Der Film „Gentle Monster“ ist ein wütendes Statement gegen toxische Männlichkeit
Marie Kreutzers neuer Film „Gentle Monster“ erzählt von einer Frau, deren Mann wegen Besitzes von Kinderpornografie angeklagt wird. Hätte sie etwas wissen können? Eine Frage, die sich Kreutzer selbst im Fall Teichtmeister stellen musste
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Auf einer Terrasse spielt eine junge Frau As Tears Go By von den Rolling Stones auf der Harfe. Ihr Publikum besteht aus Elisabeth von Österreich, Sisi genannt, und einigen Hofdamen. So nutzte Marie Kreutzers Film Corsage die Ballade zweier Rock-Musiker aus den 1960er-Jahren, um die Emotionen einer Frau aus dem 19. Jahrhundert zu kommentieren.
In Kreutzers neuem Film Gentle Monster setzt die österreichische Filmemacherin dieses Prinzip der Aneignung von Songs, die von Männern geschrieben wurden, fort. Die Pianistin Lucy (Léa Seydoux) füllt mit ihren Cover-Versionen von Hits wie Would I Lie To You von Charles & Eddie die Konzertsäle. Sie transferiert die vertrauten Popmelodien nicht nur in einen Rahmen der Hochkultur, sie dekonstruiert den Male Gaze, der aus den Songtexten spricht und spiegelt ihn aus weiblicher Perspektive zurück.
Auf Boys Don’t Cry von The Cure antwortet Lucy mit einem etwas plumpen In-die-Tasten-Dreschen. Ihr Einsatz der sich drehenden Glasharmonika könnte als Fragilität und hamsterradartige Ausweglosigkeit in heteronormativen Beziehungsmustern gelesen werden.
Dann steht die Polizei vor der Tür
Diese Auseinandersetzung findet unter den Augen von Lucys Ehemann, dem Filmemacher Philip (Laurence Rupp) statt. Sein Male Gaze aus Lust und Macht trifft allerdings nicht nur Lucy, sondern auch den gemeinsamen neunjährigen Sohn. Durch eine 8mm-Kamera schaut Philip auf seine Frau immer wieder herab, bei Johnny sucht er die Augenhöhe. Seine pädosexuelle Neigung tritt zutage, als die Polizei vor der Tür steht und belastendes Material auf Philips Computern sicherstellt.
In Corsage stand ein fest geschnürtes Kleidungsstück für die im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubenden Zwänge des Patriarchats. In Gentle Monster geht es auch um andere Zwänge. Während man den Film über weite Strecken als wütendes, feministisches Statement gegen toxische Männlichkeit verstehen kann, rücken auch die Themen Klassismus und Care-Arbeit immer wieder in den Fokus.
Dafür sorgt vor allem die Parallelgeschichte der Kriminalbeamtin Elsa Kühn (Jella Haase), die gegen Philip ermittelt. Im Privaten überlässt sie ihren bedürftigen Vater Hermann der Pflegerin Natalia aus Polen. Als die ihre Koffer packt, weil Hermann sie sexuell belästigt, stellt Elsa sich ihr in den Weg. Sie fleht Natalia an, zu bleiben, würde auch mehr Geld zahlen.
Wie in diesem Moment etwas zwischen den beiden Frauen zerbricht, wie Elsa sich schämt und gleichzeitig nicht aus ihrer Haut kann, gehört zu den stärksten Filmszenen des Jahres. Haase verleiht ihrer Polizistin mit großen Augen und fester Schale eine ganz eigene Stärke.
Dass Kreutzer sie zum rotzigen Rap von Kitty Kat durch die Straßen fahren lässt und sie auch sonst als latent proletarischen Kumpeltyp inszeniert, will zunächst nicht so recht zu Elsas bildungsbürgerlichem Hintergrund passen. Aber auch das fügt sich in die Widersprüche von Sein und Schein, die Gentle Monster auf mehreren Ebenen durchdekliniert. Hermann, der seine Tochter nach Fräulein Else von Arthur Schnitzler benannt hat, kann sich als Geistesmensch mit noch so vielen Büchern umgeben und eben doch ein Schwein sein. Seine Pflegekraft, die noch nie von Schnitzler gehört hat, behandelt er von oben herab und will ihr gleichzeitig an die Wäsche.
Die Mutter empfiehlt Selbstreinigung durch Auskotzen
Der Schwerpunkt des Films bleibt indes bei Lucy. Sie kämpft um die Sicherheit ihres Kindes – Philip beteuert, seinem Sohn nie etwas antun zu können. Die Bilder auf seinen Rechnern stammen aus dem anonymen weltweiten Netz. Lucy kämpft gegen die Liebe, die sie immer noch für Philip empfindet. Mutter Eloise (Catherine Deneuve) empfiehlt ihr die Selbstreinigung, das wortwörtliche Auskotzen aller schlechten Gefühle.
Das starke Band zwischen Lucy, Philip und Johnny wird derweil von Yellow symbolisiert, dem Song der Soft-Rocker Coldplay. Der Junge singt diese Zeilen immer wieder wie ein Mantra vor sich hin und springt dabei auf einem Trampolin, als könne er die Unerträglichkeit seiner Familiensituation irgendwann weghüpfen.
Der Fall Teichtmeister im Hintergrund
Küchenpsychologisch liegt nahe, das ganze Projekt Gentle Monster als so ein Trampolin zu verstehen, mit dem Marie Kreutzer sich an dem Schatten abarbeitete, der auf ihren Film Corsage fiel, nachdem bekannt geworden war, dass gegen Florian Teichtmeister, den Darsteller ihres Kaisers Franz Joseph, wegen Besitzes von Kinderpornografie ermittelt wurde. 2023 wurde er verurteilt. Im gleichen Jahr berichtete Kreutzer auf einer Filmpreisverleihung von drei Me-Too-Fällen aus der Branche, offenbar, ohne Rücksprache mit den Betroffenen, was ihr wiederum als Machtmissbrauch angekreidet wurde.
In Gentle Monster drängt sich die Frage auf: Warum blieb Philip, der auch ein sensibler Künstler ist, mit seiner pädosexuellen Neigung offenbar lieber allein, als sich selbstverantwortlich Hilfe zu holen? Das Verhältnis zu seinen Eltern ist belastet. Warum, bleibt im Dunkeln. Das Erschütternde an diesem Film ist wohl die Einsicht, dass alle moralischen Überzeugungen, alle zivilisatorischen Gegenmittel aus den Bereichen Psychologie, Kunst und Strafverfolgung nicht davor schützen, in der Konfrontation mit Taten von großer Hilflosigkeit heimgesucht zu werden.
Hoffnungsvoll wird Gentle Monster dort, wo der Film einen spüren lässt, dass Reflexion nie umsonst ist, dass wir nicht hilflos bleiben müssen, nur weil Widersprüche existieren und weil unsere Mittel nicht immer zuverlässig funktionieren.
Gentle Monster Marie Kreutzer Österreich, Deutschland, Frankreich 2026, 114 Min.