Miese Ernte: Landwirtschaftsminister Rainer warnt vor „massiver Krise von nationaler Tragweite“

wa.dePolitikStand: 08.09.2026, 22:32 UhrKommentareUns auf Google folgenMacht Alois Rainer jetzt alles anders als Cem Özdemir? Eine Tierwohlabgabe will der CSU-Landwirtschaftsminister zumindest nicht, wie er im ...

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Miese Ernte: Landwirtschaftsminister Rainer warnt vor „massiver Krise von nationaler Tragweite“

Stand: 08.09.2026, 22:32 Uhr

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Macht Alois Rainer jetzt alles anders als Cem Özdemir? Eine Tierwohlabgabe will der CSU-Landwirtschaftsminister zumindest nicht, wie er im Interview erklärt.

Berlin – Markus Söder setzte nach der Bundestagswahl direkt den Ton fürs Landwirtschaftsministerium. „Statt dem grünen veganen Özdemir kommt jetzt der schwarze Metzger“, meinte der CSU-Chef mit Blick auf Rainers berufliche Ausbildung. „Jetzt gibt’s wieder Leberkäs statt Tofu-Tümelei.“ Ob Rainer sich selbst so vorgestellt hätte, ist zumindest fraglich. Als söderscher Haudrauf ist der gebürtige Niederbayer nicht bekannt. Rainer spricht ruhig. Gerade hat der Minister ohnehin andere Aufgaben als markige Worte. Die Ernte 2026 fiel schlecht aus. „Teils gravierende Ertragseinbußen“ belasten die Landwirtschaft, sagt der CSU‑Politiker. Im Interview mit der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media spricht Rainer über dauerhaft niedrige Ernten, Bedrohungen durch Russland und erklärt, warum er Abgaben wie eine Fleisch- oder Zuckersteuer ablehnt.

Herr Rainer, wir haben zuletzt eine Straßenumfrage zum Kabinett gemacht. Sie kannte kaum jemand. Sind Sie der unbekannteste Merz-Minister? 

Politik ist für mich kein Popularitätswettbewerb. Ich bin Minister geworden, um etwas zu bewegen: für unsere Landwirtschaft und die Menschen, die Verantwortung für unsere Ernährung und Heimat übernehmen und unser Land am Laufen halten.

Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer sieht im Ministerium eine Straßenumfrage unserer Redaktion, in der niemand seinen Namen kannte.

Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer sieht im Ministerium eine Straßenumfrage unserer Redaktion, in der niemand seinen Namen kannte. © Jon Lasse Schmitt/Ippen.Media

Für was wollen sie am Ende der Legislatur stehen?

Dafür, dass ich einen Kurswechsel vollzogen habe in meinem Ressort. Ich habe die Landwirtschaftspolitik vom Kopf auf die Füße gestellt. Weg vom erhobenen Zeigefinger hin zu Freiheit und Freiraum, Vertrauen statt Misstrauen. 

Heimatminister Rainer: „Rechtsextreme versuchen mit dem Begriff etwas vorzutäuschen“

Sie sind auch Heimatminister. Was heißt Heimat für Sie?

Unglaublich viel. Für mich persönlich ist Heimat da, wo mein Herz schlägt. Mein Heimatort ist Haibach in Niederbayern. Hier bin ich aufgewachsen, hier lebt meine Familie. Zur Heimat gehört auch das Ehrenamt: Verantwortung füreinander übernehmen und sich auf andere verlassen können. Etwa bei der Freiwilligen Feuerwehr, im Sportverein oder der Landjugend. Heimat entsteht dort, wo Menschen mithelfen und zusammenstehen. Gute Heimatpolitik ist für mich aber auch der Anspruch, Wirtschaft und Wertschöpfung in ländlichen Regionen zu stärken.

Heimat ist immer auch ortsgebunden. Was bringt einem in Niederbayern ein Heimatministerium in Berlin? 

