"Kabul - Flucht aus der Hölle" im ZDF: Lohnt sich die Thriller-Serie?
Foto: ZDF/ Domniki Mitropoulou „Kabul“ rekonstruiert den Machtwechsel in Afghanistan im Jahr 2021. Das ZDF sendet die Serie derzeit am späten Abend und auf Abruf in der Mediathek. Lohnt sich das Einschalten? I...
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„Kabul“ rekonstruiert den Machtwechsel in Afghanistan im Jahr 2021. Das ZDF sendet die Serie derzeit am späten Abend und auf Abruf in der Mediathek. Lohnt sich das Einschalten?
Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen setzt sich auch in dieser Woche eine Tradition fort. Spannende, auch experimentelle Inhalte und Formate von internationaler Strahlkraft versendet man allzu oft im Spätprogramm. Dann also, wenn Menschen, die früh morgens aufstehen müssen, in der Regel abschalten. Zur besten Sendezeit um 20.15 Uhr wählt man lieber die seichte Berieselung und etwas Infotainment. Montagabend (27. Juli): Krimi. Dienstagabend: Ernährungsratgeber. Mittwochabend: „Aktenzeichen XY…ungelöst“, also wieder Krimi.
Warum so spät?
Dabei hat das ZDF in diesem Fall interessante Filme und Serien in petto! Nur scheut man das Risiko, damit vielleicht nur eine kleinere Zielgruppe anzusprechen. Man füttert dem Publikum lieber das Gewohnte und das Mittelmaß. „Kabul – Flucht aus der Hölle“, eine herausragende sechsteilige Serie, muss indes auf die späte Schiene wechseln. Am Montag hat das ZDF die ersten zwei Folgen ausgestrahlt. Am Dienstag und Mittwoch laufen um 23 Uhr und 22.45 Uhr weitere Doppelfolgen. Die Katastrophe, von der die Serie erzählt, wird so in kleinen Häppchen serviert und eher als Nachklapp zum routinierten Tagesprogramm versendet.
Wen interessiert noch die lineare Ausstrahlung, wenn es die Mediathek gibt? Das kann man natürlich ebenso fragen. Und insofern sei entwarnt: Im Netz kann man jederzeit auf die einzelnen Episoden zugreifen. Schade bleibt dennoch, dass solche brisanten und sehenswerten Geheimtipps im Sendeplan weiterhin untergehen.

Darum geht es in „Kabul“
„Kabul“ erzählt Zeitgeschichte als fiktionales Thriller-Fernsehen. Das ist eine atmosphärisch sehr vereinnahmende, eine spannungsgeladene Serie und zwar über die gesamte Laufzeit hinweg. Ja, sie verlässt sich dabei vor allem auf die bedrohlich rumorende Musik auf der Tonspur. Ihr gelingt aber auch durch die Montage der Szenen eine erstaunliche Verdichtung dessen, was sich im August 2021 in Kabul zugetragen hat.
Diese europäische Koproduktion zeigt die unübersichtlichen Ereignisse im Zuge der Rückführung der westlichen Truppen aus Afghanistan und der Eroberung Kabuls. Die sechsteilige Serie bereitet diesen geopolitischen Wendepunkt am Ende des verheerenden, jahrelangen Afghanistankrieges als erzählerisches Panorama auf. Auch jenseits der ohnehin weit verbreiteten, erschütternden Bilder von Menschen, die damals noch verzweifelt versucht haben, das Land zu verlassen, um den Taliban zu entkommen.

Mehrere Blickwinkel
Neben einigen zeitlichen Sprüngen wechselt man hier andauernd die Perspektiven. „Kabul“ ist eine kleinteilig verschachtelte Serie, die von den Menschen erzählt, die unter dem Machtvakuum und nahenden Machtwechsel leiden, die fliehen wollen, die kämpfen, die vermitteln, die Tatsachen inszenieren. Das Personal erstreckt sich unter anderem über Diplomaten und Soldaten bis zu den Zivilisten, die am Tor der Botschaft, diesem zentralen Grenzschauplatz, auf eine Evakuierung warten.
Es sind bisweilen endzeitlich anmutende Szenen, die sich dabei abspielen. „Kabul“ übersetzt die chaotischen Umstürze in der gleichnamigen Stadt in eine eindringliche und herausfordernde Momentaufnahme. Da wird viel mit erzählerischen Stellvertreterschaften gearbeitet, die einzelne Charakter hier und da etwas zu sehr an ihre reine Funktion im Drehbuch binden. Viele Zusammenhänge und Konflikte müssen auf wenige Zeilen verknappt werden, weshalb einige Plotpunkte etwas hölzern dargestellt anmuten.

„Kabul“ zeigt die reinste Überforderung
Nichtsdestotrotz erweist sich gerade die Vielstimmigkeit der Serie als angemessen komplexe Herangehensweise, um diese historische Zäsur anhand eng abgesteckter Figuren-Perspektiven spürbar werden zu lassen. Insofern sind die Ambitionen dieser Produktion durchaus lobenswert, um gegen eine internationale und zuvorderst eine westliche Verdrängung zu arbeiten!
Die fehlende und scheiternde Koordination, politische Kurzsichtigkeit und Ignoranz, bürokratische Hürden, die Überforderung der Akteure vor Ort, die Verzweiflung und Angst der Menschen, eskalierende Gewalt: Alles geschieht hier zugleich und formt eine mehrstündige filmische Klage, die keinen echten Abschluss finden kann und sollte.
„Kabul“ zeigt überwältigte und überforderte Menschen beim Verwalten einer schier aussichtslos anmutenden Situation und einer humanitären Krise, die längst vom Wissen der darauffolgenden Gegenwart überschattet wird. Das betrifft vor allem auch das Wissen um die Entrechtung von Frauen unter der Taliban-Herrschaft heute. Insofern ist der Ausgang klar. Den Unterdrückten ist diese packende Serie gewidmet.
Alle Folgen von „Kabul – Flucht aus der Hölle“ sind in der ZDF Mediathek verfügbar.