Krebserkrankung: Dieser Saarländer rührt mit einem Chemo-Tagebuch Tausende zu Tränen

David Saar aus Saarbrücken hat Hodenkrebs – und geht damit brutal offen um. Sein bewegendes „Chemo-Tagebuch“ hat bereits über eine Million Menschen erreicht. Der 55-Jährige will zeigen, was die Krankheit mit einem macht.

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Krebserkrankung: Dieser Saarländer rührt mit einem Chemo-Tagebuch Tausende zu Tränen

Krebserkrankung Dieser Saarländer rührt mit einem Chemo-Tagebuch Tausende zu Tränen

Saarbrücken · David Saar aus Saarbrücken hat Hodenkrebs – und geht damit brutal offen um. Sein bewegendes „Chemo-Tagebuch“ hat bereits über eine Million Menschen erreicht. Der 55-Jährige will zeigen, was die Krankheit mit einem macht.

29.07.2026 , 07:00 Uhr

David Saar im Klinikum auf dem Winterberg.

Foto: David Saar

Was dieser mutige Mann schreibt, kann niemanden kalt lassen. „Das hier ist der härteste und brutalste Ritt meines gesamten Lebens", notiert David Saar am 22. Juli in sein Online-Tagebuch. Er habe die „schwerste Nacht meines Lebens“ hinter sich, eine „Zerreißprobe für meine Seele und meinen Körper". Mitten in der Dunkelheit sei er mit unerträglichen Schmerzen aufgewacht: „Jeder Atemzug fühlte sich an wie ein Messerstich." Er habe Blut gespuckt, „nackte Angst" empfunden: „Ich saß stundenlang weinend aufrecht im Bett, weil ich vor Schmerzen kaum noch liegen oder atmen konnte."

„Der liebe Gott hat gesagt, ich muss endlich zum Arzt gehen“

 Dieses Foto hat der Saarbrücker vor der ersten Chemo gemacht.

Dieses Foto hat der Saarbrücker vor der ersten Chemo gemacht.

Foto: David Saar

David Saar, der Mann, der das geschrieben hat, und noch so viel mehr schreibt seit Wochen auf Facebook, ist an Krebs erkrankt. Hodenkrebs. Am 30. Mai ist der 55 Jahre alte Saarbrücker nach monatelangem Zögern zum Arzt gegangen. „Der liebe Gott hat gesagt, ich muss jetzt endlich gehen", erinnert sich Saar. Kurz darauf kam die niederschmetternde Diagnose.

Schon drei Tage später wird der Busfahrer, der bei der Saarbahn angestellt ist, im Klinikum auf dem Winterberg operiert, sein rechter Hoden wird entfernt. Doch das bedeutet noch kein Happy End. Der Krebs hat gestreut, es gibt Metastasen im Bereich der Bauchaorta. „Diese Nachricht hat mich zerstört. Du denkst, die Welt geht unter, du denkst, es ist alles vorbei." Doch es ist nicht vorbei. Der Kampf beginnt: Chemotherapie.

Darum will er sein Schicksal mit der Welt teilen

Der Facebook-Kanal von David Saar. Hier schreibt er nahezu täglich.

Der Facebook-Kanal von David Saar. Hier schreibt er nahezu täglich.

Foto: SZ

Am Tag vor Beginn des zweiten Zyklus' seiner Chemo liegt David Saar im Krankenbett im siebten Stock des Winterberg-Klinikums, seine Mutter und sein Stiefvater sind gerade da. Saar erzählt, wie es ihm aktuell geht, was jetzt passieren wird. Und warum er die Welt teilhaben lässt an seinem Schicksal. „Ich will mit der Krankheit mit aller ernsthafter Brutalität umgehen. Viele Menschen fressen in dieser Situation alles in sich hinein. Doch Krebs darf kein Tabu sein." Er möchte anderen Mut machen, möchte aufklären, möchte auch verdeutlichen, wie wichtig Vorsorge ist: „Die Menschen sollten sich viel mehr trauen, über die Krankheit zu sprechen."

