Die verstörende Geschichte der Amerikanerin Christa Pike: Es gibt keine humane Todesstrafe

KommentarDie verstörende Geschichte der Amerikanerin Christa Pike zeigt: Es gibt keine humane TodesstrafeDie «death penalty» erlebt in den USA ein politisches Revival. Doch die extremste Form der Bestrafung sch...

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Die verstörende Geschichte der Amerikanerin Christa Pike: Es gibt keine humane Todesstrafe

Kommentar

Die verstörende Geschichte der Amerikanerin Christa Pike zeigt: Es gibt keine humane Todesstrafe

Die «death penalty» erlebt in den USA ein politisches Revival. Doch die extremste Form der Bestrafung scheitert an ihren eigenen Widersprüchen. Zeit, dieses Relikt abzuschaffen.

03.10.2026, 05.30 Uhr

3 Leseminuten


Eine Frau betet in Tennessee während des Hinrichtungsversuchs für Christa Pike.

Eine Frau betet in Tennessee während des Hinrichtungsversuchs für Christa Pike.

George Walker IV / AP

Die Geschichte von Christa Pike ist verstörend. Am Mittwoch sollte die verurteilte Mörderin in Tennessee hingerichtet werden. Doch sie starb nicht, obwohl sie zwei Giftspritzen verabreicht bekam. Nun kämpft sie auf der Intensivstation um ihr Leben. Zeugen berichten von einem minutenlangen Todeskampf und von Konfusion unter den Scharfrichtern. Pike habe gefragt, weshalb ihr Arm von der Injektion so geschwollen sei, sie habe gestöhnt und geschnarcht. Die Mutter des Mordopfers, die stets Pikes Tod gefordert hatte, sprach von einem «totalen Chaos».

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Die Tat aus dem Jahr 1995 war dabei so brutal, dass der Wunsch der Angehörigen nach Rache emotional verständlich ist: Zusammen mit ihrem Freund ermordete die damals 18-jährige Christa Pike eine Schulkollegin, ritzte ihr ein Pentagramm in die Brust und zeigte ein Stück Schädel der Toten als Trophäe herum. Die Mischung aus Kaltblütigkeit, roher Gewalt und satanistischen Ritualen schuf im konservativen Tennessee einen erheblichen Druck, Pike hinzurichten. Auch das ist nachvollziehbar. Aber die «death penalty» ist kein Mittel der Politik, sondern eine völlig aus der Zeit gefallene Form der Bestrafung. Wie unter einem Brennglas zeigen sich am Fall Pike die Absurditäten und unüberwindbaren Widersprüche der amerikanischen Hinrichtungspraxis.

Die Todesstrafe polarisiert die USA

Politisch und moralisch aufgeheizt ist die Diskussion um die Todesstrafe ohnehin. Die Reaktionen auf das Hinrichtungsfiasko in Tennessee schwanken denn auch zwischen Empörung und Ratlosigkeit. Der Gouverneur, ein Unterstützer der Todesstrafe, legt alle Exekutionen auf Eis – zum zweiten Mal in zwei Jahren, weil Exekutionen regelmässig an der Inkompetenz der Behörden scheitern. Die Konkurrentinnen um seine Nachfolge nehmen den Fall im Wahlkampf auf: Während die Demokratin für die Abschaffung der Todesstrafe plädiert, fordert die Republikanerin die Wiedereinführung des elektrischen Stuhls.

Es ist kein Wunder, dass ein polarisiertes Land wie die USA auch über die Todesstrafe streitet. Die Gräben verlaufen zwischen konservativen und liberalen Christen, Süden und Norden, Demokraten und Republikanern. Die extremste Form der Bestrafung erlebt in den USA ein politisches Revival: Nach einem langen Rückgang nehmen die Hinrichtungen seit Donald Trumps erster Amtszeit vor allem in den Südstaaten stark zu. 2025 erreichten sie den höchsten Wert seit fast zwanzig Jahren. Die Republikaner sehen die Tötung von Schwerstkriminellen als Mittel zur Stärkung der allgemeinen Sicherheit. Präsident Trump will zukünftig auch Drogenbosse und Pädophile hinrichten lassen.

