Symposium in München: Wer unterstützte Max Beckmann im Exil?

Vom NS-Regime verfemt und seiner Professur beraubt, ging Max Beckmann 1937 nach Amsterdam ins Exil. Wie sah das Netzwerk aus, das ihn dort auch wirtschaftlich nicht ins Bodenlose fallen ließ?

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Symposium in München: Wer unterstützte Max Beckmann im Exil?

Max Beckmann hatte Glück: Schon früh in seiner Karriere weckte er das Interesse von heute legendären Galeristen, die entscheidend daran beteiligt waren, die Kunst der Moderne durchzusetzen. Da war Paul Cassirer: Er zeigte Bilder Beckmanns (1884 bis 1950) bereits im Jahr 1907 zusammen mit denen anderer Avantgardisten in seinem Berliner Kunstsalon und widmete dem Künstler 1913 eine erste, mit fast 50 Gemälden üppig bestückte Soloschau. Da war auch Jsrael Ber Neumann, der in seinem Graphischen Kabinett in Berlin zunächst Beckmanns Arbeiten auf Papier ausstellte, später auch Malerei, und ihm von etwa 1920 an sogar vertraglich vereinbart finanzielle Sicherheit gab. Inklusive des Gehalts für seine Professur an der Frankfurter Kunstgewerbeschule, der heutigen Städelschule, komme er auf ein „Ministereinkommen“, schrieb Beckmann 1925 in einem Brief an seine zukünftige zweite Ehefrau Mathilde von Kaulbach, genannt „Quappi“.

Als 1926 noch der exzellente Netzwerker Alfred Flechtheim als Galerist Beckmanns hinzukam – von ihm erwartete sich der Künstler internationale Kontakte –, verdoppelten sich Beckmanns Einkünfte nochmals, was dem Champagnerfreund und Lebemann seinen großzügigen Lebensstil sicherte. Im Berliner Kronprinzenpalais wurde von Ludwig Justi, dem Direktor der Nationalgalerie, ein Beckmann-Saal eingerichtet, und im Frankfurter Städel trug dessen Direktor Georg Swarzenski bis 1931 die damals größte öffentliche Beckmann-Sammlung zusammen. Parallel dazu nahm die Ausstellungspräsenz des Künstlers im Ausland zu.

Legende und Realität in der Beckmann-Forschung

Der Sturz durch die Nationalsozialisten war tief: Beckmanns Professur wurde gekündigt, ein Dutzend seiner Gemälde wurden auf der Propagandaschau „Entartete Kunst“ gezeigt und Hunderte Werke in Museen beschlagnahmt. Wie sollte es weitergehen, nachdem er 1937 mit Quappi auch deshalb ins Amsterdamer Exil ging, weil ihm für einen Verbleib in Deutschland die materielle Grundlage fehlen würde?

Engagierte sich früh für Beckmann: der Kunsthändler Jsrael Ber Neumann, hier porträtiert von Otto Dix
Engagierte sich früh für Beckmann: der Kunsthändler Jsrael Ber Neumann, hier porträtiert von Otto DixAKG

Ein Symposium des Beckmann-Archivs der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, das sich mit der Kaldewei-Kulturstiftung die Lücken in der Forschung zu dem Künstler von 1933 bis 1945 vornahm, beleuchtete auch, wie es damals um Beckmann und den Handel stand. Die Publikation zur Veranstaltung („Legende und Realität, Max Beckmann in der Zeit des Nationalsozialismus“, Hatje Cantz) erinnert daran, dass Werke der meisten diffamierten Künstler in Deutschland zwar privat weiterhin gehandelt werden durften, die Kundschaft aber dünn gesät war.

