Gedächtnishilfe oder Risiko? KI kann falsche Erinnerungen erzeugen – und selbst die Warnung hilft kaum

StartseiteWissenKI kann falsche Erinnerungen erzeugen – und Menschen von nie Geschehenem überzeugenStand: 16.10.2026, 14:07 UhrKommentareUns auf Google folgenKI kann falsche Erinnerungen erzeugen (Symbolbild). ...

  • 10 min read
Gedächtnishilfe oder Risiko? KI kann falsche Erinnerungen erzeugen – und selbst die Warnung hilft kaum

KI kann falsche Erinnerungen erzeugen – und Menschen von nie Geschehenem überzeugen

Stand: 16.10.2026, 14:07 Uhr

Kommentare

Uns auf Google folgen

Nachdenkliche Frau am Laptop.

KI kann falsche Erinnerungen erzeugen (Symbolbild). © Antonio Guillem/Imago

Experimente zeigen: KI-Bilder und Chatbots können falsche Erinnerungen wecken. Das birgt auch Risiken vor Gericht – und für die menschliche Kontrolle.

Washington, D.C. – Das Experiment begann mit 24 gewöhnlichen Fotografien: einer Hochzeit, einer Stadtstraße, einem Rennen. Pattie Maes, Professorin am MIT Media Lab, und ihre Kollegen zeigten sie 200 Menschen.

The Washington Post vier Wochen gratis lesen

Ihr Qualitäts-Ticket der washingtonpost.com: Holen Sie sich exklusive Recherchen und 200+ Geschichten vier Wochen gratis.

Nach einer Pause bekamen einige dieselben Fotos erneut zu sehen. Andere sahen von KI veränderte Versionen – mit veränderten Gesichtsausdrücken, hinzugefügtem Militärpersonal oder ergänzten Hinweisen auf den Klimawandel.

Dann folgte ein Gedächtnistest.

Maes verzog angesichts der Ergebnisse das Gesicht. Bei denjenigen, die die von der KI veränderten Bilder gesehen hatten, nahm die Zahl falscher Erinnerungen stark zu. Noch schlimmer sei, sagte sie, dass sie von diesen falschen Erinnerungen überzeugter waren.

„Ich halte das alles grundsätzlich für sehr gefährlich“, sagte Maes.

Bislang richtete sich ein großer Teil der öffentlichen Besorgnis auf das, was manche Forscher „kognitive Kapitulation“ nennen: die Möglichkeit, dass Menschen weniger geneigt oder weniger fähig sein werden, die Aussagen von Maschinen zu überprüfen, wenn diese ihnen immer mehr Denkarbeit abnehmen. Doch eine andere Möglichkeit hat viel weniger Aufmerksamkeit erhalten: KI könnte verändern, woran wir uns erinnern.

Neue Forschung zu Wahrnehmungen politischer Ereignisse, Verbrechen und sogar neuer Filme deutet darauf hin, dass KI-generierte Bilder und Gespräche falsche Details in unser Gedächtnis einpflanzen können. Sie können uns sogar davon überzeugen, dass etwas geschehen ist, obwohl es nie passiert ist.

Das Gedächtnis bewahrt nicht nur die Vergangenheit. Es liefert das Wissen und die Erfahrungen, mit deren Hilfe wir die Gegenwart verstehen und die Zukunft erwarten. Es trägt dazu bei, unser Selbstverständnis zu formen, Beziehungen aufrechtzuerhalten und individuelle wie kollektive Entscheidungen zu lenken.

Doch das Gedächtnis gehört auch zu den großen Schwächen des menschlichen Geistes. Wir behalten nur einen Bruchteil dessen, was uns begegnet. Details verschwinden. Erinnerungen verschwimmen. Wenn wir sie erneut aufrufen, können sie sich verändern.

KI scheint nahezu perfekt geeignet, diese Schwächen auszugleichen. Sie kann riesige Informationsmengen speichern, sie in Sekundenschnelle durchsuchen und Einzelheiten abrufen, die ein Mensch vielleicht für immer vergessen hätte. Doch gerade diese Eigenschaften machen sie potenziell riskant. Diese Systeme speichern die Vergangenheit nicht nur. Sie deuten sie, fassen sie zusammen und rekonstruieren sie. Und manchmal machen sie dabei Fehler.

