Kurt Huber und Mirok Li
Dass Kurt Huber seinen Gelehrtenfreund Mirok Li in die Flugblattaktionen der Weißen Rose einweihte, ist unwahrscheinlich. Gleichwohl malt man sich in Lis Heimat ein koreanisch-deutsches Widerstandsbündnis aus.
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„Ich hoffte inständig, dass er doch noch schweigen und in Stille warten möchte, bis die ungeistige Flut vorüber war und der reine Fluss wieder ans Tageslicht trat. Das war wohl zu östlich gedacht. Kurt Huber musste einen anderen Weg gehen.“ So steht es in Mirok Lis Nachruf auf den hingerichteten Freund. Die Münchner Historiker Kristina Milz und Benedikt Sepp beleuchten in den „Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte“ (Band 73, Heft 3) in einem Aufsatz mit dem Titel „‚Harte Zeiten für die Guten‘. Kurt Huber und Mirok Li – Widerstandsrezeption in der Bundesrepublik Deutschland und in Südkorea“ die „unerwartete Freundschaft“ zwischen dem Musikwissenschaftler und Philosophen Kurt Huber (1893 bis 1943) mit dem koreanischen Gelehrten und Schriftsteller Mirok Li (1899 bis 1950). Sie berichten davon, wie Mirok Li, der „Münchner aus Korea“, dessen 1946 im Piper Verlag erschienener autobiographischer Roman „Der Yalu fließt“ in Deutschland und Korea Schullektüre war, zum transnationalen Kulturhelden und Trostspender avancierte.
Mirok Li wurde 1899 in einem Dorf im heutigen Nordkorea als Sohn eines Großgrundbesitzers geboren. 1919 beteiligte er sich an der „Bewegung des ersten März“ gegen die japanische Besatzung und half beim Drucken von Flugblättern. Nach der Niederschlagung des Aufstands floh er über Schanghai, das er später als „die chinesische Stadt mit den meisten Europäern“ beschrieb, 1920 nach Deutschland. Nach Stationen in Würzburg und Heidelberg zog Li 1925 nach München. An der dortigen Universität studierte er bis zur Promotion Zoologie (mit Nebenfach Rassenkunde); 1927 schrieb er sich in eine Philosophievorlesung Hubers ein, der sich mit einer musikpsychologischen Arbeit habilitiert hatte und 1926 zum außerordentlichen Professor ernannt worden war. Zwischen dem konfuzianisch erzogenen und in Deutschland publizistisch tätigen Li und dem Volksliedforscher Huber entwickelte sich eine „Gelehrtenfreundschaft unter dem Hakenkreuz“, als sie von 1938 an als Nachbarn in Gräfelfing lebten.
Das Volkslied kennt keine Masse
Beide verband in der Sicht von Milz und Sepp die Sehnsucht nach der Einheit der Vormoderne. Ins deutsche zeithistorische Gedächtnis ist Huber als der akademische Vertrauensmann der studentischen Mitglieder der Weißen Rose eingegangen. Er verfasste das am 18. Februar 1943 im Lichthof der Universität abgeworfene Flugblatt. Die neuere realistische Widerstandsforschung macht Überschneidungen zwischen den Geisteswelten der Widerständler und dem Nationalsozialismus zum Thema, bei Huber auch antisemitische Motive. Milz und Sepp versuchen das Verhältnis zwischen Hubers Konservatismus und dem Nationalsozialismus anhand seines gelehrten Spezialgebiets zu bestimmen. Einerseits sah Huber im Volkslied 1916 „unsere innerste völkische Eigenart“, andererseits kritisierte er 1926 ein unwahres „Salontirolertum“ und 1934 das „Massensingen von Volksliedern“, da „das Volkslied keine Masse kennt“. Statt des „Reactionary Modernism“ (Jeffrey Herf) der Nationalsozialisten umfing Huber auf der Suche nach dem Ur-Menschlichen die Ahnung einer für immer verlorenen Vergangenheit. Ähnlich lässt sich die Traumwelt umschreiben, die Li in „Der Yalu fließt“ schildert.

Li wurde in die alte Ordnung Koreas hineingeboren. Er wuchs im Schatten der Kolonialisierung durch die Japaner auf. Als Schüler erlebte er, wie er es jedenfalls im Rückblick schilderte, aber auch die westlichen Wissenschaften und die sozialen Verhältnisse Europas als Vorboten einer neuen Welt. Nach der Flucht nach Europa verfestigte sich durch Autopsie Lis Bild einer waffenstarrenden und janusköpfigen Moderne. Neben seiner schwachen Gesundheit machten ihm Geldprobleme zu schaffen. 1932 nahm ihn sein Gönner, der Kunsthistoriker Alfred Seyler, in seinen Haushalt auf. Lis im Nationalsozialismus entstandene Texte geben Einblicke in das Leben eines Menschen, der aufgrund seines Äußeren als Fremder markiert und doch geduldet wurde. Milz und Sepp berücksichtigen bei der Interpretation dieses Schrifttums, dass der Autor gehalten war, öffentliche Zurückhaltung zu wahren. Aus einem Ende 1933 verfassten Aufsatz „Religionen in Korea“ mit Fokus auf dem Wahrheitsanspruch des Christentums lesen sie die politische Befürchtung einer „großen Vereindeutigung der Welt“ heraus.