Trotzdem bleibt die Zahl der Exekutionen deutlich unter dem Stand der neunziger Jahre. Die Hindernisse sind dabei weniger politisch als strukturell: Ein Rechtsstaat wie die USA kann Menschen nicht einfach umbringen, wie dies etwa das iranische Terror-Regime tut. Verurteilte haben weitgehende Rekursmöglichkeiten, weil die Strafe so extrem ist. Getötet werden sie Jahrzehnte nach ihrer Tat, oft basierend auf Urteilen, die heute kaum mehr so gefällt würden. War Pike, die als Kind regelmässig vergewaltigt und schwer misshandelt worden war, zum Zeitpunkt des Mordes zurechnungsfähig? Eine moderne Justiz würde eine nachweislich psychisch schwer gestörte Täterin nicht töten, sondern verwahren. In vielen anderen Fällen kommen nach Jahren unhaltbare Ermittlungspannen und rassistische Vorverurteilungen ans Licht.

Vollends unüberbrückbar werden die Widersprüche der Todesstrafe allerdings bei der Hinrichtungsmethode. Die amerikanische Verfassung verbietet «grausame und ungewöhnliche Bestrafungen». Deshalb müssen Verurteilte auf «humane» Weise exekutiert werden. Der elektrische Stuhl, dieses Symbol der amerikanischen Todesstrafe, ist dermassen brutal für die Verurteilten, dass sich die Giftspritze als «menschliche» Alternative durchgesetzt hat. Das auch bei Pike eingesetzte Pentobarbital ist ein Schlafmittel, das in hoher Dosis gespritzt zum Tod führt.

Doch das Mittel ist fehleranfälliger als alle anderen. In fast jedem zehnten Fall klappt die Hinrichtung nicht. Weil keine geeignete Vene gefunden wird, weil die medizinische Kompetenz fehlt, weil der Wirkstoff abgelaufen ist. Die Gliedstaaten bekunden riesige Probleme bei der Beschaffung der Präparate. Kein bedeutendes Pharmaunternehmen will sich öffentlich mit der Todesstrafe in Verbindung bringen lassen.

Die Unterstützung sinkt

Eine humane Todesstrafe gibt es in der Realität nicht. Moralisch lässt sie sich ohnehin nicht verteidigen. Sie folgt der alttestamentarischen Logik «Auge um Auge, Zahn um Zahn». Der Staat nimmt sich das Recht heraus, über das Leben seiner Bürger zu richten. Das ist einer aufgeklärten und liberalen Gesellschaft unwürdig. Heute unterstützt noch eine knappe Mehrheit der Amerikaner die Todesstrafe. Vor drei Jahrzehnten waren es achtzig Prozent. Die Abschaffung dieses Relikts könnte eine Frage der Zeit sein. Ob die mehr als 2000 zum Tode Verurteilten das Ende der Todesstrafe noch erleben werden, steht aber auf einem anderen Stern.

7 Kommentare

Marc Anderson

vor 14 Minuten

Wie viele finde ich Mädchenmorde unangemessen interessant, so habe ich eines Sonntags mal den Ort gesucht und aufgesucht, an dem sich der Fall der zwölfjährigen Luise F. aus Freudenberg im März’23 zugetragen hatte, ein Stoff wie für Netflix ausgedacht aber eben real, ein bestialischer Mord in schlicht paradiesischer aber auch für Mädchen unfassbar langweiliger ländlicher Umgebung, zig Messerstiche, an der Böschung am Bahndamm steht heute ein kleiner Gedenkschrein mit dem Foto des Kindes. Dürfte man - in den USA - die beiden ebenfalls kindlich-frühpubertären Mörderinnen in 30 Jahren dafür vergiften, zur Abschreckung für Nachahmerinnen ? Vielleicht.

Patrick Peter Rusch

vor 15 Minuten

1 Empfehlung

Es wird dargelegt, eine lebenslange Verwahrung wäre auch für Frau Pike die viel humanere Strafe. Wäre es das wirklich?

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Christa Pike sollte am Mittwoch hingerichtet werden. Doch die Vollstreckung scheiterte, sie befindet sich in kritischen Zustand im Spital. Der Gliedstaat Tennessee steht nach dem zweiten gescheiterten Hinrichtungsversuch innerhalb weniger Monate in der Kritik.

Die Zahl der dokumentierten Hinrichtungen ist 2025 laut der Menschenrechtsorganisation Amnesty International um 78 Prozent gestiegen. Das tatsächliche Ausmass lässt sich kaum beziffern.

Die Unterstützung der Todesstrafe geht zwar langfristig gesehen zurück. Noch steht aber die Mehrheit der Amerikaner dahinter, auch wenn nur eine Minderheit an eine abschreckende Wirkung glaubt.