Die Folgen reichen weit über die Frage hinaus, ob sich jemand falsch an ein Foto oder ein Gespräch erinnert. Gerichte sind in Verfahren von Autounfällen bis hin zu sexuellen Übergriffen regelmäßig auf Erinnerungen angewiesen – obwohl jahrzehntelange Forschung gezeigt hat, wie leicht Zeugenerinnerungen verzerrt werden können. Auch die Geschichte hängt davon ab, was Einzelne und Gesellschaften bewahren, vergessen und schließlich über die Vergangenheit glauben.

Das menschliche Gedächtnis ist unvollkommen

Maes gehört zu den Pionierinnen der künstlichen Intelligenz. Zu Beginn einer inzwischen mehr als 35 Jahre währenden Karriere half sie bei der Entwicklung einiger Algorithmen, die das frühe Internet prägten. Doch schon lange interessiert sie sich für eine andere Möglichkeit der KI: nicht für Maschinen, die menschliche Intelligenz ersetzen, sondern für solche, die sie erweitern.

Für Maes war die Frage persönlich. Als ihre Mutter älter wurde, begann sie, Teile des Alltags zu vergessen.

„Meine Mutter vergaß, wer sie am Vortag besucht hatte oder was ihr jemand erzählt hatte“, sagte Maes. Sie machte sich Notizen: „‚Oh, meine Tochter hat mir gesagt, dass sie zwei Wochen nach diesem Tag vorbeikommt.‘“

Maes begann, sich etwas weitaus Leistungsfähigeres als ein Notizbuch vorzustellen: eine Gedächtnisassistenz, die unauffällig das Leben eines Menschen festhalten könnte.

Besonders dringend wird diese Frage für Menschen mit Alzheimer und anderen Formen von Demenz. Diese Erkrankungen sind durch Gedächtnisverlust gekennzeichnet, der Menschen die Fähigkeit nehmen kann, ihren Alltag selbstständig zu bewältigen.

Maes’ Forschungsgruppe hat inzwischen mehrere Varianten einer Art externen Gedächtnissystems entwickelt. Memoro und MemPal nutzen KI mit tragbaren oder mitführbaren Geräten, um Momente des Alltags festzuhalten und später abrufbar zu machen. Haben Sie vergessen, was Ihnen jemand in einem Gespräch erzählt hat? Fragen Sie nach. Können Sie sich nicht erinnern, wo Sie Ihre Schlüssel abgelegt haben? Das System kann es möglicherweise herausfinden.

Statt von einem alternden Gehirn zu verlangen, sich besser zu erinnern, könnte man ihm Zugang zu einem ganz anderen Gedächtnisspeicher geben.

Erste Tests mit älteren Menschen waren vielversprechend. Maes’ Mutter, inzwischen 96, habe einen zu starken kognitiven Abbau erlebt, um selbst von der Technologie profitieren zu können, sagte Maes. Die Wissenschaftlerin ist jedoch sehr optimistisch, dass solche Systeme vielen anderen Menschen helfen könnten, ihre Selbstständigkeit zu bewahren, wenn ihr biologisches Gedächtnis unzuverlässiger wird. Kommerzielle Produkte bieten bereits erste ähnliche Dienste an, etwa interaktive Erinnerungshilfen, die mit der Lebensgeschichte ihrer Nutzer programmiert werden können, und personalisierte intelligente Brillen, die Menschen bei Tätigkeiten wie dem Zähneputzen anleiten.

Doch wenn Maschinen zu Erweiterungen unseres Gedächtnisses werden – was geschieht dann mit den Erinnerungen, die wir selbst bilden?

Zunehmende Abhängigkeit von KI

Einige der deutlichsten Hinweise darauf, was geschehen könnte, stammen aus einem anderen Bereich von Maes’ Forschung.

In einem Experiment, das im vergangenen Jahr veröffentlicht wurde und derzeit einem Peer-Review-Verfahren unterzogen wird, sollten 54 Personen Aufsätze im Stil von SAT-Prüfungen über Themen wie die Bedeutung von Glück für sie selbst schreiben. Eine Gruppe durfte keine Online-Hilfsmittel verwenden. Eine andere konnte die Google-Suche nutzen, allerdings ohne KI-generierte Antworten. Eine dritte durfte ChatGPT verwenden.

