Küstenfischerei in Mecklenburg-Vorpommern: Stirbt an der Ostsee ein ganzer Berufsstand aus?

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Küstenfischerei in Mecklenburg-Vorpommern: Stirbt an der Ostsee ein ganzer Berufsstand aus?

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Ostdeutsche Allgemeine und die Berliner Zeitung geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.


Wolken hängen tief über der Peenemündung, Nebelschwaden ziehen zwischen den Dalben hindurch, Wellen schieben sich übereinander. Es riecht nach Diesel, Salz, nassem Holz – ein typischer Morgen im Fischereihafen von Freest an der vorpommerschen Ostsee.

Direkt an der Kaimauer stehen zwei Dutzend gelb gestrichene Holzhäuschen mit roten Biberschwanzziegeln: die „Pukhütten“. Sie prägen das maritime Bild des Ortes und dienen den Küstenfischern als Lagerräume für Netze, Reusen und Werkzeug.

In den frühen Stunden laufen die kleinen Kutter der Küstenfischerei ein, das Gros ihres Fangs geht an die Fischereigenossenschaft Peenemündung, ein kleiner Teil an Gastronomen, Einheimische und Urlauber. Doch die Routine täuscht. Die Fangmengen brechen ein, die Erlöse sinken. Fangverbote, Schutzzonen, zusätzliche Kontrollen, digitale Meldepflichten – und Umweltschützer fordern längst mehr: kleinere Fanggeräte, größere No‑Take‑Zonen, längere Moratorien. Die traditionelle Küstenfischerei steht vor dem ökonomischen Kollaps. Freest droht zur Kulisse zu werden, zum Kutterfriedhof.

Die Ostsee befinde sich in einem wirtschaftlichen und ökologischen Ausnahmezustand, „der die Lage der Fischerei ganz besonders trifft“, sagte Landesumweltminister Till Backhaus (SPD) bereits im vergangenen Juni. Heute formuliert er es noch schärfer: „Nicht die Fischbestände sind vom Aussterben bedroht, sondern vielerorts die wirtschaftliche Existenz der Betriebe.“ Wer weitermachen wolle, müsse neue Einkommensquellen erschließen – Direktvermarktung, Verarbeitung, Tourismus, Mitarbeit in Forschung und Monitoring. Der Strukturwandel sei „unvermeidbar“, so Backhaus, und müsse fair und sozialverträglich begleitet werden.

Überalterte Flotte, der Nachwuchs fehlt

Die Zahlen bestätigen den Absturz: 2024 wurden nur noch rund 2400 Tonnen Fisch angelandet – gegenüber 15.000 Tonnen im Jahr 2017. Vor zehn Jahren lag der Umsatz der Branche bei mehr als zehn Millionen Euro. Heute arbeiten in Mecklenburg‑Vorpommern nur noch rund 150 Küstenfischer im Haupterwerb, Anfang der Neunzigerjahre waren es rund 1000. Weniger als 20 Boote sind größer als zwölf Meter – die Flotte ist überaltert, der Nachwuchs fehlt.

Die Bestände von Hering und Dorsch sind seit 2017 massiv eingebrochen. Seit 2022 gelten ein totales Fangverbot für Dorsch und ein grundsätzliches Fangverbot für Hering. Auch Aal und Lachs sind in kritischem Zustand. Eine negative Bestandsentwicklung, die die Rahmenbedingungen für die Fischerei stark verschlechtert und „maßgeblich zur aktuellen existenziellen Krise der kleinen Kutter‑ und Küstenfischerei in M‑V geführt hat“, erklärt Stephan Goltermann, Erster Direktor des Landesamts für Landwirtschaft, Lebensmittelsicherheit und Fischerei Mecklenburg‑Vorpommern (LALLF).

Die Ursachen sind vielschichtig, nicht monokausal: Temperaturanstieg, Nährstoffeinträge, Sauerstoffmangel in der Ostsee. Zahlreiche Meeresbiologen sprechen von einem „Regime Shift“ – einem dauerhaften Wechsel der ökologischen Grundbedingungen. Christopher Zimmermann formuliert das vorsichtiger. „Regime Shift“ sei ein großes Wort, sagt der Leiter des Thünen‑Instituts für Ostseefischerei in Rostock. Es gebe einen „energischen wissenschaftlichen Disput darüber, wie man einen Regime Shift erkennt“. Oft erst Jahre später, „nicht während die Veränderung stattfindet“.

In den Neunzigerjahren habe es einen solchen Regime Shift gegeben. Ob danach weitere folgten, ist umstritten. Zimmermann: „Aber eigentlich ist es auch egal, wie wir das bezeichnen.“ Entscheidend sei, dass sich die Umweltbedingungen in den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren drastisch verändert hätten.

Sogenannte „Pukhütten“ dienen den Küstenfischern als Lagerräume für Netze, Reusen und Werkzeug.

Sogenannte „Pukhütten“ dienen den Küstenfischern als Lagerräume für Netze, Reusen und Werkzeug.