Die Politik setzt die Rahmenbedingungen: über den Bund, die Länder, die Kommunen und auch auf europäischer Ebene. In meinem Ministerium wollen wir herausfinden, was die Menschen vor Ort wirklich brauchen. Im Herbst veröffentlichen wir einen Heimat-Report, der auf einer repräsentativen Umfrage basiert. In unseren Heimat-Dialogen suchen wir bewusst das direkte Gespräch. Wir müssen den Bürgern zuhören und daraus politisches Handeln ableiten. Was das konkret ist, unterscheidet sich von Region zu Region. Da gibt es kein Patentrezept. Was in Niederbayern funktioniert, kann etwas anderes sein als das, was die Menschen an der Nordseeküste oder in der Rhein-Main-Region brauchen. Heimatpolitik muss diese Unterschiede ernst nehmen. Unser Anspruch ist, daraus konkretes politisches Handeln abzuleiten und die Menschen zu stärken, die ihre Heimat jeden Tag gestalten. Dazu gehört selbstverständlich, Wirtschaft und Wertschöpfung in ländlichen Regionen zu stärken.

Heimat ist zusehends ein Kampfbegriff, der auch zur Ausgrenzung benutzt wird. Müsste der Heimatminister da nicht klar Stellung beziehen, um Polarisierung zu verhindern?

Genau das tun wir mit unserer Heimat-Agenda, die ich im Sommer vorgestellt habe. Sie ist unser Leitbild und bezieht sehr klar Stellung für ein verbindendes Verständnis von Heimat. Heimat bedeutet Zugehörigkeit und Orientierung in einer Welt, die sehr komplex geworden ist. Dieses Miteinander, das für viele Heimat überhaupt erst ausmacht, ist leider nicht selbstverständlich. Es ist daher der Auftrag an uns alle, diesen unschätzbaren Wert zu pflegen und zu schützen – gegen die, die ihn für ihre Zwecke vereinnnahmen oder auch die, die ihn tabuisieren. Für mich ist Heimat ausschließlich positiv besetzt.

Die neonazistische NPD sieht das anders und nennt sich „Die Heimat“, als Ausgrenzung gegen Zugewanderte. Müsste man da nicht stärker dagegenhalten?

Rechtsextreme versuchen mit dem Begriff Heimat etwas vorzutäuschen: Sie sprechen von Heimat und meinen Ausgrenzung. Sie sprechen von Gemeinschaft und betreiben Spaltung. Das hat mit meinem Verständnis von Heimat nichts zu tun. Ich werde Rechtsextremen nicht die Deutungshoheit über einen Begriff überlassen, der für die große Mehrheit der Menschen etwas Positives bedeutet.

Alois Rainer in Bundeslandwirtschaftsministerium in Berlin im Interview mit unserer Redaktion.

Alois Rainer in Bundeslandwirtschaftsministerium in Berlin im Interview mit unserer Redaktion. Seit 2025 ist er im Amt, seit 2013 sitzt er im Deutschen Bundestag. © Jon Lasse Schmitt

Kommen wir zur Landwirtschaft. In welche Richtung steuert sie derzeit? 

Die deutsche Landwirtschaft ist eine hochmoderne, innovative Branche. Und sie entwickelt sich stetig weiter, technisch wie auch in der Ausbildung. Junge Landwirtinnen und Landwirte bringen unglaublich viele Innovationen auf die Höfe. Allerdings steht die Branche vor großen multifaktoriellen Herausforderungen: Energiekosten und Inflation belasten die Betriebe stark, während die Einnahmen in fast allen Bereichen gesunken sind. Hinzu kommt die Bürokratie. Mein Ziel ist, unseren Landwirten wieder mehr unternehmerischen Freiraum zu geben und ihnen verlässliche Perspektiven für die Zukunft zu eröffnen. Da setzen wir an.

Wo genau?

