Wie Mainz 05 Alynho Haidara in der Fußballschule von Aristide Bancé gefunden hat
Neuzugang Alynho Haidara stammt aus der Fußballschule des früheren Mainzer Torjägers Aristide Bancé. Was steckt hinter der Anekdote, Christian Heidel habe ihn dem FC Chelsea weggeschnappt?
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Soeben hatte Urs Fischer das Ende einer Übungsform verkündet, da nahm Alynho Haidara noch einmal Maß. Aus dem Stand drosch er einen ruhenden Ball aus der Ecke zwischen Mittel- und Seitenlinie aufs Tor. Die Kugel setzte kurz vor der Torlinie auf und sprang dann in den Winkel. Physiotherapeut Stefan Kamilli, der unmittelbar neben dem Spieler stand, schüttelte ihm die Hand und verneigte sich halb im Scherz, halb vor Respekt. Und Haidara strahlte übers ganze Gesicht.
„Der Junge hat durchgehend gute Laune“, sagt Christian Heidel, der Sportvorstand des FSV Mainz 05, über den gerade 18 Jahre alt gewordenen Stürmer. Haidara ist einer von fünf Feldspielern aus der U19 und U23, die dieser Tage mit dem Profikader im Tiroler Trainingslager arbeiten dürfen – und allesamt hinterlassen sie bislang einen glänzenden Eindruck.

Haidaras Geschichte unterscheidet sich von jenen der anderen jungen Kollegen. Haidara ist Ivorer, stammt aus der Akademie des früheren Mainzer Torjägers Aristide Bancé und weilt erst seit wenigen Wochen in Deutschland. Sollte der technisch hoch veranlagte Jugendliche dereinst Karriere machen, dürfte seine Geschichte immer wieder mit der Anekdote verknüpft werden, die 05er hätten ihn dem FC Chelsea vor der Nase weggeschnappt.
„Na ja“, sagt Heidel, „ganz so war es nicht.“ Aber: Als Haidara aus dem U17-Afrika-Cup als Torschützenkönig hervorging, wollten die englischen Beobachter ihn verpflichten, um ihn, wie so viele andere Talente, in einem zweiten Schritt vermutlich bei Racing Straßburg zu parken. Der junge Mann aber hatte eine andere Idee. „Er wollte nach Mainz, weil er vorher schon mal bei uns war und sich sehr wohlgefühlt hatte.“
40 bis 50 Jugendliche um sich geschart
Die Rheinhessen profitieren davon, dass sie Bancés Fußballschule in Jacqueville, 70 Kilometer von Abidjan, seit deren Anfängen auf unterschiedliche Weisen unterstützen. „Das war beeindruckend, wie Aristide das gehandelt hat“, erzählt Heidel, der vor rund drei Jahren mit dem damaligen Sportdirektor Martin Schmidt vor Ort war.
Bancé, „Trainer, Manager und Präsident in einem“, habe allmorgendlich 40 bis 50 Jugendliche um sich geschart. Keineswegs auf einem gepflegten Rasenplatz. „Das war eine Wiese wie im Stadtpark, und mittendrin stand ein Baum.“ Der Begeisterung der jungen Kicker habe das keinen Abbruch getan. Im Gegenteil. „Es ist unglaublich, zu welchen Kabinettstückchen sie auch auf dem schlechtesten Untergrund in der Lage sind.“
„Wir mussten sie erst mal mit warmen Klamotten ausstatten“
Zu Trikots aus Mainzer Beständen – Bancé hat seinen Klub Academie Mayence 05 de Jacqueville getauft – gesellte sich etwas später ein Kooperationsvertrag. Der Bundesligaverein beteiligte sich am Umzug und Aufbau der Einrichtung an einem besser geeigneten Standort und lud die Mannschaft seines ehemaligen Spielers nach Mainz ein. Es war Winter, „und ausgerechnet am Tag ihrer Ankunft hat es geschneit – für die Jungs war das ganz neu. Wir mussten sie erst mal mit warmen Klamotten ausstatten.“
Haidara war einer der Besucher. Inzwischen spielt das Team im Ligabetrieb mit, auch gegen deutliche ältere Akteure, und auf dem Mannschaftsbus, erzählt Heidel, „prangt das Mainzer Logo. Das ist doch kurios: Da fährt ein 05-Bus durch Westafrika, und die Spieler tragen 05-Trikots …“
Zwei davon tun dies mittlerweile am Bruchweg: neben Haidara der seit Oktober für die U23 spielende Mokesse Bamba. Beide haben zunächst einen Deutschkurs besucht und sind bei einer Familie untergebracht. „Wir wollten auf keinen Fall, dass sie nach Deutschland kommen und außerhalb des Fußballs auf sich allein gestellt sind“, sagt Heidel. „Das Projekt hat schließlich auch eine soziale Komponente.“
Alynho Haidara gehört zum Profikader und bringt die Anlagen mit, der zweite Ivorer in der Vereinsgeschichte zu werden, der Bundesligatore erzielt. „Wir wollen langsam machen“, erklärt der Sportvorstand. Der achtzehnjährige Schlaks soll sich an die Belastung gewöhnen – was ihm anscheinend gut gelingt – und physisch stärker werden, damit seine technischen Fähigkeiten in Zweikämpfen mit gestandenen Innenverteidigern zur Geltung kommen, ohne dass er weggeblasen wird. „Aber der Junge hat Spaß und ist motiviert“, sagt Heidel: „Und er hat einen Schuss wie ein Ochse.“