„Keine Erklärung“: Millennial-Mutter schwört auf unbeliebte Erziehungsmethode
StartseiteWeltStand: 05.08.2026, 18:20 UhrKommentareUns auf Google folgenKinder zu Menschen erziehen, die man wirklich mag? Eine Mutter irritiert mit der Erziehung ihres Sohnes: „Ich erkläre es ihm nicht mehr a...
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Stand: 05.08.2026, 18:20 Uhr
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Kinder zu Menschen erziehen, die man wirklich mag? Eine Mutter irritiert mit der Erziehung ihres Sohnes: „Ich erkläre es ihm nicht mehr als einmal.“
Frankfurt – Sie befinde sich heute an Tag 3470 ihrer Mission namens „Ein Kind großzuziehen, das ich auch tatsächlich mag“, schreibt eine Millennial-Mutter namens Katy (@katy_g_blog) auf Instagram. „Ich mag den Jungen, der er gerade wird. Ich bin gerne in seiner Nähe. Das ist nicht passiert, weil ich Glück hatte. Es ist passiert, weil ich sieben unbeliebte Erziehungsentscheidungen getroffen habe.“ Zum Beispiel, ihren neunjährigen Sohn nicht zu fragen, was er zu Abend essen möchte. „Ich entscheide. Er isst es oder er lässt es.“
Sie lasse ihn sich langweilen. „Er beschwert sich zwölf Minuten lang. Dann findet er etwas zu tun“, schreibt sie. „Im ersten Lebensjahr gilt: Man kann einem Kind nicht zu viel Zuwendung geben“, sagt der Diplom-Psychologe und Psychotherapeut Michael Borg-Laufs der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. „Später müssen auch Eltern natürlich auf ihre eigenen Bedürfnisse achten.“ Manchmal hätten Eltern keine Lust, mit ihren Kindern zu spielen. „Auch das muss ein Kind lernen: dass andere gerade nicht wollen, und dass man dann mit Langeweile allein zurechtkommen muss.“

Katy erzählt auf Instagram, sie lobe ihren Sohn nicht dafür, dass er existiere. Außerdem „erkläre ich Dinge nicht öfter als einmal“, schreibt sie. Sie entschuldige sich nicht für Grenzen wie eine feste Bildschirmzeit – „keine Erklärung, nur der Satz: ‚Bildschirmzeit ist vorbei‘“. Sie bleibe bei seinen Wutanfällen ruhig und lasse ihren Sohn absichtlich scheitern. „Kleine Fehlschläge mit neun Jahren sind das Training, das er mit 29 benötigt“, schreibt sie. „Nichts davon macht mich zu einer kalten Mutter. Ich umarme ihn ständig. Ich spiele mit ihm. Die Wärme ist immer da.“
Kritik an unbeliebter Erziehungsentscheidung: „Dein Kind kriegt Komplexe“
In den Kommentaren unter Katys Instagram-Beitrag hagelt es Kritik an ihrem Ansatz: „Deinem Kind keine netten Dinge zu sagen, ist kein geheimer Erziehungstrick“, schreibt eine Nutzerin. „Das arme Kind!“, schreibt eine andere. „Dadurch verpasst du deinem Kind nur einen Komplex und gibst ihm das Gefühl, dass es sich deine Liebe und Anerkennung erst verdienen muss.“ Eine weitere ergänzt: „Ich sorge verdammt noch mal dafür, dass mein Kind glaubt, dass es schlau, liebenswürdig und fürsorglich ist. Positive Bestärkung funktioniert!“
Doch sie kann auch schädlich sein. Zum Beispiel, wenn Eltern ihr Kind auf eine gewisse Art loben. Sätze wie „Das hast du aber toll gemalt. Das ist ein schönes Bild“ könnten „ungute Folgen für Kinder haben“, sagt Psychologin Jette Blaschke der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. „Wenn Eltern sagen, dass das Bild schön ist, dann wird ein Produkt bewertet, um das es gar nicht geht.“ Für das Kind stehen das Malen, das Tun und das Sich-Mitteilen im Vordergrund – nie die Bewertung des Endergebnisses, weshalb Eltern lieber Dinge sagen sollten wie „Du hast gemalt? Das ist ein buntes Bild!“ oder „Das hast du für mich gemalt, das freut mich!“