Wir stellen jede Berichtspflicht auf den Prüfstand. Was nicht mehr gebraucht wird, sondern nur Zeit kostet, kommt konsequent weg. Die Stoffstrombilanzverordnung ist dafür ein gutes Beispiel, daher ist sie jetzt Geschichte. Wir haben zudem ein erstes Bürokratierückbaugesetz vorgelegt – für mich ist das ein „Zeit-fürs-Wesentliche-Gesetz”. Schulungen zum Pflanzenschutzmitteleinsatz müssen künftig nur noch alle sechs statt drei Jahre absolviert werden. Die Meldungen zum Antibiotikaeinsatz reduzieren wir auf einmal pro Jahr. Das sind ganz konkrete Entlastungen für die Betriebe, die in der Summe spürbar mehr Freiraum bringen.

Landwirtschaftsminister Rainer: „Unsere Landwirtschaft befindet sich in einer massiven Krise von nationaler Tragweite“

Welche Folgen hat die aktuelle Wetterlage auf die Erträge?

Sie sprechen den Erntebericht an, den ich letzte Woche vorgestellt habe. Die Trockenheit sorgt regional für sehr unterschiedliche Ergebnisse – mit teils gravierenden Ertragseinbußen. In Mecklenburg-Vorpommern liegt der Ertrag beim Raps etwa 25 Prozent unter dem Durchschnitt, beim Winterweizen verzeichnen wir bundesweit ein Minus. Bei der Getreideernte insgesamt muss der Süden starke Verluste hinnehmen. In Bayern liegt die Ernte mit minus 8,6 Prozent deutlich unter dem mehrjährigen Durchschnitt. Bei Herbstkulturen wie Zuckerrüben und Kartoffeln müssen wir abwarten. Aber wir müssen auch da mit Ernteverlusten rechnen. Die Erntezahlen allein bilden aber die Gesamtlage nicht ab. Unsere Landwirtschaft befindet sich in einer massiven Krise von nationaler Tragweite. Es geht nicht darum, jede Ertragsschwankung staatlich auszugleichen. Wenn aber die Substanz unserer Betriebe und damit Produktionskapazitäten dauerhaft gefährdet sind, dann dürfen wir nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Wir müssen dort gezielt unterstützen, wo Betriebe unverschuldet in Schwierigkeiten geraten.

Wie sieht diese Unterstützung konkret aus? 

Es geht jetzt darum, den Betrieben Liquidität zu verschaffen, damit sie ihre Mitarbeiter bezahlen oder Tierfutter kaufen können. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine und die Nahost-Krise haben zu weltweiten Verwerfungen geführt. Energie- und Düngemittelpreise sind hoch, Lieferketten sind eingeschränkt oder blockiert worden, die Produktionskosten steigen, während gleichzeitig vielfach die Erzeugerpreise sinken. Wir stocken daher das Liquiditätsprogramm der Landwirtschaftlichen Rentenbank von 200 Millionen Euro auf 500 Millionen auf. Es bietet zinsgünstige Darlehen mit reduzierter Prüfung – unbürokratisch und ohne Bedarfsprüfung. Zudem arbeiten wir an einem zweiten Liquiditätsprogramm speziell für die Dürrefolgen mit noch stärker vergünstigten Zinssätzen, das wir derzeit mit dem Finanzministerium abstimmen. Außerdem haben wir geklärt, dass bei bestehenden Darlehen der Rentenbank die Tilgung ausgesetzt werden kann und die Betriebe ihre Sozialversicherungsbeiträge stunden können. Wir haben auch sichergestellt, dass fällige Pachtraten bei der Bodenverwertungs- und -verwaltungs-GmbH gestundet und die Tilgung laufender Rentenbank-Darlehen ausgesetzt werden können.

Müssen wir uns dauerhaft auf niedrigere Ernten einstellen? 