Während die Teilnehmer schrieben, zeichneten Elektroden auf ihrer Kopfhaut die elektrische Aktivität in ihrem Gehirn auf. Die Unterschiede waren auffällig. Bei denjenigen, die ohne Hilfsmittel schrieben, zeigten sich die stärksten und am breitesten verteilten Verbindungsmuster zwischen verschiedenen Hirnarealen. Die Google-Nutzer lagen irgendwo dazwischen. Bei den ChatGPT-Nutzern war die Vernetzung am schwächsten.

Als die Teilnehmer später gebeten wurden, aus ihren gerade verfassten Aufsätzen zu zitieren, fiel es denjenigen, die sich auf ChatGPT verlassen hatten, deutlich schwerer, sich an ihre eigenen Worte zu erinnern.

Erinnern bedeutet nicht einfach, Informationen irgendwo im Gehirn abzulegen. Aufmerksamkeit, Anstrengung, der Abruf von Informationen und das Herstellen von Verknüpfungen tragen dazu bei, dass Erinnerungen haften bleiben. Generative KI kann uns einen Teil dieser Arbeit abnehmen.

Für Gideon Nave und Steven Shaw, Forscher an der University of Pennsylvania, die untersuchen, wie KI die menschliche Kognition beeinflusst, wirft das eine größere Frage auf. Nave, außerordentlicher Professor für Marketing an der Wharton School, sorgt sich weniger vor dem Hollywood-Szenario, in dem eine künstliche Superintelligenz die Kontrolle über die Menschheit übernimmt, als vor einer leiseren Möglichkeit: Menschen hören einfach auf, Fähigkeiten zu trainieren, die Maschinen für sie übernehmen können.

„Wahrscheinlicher ist, dass die Fähigkeiten der Menschen verkümmern, statt dass die KI die Kontrolle übernimmt“, sagte er. Er fürchte eine Welt, in der „Denken optional wird“.

Es gibt bereits Hinweise auf das, was Forscher mitunter „Kompetenzverlust“ nennen. Shaw, ein Postdoktorand, verweist auf Studien, denen zufolge Menschen, die sich daran gewöhnen, eine Aufgabe mithilfe von KI zu erledigen – etwa Ärzte, die mit KI-Unterstützung Krebspatienten diagnostizieren –, Schwierigkeiten haben können, wenn diese Unterstützung wegfällt.

Eine 2025 in The Lancet Gastroenterology & Hepatology veröffentlichte Studie beschreibt die möglichen Folgen. Die Forscher untersuchten 19 erfahrene Ärzte und ihre Befunde aus fast 1.500 Darmspiegelungen. Dabei stellten sie fest, dass die Fähigkeit der Ärzte, Krebsvorstufen selbstständig zu erkennen, um etwa 20 Prozent sank, nachdem sie routinemäßig KI eingesetzt hatten.

„Sie trainieren diesen geistigen Muskel nicht mehr auf dieselbe Weise“, sagte er. „Wenn man ihn nicht benutzt, verkümmert er.“

Bei Kindern befürchtet er ein noch grundlegenderes Problem: Sie könnten kognitive Arbeit auslagern, bevor sich manche dieser Fähigkeiten vollständig entwickelt haben. „Möglicherweise entwickeln sie diese wichtigen grundlegenden Fähigkeiten zum kritischen Denken gar nicht erst“, sagte Shaw.

Nichts davon bedeutet, dass die Nutzung von ChatGPT und anderen KI-Agenten Menschen zwangsläufig weniger leistungsfähig macht. Neuere Studien belegen nicht, dass die übliche Nutzung von KI unweigerlich zu einem kognitiven Abbau oder dauerhaftem Gedächtnisverlust führt. Die Forschung steht noch am Anfang, und Menschen lagern Denk- und Gedächtnisleistungen schon sehr lange an Hilfsmittel aus – an Abakusse, Uhren, Wörterbücher und Taschenrechner.

Generative KI bringt jedoch eine neue Komplikation mit sich. Wir verlassen uns immer häufiger darauf, dass sie die Informationen, die sie für uns abruft, interpretiert – und Menschen scheinen ihre Aussagen bemerkenswert bereitwillig zu akzeptieren. In Experimenten von Nave und Shaw folgten die Teilnehmer den Ratschlägen der KI sehr häufig, selbst wenn sie falsche Informationen erhielten.

Was geschieht, wenn die KI falschliegt?

Diese Woche kamen Forscher, die sich mit KI-Ethik und Gesellschaft befassen, zu einer jährlichen Konferenz im schwedischen Malmö zusammen. Viele von ihnen konzentrieren sich auf eine bestimmte Frage: Was passiert, wenn künstliche Intelligenz beginnt, sich in das menschliche Gedächtnis einzumischen?