© Andre Gschweng/Imago

Düstere Bestandsprognosen

Die Ursachen? Vor allem der Klimawandel und die damit verbundenen höheren Temperaturen im Jahresverlauf sowie durch die zunehmende Sauerstoffarmut in den tieferen Bereichen der Ostsee – eine Folge der hohen Nährstoffbelastung, zusätzlich verstärkt durch steigende Temperaturen.

Kurzfristig lasse sich das kaum rückgängig machen, langfristig seien vor allem Maßnahmen zur Verringerung der Nährstoffeinträge aussichtsreich – aus Landwirtschaft und Verbrennungsprozessen. Die Bestandprognosen bleiben düster: Dorsch und Plattfische werden auf absehbare Zeit nicht nutzbar sein. Hering, Sprotte und Lachs könnten sich erholen, weil sie oberflächennahe Bereiche nutzen. Der westliche Hering brauche einen starken Jahrgang; der kalte Winter könnte helfen. Der Europäische Aal sei eine der wenigen marinen Arten, „die wirklich vom Aussterben bedroht sein könnten“, nicht durch Fischerei, sondern durch Verbauung und Verschmutzung der Süßgewässer sowie einen eingeschleppten Parasiten. Was die Forschung beschreibt, spüren die Fischer längst im Alltag.

Was sagen die örtlichen Fischer zur Notlage? Ihnen fehlt eine laute Stimme. Der Landesverband der Kutter‑ und Küstenfischer hat sich bereits im Oktober 2021 aufgelöst. Die Gründe: Mitgliederschwund, Beitragslöcher. Beim Krisentreffen sollen nur rund 25 von knapp 100 Verbandsmitgliedern anwesend gewesen sein. Ein Hauch von Resignation schon damals.

Die Forderungen sind seit Jahren dieselben: Ausnahmen für die Kleinfischerei, realistische Fangquoten, Erhalt der Infrastruktur, Entschädigungen für Robben‑ und Kormoranschäden, ein Meeresschutz, der nicht zur Abwicklung der Fischerei führt. Die Küstenfischerei sei Teil der kulturellen Identität des Landes – und ohne politische Unterstützung sei der Überlebenskampf verloren. Klar ist: Der Sektor ist kleinteilig, kapitalarm und stark abhängig von stabilen Fangmengen.

Heute arbeiten in <a href="https://ostdeutscheallgemeine.com/article/mecklenburg-vorpommern-das-land-in-dem-man-zeit-hat-10038451">Mecklenburg‑Vorpommern</a> nur noch rund 150 Küstenfischer im Haupterwerb, Anfang der Neunzigerjahre waren es rund 1000.

Heute arbeiten in Mecklenburg‑Vorpommern nur noch rund 150 Küstenfischer im Haupterwerb, Anfang der Neunzigerjahre waren es rund 1000.

© Andre Gschweng/Imago

Ein Metier ohne Reserven

Nun soll ab 2027 auch die Prämie für die zeitweise Stilllegung wegfallen. Für viele der Kleinbetriebe war sie seit Einführung 2018 eine Art Mindestabsicherung, das letzte finanzielle Polster eines Metiers ohne Reserven. Laut Backhaus war diese Hilfe aber „nie als Dauerlösung gedacht“. Sie sollte Zeit verschaffen, bis sich die Populationen erholen und die Betriebe wieder regulär wirtschaften können. „Leider hat sich diese Hoffnung nicht erfüllt. Niemand kann zusätzliche Fangmöglichkeiten herbeizaubern.“

Auch deshalb will die rot‑rote Landesregierung unter Manuela Schwesig (SPD) die EU‑Biodiversitätsstrategie 2030 für die Ostsee umsetzen. Die Vorgaben: 30 Prozent Schutzgebiete, zehn Prozent davon als No‑Take‑Zonen – sprich fangfreie Gebiete. Und: Mecklenburg-Vorpommern hat bereits rund 50 Prozent seines Küstenmeeres als Natura‑2000‑Gebiete ausgewiesen. Dies sind EU‑Meeresschutzflächen, um gefährdete Arten und Lebensräume zu sichern. Sie bilden das zentrale Schutznetz der EU im Meer und bestimmen in der Ostsee heute maßgeblich die Spielräume von Fischerei und Nutzung. Für die Kernzone des Nationalparks Vorpommersche Boddenlandschaft existiert eine Ausstiegsfrist für die Fischerei bis Ende 2029, heißt es aus dem Pressestab von Backhaus.

Umweltverbände fordern deutlich mehr. Thomas Werner vom Projektbüro‑Meeresschutz des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu) in Stralsund verlangt zusätzliche No‑Take‑Zonen in allen Meeresschutzgebieten, um echte Ruhe- und Rückzugsräume für bedrohte Arten zu schaffen. Mindestens zehn Prozent der Küstengewässer – oder die Hälfte der bestehenden Schutzgebiete – sollen streng geschützt werden. Die Stellnetzfischerei sieht er als Hauptproblem wegen des Beifangs von Seevögeln, Schweinswalen und Kegelrobben. Deshalb braucht es ein entsprechendes Fangverbot in Meeresschutzgebieten und die konsequente Förderung alternativer Fanggeräte wie Reusen und Fallen. Für den Nabu bleibt die Fischerei Teil des Ostseebilds, doch ihre Zukunft hängt vollständig vom Zustand des Ökosystems ab. Ohne erholte Bestände hat die Branche kaum eine Perspektive.

