Selenskyj kopiert seit Jahren diesen Hollywoodstar – und kaum jemand merkt es

Militärjacken als Modetrend, Rekruten wie Actionhelden: Der Krieg ist längst Teil unseres Alltags geworden. Auch der ukrainische Präsident inszeniert sich gern wie der Protagonist aus einem bekannten Melodram. Wieso fällt das niemandem auf?

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Selenskyj kopiert seit Jahren diesen Hollywoodstar – und kaum jemand merkt es

Zu Beginn des Ukraine-Krieges bot der elitäre Berliner Schuhladen Budapester auf dem Kurfürstendamm in Berlin in seinem Schaufenster kniehohe Damenstiefeletten in militärischen Tarnfarben an. Ich fand das ziemlich geschmacklos. Krieg als modische Haltung?

Die renommierte Mode-Expertin Barbara Vinken sagte mir damals, dass sie glaube, die Stiefel müssten subversiv gelesen werden, also als eine Art Affirmation von Frauen, die selbst im Krieg die Eleganz hochhalten. Semiotisch gesehen sind beide Interpretationen zulässig. Wie auch die, dass die Militärstiefeletten eine weibliche Solidarisierung mit den Männern konnotieren.

Die Mode ist nicht das einzige Gebiet, das sich militarisiert hat

Unterdessen sind vier Jahre vergangen und weder der Krieg noch die militarisierte Mode sind verschwunden. Im Gegenteil. Deutschland feiert auf Militärtagen seine Kampfflugzeuge und das Magazin Elle jubelt: „Die Militärjacke ist zurück – so stylst du den Trend 2026“. Da ist dann von einem „Kommandant mit Stil“ die Rede oder auch von einer „unaufdringlichen Befehlsgewalt“. Was um Himmels willen ist denn das?

In einer Zeit, in der respektierte Generäle und Militärexperten vor einer ernsthaften Eskalation warnen, erlaubt sich die Modebranche, die Militarisierung als neuen, schicken Trend zu verkaufen? Nach Subversion sieht das jedenfalls nicht aus, kann dieses modische Empowerment doch schwerlich als etwas anderes gelesen werden denn als eine vestimentäre Unterstützung der neuen deutschen Zielvorgabe, die stärkste Militärmacht Europas zu werden.

Doch die Mode ist nicht das einzige Gebiet, das sich militarisiert hat, Artikel, Diskurse, Werbeplakate und Militär-Werbefilme haben sich längst in unseren Alltag eingeschlichen und sind Teil unserer „neuen Normalität“ geworden. Wobei „eingeschlichen“ hier wohl das falsche Wort ist – denn der Kriegsdiskurs ist nicht nur subtil hier und dort zu sehen – er ist überall präsent – und das laut und selbstbewusst. Da nimmt so ein Werbeplakat schon gerne den ganzen Bus oder die ganze Straßenbahn ein, wie auch ein Wehrdienst-Werbeclip die ganze große Kinoleinwand. Zu stören scheint das nur wenige, der Gewöhnungseffekt ist da.

Diese Zeichen, Bilder und Narrative wollen gedeutet werden. Wenn man in Deutschland vor dem Ukraine-Krieg Menschen die Frage gestellt hätte: „Was ist ein Held?“, hätte man solche Antworten bekommen: „Ein Held ist ein Protagonist in einem Film, der eine Heldenreise erlebt und am Ende geläutert durchkommt“ oder „Ein Held ist ein Mensch, der sein Leben riskiert, um ein ertrinkendes Kind zu retten.“ (In der Tat gibt es in Deutschland die Verleihung eines Preises für „Retterhelden“: Menschen, die „selbstlos“ ihr Leben riskieren, um andere zu retten.)

Der Held ist vor allem ein Soldat

Dass ein Held vor allem ein Soldat ist, auf diese Idee wäre damals niemand gekommen. Auch der Deutschlandfunk war davon überzeugt, dass wir in einem „postheroischen“ Zeitalter leben, in dem Heldengeschichten des Krieges verblassen, weil sie einer Zeit angehören, die überwunden scheint. „Vergiftet sind Heldengeschichten vom Krieg, zumal in Deutschland … Die NS-Ideologie propagierte einen Heldentypus, der sich für das Vaterland opferte bis zum Tod“, hieß es in einer Sendung aus dem Jahre 2018.