Die noch heute faszinierende Vorstellung des verfolgten und „unter permanenter Lebensgefahr arbeitenden“ Künstlers, so Florian Keisinger, sei bis auf Ausnahmen und auch im Falle Beckmanns falsch. Dieser sei auch im besetzten Amsterdam nicht ohne Geld gewesen, folgerte Nina Peter aus dessen Tagebüchern: „Er war ein gern gesehener Gast in den verschiedenen Lokalen“, habe dort Wirtsleute gekannt, Musiker, Garderobieren und Bardamen. Jeden Donnerstag ging er mit dem Maler Friedrich Vordemberge-Gildewart auf Kneipentour. Der Amüsierbetrieb lieferte ihm Bildmotive, und sein Sohn Peter transportierte nach Besuchen Bilder nach Deutschland.

In Deutschland engagierte sich derweil Günther Franke für Beckmann. Der junge Mitarbeiter J. B. Neumanns leitete die 1923 eröffnete Münchner Filiale des Graphischen Kabinetts. Felix Billeter wiederholt seine Forschungsergebnisse, dass Franke sich zwar um Beckmann, den er als „wesentlichsten lebenden Künstler“ erachtete, verdient machte, indem er ihn mutig auch in der NS-Zeit immer wieder ausstellte – und sei es im Keller. Zur Tarnung verkaufte er deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts, auch an Prominenz des Regimes wie Martin Bormann.

Differenzierter Blick auf Neumanns Mitarbeiter Franke

Der Autor kritisiert, dass Franke dies nach 1945 offenbar unerwähnt ließ und er kräftig an der Legende gestrickt habe, er sei es gewesen, der das Kabinett in München 1923 gründete. Auch habe er bei jeder Gelegenheit die Vorarbeit seines Partners und wahren Galeriegründers J. B. Neumann ebenso außen vor gelassen wie die des mehrjährigen finanziellen Unterstützers Heinrich Fromm. Auf einem anderen Blatt steht, dass Franke seine private Beckmann-Sammlung von 30 Werken später den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen stiftete.

Von Max Beckmanns 1944 ins Bild gesetzt: die Familie Lütjens, seine wichtigste Anlaufstelle in Amsterdam
Von Max Beckmanns 1944 ins Bild gesetzt: die Familie Lütjens, seine wichtigste Anlaufstelle in AmsterdamAKG

Im Amsterdamer Exil wurde Helmuth Lütjens eine besonders wichtige Bezugsperson für Beckmann. Er war Statthalter der Cassirer-Dependance an der Amsterdamer Keizersgracht, die zum „Dreh- und Angelpunkt“ für viele Rettungsaktionen von Kunst und Emigranten wurde, erläutert Christina Feilchenfeldt. Ihr Großvater Walter Feilchenfeldt, der die Leitung des Kunstsalons übernahm, nachdem Cassirer sich am Tag seiner Scheidung von der Schauspielerin Tilla Durieux das Leben genommen hatte, erlaubte vielen jüdischen Sammlern, ihren Kunstbesitz an der Gracht aufzubewahren, von wo er ihnen nachgesandt oder verkauft wurde.

Lütjens machte zwar erst von 1945 an Geschäfte mit Beckmann, lud ihn aber zu sich nach Hause ein und nahm Dutzende seiner Gemälde in Obhut. Die köstlichen Gerichte von Nelly Lütjens und die Gespräche mit dem Ehepaar waren Labsal und Trost für die Beckmanns. Das Familienbild, das der Künstler von seinen neuen Freunden malte, wollte er ihnen schenken, doch Lütjens bestand darauf, es zu kaufen. Heute bewahrt es das Rotterdamer Museum Boijmans Van Beuningen. Ein Gemälde seiner Frau mit der kleinen Tochter Rietje gefiel Lütjens dagegen offenbar nicht. Jüngst wurde es im ersten Versteigerungsversuch zu einem der wenigen Rückgänge auf dem aktuellen Beckmann-Auktionsmarkt. Beim zweiten Versuch meldete das Unternehmen Karl & Faber einen Nachverkauf bei 381.000 Euro (Taxe 500.000 bis 700.000).

