„Mutti, komma ans Fenster“ von Ulrich Schneider: „Immer nur abgezogen“

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„Mutti, komma ans Fenster“ von Ulrich Schneider: „Immer nur abgezogen“

Stand: 25.08.2026, 14:07 Uhr

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Ulrich Schneider

Ulrich Schneider. © Christoph Boeckheler

Der Soziallobbyist und Linken-Politiker Ulrich Schneider erzählt die Geschichte seiner Arbeiterkindheit – und warum er gegen die Armut und für Umverteilung kämpft.

Als der Sozialexperte Ulrich Schneider vor wenigen Tagen bei einer Pressekonferenz der Linken seine „Sozialabbau-Bilanz“ vorstellte, dürften die Wenigsten gewusst haben, wie nahe ihm die geplanten Einschnitte der schwarz-roten Bundesregierung gehen. Auf seinem Lebensweg hat der langjährige Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbands erfahren, wie entscheidend Sozialleistungen für ein gelingendes Leben derjenigen sein können, die wirtschaftlich an den Rand gedrückt werden.

Kindergeld, Schüler-Bafög, Wohngeld – all das hat Schneider und seiner Ruhrpott-Familie ein Leben (fast) ohne Armut ermöglicht und ihm den Weg bis zur Universität geebnet, der beim besten Willen nicht vorgezeichnet war. Wie sich das anfühlt, schildert der promovierte Erziehungswissenschaftler eindrucksvoll und sehr persönlich in seinem aktuellen Buch, das seine Vita als Kind aus einem Arbeiterhaushalt in Oberhausen nachzeichnet.

Der Titel klingt dann auch nicht nach Sozialpolitik wie bei seinen bisherigen Büchern über Armut und den Sozialstaat. Vielmehr hat sich der 68-jährige Soziallobbyist für einen Titel entschieden, der aus dem Leben gegriffen ist: „Mutti, komma ans Fenster!“

ThyssenKrupp Stahl Werksgelände Hamborn

Schlote im Ruhrgebiet – hier das ThyssenKrupp-Stahlwerk Hamborn in einer Aufnahme von 2007. © Jochen Tack / epd

Schneider erzählt von seinem Aufwachsen inmitten anderer Kinder in der Ruhrpottstadt Oberhausen, wo der Ruß immer in der Luft hing, „der alles in sein Schwarzgrau einhüllte“. Er berichtet von Jupp, seinem Vater, der 1939 in die Wehrmacht eingezogen wurde, lange „in dem Wahnsinn an der Ostfront“ verschwand und erst 1948 aus russischer Gefangenschaft heimkehrte. Von einem Mann, der sich – von einer Krankheit geschwächt – durchs Leben kämpfte, der als Bierfahrer arbeitete, später beim Werkschutz von Mannesmann, schließlich als Maschinist in der Kläranlage. Das war „ein Knochenjob, der ihn irgendwann fertigmachte“.

Jupp starb schon mit 61 Jahren, da war Ulrich Schneider erst 18, und der Tod machte den Sohn nicht nur traurig, sondern auch wütend: Nie habe der Vater eine reelle Chance gehabt, klagt er. „Er wurde immer nur abgezogen, erst von einem verbrecherischen Regime und Kriegsgewinnlern, später von Leuten, die ihn für ’n Appel und ’n Ei haben kaputt malochen lassen“, schreibt Schneider bitter. „Das ganze Aufstiegsversprechen und das ganze Geschwätz von Leistungsgesellschaft waren, bezogen auf ihn und seinesgleichen, eine Farce.“

So wurde die Lebenserfahrung als Kind und Jugendlicher zum Ausgangspunkt für die Politisierung von Ulrich Schneider, der wie kein anderer in den vergangenen Jahrzehnten zur Stimme der Ausgegrenzten und Deklassierten in den Talkshows, bei Demos und in den Verhandlungen auf politischer Ebene wurde – als Chef des Paritätischen, der sich nach seiner Verrentung in den Bundesvorstand der Linken wählen ließ (übrigens mit dem besten Wahlergebnis aller Kandidierenden).

Schneiders Mutter war eine tief gläubige katholische Hausfrau, die eigentlich ins Kloster gehen wollte, aber dann doch jenen unbekannten Soldaten heiratete, dem sie über Jahre hinweg aufmunternde Briefe geschrieben hatte. Sie war es, die die Familie zusammenhielt – und auch das knappe Geld. Das ging leichter, als der Vater es nicht mehr in der Lohntüte erhielt, sondern überwiesen bekam.

