Mordfall Ötzi: 5300 Jahre alte Pfeilspitze könnte den Täter verraten

tzBayernStand: 18.09.2026, 19:00 UhrKommentareUns auf Google folgenDas erste Foto von Ötzi, aufgenommen von Helmut Simon. © Helmut SimonVor 5300 Jahren wurde Ötzi am Tisenjoch hinterrücks mit einem Pfeil erscho...

  • 9 min read
Mordfall Ötzi: 5300 Jahre alte Pfeilspitze könnte den Täter verraten

Stand: 18.09.2026, 19:00 Uhr

Kommentare

Uns auf Google folgen

Das erste Foto von Ötzi, aufgenommen von Helmut Simon.

Das erste Foto von Ötzi, aufgenommen von Helmut Simon. © Helmut Simon

Vor 5300 Jahren wurde Ötzi am Tisenjoch hinterrücks mit einem Pfeil erschossen – und erst vor 35 Jahren tot aufgefunden. Faszinierend: Am Schaft des Mordpfeils klebt Birkenteer, in dem noch die DNA des Mörders stecken könnte. Unsere Reporterin Susanne Stockmann hat sich auf Spurensuche begeben.

Auf 3200 Metern Höhe am Tisenjoch ist es vermutlich nie gemütlich. Anfang September pfeift der Wind eiskalt zwischen den rötlichen Steinen, dem Paragneis, und dem grauen, glitzernden Schiefer. Der Münchner Gerichtsmediziner Oliver Peschel und Kriminalhauptkommissar und Profiler Alexander Horn erklären einer kleinen Gruppe von Journalisten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, wie Ötzi hier im rauen Hochgebirge vor 5300 Jahren ums Leben kam. Ausgerechnet diesen unwirtlichen Ort hatte sich der Steinzeitmann an einem Frühlingstag für eine Rast ausgesucht, bei der er hinterrücks mit einem Pfeil erschossen wurde.

Karte mit Fundort der Gletschermumie, Nr. 23155, Querformat 60 x 55 mm;

Hier wurde Ötzi gefunden. Zuvor lebte er lange im Vinschgau. © dpa-infografik GmbH/dpa

Steinbock als letzte Mahlzeit

Die 40 Meter lange und fünf Meter breite Steinmulde, auf der er lagerte, war mit Schnee zugeweht. Vielleicht boten die Felsen etwas Windschutz. „Er war nicht in Eile“, sagt Alexander Horn: „An der Füllung des Magens sehen wir, dass er noch eine Viertel- bis eine halbe Stunde vor seinem Tod gegessen hat.“ Ötzi kaute getrocknetes Steinbock-Fleisch, eine Art nahrhaften Weingummi mit Fleischaroma. Seine Ausrüstung – darunter ein Tragegestell, ein halb fertiger Bogen und nur zwei funktionsfähige Pfeile – legte er ab. Sein Blick mag über den Rand der schroffen Steine gewandert sein, auf der Suche nach Verfolgern aus dem Schnalstal. Das ist nur rund fünf Kilometer, aber 1700 Höhenmeter entfernt.

Zwei Münchner Experten, Gerichtsmediziner Oliver Peschel (li.) und Profiler Alexander Horn, analysieren den Mord am Tatort.

Zwei Münchner Experten, Gerichtsmediziner Oliver Peschel (li.) und Profiler Alexander Horn, analysieren den Mord am Tatort. © Susanne Stockmann

Tättowierungen zur Schmerzlinderung

Wer hier raufklettert, braucht laut Tourenbeschreibung hochalpine Erfahrung und eine robuste Kondition. Ötzi war fit, so Oliver Peschel. Er gilt als Leibarzt der Mumie und ist seit Jahren für ihre Konservierung zuständig. Der Mann aus der Vergangenheit war klein, drahtig und mit circa 40 bis 50 Jahren für seine Zeit alt. Seine Beinmuskulatur war beneidenswert gut ausgebildet, das weist auf einen geübten Wanderer und Kletterer hin. Doch zwickten ihn die Gelenke. Davon zeugen die Tattoos aus Kreuzen und Strichen an neuralgischen Stellen, die vermutlich zur Schmerzlinderung dienen sollten. Er lebte die meiste Zeit seines Lebens im tieferen Vinschgau, eventuell im Ort Latsch. Die Jugend verbrachte er im Eisacktal, das ergaben die Mineralien aus dem Zahnschmelz.

Der Gletschermann flüchtete vom Vinschgau aufs Tisenjoch. Ein Expeditionsteilnehmer vergleicht den Fund 1991 mit der heutigen Stelle.