Anders als der berühmte Komponist Carl Orff und der kaum weniger prominente Historiker Karl Alexander von Müller unterstützte Mirok Li nach Hubers Hinrichtung am 13. Juli 1943 dessen Familie – mit dem stillen Mut eines Mannes, wie Milz und Sepp lakonisch notieren, der in seiner Jugend selbst ein Widerstandskämpfer gewesen war. Der 1946 erschienene, auf Deutsch verfasste Roman „Der Yalu fließt“ wurde im Nachkriegsdeutschland zum Überraschungserfolg. Bei der Wiederveröffentlichung 1974 lobte die „Süddeutsche Zeitung“ die „makellose, ruhig fließende Prosa“ und die „Noblesse der Erzählhaltung“. Zur Situation im zerstörten Deutschland stand die aus der Zeit gefallene koreanischen Pastorale in einem denkbar großen Gegensatz. Als moralische Instanz lieferte Li eine stumme Anklage der unerfüllten Verheißungen Europas. Der exotische, aber mit Deutschland vertraute Autor bot eine Projektionsfläche für ein Deutschland, das sich für unbefleckt halten wollte. In einer Stellungnahme für den „Schutzverband Deutscher Schriftsteller“ sprach Li sich 1948 im Namen der „Tendenzlosigkeit“ der Literatur gegen alle kulturpolitischen Maßgaben der Besatzungsmächte aus.
Ein dreiteiliger Fernsehfilm von 2008
1947 wurde Li Dozent für Koreanisch und Chinesische Literatur an der Münchner Universität. Zu der im gleichen Jahr von Kurt Hubers Witwe Clara veranstalteten Gedenkschrift trug er den Beitrag „Kurt Huber und das Ausland“ bei. Schon drei Jahre später starb er an Magenkrebs, mit nur 51 Jahren. Seinem Sarg folgten mehr als 300 Trauernde. Lis Rezeption in seiner Heimat setzte später ein, war aber nachhaltiger. Sein Schlüsselwerk „Der Yalu fließt“ wurde 1955 von Haerin Jeon ins Koreanische übersetzt. 2008 wurde „Der Yalu fließt“ in Korea verfilmt. Der dreiteilige Fernsehfilm des Senders SBS entstand in Koproduktion mit dem Bayerischen Rundfunk und wurde in Deutschland in einer von 180 auf 105 Minuten gekürzten Fassung ausgestrahlt. Anders als das Buch umfasst der Film Lis ganzes Leben.

Während Li Hubers Abneigung gegen den Nationalsozialismus sicherlich kannte, ist es fraglich, ob er von seinem Engagement in der Weißen Rose wusste. Im Film wird Li durch freies Spiel mit historischen Details in die Geschichte der Weißen Rose hineingeschrieben: Suggeriert wird, Huber sei von einem Gespräch mit Li dazu angeregt worden, in seinem Flugblatt Laotse zu zitieren. Das Laotse-Zitat steht in Wahrheit im zweiten, von Hans Scholl und Alexander Schmorell angefertigten Flugblatt. So wird Lis Widerstandsbiographie im Westen weitergesponnen. Nach dem Urteil von Milz und Sepp begibt sich der Film auf heikles Terrain, indem er die Kolonialherrschaft Japans und die NS-Diktatur mit parallelen Bildern des Marschierens und Terrorisierens illustriert.
Rückbesinnung statt Umerziehung
Der achtzehnteilige Webcomic „Ein Wanderer zwischen zwei Welten“ des Künstlers Dohun aus dem Jahr 2021, dem Milz und Sepp das Zitat in ihrem Aufsatztitel entnommen haben, zeigt Li vielschichtiger, nimmt aber dieselbe Gleichsetzung vor: „Es ist derselbe Wahnsinn, der mir mein Land weggenommen hat.“ In Film und Comic trägt Huber Li auf, den Deutschen beim Neuanfang zur Seite zu stehen: Li ist antifaschistischer Kämpfer in zwei Welten, Rückbesinnung soll Umerziehung erübrigen. Als Erbe der Weißen Rose lehrt er im Comic Studenten nach Kriegsende Toleranzmaximen des Konfuzius. Der Komplexität der Verhältnisse in NS-Zeit und Kolonialzeit zwischen Resistenz, Anpassung und Kollaboration tragen Geschichtsschreibung und Popkultur nicht immer Rechnung. Korea ist politisch polarisiert. Konservative heben die Modernisierungsleistung der Kolonialzeit hervor und relativieren spätere Militärdiktaturen wie die Herrschaft Park Chung-hees, der seine Karriere in der japanischen Armee begann. Linke berufen sich auf revolutionäre Narrative selbstbewusster Gegenwehr.
Auch das Gedenken des Gwangju-Aufstands von 1980 ist umkämpft. Den Film „A Taxi Driver“ (2017) über den ARD-Reporter Jürgen Hinzpeter versuchte die Regierung von Park Geun-hye, der Tochter Park Chung-hees, zu verhindern. Hingegen förderte die Kulturstiftung der Stadt Seongnam, die in der Nähe von Gwangju liegt, Dohuns Webcomic als sozialliberales Projekt: Die Szenen um die Flugblätter der „Weißen Rose“ wecken Erinnerungen an die 1981 tausendfach verteilten Flugblätter mit dem Titel „Die Wahrheit über den Gwangju-Aufstand“.
So diente Mirok Lis Leben und Werk, wie Milz und Sepp luzide aufzeigen, in Deutschland und Korea als Echoraum und Spiegel: In Deutschland beschwor er die Erinnerung an das verlorene Selbstverständnis der Kulturnation, in Korea ist er ein Symbol des antikolonialen Kampfs. Auch dank seiner Geistesverwandtschaft mit dem widerständigen Kurt Huber verkörpert er wie der ewig fließende Yalu den allen Diktaturen trotzenden Charakter des koreanischen Volkes. Mirok Lis Gebeine wurden 2024 im Zuge der Heimholung von rund 150 Nationalhelden nach Südkorea überführt und auf dem Nationalfriedhof in Seoul bestattet.