Am 10. Juni hat er den ersten Post als Krebspatient veröffentlicht. „Du bist stärker, als du glaubst, auch wenn es sich heute nicht so anfühlt" und „#fuckcancer" steht da. Auf dem dazugehörigen Foto deutet nichts auf seine Krankheit hin, David Saar lächelt zufrieden in die Kamera.

Schmerzen, schlaflose Nächte, Lungenentzündung

Bis dahin hatte er auf Facebook nur gelegentlich Einblicke in sein Leben gewährt. Auf Fotos sieht man ihn mit Freunden am Osthafen, beim Fußballgucken im Ludwigspark, beim Tischfußball, topfit im Fitnessstudio oder freudestrahlend an seinem 50. Geburtstag.

Dieses Foto hat David Saar am Dienstag gepostet, an Tag zwei seiner zweiten Chemo-Woche.

Foto: David Saar

Fünf Jahre später sieht und liest man völlig andere Geschichten, seit Wochen fast jeden Tag in seinem „Chemo-Tagebuch". Detailliert und extrem offen berichtet er von seinem Kampf gegen den Krebs. Manchmal von ganz banalen Dingen wie dem Hochgenuss, einen Cheeseburger mit Pommes zu essen. Doch vor allem über die Ängste des Alltags, Schmerzen und schlaflose Nächte, eine Lungenentzündung.

„Ich bin wütend. Ich bin traurig. Ich will mein altes Leben zurück", schreibt er am 30. Juni. Am 15. Juli berichtet er: „Sonntagnacht stand mein Leben wieder für einen Moment still. Notarzt. Blaulicht. Einweisung ins Krankenhaus. Das Fieber schoss hoch auf über 38 Grad, und von den Ärzten kam die Gewissheit: Meine weißen Blutkörperchen – meine Abwehrzellen – sind komplett im Keller." Von einer „unvorstellbaren Lawine aus purer Zuneigung, Liebe und Kraft", erzählt er am 24. Juli.

Positive Kommentare helfen ihm, durchzuhalten

Nachdem anfangs nur wenige Menschen Notiz von den Berichten nehmen, liken und kommentieren inzwischen täglich oft Hunderte, manchmal Tausende. Saar hat zusammengerechnet, dass seine Beiträge schon über eine Million Menschen erreicht haben. „Wahnsinn" sei das. Aber total wichtig. Denn er möchte zeigen, was die Krankheit tatsächlich mit einem macht. Wie offen er über alles spreche und damit anderen Mut mache, sei „beeindruckend", hat jemand kommentiert: „Man merkt in jeder Zeile, wie viel du gerade durchmachst körperlich wie mental und trotzdem strahlst du so viel Stärke und Klarheit aus." Die Reaktionen helfen ihm, durchzuhalten, sagt Saar. Zwar sei nicht alles positiv, es gebe auch verrückte Kommentare, aber vor allem: viel Liebe und aufmunternde Worte, ganz viel Mitgefühl.

Am Dienstag war Tag 28 seiner Therapie, Tag zwei des zweiten Chemo-Zyklus‘, insgesamt vier muss er über sich ergehen lassen. Der Weg ist also noch weit. Doch David Saar, dieser Kämpfertyp, ist meist voller Hoffnung: „Der Masterplan steht, mein Herz ist stark, meine Familie steht hinter mir und eine Million Menschen bilden die unbezwingbare Mauer in meinem Rücken", schreibt er in sein Online-Tagebuch: „Ich stehe wieder aufrecht. Für mein Leben. Krebs ist kein Tabu. Ich bin noch da. Schritt für Schritt zum Sieg!" (lck)

Auf der Spendenplattform „GoFundMe" sammelt der an Hodenkrebs erkrankte Saarländer David Saar Geld für seine Genesung, unter anderem für Medikamente, Untersuchungen und Fahrtkosten. In wenigen Tagen sind bereits 1.000 Euro zusammengekommen. Wer ihn unterstützen möchte: www.gofundme.com/f/schritt-fur-schritt-ins-leben-zuruck-ich-bin-noch-da

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