Der Gletschermann flüchtete vom Vinschgau aufs Tisenjoch. Ein Exkursionsteilnehmer vergleicht den Fund 1991 mit der heutigen Stelle. © Susanne Stockmann

Fell-Leggings und Thermo-Schuhe

Ich ziehe die Kapuze meiner Jacke fester auf den Kopf und bereue, nicht die gefütterte Wanderhose angezogen zu haben. Ötzi trug eine Fellmütze und einen Fellmantel, der kunstvoll aus Streifen verschiedenster Tierarten zusammengenäht und einmal stümperhaft mit Grashalmen geflickt war. Seine Leggings waren ebenfalls aus Fell. Die Lasche aus Hirschhaut wurde in die Schuhe geschoben und hielt Schnee ab. Seine Thermoschuhe hatten eine Außenhaut aus Hirschleder sowie eine Sohle aus Rinder- und Bärenleder und waren mit Heu gepolstert.

So hat Ötzi möglicherweise ausgesehen.

So hat Ötzi nach Experten-Vermutungen vielleicht ausgesehen. © Ochsenreiter

Vermutlich war Ötzi Schamane

Was war er von Beruf? Ein Schamane, mutmaßt Professor Walter Leitner, der wissenschaftliche Betreuer im Ötzidorf im Ötztal. Ein angesehener Mann, der in Ungnade gefallen war? Peschel und Horn haben Fakten und Studienergebnisse zusammengetragen und mit ihren modernen Methoden und Denkansätzen analysiert. Ötzi sei tatsächlich nicht freiwillig vom Vinschgau aus ins Gebirge aufgestiegen: Etwa zwei bis drei Tage vor seiner letzten Mahlzeit auf dem Berg hatte er einen Streit. Davon zeugt eine tiefe Schnittwunde bis auf den Knochen zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand. „Eine typische Abwehrverletzung“, so Peschel. „Ötzi wurde zwar verletzt, aber offenbar ging er als Sieger aus dem Kampf hervor“, sagt Horn. Ist sein Gegner vielleicht sogar tot? Worum mag es gegangen sein? „Reine Spekulation“, so Horn. Erfahrungsgemäß seien Macht, Sex und Geld die häufigsten Gründe für heftige Streitereien oder Verbrechen: „Das war in der Steinzeit vermutlich nicht anders als heute!“

Der Fund ihres Lebens

Ötzi-Finderin Erika Simon

Ötzi-Finderin Erika Simon © Ute Wessels

Für das Ötztal bedeutete das Datum eine Zeitenwende: Am 19. September 1991 um 13.39 Uhr findet das Nürnberger Ehepaar Erika und Hartmut Simon bei einer Wanderung im Hochgebirge eine Leiche. Der 13 Kilogramm leichte und 1,54 Meter kleine mumifizierte Mann wird als Ötzi weltberühmt.

Wir trafen Finderin Erika Simon (86) im Umhausener Ötzi-Dorf in der neuen Ausstellung, die die Fundsituation vor 35 Jahren simuliert. „Mein Gott, was haben wir damals für Gewalttouren gemacht“, erinnert sie sich und blickt auf ein Foto mit Bergpanorama. Sie steht leicht auf ihren Rollator gestützt. Bei einer dieser Touren mit ihrem Ehemann Helmut hatten sie nach dem Abstieg von der Finailspitze den Weg etwas abgekürzt und so den Körper entdeckt.

„Ich sah einen Kopf und den Rücken“, so Simon. „Mein Mann hat dann ein Foto gemacht, es war das letzte Bild auf dem Film, dann sind wir zur Similaunhütte und haben den Wirt informiert.“ Erst einige Tages später in der Tagesschau erfuhr das Paar, welch sensationellen Fund es gemacht hatte: „Da waren wir gerade bei einem Geburtstag. Alle haben nur gelacht, als wir sagten, wir hätten die Mumie gefunden.“ Erika Simon ist eine gefragte Zeitzeugin, ihr Mann starb 2004 bei einer Bergtour. Ötzi ist Teil der Familiengeschichte geworden: „Für mich ist er wirklich eine Persönlichkeit. Eine, die ich mag.“

Die Pyramide am Tisenjoch erinnert an Ötzi.

