Mit Streikaufruf gegen Stockers "Schande"

Protest "Zeit, Geld, Gerechtigkeit" forderten Demonstrantinnen vor dem Kanzleramt. Die Worte des Regierungschefs seien Ausdruck der Geringschätzung für Frauen und ihre Leistungen 10. August 2026...

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Mit Streikaufruf gegen Stockers "Schande"

Protest

"Zeit, Geld, Gerechtigkeit" forderten Demonstrantinnen vor dem Kanzleramt. Die Worte des Regierungschefs seien Ausdruck der Geringschätzung für Frauen und ihre Leistungen

10. August 2026, 19:20

Eine Frau hält ein Schild mit der Aufschrift „Herr Stocker Rücktritt Jetzt“ in die Luft, während sie an einer Demonstration in einer städtischen Umgebung teilnimmt. Im Hintergrund sind Gebäude und Baugerüste zu sehen.
Klare Botschaft am Montag vor dem Ballhausplatz: Hunderte Demonstrantinnen nahmen die Entschudligung des Kanzlers nicht an.

Stefanie Fladenhofer hat sich selbst überrascht. Nie hätte sie gedacht, dass ihre am vergangenen Donnerstag bei Christian Stockers Sommertour gestellte Frage zur unbezahlten Arbeit von Frauen einen derartigen Wirbel auslöst. Doch weil sich der Regierungschef zur Antwort verstieg, dass Kinderbetreuung für ihn keine Arbeit sei, brach eine Lawine an Kritik los – und die politisch bisher unbekannte Fladenhofer ist plötzlich Star einer Demo vor dem Bundeskanzleramt in Wien. Selbstbewusst streckt sie auf dem zum Podium umfunktionierten Denkmal für die Opfer der NS-Justiz die Faust in die Höhe, die von Stocker längst ausgesprochene Entschuldigung will sie nicht akzeptieren: "Denn diese ändert ja nichts an der Situation."

Dazu gibt es am Montagnachmittag am Wiener Ballhausplatz keine zweite Meinung. Das Bündnis Frauen*Streiken hat Stockers Satz zum Anlass genommen, um zur öffentlich zelebrierten Empörung zu rufen. Mehrere hundert Frauen samt einiger Männer sind es, die der einmal mehr brutalen Hitze trotzen, die Veranstalterinnen sprechen von 1000. "Schande, Schande" schallt es dem Kanzleramt entgegen, und immer wieder: "Es reicht."

Ausbaden bis ins Alter

Womit genau? Die Worte des ÖVP-Politikers Stocker seien Ausdruck der verbreiteten Geringschätzung von Frauen und ihren Leistungen, so der Tenor. Während Männer oft den Freiraum genießen würden, um Karriere zu machen und sich selbst zu verwirklichen, schupften ihre Partnerinnen großteils den Haushalt und die Kinder – um die finanziellen Nachteile dann bis ins hohe Alter auszubaden. Doch statt endlich für Entlastung zu sorgen, spreche der mächtigste Politiker des Landes den Betroffen auch noch ab, Arbeit zu leisten: "Wir wollen Zeit, Geld, Gerechtigkeit."

Große Menschenmenge bei einer Demonstration in Wien am 10. August 2026. Demonstrierende halten Plakate und Banner hoch, um auf die Forderungen des Aktionsbündnisses FRAUEN*Streiken aufmerksam zu machen. Im Hintergrund sind historische Gebäude, Baustellen und ein Kran zu sehen. Sonniges Wetter.
Ouvertüre zu einem größeren Event: Der Demo soll nächsten Mai ein Frauenstreik folgen.

"Stocker hat mit seiner Aussage über die Hälfte der Bevölkerung vor den Kopf gestoßen", sagt Klaudia Frieben, Mit-Organisatorin und Vorsitzende des Frauenrings: "Eine Entschuldigung verändert weder Einkommensunterschiede noch Pensionslücken. Sie schafft keine flächendeckende Kinderbetreuung und verteilt unbezahlte Sorgearbeit nicht neu." Lieber solle der Kanzler etwa endlich die EU-Richtlinie für Lohntransparenz umsetzen und das so ersparte Geld für Strafzahlungen in den Ausbau der Kinderbetreuung stecken.

Doch in einem gewissen Sinn sind die Aktivistinnen Stocker auch dankbar, habe dieser doch unbezahlbare Werbung geleistet. Das Bündnis hat schon lange vor der aktuellen Debatte zu einem Frauenstreik am 3. Mai 2027 aufgerufen – 134 Jahre, nachdem Arbeiterinnen einer Wiener Textilfabrik erstmals in der Geschichte Österreichs einen solchen Schritt gewagt haben. Im ganzen Land sollen Frauen ihre bezahlte und unbezahlte Arbeit niederlegen, um sichtbar zu machen, wie unverzichtbar diese ist. Bei der Demo am Montag hieß es hoffnungsfroh: Der Auftritt des Kanzlers sei der beste Aufruf zum Mitmachen gewesen. (Gerald John, 10.8.2026)