Kampf um den pragmatischen Kurs der Berliner SPD: „Wir müssen in der Mitte bleiben. Die grasen uns sonst ab“
Als Franziska Giffey (SPD) an diesem Montagnachmittag auf Bundesverteidigungsminister und Parteikollegen Boris Pistorius zugeht und ihn umarmt, schauen ihr rund 100 Menschen dabei zu. Sie sitzen an reich gedeck...
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Als Franziska Giffey (SPD) an diesem Montagnachmittag auf Bundesverteidigungsminister und Parteikollegen Boris Pistorius zugeht und ihn umarmt, schauen ihr rund 100 Menschen dabei zu. Sie sitzen an reich gedeckten Kaffeetischen im Hinterhof eines italienischen Restaurants im Südosten Neuköllns. Die SPD-Rudow hat zum Kaffeekränzchen eingeladen. Giffey begrüßt fast jeden Gast persönlich.
Nach der Umarmung erhebt die Wirtschaftssenatorin das Wort: „Ich habe Boris damals beim Wahlkampf geholfen. Da hat er mir gesagt: ‚Falls du mal Hilfe brauchst, sag Bescheid.‘ Heute ist der Tag.“
Boris Pistorius ist seit Jahren der beliebteste Politiker in Deutschland. Viele Besucher in Rudow sagen, sie seien hauptsächlich zu dem Kaffeekränzchen gekommen, um ihn zu sehen. Wenn er eine Politikerin im Wahlkampf unterstützt, zählt seine Stimme. Und Unterstützung hat Franziska Giffey dringend nötig.
In den vergangenen Jahren wurde sie von ihrer Partei immer wieder enttäuscht. Nach einem rasanten Aufstieg von der Kommunalpolitikerin bis zur Ministerin und Berlins Regierender Bürgermeisterin, hat sie heute nicht einmal einen Listenplatz bekommen. Wenn sie am Sonntag, bei der Wahl in Berlin, nicht das Direktmandat in Rudow gewinnt, könnte es für sie das politische Aus bedeuten.

© dpa/Britta Pedersen
Giffey gehört, wie auch Pistorius, dem politisch pragmatischen Flügel in der SPD an. Ihm gegenüber steht der politisch linke Flügel. Der linke Flügel hat in den vergangenen Jahren immer weiter an Macht gewonnen. Und immer wieder die führenden Persönlichkeiten des pragmatischen Flügels abgewählt.
Abgewählte Pragmatiker
Das erste große Ereignis in diesem Trend war die Abwahl von Michael Müller. Der ehemalige regierende Bürgermeister von Berlin und Bundestagsabgeordnete verlor 2024 die Abstimmung um Listenplatz 4 für die Bundestagswahl. 2025 wählte sein Wahlkreis Lukas Krieger (CDU) und besiegelte sein politisches Aus.
Er sagte selbst, er sei der parteiinternen Linken „zu alt, zu weiß und zu rechts“ gewesen. Ein weiterer Pragmatiker, der abdankt, ist Neuköllns Bürgermeister Martin Hikel. Er tritt bei der Berlin-Wahl am Sonntag nicht erneut als Bürgermeisterkandidat an.
Steffen Krach, die neue Hoffnung?
Mit Steffen Krach hat der pragmatische Flügel dennoch einen Spitzenkandidaten für die Berlin-Wahl durchgesetzt. Zudem wählte ihn die Berliner SPD mit 95 Prozent zum Co‑Landesvorsitzenden. Krach sagt: „Wir können in Berlin nur pragmatisch sein. Etwas anderes gibt es für die Menschen nicht, wenn sie auf der Straße danach fragen.“ Nun steht er wegen Korruptionsvorwürfen der Staatsanwaltschaft unter Druck. In der späten Wahlkampfphase steht die SPD geschlossen hinter ihm, auch der pragmatische Flügel.
Darunter ist auch die Wirtschaftssenatorin Giffey: „Das Ermittlungsverfahren ist bisher offen, die Partei steht voll hinter ihrem Kandidaten“, sagte sie. Zu Spekulationen, ob sie den Posten als Spitzenkandidatin im Notfall von Krach übernehmen würde, will sie sich nicht äußern: „Darüber denken wir dann nach, wenn es passiert.“
Auch Pistorius, der an diesem Montag als wichtiger Vertreter der Pragmatiker gilt, steht hinter Krach: „Ich vertraue ihm. Alles Weitere zeigt sich“, sagt der Verteidigungsminister auf einer Pressekonferenz, drei Stunden nach dem Termin mit Giffey. Der Ort passt zum pragmatischen Flügel: der Eventraum eines Drohnenherstellers im Marienpark, einem Innovationscampus zu Krisenresilienz.
Die pragmatische SPD: Wirtschaft und Zukunft
Die Bedeutung der Wirtschaft betonen die drei Pragmatiker bei beiden Terminen immer wieder. „Von Luft und Liebe können wir allein nicht leben, wir brauchen die Wirtschaft“, sagt Krach. Sollte er gewählt werden, wolle er die Drohnenbranche weiter unterstützen.
Insgesamt gibt sich der pragmatische Flügel kämpferisch. Das gilt auch für Franziska Giffey. „Als wir in der Mehrheit waren, da hatte die SPD 40 Prozent bei den Wahlen“, sagt sie. Nach der Wahl, so die Wirtschaftssenatorin, würden innerhalb der Partei wieder Forderungen laut, die SPD müsse nach links rücken. Ihre Antwort darauf: „Klares Nein! Die Grünen und die Linken gibt es schon. Wir müssen in der Mitte bleiben. Die grasen uns sonst ab!“
Giffey hat konkrete Vorstellungen für die Zukunft des pragmatischen Flügels: „Ich will unbedingt, dass wir eine Volkspartei bleiben“, sagt sie. Auch Pistorius unterstreicht diese Richtung: „Wenn die SPD nicht pragmatisch wäre, hätte es sie bis heute nicht 170 Jahre gegeben.“ Die aktuellen Entwicklungen ließen sich heute nicht aufhalten, sagt der Minister. Umso wichtiger sei deshalb eine pragmatische Politik. „Deshalb ein klares Ja: Die Zukunft der SPD ist pragmatisch.“