„Mini-Islamisten“
In den Vergasungsfantasien eines CDU-Politikers zeigt sich mal wieder: Im konservativen Panoptikum der Bedrohungen nimmt kaum eine Figur einen so prominenten Platz ein wie der junge männliche Muslim.
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Ein junger CDU-Politiker aus Krefeld in Nordrhein-Westfalen sagte kürzlich in einem Video: „Wenn ich weit oben bin, schiebe ich sie alle ab. Wobei, eigentlich würde ich die lieber umbringen lassen. So vergasen oder so. […] Man sagt immer ‚Fairness‘: Wir haben früher die Juden vergast und jetzt vergasen wir die Muslime.“ Das Video wurde in den sozialen Medien tausendfach geteilt. Die CDU Krefeld verurteilte die Äußerungen ihres Noch-Mitglieds und kündigte an, einen Parteiausschluss vorzubereiten.
Wie konnte es dazu kommen, dass sich ein Mitglied der CDU so sicher mit diesen Aussagen fühlte, und es sich dabei sogar selbst filmte? Zwar machte der Kreisverband umgehend klar, dass sein Verhalten nicht geduldet wird. Aber Vorbehalte gegenüber Muslimen waren in Deutschland noch nie ein Alleinstellungsmerkmal der extremen Rechten.
Seit einigen Jahren werden Muslime auch von bürgerlichen Konservativen zunehmend als Problem dargestellt. Besonders muslimische Kinder und Jugendliche geraten ins Visier eines Kulturkampfs, bei dem empirische Fakten hinter gefühlten Wahrheiten zurücktreten.
„Mini-Islamisten“ nennt Wolfgang Büscher einige muslimische Kinder, die sein Hilfsverein betreut. „Kleine Hardcore-Muslime“ seien es, die muslimische Mädchen zum Kopftuch und Nicht-Muslime zur Konversion drängen würden. Büscher ist Pressesprecher der „Arche“ – einem christlichen Hilfswerk, das nach eigenen Angaben rund 10.000 Kindern bei den Hausaufgaben hilft, ihnen kostenloses Mittagessen anbietet oder Feriencamps organisiert.
In letzter Zeit ist Büscher öfter in Medien wie Focus, Welt TV oder NIUS zu sehen. Ende 60, Ziegenbart und Baseballkappe, tritt er dabei mit markigen Sprüchen über Islam und Islamismus in Erscheinung. „Religiöses Mobbing“, so Büscher, gebe es „nicht von jüdischen Kindern, nicht von katholischen oder evangelischen Kindern“. Es seien die „Kinder aus dem politischen Islam“, die mobben.
Was ist an diesen Erzählungen dran? Im Gespräch mit der Weltbühne scheint der Arche-Gründer Bernd Siggelkow auf Distanz zu seinem Pressesprecher zu gehen. Er stellt klar, dass die Hauptursache für Gewalt unter Kindern nicht bei Muslimen liege, sondern in einer wachsenden Perspektivlosigkeit.
Aber auch Siggelkow, der sich als CDU-Kandidat für die Berlin-Wahl aufstellt, blickt kritisch auf islamischen Extremismus. In einem Podcast des ehemaligen Tagesschau-Sprechers Constantin Schreiber erzählte der Arche-Leiter von Kindern, die sich „morgens ihre Burka in den Schulranzen stecken, sich dann nach der Schule die Burka anziehen“. Gegenüber der Weltbühne räumt Siggelkow ein, dass es sich dabei um fünf bis zehn Mädchen gehandelt habe. Auf den Einwand, er würde das Thema vielleicht größer machen, als es ist, antwortet er, dass vor solchen „Trends“ gewarnt werden müsse.
Eine Arche-Mitarbeiterin, die anonym bleiben möchte, kann die Erzählungen von Büscher und Siggelkow nicht bestätigen. Mit islamistischem Mobbing sei sie noch nie konfrontiert gewesen. Ein Kind mit Messer, von denen es laut Büscher immer mehr gebe, habe sie in mehreren Jahren kein einziges Mal gesehen. Die Auftritte der beiden Männer in den Medien nehme sie als „rechte Propaganda“ wahr. Dabei sei ihr Team in der Arche politisch eher links.