Fakt ist: Wir befinden uns mitten im Klimawandel. Trockenphasen, Hitze und Extremwetter nehmen zu und stellen die Landwirtschaft vor Herausforderungen. Darauf müssen wir uns einstellen, aber nicht, indem wir die Hände in den Schoß legen. Wir fördern die Klimaanpassung in der Landwirtschaft auf vielfältige Weise: Auf dem Acker, etwa durch Förderprogramme zum Humusaufbau im Boden, damit er mehr Wasser hält. Aber auch in der Wissenschaft, etwa durch unsere Forschungsförderung für hitzeresistenten Backweizen. In der Forschung für klimaresilientere Pflanzen können auch die neuen genomischen Techniken eine große Rolle spielen.

Diese NGT genannte neue Gentechnik ist umstritten. 

Ich sehe es etwas anders. Der Klimawandel wartet nicht darauf, bis wir jede Debatte zu Ende geführt haben. Wenn wir Pflanzen schneller widerstandsfähiger gegen Trockenheit, Hitze und Krankheiten machen können, sollten wir diese Chance verantwortungsvoll nutzen. Bei den NGT wird kein Erbgut zwischen Pflanzen übertragen, sondern mit der Genschere etwas in der Pflanze selbst verändert. Klar ist auch: Wir müssen schon schauen, was auf unseren Äckern wächst.

Bauernproteste: „Das war einer der größten Fehler der Ampel-Regierung“

Die Agrardiesel-Subvention bleibt. Weil man nicht will, dass die Bauern mit ihren Traktoren nach Berlin rollen? 

Da geht es nicht darum, dass sie mit Traktoren nach Berlin rollen…

… haben sie aber ja gemacht. 

Ja, und es gab gute Gründe. Grünes Nummernschild und Agrardieselrückerstattung waren mit einem Federstrich Geschichte. Das war einer der größten Fehler der Ampel-Regierung und das völlig falsche Signal in einer wirtschaftlich angespannten Lage. Das wäre fast eine Milliarde weniger für die Landwirte gewesen. Für mich war klar, dass wir diesen Fehler beim Agrardiesel korrigieren mussten. Da geht es auch um die Wettbewerbsfähigkeit unserer Landwirte im Vergleich mit ihren Berufskollegen aus der EU. Deshalb sage ich sehr klar: Die Agrardieselrückerstattung bleibt. Die Betriebe brauchen Verlässlichkeit.

Bauernproteste

Zahlreiche Traktoren fahren auf der Straße des 17. Juni zum Brandenburger Tor. 2024 gab es in Deutschland große Bauernproteste. © Carsten Koall/dpa

Diskutiert wurde in der Vergangenheit immer wieder über den Tierschutz. Warum tun wir uns in Deutschland so schwer mit verpflichtenden Tierwohlkennzeichnungen? 

Im Koalitionsvertrag haben wir uns dazu bekannt, die staatliche, verpflichtenden Tierhaltungskennzeichung praxistauglich auszugestalten, damit sie für alle Beteiligten einen Mehrwert hat. Daran arbeiten wir in Abstimmung mit den Koalitionsfraktionen. Und wir haben schon eine freiwillige Kennzeichnung.

Genau das ist ja das Problem.

Unsere Landwirte stehen gerade bei Fleisch im europäischen und internationalen Wettbewerb. In den meisten anderen Ländern gibt es solche Kennzeichnungen nicht. Unsere Landwirte haben zudem bereits enorme Summen in tiergerechtere Ställe investiert. Was sie jetzt brauchen, ist Verlässlichkeit: Wer einen Stall baut, braucht mindestens 20 Jahre Planungssicherheit. Mehr Tierwohl erreichen wir dauerhaft nur, wenn unsere Tierhalter eine wirtschaftliche Perspektive haben und bereit sind, weiter zu investieren.

Ihr Amtsvorgänger Cem Özdemir wollte die „Tierwohlabgabe“. Kommt diese Fleischsteuer unter Ihrer Führung? 