Doch die rhetorische und narrative Brandmauer, die uns als Gesellschaft einte, ist durchbrochen worden. Das soldatische Heldentum ist zurück: rhetorisch und bildermächtig. Täglich begegnen uns nun Menschen, deren Heldenstatus schlicht darauf gründet, dass sie in die Armee eingetreten sind. Dass sie Tarnfarben tragen und sich als Teil eines größeren Ganzen – einer Kampftruppe – fühlen.

All dies bestens vermittelt über eine Bundeswehr-Kampagne, in der junge Rekruten zu Hollywoodstars aus einem Actionfilm inszeniert werden. Dazu mit Sprüchen, die wahlweise entweder die Sehnsucht nach Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit ansprechen („Das Gefühl, wenn eine ganze Armee hinter dir steht“) oder nach Selbstüberwindung („Wie weit kannst du kommen, wenn du an dein Limit gehst?“) oder die nach Macht und Unterwerfung („Führungsstark“).

Die ikonographische und rhetorische Revitalisierung des soldatischen Heldentums beginnt allerdings nicht bei uns, sondern in der Ukraine. Schon bald nach Kriegsbeginn wurde diese auf der vom ukrainischen Staat finanzierten und unterstützten Webseite Brave Ukraine professionell mit Bild und Text in Szene gesetzt.

Dabei ist die Überhöhung des Krieges aus ukrainischer Sicht psychologisch durchaus verständlich: Wenn junge Männer ihr Leben lassen müssen, ist es nachvollziehbar, diesen Tod in einen größeren Kontext zu stellen, der es erlaubt, ihren Tod nicht als völlig sinnlos, sondern im Gegenteil als bedeutsam und wichtig zu betrachten. Oder einfacher formuliert: Ein toter Soldat ist einfach nur traurig, ein Held, der für sein Vaterland gestorben ist, ist edel.

Deutschland hat sich von der Veredelung des Krieges anstecken lassen

Wie leicht hat man sich hier in Deutschland von dieser Art Veredelung des Krieges anstecken lassen! Befremdlich mutet es an, wenn der Spiegel im Rahmen der Kriegsberichterstattung 2024 ein Bild veröffentlicht, das ikonographisch an eine Schlachtszene eines Gemäldes aus dem 19. Jahrhundert anknüpft: großflächig, tragisch. Aber eben auch monumental und erhaben. Ob man diese Kriegsveredelung als Resultat einer (zu) lange unterdrückten kollektiven Erinnerung an Macht und Nationalstolz ansieht, mögen Psychoanalytiker beurteilen.

Dreh- und Angelpunkt der „Bravery Ukraine“-Webseite ist das Wort „Mut“. Wahrhaft mutig, das sind allerdings, wenn wir der Webseite glauben wollen, allein die Ukrainer, die diese Eigenschaft als „Geschenk ihrer Eltern“ erhalten haben. Mut als exzeptionelles Merkmal eines Volkes also? Dieses Narrativ wäre noch vor wenigen Jahren – wie etwa in einem Artikel der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung aus 2007 – als ein überholter und gefährlicher völkischer Nationalismus kritisiert worden.

Besonders irritierend mutet in diesem Kontext die Idee der ukrainischen Regierung an, über dieselbe Webseite „Mut-Produkte“ wie T-Shirts, Tassen, Mützen und Baby-Strampler anzubieten. Die Botschaft an den Westen ist eindeutig: Ihr könnt zwar nie so mutig sein wie wir, aber ihr könnt uns monetär unterstützen und auf diese Weise an unserem Mut teilhaben.