Büscher sagt dazu: „Anonyme Anschuldigungen nehme ich grundsätzlich nicht ernst. Verrat gibt es in Deutschland seit ewigen Zeiten, immer wieder auch in bestimmten politischen Epochen.“ Siggelkow und er sprächen „unabhängig voneinander mit Kindern, Jugendlichen, Mitarbeitenden und Fachleuten“. „Erst dann gehen wir an die Medien“, betont er.
Neben Islamismus haben Schulen auch mit antimuslimischem Rassismus zu kämpfen. Ende Juni stellte die Organisation „Claim“ ihr neues Lagebild vor: Im Jahr 2025 zählten sie fast 4100 antimuslimische Vorfälle. Davon entfielen rund 9 Prozent auf Bildungseinrichtungen, vornehmlich Schulen. Diese Zahlen stellen das eindimensionale Bild von Muslimen als Tätern infrage. Konservative haben dafür eine Lösung: Mit fragwürdigen Argumenten versuchen sie, den Begriff des „antimuslimischen Rassismus“ aus der öffentlichen Debatte zu verbannen. Denn wofür es keinen Begriff gibt, darüber kann man auch nicht mehr sprechen.
So behauptete der Psychologe Ahmad Mansour in der Welt, der Begriff beruhe auf einer falschen Prämisse. Schließlich seien Muslime keine „Rasse“. Genauso argumentiert die Juristin und Aktivistin Seyran Ateş. Dass Rassismus sich ohnehin nie gegen „Menschenrassen“ richtet, weil es diese biologisch gar nicht gibt, wird dabei gerne ausgeblendet.
Eine weitere Expertin, die Integrationsbeauftragte Güner Balcı, sagte bei einer Talkshow im ZDF, der Begriff „antimuslimischer Rassismus“ sei von „islamistischen Organisationen“, „vor allem von der Muslimbruderschaft“, etabliert worden. In derselben Sendung bewies sie ihre Expertise, als sie ein Foto demonstrierender Muslimbrüder kommentierte: „Wir sehen hier Bilder, wo man denkt: Das ist doch gar nicht Deutschland, und dann ist es auf einer deutschen Straße gefilmt worden.“ Tatsächlich zeigte das Foto eine Demonstration in Amman, der Hauptstadt von Jordanien.
Ateş, Balcı und Mansour verbindet zwei Dinge: Sie wollen von antimuslimischem Rassismus nichts hören. Und sie wurden in Berlin kürzlich als „Stakeholder“ für das Thema „Gewalt an Schulen“ benannt. Laut einem taz-Bericht will die CDU-geführte Bildungsverwaltung sich mit diesen drei Personen sowie der Unternehmerin und Aktivistin Düzen Tekkal über Maßnahmen zur Gewaltprävention beraten. Das Quartett ist über seine öffentlichkeitswirksame Arbeit zu Themen rund um Migration, Islam und Extremismus verbunden. Und damit setzt die Bildungsverwaltung ein Zeichen: Gewalt wird in erster Linie als ein kulturelles, nicht als ein soziales Problem verstanden.
Eine von Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch beauftragte Studie sollte Klarheit über religiöse Konflikte an Berliner Schulen schaffen. Doch die Ergebnisse liefern keine Grundlage für die Behauptung, vor allem Muslime seien für die Gewalt verantwortlich.
Unter muslimischen Schüler*innen, so die repräsentative Studie, denken 41 Prozent, dass religiöse Regeln vor den Regeln der Schule Vorrang haben sollten. Das Gleiche sagen aber auch 33 Prozent der christlichen Schüler*innen. Wenn über ein fundamentalistisches Glaubensverständnis gesprochen wird, müsste das dann nicht alle Religionen betreffen?