Eine wachsende Zahl von Studien deutet darauf hin, dass generative KI das Gedächtnis auf erstaunlich dauerhafte Weise beeinträchtigen kann. Sie kann verzerren, woran wir uns erinnern, die Grenzen zwischen unseren eigenen Gedanken und denen von Maschinen verwischen und sogar Erinnerungen an Ereignisse einpflanzen, die nie stattgefunden haben.

In einer Studie baten Forscher die Teilnehmer, ein Video über ein Verbrechen anzusehen. Sie stellten fest, dass diejenigen, die anschließend von einem generativen KI-Chatbot befragt wurden, dreimal so viele falsche Erinnerungen hatten. In einer anderen Studie sollten Menschen mit und ohne KI-Unterstützung Ideen entwickeln. Eine Woche später konnten sie sich nur schwer daran erinnern, welche Ideen von der Maschine und welche von ihnen selbst stammten.

Andere Experimente legen nahe, dass durch KI erzeugte Falschinformationen dazu führen können, dass sich Menschen an Dinge erinnern, die überhaupt nicht passiert sind. In einem Experiment erinnerte sich fast die Hälfte der Teilnehmer fälschlich an Film-Remakes, die nie gedreht wurden – darunter eine Version von The Matrix mit Will Smith in der Hauptrolle. In einem anderen überzeugten KI-generierte Videos Menschen davon, sich an politische Skandale zu erinnern, die nie stattgefunden hatten. Die Forscher merkten allerdings an, dass Deepfakes bei der Erzeugung falscher Erinnerungen nicht durchgehend wirksamer waren als Texte.

Einige der neuesten Erkenntnisse deuten darauf hin, dass das Problem schwerer zu lösen sein könnte als von den Forschern erwartet.

Unternehmen und Behörden setzen mit Hochdruck auf KI. Die Polizei erprobt KI-generierte Zusammenfassungen von Bodycam-Aufnahmen. Krankenhäuser nutzen sie, um medizinische Informationen zusammenzufassen. Eine der häufigsten Schutzmaßnahmen bestehe darin, einen Menschen in die Kontrollschleife einzubinden, der Fehler der Maschine erkennt, sagte Mattea Sim, Assistenzprofessorin für Forschung am Massive Data Institute der Georgetown University.

Doch das setzt voraus, dass der Mensch die Maschine weiterhin unabhängig überprüft. Wenn der Einfluss in die andere Richtung wirkt, wie Sims Forschung nahelegt, könnte KI das Urteilsvermögen und die Erinnerungen verändern, auf die sich Menschen beim Aufspüren ihrer Fehler verlassen. Damit würde die gesamte Idee einer menschlichen Kontrollinstanz untergraben.

In einem kürzlich durchgeführten Experiment bat Sim 331 Personen, ein kurzes Animationsvideo anzusehen, in dem ein Auto einen Fußgänger anfährt. Einen oder zwei Tage später lasen die Teilnehmer eine von einer KI erstellte Zusammenfassung des Unfalls. In manchen Zusammenfassungen wurde ein Verkehrszeichen im Video korrekt beschrieben. In anderen identifizierte die KI selbstbewusst das falsche Schild.

Von den Personen, die die korrekte Zusammenfassung erhalten hatten, erinnerten sich fast 84 Prozent richtig an das Schild. Bei denen, die die irreführende Version erhalten hatten, waren es nur etwa 45 Prozent. Der Hinweis, dass die Zusammenfassung von einer KI erstellt worden war, schützte die Teilnehmer nicht davor, von ihr beeinflusst zu werden.

„Es ist allgemein bekannt, dass KI Fehler machen kann“, sagte Sim. Die Forschung zeige jedoch, „dass menschliche Aufsicht möglicherweise keine besonders gute Lösung für dieses Problem ist“.

Zur Autorin:

Ariana Eunjung Cha ist nationale Korrespondentin. Zuvor war sie Büroleiterin der The Post in Shanghai und San Francisco sowie Korrespondentin in Bagdad.

Dieser Artikel war zuerst am 15. Oktober 2026 in englischer Sprache bei der „Washingtonpost.com“ erschienen – im Zuge einer Kooperation steht er nun in Übersetzung auch den Lesern der IPPEN.MEDIA-Portale zur Verfügung.