Die Gefahr der Ausbreitung der „Todeszonen“

Die Landesgeschäftsführerin des BUND Mecklenburg‑Vorpommern, Corinna Cwielag, argumentiert ähnlich, sie sagt: „Die Grundlage für eine langfristig funktionierende Fischerei sind gesunde Fischpopulationen.“ Daher sei es zwingend notwendig, endlich strengere Schutzmaßnahmen in vorhandenen Schutzgebieten zu verabschieden, damit Fischarten sich wieder regenerieren können. Doch nicht nur No‑Take‑Zonen seien entscheidend, auch die Überdüngung der Ostsee und die damit verbundene Ausbreitung der sauerstoffarmen „Todeszonen“ sowie das Absterben der Seegraswiesen müssten gestoppt werden, damit die Lebensräume lebenswert für Fische blieben.

Aber auch Fachpolitiker von Landtagsfraktionen bringen sich in die Debatte ein. Der Konflikt zwischen Fischerei und Meeresschutz sei vorrangig ein kurzfristiger, sagt der umwelt‑ und landwirtschaftspolitische Sprecher von Bündnis 90/Die Grünen, Harald Terpe. Langfristig liege es im Interesse der Fischerei, dass sich Ökosysteme und Fischvorkommen erholen. Dafür brauche es Nutzungsfreiheit in sensiblen Laich‑ und Rückzugsgebieten – übersetzt: „Keine Fischerei, keine Schifffahrt, kein Rohstoffabbau.“ Die niedrigen Bestände seien „Folge einer viel zu zögerlichen Schutzpolitik“.

Dirk Bruhn, der landwirtschaftspolitische Sprecher der Linksfraktion, betont auf Nachfrage den unverzichtbaren Schutz der Ostsee, sieht aber kleinräumige Schutzgebiete für wandernde Arten als nur begrenzt wirksam. Schutzgebiete hätten fraglos spürbare Auswirkungen auf die Küstenfischerei, dennoch hält er ihre Weiterentwicklung für notwendig – vorausgesetzt, die Fischerei werde früh eingebunden und unverhältnismäßige Belastungen vermieden oder ausgeglichen. Nichtsdestotrotz gilt für ihn: „Die Küstenfischerei ist ein wichtiger Bestandteil der maritimen Tradition und regionalen Identität Mecklenburg‑Vorpommerns.“

CDU plädiert für Reduktion der Kormoranbestände

Die agrarpolitische Sprecherin der CDU‑Fraktion, Beate Schlupp, lehnt weitere Schutzgebiete ab. Eine solche sei angesichts der hohen Nutzungsdichte nicht realisierbar. Zusätzliche fischereiliche Einschränkungen würden die Existenz der Kutter‑ und Küstenfischerei gefährden. Zudem könne die kleine Branche nur bestehen, wenn EU‑, Bundes‑ und Landesmittel dauerhaft Einkommensverluste aus Fangbeschränkungen und Schutzauflagen ausgleichen. Die CDU plädiert darüber hinaus für eine Reduktion der Kormoranbestände und ein Robben‑Management, um die Fischbestände zu schonen.

Eine vergleichbare Position vertritt Paul Timm. Der fischereipolitische Sprecher der AfD‑Landtagsfraktion hält geschützte Areale grundsätzlich für sinnvoll, kritisiert jedoch deren Ausweisung ohne ausreichende Berücksichtigung der lokalen Fischereipraxis und ohne belastbare wissenschaftliche Grundlage. Die Verantwortung für das ökologische Gleichgewicht der Ostsee liege bei allen Anrainerstaaten, nicht allein bei Deutschland. „Mit Till Backhaus als zuständigem Minister hat Mecklenburg‑Vorpommern leider einen schlechten Anwalt der Fischer.“ Die Stilllegeprämie sei aus seiner Sicht ein falsches Signal, weil sie das Aufgeben belohne statt das Weitermachen. Kutter gehörten „auf See, nicht ins Museum“. Und nicht zuletzt werde Fisch immer ein Lebensmittel bleiben, „also wird auch die Fischerei als solche erhalten bleiben“, so Timm.

Doch die Frage nach dem Ende der Küstenfischerei bleibt ein Tabu. Es geht um mehr als ein Gewerbe, um mehr als Förderinstrumente und um mehr als Fangquoten. Es geht um eine regionale Identität, die Häfen, Märkte und Dörfer prägt. Vielleicht bleiben am Ende nur die Pukhütten stehen – als folkloristisches Relikt.

Oliver Rast ist seit 2017 freier Autor für verschiedene Publikationen zu Umwelt-, Agrar- und Gesundheitsthemen. Seine Leidenschaft gilt überdies dem Sport.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source geben wir allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

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