Kommunalwahlen auf dem Dorf: Das gute alte „Weiter so“

Dank AfD-Ständen und Gegendemo ist die Stimmung auch auf dem Land bei Bremen ein bisschen aufgekratzt. Danach ist aber alles wie immer. Das Auftreten der AfD und die Demos dagegen politisieren das D...

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Kommunalwahlen auf dem Dorf: Das gute alte „Weiter so“

Dank AfD-Ständen und Gegendemo ist die Stimmung auch auf dem Land bei Bremen ein bisschen aufgekratzt. Danach ist aber alles wie immer.

AfD-Wahlkampf mit Gegendemo auf dem Land
Das Auftreten der AfD und die Demos dagegen politisieren das Dorfgespräch

Foto: Julian Stratenschulte/dpa

D as alte Hotel ist längst geschlossen. Und auch im Gasthof die Straße runter, in dessen Saal meine halbe Nachbarschaft Taufe, Konfirmation, Hochzeit und diverse Beerdigungen gefeiert hat, wird schon lange nicht mehr getanzt. Auch der Einzelhandel hier draußen im Speckgürtel hat es schwer, und selbst gegenüber vom Bahnhof, wo vor ein paar Wochen noch ein gar nicht so alter Kung-Fu-Meister seine Lehren anbot – da kann man sich heute die Wimpern verlängern lassen. Bis auf Weiteres.

Die Geschichte geht hier genauso wie überall auf dem Planeten Speckgürtel: ob nun um Hamburg, Frankfurt oder München. Die Leute sind da, das Geld eigentlich auch. Doch konkurriert man als Un­ter­neh­me­r:in nicht nur mit dem Versandhandel aus dem Internet, sondern auch mit den Einkaufszentren der nahen Metropole, weshalb samstags der Stau sogar noch schlimmer ist als im Berufsverkehr unter der Woche.

Obwohl das Problem nicht neu ist, stand es trotzdem ziemlich weit oben bei den Kommunalwahlen vergangener Woche. Eigentlich gleich doppelt: Die einen wollen die Innenstadt aufwerten, die anderen den Verkehr geschmeidiger fließen lassen, damit man leichter hier wegkommt. Oder so ähnlich.

Der Rest ist Ideologie: Um Herkunft ging es natürlich auch im hiesigen Wahlkampf, noch mehr aber um die „Politik per Handschlag“ versus technokratische Gesellschaftsorganisation. Man muss den Unfug nicht allzu hoch hängen, aber es ist trotzdem mehr als nur eine Typenfrage zwischen dem einen Kandidaten und der anderen.

Im Sumpf der Listenstimmen

Und noch einen Schritt weiter, also gänzlich unterhalb der inhaltlichen und personellen Ebene, aalt sich auch hier die AfD im Sumpf der Listenstimmen. Insgesamt braucht es jedenfalls schon reichlich guten Willen, sich konstruktiv mit dem „notwendig falschen Bewusstsein“ herumzuschlagen, wie der Marxist sagt. Aber auch den hat man hier lange nicht mehr gesehen.

das Stadtgespräch der vergangenen Wochen wirkte sonderbar politisiert

Ich habe mir ehrlich gesagt nicht die Mühe gemacht, nach Analysen des Wahlausgangs zu suchen. Die Lokalzeitung war sehr rührig um die Wahl, vielleicht haben sie sogar wirklich eine versucht. Was in dieser Untersuchung vorkommen müsste, wenn es sie denn gäbe, wäre auf jeden Fall die Frage, was eigentlich aus der guten alten Politikverdrossenheit geworden ist.

Denn nicht nur die Wahlbeteiligung war hoch, sondern auch das Stadtgespräch der vergangenen Wochen wirkte sonderbar politisiert. Zwar – wie gesagt – über weite Strecken inhaltsbefreit, aber eben doch ungewöhnlich energisch. Manche orakelten gar von Zeitenwende und großen Entwicklungen, auch wenn niemand erklären mochte, was eigentlich gemeint sei.

Ein Teil der Aufgekratztheit liegt natürlich an der AfD. Die kam gelegentlich mit einem Stand vorbei, der Aufmerksamkeit generierte – hauptsächlich wohl wegen der Gegenkundgebungen auf der anderen Straßenseite. Im Ergebnis war’s dann halb so wild: Die AfD hat im Vergleich zum letzten Mal zwar massiv zugelegt, bleibt aber genauso deutlich unterhalb des Bundestrends. Es sind die kleinen Dinge …

Hass sticht Eigennutz

Was nicht nur bei dieser Wahl paradox scheint: Wenn einfach je­de:r kaltherzig nach materialistischen Eigeninteressen stimmte, dann gäbe es gar keine AfD, weil die schließlich weder zum Einzelhandel noch zum Verkehr irgendwas beizutragen hat. Abstrakter Hass sticht offenbar sogar den Eigennutz aus.

Ein schlichtes „Weiter so“, muss man heute sagen, ist vielleicht nicht unbedingt das schlechteste. Kommende Woche steht nun noch die Stichwahl zwischen Bürgermeisterkandidat und -kandidatin ins Haus. Die AfD spielt da keine Rolle mehr – und es würde mich nicht wundern, wenn die Beteiligung dann wieder im Keller ist.

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Jan-Paul Koopmann

Redakteur und CvD

Jahrgang 1982, schreibt aus dem Bremer Hinterland über Kultur und Gesellschaft mit Schwerpunkten auf Theater, Pop & schlechter Laune.

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