Freiheitstrafen. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Leihmutter bezahlt wird oder eine nahe Verwandte oder Freundin der Familie ist. Auch die Eizellspende ist verboten – übrigens im Gegensatz zur Samenspende.

Paare mit unerfülltem Kinderwunsch lassen sich aber davon nicht abbringen, solange es Möglichkeiten im Ausland gibt und dafür auch die finanziellen Mittel reichen. Meine Kollegin Alina Juravel und ich haben vor einiger Zeit mit Paaren gesprochen, die mit Eizellspende und Leihmutterschaft Eltern geworden sind bzw. gerade dabei waren, es zu werden. Ihre Geschichten zeigen: Nichts ist leichtfertig an diesem Weg, und das will ich auch Jens Spahn und seinem Mann zugute halten.

Früher sprach Spahn von einem „gemieteten Mutterbauch“

Es gibt sicher kein Recht auf ein Kind. Aber der Kinderwunsch ist bei diesen Paaren so stark, dass er alles andere überlagert. Wird es da nicht Zeit, das Embryonenschutzgesetz zu reformieren? Seit Jahren debattieren Ethiker, Medizinerinnen und die Politik. Ist es Bevormundung? Müssen Frauen vor Ausbeutung geschützt werden? Warum darf es ein Arzt in Deutschland noch nicht einmal einer Frau ermöglichen, ihrer Schwester eine Eizelle zu spenden? Das sind berechtigte Fragen, auf die Spahns Partei CDU nur eine Antwort hat: Es bleibt, wie es ist.

2015 noch sagte Spahn, er könne sich „als schwuler Mann und Christ“ schwer mit der Idee eines gemieteten Mutterbauchs anfreunden. Offenbar hat der frühere Gesundheitsminister seine Haltung geändert. Doch bevor er sich über deutsches Recht hinwegsetzt und dann, wenn alles über ihn hereinbricht, er hinschmeißt (bevor ihn die Fraktion rausschmeißt), wäre ein anderer Weg sauberer gewesen: Spätestens mit dem Entschluss, den kommerziellen Weg der Leihmutterschaft in den USA zu wählen, hätte er sich vehement dafür einsetzen können und müssen, deutsches Recht zu ändern.

Newsletter Illustration

Dass Leihmutterschaft überhaupt möglich ist, hat auch mit dem medizinischen Fortschritt zu tun. Und es ist dieser Fortschritt, der auch neue Regeln, neue Gesetze nach sich zieht. Ein „es bleibt wie es ist“ reicht da als politische Antwort nicht aus.

ChatGPT – der zuverlässige Partner junger und gefährlicher Islamisten

Auch die künstliche Intelligenz ist ein massiver Fortschritt mit erheblichen Gefahren. Eine davon ist die Radikalisierung: Mithilfe von ChatGPT oder Claude geraten unsichere Jugendliche zum Beispiel schneller in die Welt der Extremisten als über Hassprediger oder radikale Influencer. Mein Kollege Thomas Mader hat sich den Einfluss von Künstlicher Intelligenz auf islamistische Radikalisierung genauer angeschaut. Und herausgefunden: Die Extremisten werden nicht nur mehr, sie werden auch immer jünger. Und sie nutzen für die Planung ihrer Anschläge die KI.

Grafik eines Avatars

Auch islamistische Portale setzen längst KI-generierte Avatare ein.© KI generiert / Adobe Stock | Optik: Lisa-Marie Pütter

Lesen Sie hier, welche Fragen ein 17-jähriger Schüler aus dem französischen Loiretal stellte, bevor Ermittler auf ihn aufmerksam wurden. Und wie ein Minderjähriger aus Bingen eine Rohrbombe mithilfe von ChatGPT baute. Und dann gibt es auch noch die digitale Manipulation: Eine 15-Jährige leistete einen Treueschwur auf einen Software-Agenten.

Sommerzeit ist Lesezeit: Die besten Bücher

Zum Schluss widme ich mich wieder der Kultur, und dafür müssen Sie weder Venedig noch andere Hotspots bereisen. Es reichen ein paar Bücher für den heimischen Balkon oder den Badetag am See. Janika Gelinek, Sonja Longolius und Felix Müller, die Hosts des FUNKE-Literaturpodcasts „Berlins schönste Seiten“, geben ihre Tipps diesmal schriftlich. Hier finden Sie ihre Zusammenstellung. Ich habe mich vor meinem Urlaub in der Buchhandlung treiben lassen und zu „Botanik des Wahnsinns“ von Leon Engler gegriffen. Die Hauptfigur, ein junger Mann, fürchtet, verrückt zu werden. Viel zu schnell hatte ich es durch.

Wie auch immer Sie Ihren Sonntag verbringen – ich wünsche Ihnen gute Erholung. Es grüßt Sie herzlich

Ihre Birgitta Stauber