Er verdiente wenig Geld. Aber arm? „Dass wir uns nicht arm fühlten und deshalb auch nicht arm waren, dürfte wesentlich damit zusammenhängen, dass wir in unseren Kindheitsjahren im wahrsten Sinne des Wortes unter uns waren in unserer Straße und unserer kleinen Welt.“ Es gab kein Internet und keine Smartphones, und Schneider sieht darin rückblickend einen Vorteil: „Auch wenn das Geld mehr als knapp war: Wir hatten, anders als heute, nicht ständig das Gefühl, etwas zu verpassen, abgehängt zu sein oder nicht mithalten zu können.“

Den Segen der Sozialleistungen, mit denen er sich später politisch beschäftigen sollte, hat er am eigenen Leib erlebt. So habe seine Familie davon profitiert, dass 1965 das bundesweite Wohngeld eingeführt wurde. Noch heute erinnert sich Schneider daran, wie sich seine Mutter zur Wohngeldstelle aufmachte, um den Antrag zu stellen. „Selbst wir Kinder spürten die Entlastung und Erleichterung unserer Eltern.“

Kein Wunder, dass er sich heute dafür stark macht, diese wichtige Sozialleistung zu erhalten – in seiner jüngsten „Sozialabbau-Bilanz“ nennt er als Sozialexperte der Linkspartei die Details: „Das Wohngeld sichert aktuell über 2,5 Millionen Menschen in 1,2 Millionen Haushalten ab – die Hälfte davon Haushalte von Rentner:innen“, stellt er fest. Es sei „für viele das letzte Halteseil vor dem Gang zum Sozialamt“.

Trotzdem plane Bauministerin Verena Hubertz, eine Sozialdemokratin, rund ein Drittel dieser Haushalte nach Ablauf der Bewilligungen komplett aus dem Anspruch herausfallen zu lassen. Andere, die die Leistung weiterhin bezögen, müssten sich auf gekürzte Sätze und die Halbierung des Heizkostenzuschusses einstellen, heißt es in Schneiders „Sozialabbau-Bilanz“. Die Kürzungspolitik treffe „mit hoher Präzision die Einkommensschwächsten“ dieser Gesellschaft. „Die Regierung spart bei denen, die kaum eine Lobby haben.“

Aber sie haben Ulrich Schneider an ihrer Seite, für den es ein hoch emotionales Thema ist. „Man schüttelt seine Kindheit nicht irgendwann einfach aus den Kleidern“, schreibt er an einer Stelle.

Und so handeln zwei Kapitel des Buches davon, wie er die politischen Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte erlebt hat, den Anstieg der Armut in der Ära des CDU-Kanzlers Helmut Kohl und danach die bittere Enttäuschung über die rot-grüne Regierung von SPD-Kanzler Gerhard Schröder, der mit seiner Agenda 2010 „die Desavouierung des Sozialstaats“ betrieben habe.

Man kann manches lernen in Schneiders Rückblick, etwa über die Wohnungspolitik in der frühen Bundesrepublik, deren Gebäude zum großen Teil im Krieg zerstört worden waren. Nur 7.000 von 53.000 Wohnungen in Oberhausen hätten den Krieg unbeschadet überstanden. Also wurde gebaut, gebaut, gebaut. Und wie! „Von den elf Millionen Wohnungen, die in den 50ern und 60ern neu gebaut wurden, war die Hälfte Sozialwohnungen.“

Das Buch

Ulrich
Schneider,
Mutti,
komma ans Fenster!
Westend Verlag.
204 S., 24 Euro.

Wie wurde das finanziert? Es wurde von oben nach unten umverteilt! Und zwar kräftig. Im Einzelnen: „durch Spitzensteuersätze für hohe Einkommen von über 60 Prozent (heute 45 Prozent), einen Körperschaftsteuersatz von über 50 Prozent (heute 15 Prozent), durch Vermögensteuern und einen Lastenausgleich, die über zwei Prozent des gesamten Bruttoinlandsprodukts abschöpften (heute ein Prozent)“.

Sozialistische Umverteilung, die auch nach der Gründung der Bundesrepublik unter CDU-Regierungen zunächst fortgeführt wurde? Tatsächlich. Um Mietspekulationen zu unterbinden, wurde ein Mietenstopp verhängt. Im Grunde, schreibt Schneider, sei „das gesamte Repertoire einer sozialen und vernünftigen, heute würde man sagen ,linken‘ Wohnungspolitik“ angewandt worden.

Insofern ist Schneiders Buch nicht nur ein Rückblick. Es kann auch eine Anregung für die Sozial- und Wohnungspolitik von morgen sein.