Nie konnte Lütjens jedoch Feilchenfeldt und dessen Geschäftspartnerin Grete Ring davon überzeugen, Beckmann fest ins Galerieprogramm aufzunehmen. Sie fanden, sein Stil treffe nicht den Zeitgeschmack. Da half nicht einmal, dass Lütjens unter anderem ein Doppelporträt des Malers von sich selbst mit Quappi an das Stedelijk Museum veräußern konnte.

Freunde und Förderer halfen ihm aus der Ferne: Max Beckmann 1938
Freunde und Förderer halfen ihm aus der Ferne: Max Beckmann 1938AKG

Lütjens glänzende Idee, den aus Berlin nach New York emigrierte Kunsthändler Curt Valentin in Sachen Beckmann zu kontaktieren, erwies sich als entscheidender Schritt für die Nachkriegskarriere des Künstlers. Was J. B. Neumann, der schon seit 1923 in New York lebte, begonnen hatte, setzte Valentin fort. Als Beckmann 1947 in Amerika eintraf, war der Boden bereitet. In der Buchholz Gallery – Curt Valentin sah Morton D. May erstmals Bilder Beckmanns. Der Kaufhausmogul sollte die größte Beckmann-Sammlung weltweit zusammentragen. Heute bewahrt sie das Saint Louis Art Museum.

Neben seinen Händlern halfen auch Freunde und Förderer Beckmann, die Exiljahre zu überstehen. Der Autor Stephan Lackner, sein großer Bewunderer und Gönner, überwies ihm jahrelang monatlich Geld, bekam Bilder dafür, beauftragte ihn mit der Illustration eines seiner Stücke und organisierte gemeinsam mit Käthe von Porada Ausstellungen. Die Journalistin, eine enge, immer wieder hilfreiche Freundin aus Frankfurter Zeiten, kaufte auch direkt bei Beckmann, darunter „Die Hölle der Vögel“. Nach dem Erwerb im Jahr ihrer Fertigstellung 1938 hing diese Allegorie auf den Nationalsozialismus in Poradas Pariser Esszimmer.

Teuerstes je in Deutschland versteigertes Kunstwerk: Max Beckmanns „Selbstbildnis gelb-rosa“ 2022 bei Grisebach in Berlin
Teuerstes je in Deutschland versteigertes Kunstwerk: Max Beckmanns „Selbstbildnis gelb-rosa“ 2022 bei Grisebach in Berlindpa

Manche Gäste, so berichtete sie später, setzten sich mit dem Rücken zu dem Bild, weil sie es so grausam fanden. Das erschütternde Werk ging durch prominente Hände, ehe es 2017 mit einem Zuschlag bei 36 Millionen Pfund bei Christie’s in London den bislang höchsten Auktionspreis für ein Bild Beckmanns und ein Werk des deutschen Expressionismus erzielte. Lilly von Schnitzler, die als eine führende Persönlichkeit der Frankfurter Gesellschaft einst Beckmann in diese integriert hatte, half dem Exilanten ebenfalls, nicht zuletzt indem sie weiterhin Gemälde erwarb, etwa den „Befreiten“: ein Selbstbildnis des die Kette um seinen Hals sprengenden Künstlers von 1937. Mutig habe sie es „in diesem traurigen Deutschland bei sich aufgehängt und zeigt (es) allen Leuten“, schrieb Beckmann in einem Brief.

Max Beckmann zählt zu den bedeutendsten deutschen Künstlern des 20. Jahrhunderts. Museen und Sammler sorgen als Käufer immer wieder für Superlative. So hält das in Amsterdam gemalte „Selbstbildnis gelb-rosa“ mit 23,2 Millionen Euro inklusive Aufgeld, das Grisebach in Berlin dem Großsammler Reinhold Würth zuschlagen konnte, seit 2022 den Rekord für das teuerste jemals in Deutschland versteigerte Kunstwerks. Wie hoch das Interesse des Handels nach wie vor ist, beweist auch, dass die Topgalerie Hauser & Wirth kürzlich Beckmann in Basel eine Ausstellung widmete, unterstützt von Mayen Beckmann, der Enkelin des Künstlers, die sein künstlerisches Erbe verwaltet.