Nein. Ich werde nichts vorschlagen, was Lebensmittel mit politisch motivierten Abgaben teurer macht – egal ob bei Fleisch oder anderen Produkten. Eine solche zusätzliche Belastung wird es mit mir nicht geben. Wir wollen mehr Tierwohl erreichen, aber wir müssen dabei auch die Verbraucherpreise und die Wettbewerbsfähigkeit unserer heimischen Landwirtschaft im Blick behalten.

Sie sind von Beruf Metzger und wissen doch, dass Qualität ihren Preis hat? 

Natürlich hat Qualität ihren Preis. Wir dürfen nur die Realität nicht ausblenden. Viele Menschen müssen beim Einkauf sehr genau auf den Preis schauen. Seit 2020 haben sich die Preise für Lebensmittel um mehr als 36 Prozent erhöht. Im Zweifel greifen Verbraucherinnen und Verbraucher dann verstärkt zum günstigeren Produkt. Damit wäre weder den heimischen Tierhaltern noch dem Tierwohl geholfen. Wir dürfen Lebensmittel mit staatlichen Abgaben nicht teurer machen.

Das macht die Bundesregierung jetzt aber mit der Zuckersteuer. 

Ich bin kein Freund der Zuckersteuer – das habe ich oft schon betont. Studien zeigen kaum Lenkungswirkung bei Übergewicht oder Gesundheit. Allerdings geht es hier um einen Teil der vom Koalitionsausschuss beschlossenen GKV‑Finanzreform. Ich bin Demokrat und trage diese Entscheidung selbstverständlich mit, aber nichts, was darüber hinausgeht.

CSU-Politiker Alois Rainer, Minister für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat, im Interview mit Christine Dankbar und Andreas Schmid.

CSU-Politiker Alois Rainer, Minister für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat, im Interview mit Christine Dankbar und Andreas Schmid. © Jon Lasse Schmitt/Ippen.Media

Russische Angriffe auf die Landwirtschaft? „Wir müssen uns auf Szenarien vorbereiten“

Ist die Landwirtschaft eigentlich auch von russischen Attacken betroffen? 

Wir müssen die veränderte Sicherheitslage sehr ernst nehmen. Landwirtschaft und Lebensmittelversorgung gehören zur kritischen Infrastruktur. In einer Krise geht es nicht nur um Energieversorgung, Kommunikation oder Verkehrswege. Es muss auch jederzeit gewährleistet sein, dass 84 Millionen Menschen zuverlässig mit Lebensmitteln versorgt werden können. Deshalb bringen wir diese Perspektive auch in die sicherheitspolitischen Beratungen der Bundesregierung ein. Bislang sind mir keine gezielten Angriffe auf unsere Landwirtschaft bekannt. Aber kritische Infrastruktur schützt man nicht erst dann, wenn sie angegriffen wurde.

Wie sorgt man dafür, dass das so bleibt? 

Unsere Versorgungsstruktur ist dezentral und heterogen, das macht sie widerstandsfähig. Der Eigenversorgungsgrad liegt bei rund 85 Prozent, bei Fleisch und Milch sogar über 100 Prozent. Wir sind erstmal gut aufgestellt. Aber ich sage auch klar: Wir müssen uns auf Szenarien vorbereiten, von denen wir hoffen, dass sie niemals eintreten. Deshalb fordere ich, Landwirtschaft und Ernährungswirtschaft künftig systematisch in Krisen- und Sicherheitsübungen einzubeziehen. Die sichere Versorgung mit Lebensmitteln gehört zur Sicherheitsvorsorge unseres Landes. Ernährungssicherheit ist eine Frage nationaler Resilienz.

Deutsche Bauern klagen immer wieder darüber, dass die Ukraine den Getreidemarkt kaputt macht. Stimmt das?