Außerdem zeigt die Studie, dass schulische Konflikte sich eher selten um Religion drehen. Der mit Abstand am häufigsten genannte Gewaltauslöser waren „Kleinigkeiten“ (42 Prozent), dahinter kommen Aussehen, Kleidungsstil und Körper (33 Prozent). „Meine Religion“ wurde von lediglich 7 Prozent aller befragten Schüler*innen als Grund genannt. Die Studie erfasste auch nicht, ob die Gewalt von muslimischen, christlichen oder jüdischen Schüler*innen ausging. Trotzdem wurden die vier „Stakeholder“ mit Islamismus-Expertise bei einer Vorstellung der Studienergebnisse benannt.
Dass eine fundamentalistische Auslegung des Islams zu Konflikten führen kann, steht außer Frage. In Berlin wurde etwa ein homosexueller Lehrer von Schüler*innen gemobbt. Sie haben ihn eine „Schande für den Islam“ genannt und ihm die Hölle in Aussicht gestellt. Auch aus Bonn gab es Berichte über muslimische Schüler, die auf dem Pausenhof „Kleidervorschriften“ durchsetzen wollten. Doch bei diesen Geschichten scheint es sich um besonders extreme, aber eben auch seltene Vorfälle zu handeln. Belastbare Daten, die auf „islamistisches Mobbing“ als Massenphänomen hindeuten würden, liegen nicht vor.
Dass Schulen im Fokus deutscher Islam-Debatten stehen, ist nichts Neues. Bereits vor 16 Jahren, kurz nach der Veröffentlichung von Thilo Sarrazins Bestseller Deutschland schafft sich ab, brachte RTL eine Reportage über den „Schnitzelkrieg von Betzdorf“. Muslimischen Schülern wurde in einer Kantine versehentlich Schweinefleisch statt Geflügel serviert. Danach hätten „auch die deutschen Kinder darauf verzichten“ müssen, berichtete RTL und fragte rhetorisch: „Soll das Integration sein?“ Hinter der Kamera: die Reporterin Düzen Tekkal.
Die taz und das Medienmagazin „Zapp“ kritisierten die Story vom „Schnitzelkrieg“. Im RTL-Beitrag wurde verschwiegen, dass es zum Zeitpunkt der Ausstrahlung schon längst wieder Schweinefleisch gab. Dem deutschen Boulevard war das egal. „Deutsche Lehrerin von Moslems weggemobbt!“, titelte die BILD.
Geschichten über junge Muslime, die an den Schulen die Macht übernehmen, fügen sich gut in das Schreckensszenario der „Islamisierung des Abendlandes“, die alarmistischen Hinweise auf die Geburtenrate von Muslimen und die bei Rechten beliebte Verschwörungstheorie des „Großen Austauschs“.
„Ich finde es traurig, wie wir langsam kapitulieren vor dem Islam!“, sagte Wolfgang Büscher im März bei Welt TV. Dabei ging es um einen Lehrer, der Schüler*innen riet, sie sollten sich aus Respekt vor fastenden Kindern beim Essen wegdrehen.
Könnte die wiederholte Darstellung von Minderjährigen als gefährliche Extremisten dazu führen, dass sie gar nicht mehr als Kinder wahrgenommen werden? US-amerikanische Forscher*innen prägten hierfür den Begriff der „adultification“. Sie fanden heraus, dass Schwarze Jungs und Mädchen von Autoritätspersonen eher als „erwachsen“ wahrgenommen und härter bestraft werden als weiße Kinder. Schwarze Kinder werden demnach als „weniger unschuldig“ gesehen. Studien zu „adultification“ im deutschen Kontext gibt es bislang nicht. Das Bild muslimischer Kinder als Gewalttäter, die sogar Lehrer zu ihren Opfern machen, scheint jedoch die gleichen Muster zu bedienen.
Wenn von „Mini-Islamisten“ und „kleinen Hardcore-Muslimen“ die Rede ist, verschwindet die kindliche Unschuld. Und damit eine Bedingung der Empathie.
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