Die Pyramide am Tisenjoch erinnert an Ötzi. © A. M. Lohmann

Ausgerüstet für eine lange Reise

Gepackt hatte er alles, was er für eine lange Reise brauchen würde und natürlich hatte Ötzi seinen wertvollsten Besitz dabei: ein kunstvoll gegossenes und häufig benutztes Kupferbeil. Dieses Fundstück zeigt den Experten, dass er eine besondere Stellung einnahm. In der Kupfersteinzeit bildeten sich in der Gesellschaft der Bauern und Jäger erste Hierarchien aus. Kupfer war wertvoll und selten. Wer das Metall besaß, hatte es zu etwas gebracht.

Unsere Reporterin Susanne Stockmann beim Abmarsch zur Fundstelle im Morgengrauen.

Unsere Reporterin Susanne Stockmann beim Abmarsch zur Fundstelle im Morgengrauen. © Susanne Stockmann

Mikroorganismen in Ötzi lebten noch

Vielleicht breitete der erschöpfte Wanderer am Tisenjoch seine Grasmatte aus, setzte sich nicht direkt in den Schnee. Zumindest wird diese Matte später unter ihm gefunden. Das kann aber auch Zufall sein. Der Glaziologe Georg Kaser geht davon aus, dass Ötzis Leiche im Laufe der Zeit mit dem schmelzenden Schnee abgesunken ist. Die drei Meter tiefe Mulde wurde bei höheren Temperaturen zum Teich. Ausrüstung und die Leiche könnten darin herumgetrieben sein. Der Mann aus der Vergangenheit starb höchstwahrscheinlich nicht über den Felsen gebeugt, wie er vor 35 Jahren gefunden wurde, sondern blieb eines Tages darauf liegen. Vor 3500 Jahren, schätzt Kaser. Seitdem war der Körper vermutlich luftdicht im Gletschereis eingeschlossen. Diese Kombination aus Wasser, Gefriertrocknung an der Luft und Aufbewahrung im Eis konservierte den Körper als einzigartige Feuchtmumie. Mikroorganismen aus den Eingeweiden konnten wiederbelebt werden und entpuppten sich als kälteliebende Hefen.

Ötzis Fellmütze

Ötzis Fellmütze. © Südtiroler Archäologiemuseum

Täter nahm den Pfeilschaft mit

„Ungefähr hier“, berührt Alexander Horn eine Stelle an der Schulter von Oliver Peschel, „traf Ötzi der Pfeil“ Der Mörder hatte sich vermutlich auf 30 Meter von hinten herangepirscht. Die Spitze aus Feuerstein durchschnitt den Ledermantel, ritzte eine Arterie an und drang so tief ins Fleisch ein, dass sie erst zehn Jahre nach Ötzis Bergung auf einem Röntgenbild entdeckt wurde. Ötzi ist verblutet, nicht binnen Minuten, aber lange hat er nicht mehr gelebt. Peschel und Horn gehen davon aus, dass der Täter gewartet hat, bis sein Opfer tot war: Dann hat er den Mann umgedreht und den Pfeilschaft abgebrochen: „Die Pfeile waren individuell gefertigt, daran hätte der Täter erkannt werden können.“ Beim Umdrehen blieb Ötzis linker Arm quer über seiner Brust liegen.

Als die Mumie schimmelte

(ACHTUNG Sperrfrist 2. Mai 0201) - Die Wissenschaftler Eduard Egarter-Vigl (l) und Albert Zink untersuchen im November 2010 in Bozen (Italien) die 5300 Jahre alte Gletscherleiche „Ötzi“. Ein Forscherteam aus Deutschland und Italien hat rote Blutkörperchen an der Mumie Ötzi nachgewiesen. Nach Angaben von Albert Zink, Leiter des Instituts für Mumien und den Iceman der Europäischen Akademie Bozen (EURAC), ist es das erste Mal, dass es Wissenschaftlern gelang, Blutreste an der 5000 Jahre alten Mumie zu finden. Foto: Samadelli Marco/EURAC dpa (ACHTUNG Sperrfrist 2. Mai 0201)  +++(c) dpa - Bildfunk+++

Forscher mit der Mumie in Bozen. © Samadelli Marco/dpa

Gefunden wurde die Gletschermumie an einem Donnerstag. Erst vier Tage später, am 23. September, war sie aus dem Eis befreit. Gearbeitet wurde mit einem Presslufthammer und mit Eispickeln. Der Presslufthammer verletzte die Mumie an der Hüfte (heute eine ideale Zugangsstelle für Biopsien z. B. des Darms). Pilot Anton Prodinger steuerte am 23. September einen Hubschrauber aufs Tisenjoch – mit Müll- und Leichensack: „Es hieß, der Körper müsse nur noch abtransportiert werden.“ Stattdessen war sie wieder festgefroren. Ein Wanderer stellte seinen Eispickel zur Verfügung. Prodinger und ein Alpinpolizist kratzten Ötzi in 1,5 Stunden frei. Die Gegenstände, die um ihn verstreut waren, wurden in den Müllsack gesteckt, der Bogen dabei durchgebrochen. Kurz war die Frage, ob man den Müll in einer Gletscherspalte entsorgen sollte, dann wurde doch alles zusammen ins Tal geflogen.