Ich kenne diese Sorge aus vielen Gesprächen mit unseren Landwirten und nehme sie ernst. Aber hier kann ich beruhigen: Der Anteil ukrainischer Getreideimporte nach Deutschland ist sehr gering und spielt keine Rolle für den Marktpreis. Das ukrainische Getreide geht primär in den Globalen Süden. Die Schwankungen beim Weizenpreis hängen vor allem mit der allgemeinen Entwicklung auf dem Weltmarkt zusammen, wie Ernteerwartungen, Lagerbeständen oder gestörten internationalen Lieferketten.

Zuletzt ist der Weizenpreis gestiegen, liegt bei rund 245 Euro pro Tonne.

Wir dürfen nicht allein auf den Preis pro Tonne schauen. Entscheidend ist, was am Ende auf dem Hof übrig bleibt. Die Kosten für Energie oder Dünger liegen weiter auf einem hohen Niveau. Deshalb reicht das aktuelle Preisniveau bei vielen Betrieben nicht aus, um wirtschaftliche auskömmliche Margen zu erzielen. Hier helfen wir: Mit 60 Millionen Euro an EU-Mitteln werden wir den Betrieben unter die Arme greifen, bei denen die gestiegenen Dünger- und Dieselkosten hart zu Buche schlagen.

Gefallen ist der Milchpreis, hieß es zuletzt aus Mecklenburg-Vorpommern. Ein bundesweites Phänomen? 

Ja. Der Rückgang betrifft das gesamte Bundesgebiet. Ich hoffe sehr, dass die Talsohle beim Milchpreis nun erreicht ist. Entscheidend ist am Ende, dass die Betriebe mit ihrer Arbeit auch Geld verdienen können. Dauerhaft kann Milcherzeugung in Deutschland nur funktionieren, wenn die Preise die Kosten und die Leistung unserer Landwirte angemessen widerspiegeln. Deshalb entlasten wir, wo wir können – den Bürokratieabbau habe ich schon angesprochen – und schaffen auch Chancen in neuen Märkten. Mit unserer Agrarexportstrategie wollen wir Handelshemmnisse abbauen und den Betrieben helfen, neue Handelspartner zu gewinnen. Wir können Weltmarkt und Wochenmarkt.

Für Verbraucher ist das aber ja eine gute Nachricht, da Milch billiger bleibt? 

Beides gehört für mich zusammen: Lebensmittel müssen bezahlbar bleiben, und gleichzeitig brauchen unsere Betriebe auskömmliche Erzeugerpreise. Ich glaube, dass die große Mehrheit möchte, dass unsere Landwirte von ihrer Arbeit vernünftig leben können. Hinzu kommt: Ein sinkender Milchpreis, den der Landwirt erhält, bedeutet nicht automatisch, dass Milch und andere Lebensmittel im Supermarkt im gleichen Umfang günstiger werden. Zwischen Erzeugerpreis und Ladenpreis liegen Verarbeitung, Energie, Logistik und Handel. Deshalb sollten wir nicht Verbraucher und Landwirte gegeneinander ausspielen. Am Ende brauchen wir faire Bedingungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette.

Also müssen sich Verbraucher auf weiter steigende Preise einstellen? 

Am Erzeugerpreis hängt nur ein sehr kleiner Teil der Supermarktpreise, der große Batzen entfällt auf Verarbeitungs-, Lohn-, Transport- und vor allem Energiekosten. Wir haben in den vergangenen Jahren erhebliche Preissteigerungen bei Lebensmitteln erlebt. Davon ist bei unseren Landwirten aber kaum etwas angekommen. Deshalb müssen wir mit der Vorstellung aufräumen, dass ein auskömmlicher Erzeugerpreis automatisch zu deutlich höheren Preisen an der Ladentheke führt. Bezahlbare Lebensmittel und faire Einkommen für unsere Landwirte gehören für mich zusammen. (Interview: Christine Dankbar & Andreas Schmid)