Das Problematische liege in der Häufigkeit solcher Mikro-Bewertungen. Frühe, häufige Bewertungen könnten im „enorm formbaren Gehirn“ von Kindern „langfristige Spuren im Selbstgefühl“ hinterlassen. Erfahrungen mit Bewertung, Kritik oder auch Strafen würden bei Kindern „direkt im emotionalen Gedächtnis verankert“ und prägten das Bild, das sie von sich selbst entwickelten. Wenn die Reaktionen der Eltern hauptsächlich Bewertungen seien, vermittle das dem Kind: „Ich bin so viel wert, wie ich von anderen bewertet werde.“
Kinder richtig loben und ihre „eigenen Kämpfe kämpfen lassen“
Katy schreibt, sie lobe „Mühe, nicht Identität“. Beim Loben sei es wichtig, Kinder für den Prozess zu loben, nicht für das Ergebnis, sagt Christian Thiele von der Deutschen Gesellschaft für Positive Psychologie der FR. So entwickelten sie Ausdauer und Motivation, auch „Grit“ genannt. Einer der wichtigsten Faktoren für den späteren Erfolg von Kindern. Mit „Grit“ meint die Wissenschaft Ausdauer und Leidenschaft für langfristige Ziele – eine Eigenschaft, die Kinder laut der Psychologin und Pädagogin Jenny Grant Rankin nur entwickeln, wenn Eltern nicht bei jedem Problem sofort einspringen. So wie Katy, die ihrem Sohn mit Absicht nicht seine Wasserflasche hinterhergetragen hat, als er diese vergessen hatte. „Am nächsten Tag hat er selbst daran gedacht“, schreibt sie.
„Grit“ lernen Kinder bereits beim Spielen, wenn Eltern ihre Kinder nicht stets gewinnen lassen. „Grit ist für die Entwicklung der Kinder wertvoller als die finanzielle Situation ihrer Eltern, wertvoller als Intelligenz“, sagte Rankin der FR. „Und diesen Grit entwickeln sie nur, wenn wir sie eigene Kämpfe kämpfen lassen.“ Deswegen müssten sich Eltern auch jederzeit fragen: „Helfe ich meinem Kind sofort beim Puzzle oder schaffe ich es, den Lernprozess auszuhalten?“, sagt Thiele. Statt „Ich kann das nicht“ sollte es immer heißen: „Ich kann das noch nicht.“ Kinder müssten verstehen, dass „das Gehirn kein Betonziegel, sondern veränderlicher Knetgummi ist, den ich mit Mühe und Einsatz formen kann“.
„Ausführliche Erklärungen können gerade jüngere Kinder schnell überfordern“
Dass Katy ihrem Sohn Dinge nicht öfter als einmal erklärt, sorgt auf Instagram für Unverständnis. „Was ist, wenn dein Sohn es einfach nicht versteht? Läufst du dann glücklich davon, während er verwirrt ist?“, fragt eine Person. „Dein Kind sollte mit dir argumentieren“, schreibt eine andere. „Und deine Erklärung muss all seine Gegenargumente entkräften.“
Dorothea Jung, Diplom-Sozialpädagogin und systemische Familientherapeutin, sieht das ein wenig anders: „Wenn Eltern versuchen, ihren Kindern Risiken konkret zu erklären, sollten sie darauf achten, sich kurzzuhalten. Ausführliche Erklärungen können gerade jüngere Kinder schnell überfordern“, sagt sie der FR. Dasselbe gelte auch für Regeln, etwa was die Bildschirmzeit anbelange.
Kinder bräuchten altersgerechte, klare und konkrete Aufforderungen. Zum Beispiel „Leg die Legosteine in die blaue Kiste“ statt „Räum dein Zimmer auf!“ Zu viele Details führten ihrer Meinung nach eher dazu, dass ein Kind (vor allem ein sehr junges) abschalte und Warnungen einfach ignoriere, sagt die Expertin von der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung. (Quellen: eigene Recherche, Instagram)