Auch Russland versucht massiv, das Soldatentum zu heroisieren

Russland ist nicht besser. Auch hier spielt der Heldenkult eine zentrale Rolle. Entsprechend ist es kein Zufall, dass die höchste staatliche Auszeichnung „Held der Russischen Föderation“ lautet – Russland versucht massiv, das Soldatentum in seinem Sinn zu heroisieren. Allein, es hat keinen Sinn, immer nur auf einem Auge blind zu sein und immer nur auf Putins Inszenierungen und Narrative (zu Recht) zu schimpfen – denn semiotisch gesehen besteht kein Zweifel, dass Wolodymyr Selenskyj das Gleiche macht. Beide Präsidenten inszenieren sich über ihre Körper, ihre Rhetorik und ihre mediale Darstellung als die Personifikation des Heldenmuts, als Allegorien für Standhaftigkeit und Gerechtigkeit.

Narratologisch gesehen inszeniert sich Selenskyj, der ehemalige Schauspieler und Filmproduzent, in offensichtlicher Anlehnung an den von Russell Crowe gespielten Gladiator aus dem gleichnamigen Hollywoodfilm als pathetisch sprechender Underdog-Held eines Melodrams, in dem bekanntlich immer ein Unschuldiger gegen das ultimative Böse antritt, das die Weltordnung erschüttert und Ungerechtigkeit über die Welt bringt. Wie der Gladiator steht er dabei als Zeichen für die Freiheit der Welt, die er einfordert und in deren Namen er Menschen zu vereinen sucht.

Putin hingegen bedient das Genre der Tragödie, das von der Idee einer schicksalhaften Unausweichlichkeit strukturiert wird. Für dieses Narrativ nimmt insbesondere der mythische Held Alexander Newski eine zentrale Rolle ein, inszeniert sich Putin doch selbst als der mythische Held, der den Kampf des Fürsten von Nowgorod, der vor 800 Jahren gegen Deutschland kämpfte und wie kein anderer für die Größe und Einheit des russischen Volkes steht.

2008 wählte das russische Fernsehen Newski zum beliebtesten Helden Russlands und Putin tat alles, um im Laufe der 800-Jahr-Feier Newski im kulturellen Imaginären fest als Ikone zu verankern. Eine Ikone, deren Erbschaft er selbst angetreten hat. Der semiotische Oberbegriff lautet dabei „Auferstehung zu alter Größe“, der über die „Bewahrung der russischen Einheit“ wiederhergestellt werden soll. Über die inszenierte visuelle Ähnlichkeit mit dem Nationalhelden Newski versucht der russische Präsident, eine Botschaft zu vermitteln, dass es eine geschichtliche Verpflichtung der eigenen Geschichte gegenüber gibt, wieder eine große Nation zu bilden.

Die Realität des Krieges ist eine Leerstelle

Eingezwängt zwischen dem ukrainischen Melodram und der russischen Tragödie bleibt allerdings eine große Leerstelle – und das ist die Realität des Krieges. Sie wird konsequent durch linguistische und bildhafte Mittel aus- beziehungsweise überblendet.

Schlimm genug, dass dies in Russland und der Ukraine geschieht – zumindest wir Europäer, insbesondere wir Deutschen, sollten uns vor einer Neu- beziehungsweise Wiederaufladung bestimmter Begriffe hüten. Haben wir in den letzten Jahren nicht peinlich genau darauf geachtet, was mit welcher Sprache von wem und wie gesagt wird? Warum soll das nun ausgerechnet im Begriffsfeld „Krieg“ keine Rolle spielen? Unsere kulturelle Schizophrenie könnten wir noch bitter bereuen.

Noch können wir uns damit trösten, dass wir uns auf der Seite der Guten wiegen, wenn wir die Ukraine unterstützen und uns gegen Russland stellen. Doch was, wenn andere den einmal etablierten Heldenmut für andere Zwecke einsetzen möchten? Die Geister des Krieges, die wir riefen, werden möglicherweise dann nicht so wie im Zauberlehrling von Goethe einfach so verschwinden. Was bekanntlich dann im Gedicht passiert (ein absolutes Chaos und Zerstörungswerk), kann dort von Zauberhand wieder gut gemacht werden. Ein dritter Weltkrieg dürfte sich nicht so leicht wieder reparieren lassen.