Luxemburger Erfindungen: Warum es ohne einen Luxemburger keine Doc Martens gäbe

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Luxemburger Erfindungen: Warum es ohne einen Luxemburger keine Doc Martens gäbe

Luxemburger Erfindungen Warum es ohne einen Luxemburger keine Doc Martens gäbe

Luxemburg · Vom Arbeiterstiefel zum Kultobjekt: Ein deutscher Arzt gab den Doc Martens ihren Namen. Doch erst ein Luxemburger Unternehmer machte die luftgepolsterte Sohle zum Geschäftserfolg.

23.09.2026 , 14:24 Uhr

Dr. Martens gilt zwar als britische Stilikone, doch erfunden wurden die Kult-Schuhe von einem deutschen Arzt und einem luxemburgischen Ingenieur.

Foto: Getty Images/oversnap

Ob als Arbeiterstiefel, Punk-Symbol oder Mode-Statement: Dr. Martens gehören zu den bekanntesten Schuhen der Welt. Die gelbe Naht, die klobige Form und die federnde Sohle sind längst unverwechselbar.

Dabei stammen die Kulttreter gar nicht aus England. Und auch der deutsche Arzt Dr. Klaus Märtens ist nicht der alleinige Vater der Docs. Ohne einen Luxemburger Tüftler wären die berühmten Luftpolsterschuhe vermutlich nie zum Welterfolg geworden.

Doc Martens: Vom Arbeitsschuh zum Kulttreter

Die Geschichte beginnt mit einem Skiunfall. Klaus Märtens, Landarzt vom Starnberger See und während des Zweiten Weltkriegs als Arzt bei der deutschen Wehrmacht eingesetzt, bricht sich den Fuß. Als wäre das nicht schlimm genug, muss er anschließend wieder in seine unbequemen Militärstiefel steigen. Die harten Sohlen setzen seinem verletzten Fuß zu. Märtens beginnt deshalb, über einen bequemeren Schuh nachzudenken.

Nach Kriegsende suchen viele Menschen in den Trümmern deutscher Städte nach allem, was sich noch gebrauchen oder verkaufen lässt. Märtens hält dagegen Ausschau nach Material für seine Idee: Leisten, Leder, Nadeln und Nähfäden. Der Arzt hat eine Vision, aber noch kein fertiges Produkt. Was ihm fehlt, ist ein Partner, der aus der Idee einen funktionierenden Schuh machen kann.

Diesen Partner findet Märtens in seinem Studienfreund Herbert Funck. Der Luxemburger ist Diplom-Ingenieur für Kunststofftechnik und als Plastik-Tüftler genau der richtige Mann für das Projekt. Während Märtens die medizinische Idee und den Blick für bequemes Schuhwerk einbringt, kümmert sich Funck um die technische Umsetzung.

Funcks entscheidender Beitrag ist die PVC-Luftpolstersohle. Sie wird durch Hitze dauerhaft mit dem Obermaterial verschweißt und macht den Schuh dadurch wasserfest. Zugleich federt sie jeden Schritt ab. Das Prinzip klingt heute selbstverständlich, war damals aber eine echte Innovation. Die Luft im Schuh wird zum Herzstück des späteren Erfolgs – und zu einem Markenzeichen, das Dr. Martens bis heute prägt.

Der Luxemburger Herbert Funck erfindet die Luft im Schuh

Auch wirtschaftlich ist Funck für das Duo ein Glücksfall. Im Nachkriegsdeutschland herrscht Materialmangel, und die Handelsbeschränkungen erschweren den Aufbau eines Unternehmens. Als Luxemburger kann Funck jedoch Rohstoffe organisieren. Die ersten Schuhe entstehen deshalb aus Resten von Wehrmachtsmaterial und alten Gummibeständen der deutschen Luftwaffe. Aus dem, was andere nicht mehr brauchen, machen die beiden Tüftler einen Schuh mit Zukunft.

Die ersten Prototypen überzeugen vor allem durch ihre Sohle. Sie sind nicht nur stabil, sondern luftgefedert – ein deutlicher Unterschied zu den steinharten Ledersohlen der Zeit. Die neue Produktion kommt zunächst bei Soldaten gut an. Noch erfolgreicher ist sie allerdings bei älteren Frauen, die bequemes Schuhwerk zu schätzen wissen. Märtens fasst den Zeitgeist später treffend zusammen: „Ganz Europa hatte gerade fünf Jahre in Sicherheitsstiefeln verbracht.“ Der luftgepolsterte Schuh sei deshalb „die richtige Antwort zur richtigen Zeit“ gewesen.

In den 1950er-Jahren betreiben Funck und Märtens in München eine Schuhfabrik. Rund 200 Modelle entstehen dort. Dass die Produktion trotz knapper Ressourcen läuft, ist vor allem Funcks Kontakten und seinem technischen Geschick zu verdanken. Gleichzeitig legt er die Grundlagen für jene Konstruktion, aus der später die berühmte Airwair-Sohle hervorgehen wird. Aus dem bequemen Gesundheitsschuh wird Schritt für Schritt ein ernst zu nehmendes Geschäft.

Der große Durchbruch kommt, als die Rechte 1959 an den britischen Schuhhersteller R. Griggs Group verkauft werden. Die Briten verpassen dem Modell seinen bis heute bekannten Look: eine schwarz-gelbe Fersenschlaufe, die Bezeichnung „Airwair“ für die federnde Sohle und die auffällige gelbe Rahmennaht. Dazu kommt der Slogan „with bouncing soles“ – mit federnden Sohlen. Die Naht ist nicht bloß Dekoration. Ihr Kontrast zum dunklen Leder sorgt dafür, dass der Schuh auch aus der Entfernung gut zu erkennen ist.

Vom Szene-Accessoire zum Mainstream

Rebellion und Individualität: Hier setzen die Docs in den 1960er- und 1970er-Jahren den Höhepunkt. Punks, Skinheads und andere Subkulturen sowie Rockidole treten mit den Stiefeln auf den Plan – auch als Zeichen der Solidarität mit der Arbeiterklasse. Docs werden vom Schuh zum Symbol.

International wächst die Marke Dr. Martens in den 1980ern weiter. Inzwischen sind die Stiefel nahezu Mainstream geworden – mit der Öffnung hin zu neuen Modellen: Neben den Klassikern wie dem 1460er Acht-Loch-Stiefel und dem 1461er Sechs-Loch-Halbschuh gibt es Künstler-Editionen, aber auch Sandalen, Kinderstiefel und die Blümchen-Hippie-Variante.

Auch wenn mittlerweile ein Großteil der heutigen Produktion aus Asien kommt, wird die Kollektion „Made in England“ tatsächlich noch in Großbritannien hergestellt. Und: Noch immer verdienen die Familien Märtens und Funck neben der inzwischen mehrheitlich beteiligten Kapitalgesellschaft Permira (Hugo Boss, Klarna, Engel & Völkers) an der Erfindung ihrer Vorfahren. Denn mit jedem verkauften Paar erhält die deutsch-luxemburgische Patentgemeinschaft eine Lizenzgebühr für die Sohle – die Erfindung von Herbert Funck aus dem Großherzogtum.