Der Richter Günther Böhler aus Innsbruck erinnert sich: „Ich musste entscheiden, ob die Leiche obduziert wird.“ Das ist notwendig, wenn ein Gewaltverbrechen befürchtet wird und der Täter noch leben könnte. Er rief den Archäologen Konrad Spindler zurate, der mit einem Blick auf das Kupferbeil erklärte, dass der Täter bestimmt nicht mehr lebe. Die Eismumie war inzwischen ins Schwitzen gekommen: Ötzi begann zu schimmeln und musste mit Desinfektionsmitteln abgerieben werden, bevor er mit Eis zugedeckt wurde.

Habgier war nicht das Mordmotiv

Neuere Theorien mutmaßen, der Täter sei nicht allein gewesen. „Dafür haben wir keine Anhaltspunkte“, sagen Peschel und Horn. Auch einen Jagdunfall oder eine rituelle Bestattung schließen sie aus. War es Raubmord? Dagegen spricht, dass die Ausrüstung vollständig scheint und das wertvolle Beil nicht gestohlen wurde. Klar jedoch ist: „Wer jemals aufs Tisenjoch gestiegen ist, weiß: So einen Marsch nimmt man nur mit einem guten Grund auf sich“, so Profiler Horn. „Das gilt für Ötzi wie für seinen Verfolger.“ Wird man diesem Grund je auf die Spur kommen? Frank Maixner, Direktor des Südtiroler Eurac-Instituts für Mumienforschung, deutet eine Möglichkeit an: Die Pfeilspitze war mit Birkenteer am Schaft befestigt. Dieser Teer wurde vor der Verarbeitung häufig gekaut, um ihn geschmeidig zu machen. Möglicherweise lässt sich daraus in Zukunft DNA gewinnen, die Hinweise geben könnte, wer den Todespfeil gefertigt hat. Aber ob er ihn auch abgeschossen hat?

Neu: „Cold Case Ötzi“ beleuchtet den Mordfall nach neuesten Erkenntnissen.

Neu: „Cold Case Ötzi“ von Josef Rohrer beleuchtet den Mordfall nach neuesten Erkenntnissen. © Folio

Mythos Ötzi ist unsterblich

Der Kugelschreiber streikt in der Kälte, aber mitschreiben ist nicht mehr nötig: Ötzi mag seit 5300 Jahren tot sein, sein Mythos jedoch und die Rätsel um seine Person sind unsterblich. Jedes neue Forschungsergebnis wird neue Fragen aufwerfen.

Lesen Sie hier, was Ötzi, die Gletschermumie, heute über das Leben in der Steinzeit verrät.

Streit um die Mumie

Ötzi zu Gast in der Archäologischen Staatssammlung München.

Ötzi zu Gast in der Archäologischen Staatssammlung München. © Archäologische Staatssammlung

„Ich schreibe es meinem Übermut in jüngeren Jahren zu“, sagt der ehemalige Bürgermeister von Sölden Ernst Schöpf. Er hatte damals Streit mit seinen italienischen Kollegen, ob Ötzi ein Tiroler oder ein Südtiroler war. Schöpf gibt sich zerknirscht: „Schließlich sind wir einfach alle Tiroler.“ Damals war die italienische Carabinieri über den aus dem Gletscher ausgeaperten Körper informiert worden und hatten abgewinkt: „Das ist euer Fall.“ So kam die 13 Kilogramm leichte und 1,54 Meter groß Mumie zunächst in die Gerichtsmedizin nach Innsbruck.

Als Grenze zwischen Österreich und Italien gilt grundsätzlich die Wasserscheide, die Grenzlinie wurde jedoch später mit Grenzsteinen genauer markiert. Danach starb Ötzi genau 92 Meter und 56 Zentimeter von der österreichischen Grenze entfernt auf italienischem Boden und sein Körper wurde später nach Italien überführt. Heute ist er im Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen zu sehen. Dort liegt er bei minus sechs Grad und 98 Prozent Luftfeuchtigkeit in einer Kühlkammer. Doch er wird noch einmal umziehen müssen: Das Museum ist zu klein geworden, der Besucherandrang ungebrochen groß. In zehn Jahren soll ein Neubau fertig sein.