Nach Wahlerfolg in Sachsen-Anhalt: Kann die AfD regieren - und will sie das?

Eigentlich wollte AfD-Spitzenkandidat Siegmund allein regieren - doch nun ist er wohl auf fremde Stimmen angewiesen. In der Partei zeichnet sich ein gewisser Dissens über das weitere Vorgehen ab.

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Nach Wahlerfolg in Sachsen-Anhalt: Kann die AfD regieren - und will sie das?

Sachsen-Anhalt

Landtagswahl 2026

Ulrich Siegmund

Stand: 06.09.2026 • 23:21 Uhr

Eigentlich wollte AfD-Spitzenkandidat Siegmund allein regieren - doch nun ist er wohl auf fremde Stimmen angewiesen. In der Partei zeichnet sich ein gewisser Dissens über das weitere Vorgehen ab.

Kilian Pfeffer Torben Lehning

Fast ungläubig jubeln Alice Weidel und Tino Chrupalla, die beiden AfD-Parteichefs, gemeinsam mit ihrem Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund, als sie die ersten Hochrechnungen sehen. Weidel nennt das Ergebnis "historisch" und "sensationell" - und sieht einen klaren Regierungsauftrag für ihre Partei, genauso wie Chrupalla. Die Hand sei ausgestreckt, so Weidel weiter, zu allen, die Sachsen-Anhalt "besser machen wollten".

CDU, SPD, Grüne und Linkspartei haben auch am Wahlabend wieder klar gemacht, dass sie für eine Zusammenarbeit mit der AfD, die sie als rechtsextrem bezeichnen, nicht zur Verfügung stehen werden.

Zu einer Mehrheit könnte der AfD möglicherweise das BSW verhelfen, wenn es denn tatsächlich in den Landtag von Sachsen-Anhalt einzieht. Das hatte die BSW-Politikerin Claudia Wittig schon in den vergangenen Tagen angedeutet und wiederholte das Angebot, man könne inhaltlich zusammenarbeiten. Bei AfD-Co-Chefin Weidel kam das gut an.

Siegmund will nur mit stabiler Mehrheit regieren

Aber wie passt das zu den Aussagen von AfD-Spitzenkandidat Siegmund, er wollte nur mit einer stabilen Mehrheit regieren, um eine vernünftige Regierung über fünf Jahre zu gewährleisten? So oder so ähnlich hat Siegmund seine Position in den vergangenen Tagen und Wochen oft wiederholt.

Und tatsächlich wollen sich Siegmund und sein Beraterkreis von anderen ungern abhängig machen. Auf der Wahlparty in Magdeburg gibt es einige AfD-ler, die hoffen, dass sich einzelne CDU-Abgeordnete überzeugen lassen, für einen AfD-Ministerpräsidenten zu stimmen.

Aber darauf wollen Siegmund und seine Vertrauten nicht setzen. Und man fürchtet, dass sich das BSW als unzuverlässig herausstellen könnte. Am Wahlabend wiederholte der AfD-Spitzenkandidat noch einmal, für ihn sei das BSW nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems.

Gespräch zwischen Siegmund und Parteispitze

Damit wird ein gewisser Dissens zwischen Siegmund und der AfD-Parteispitze deutlich - obwohl es ein Gespräch zwischen den Beteiligten gab und man sich offenbar auf eine Sprachregelung geeinigt hatte. Chrupalla etwa ist überzeugt, dass Siegmund als Wahlsieger zwingend antreten muss. Er äußerte sich im Gespräch mit dem ARD-Hauptstadtstudio erfreut darüber, dass es eventuell die Möglichkeit für eine Zusammenarbeit mit dem BSW gibt. Dann sei man nicht auf die CDU angewiesen.

Auch andere führende AfD-Vertreter finden, dass sich Siegmund zur Wahl stellen muss, unter ihnen Pascal Hohm, Chef der "Generation Deutschland" und Mitglied im Bundesvorstand, Rene Springer, Landeschef in Brandenburg, ebenso wie Martin Reichardt, AfD-Landeschef in Sachsen-Anhalt. Die Frage ist nun, ob sich Siegmund und sein innerer Zirkel überzeugen lassen.

Zweifel am Führungspersonal

Immer wieder werden auch Fragen laut, ob die AfD in Sachsen-Anhalt über ausreichend qualifizierte Führungskräfte verfügt, um eine Regierung zu übernehmen. Torben Braga etwa, Bundestagsabgeordneter aus Thüringen und Vertrauter von Björn Höcke, formulierte bei dem rechtsextremen Magazin Sezession Zweifel: Ob die AfD bereit für eine Regierungsübernahme sei, lautete eine Frage. "Eindeutig nein", sagte Braga.

Das ARD-Hauptstadtstudio hat mit mehreren Quellen auf Bundesebene und aus Landesverbänden gesprochen, die sich dieser Einschätzung anschließen. Kritisiert wird dabei immer wieder Hans-Thomas Tillschneider, der für das so genannte "Regierungsprogramm" der AfD Sachsen-Anhalt maßgeblich verantwortlich ist.

Er wird intern als zu radikal angesehen, auch für den angestrebten Posten als Bildungsminister. Außerdem wird ihm vorgeworfen, dass er bei mehreren Interviews, zum Beispiel in den Podcasts von Melanie Amman oder Paul Ronzheimer eine schlechte Figur gemacht habe.

Mangelnde inhaltliche Vorbereitung

Zu hören ist zudem, dass die AfD Sachsen-Anhalt auch inhaltlich nicht ausreichend vorbereitet sei. Man habe dort noch nicht durchdacht, wie die ersten Schritte nach einer Amtsübernahme aussehen könnten. Sinnvoll wäre es zum Beispiel, einen Probehaushalt zu entwerfen. Kompliziert sei es besonders, wenn man die Migrationspolitik ändern wolle.

In ihrem 100-Tage-Programm hat die AfD zum Beispiel angekündigt, eine "flächendeckende Arbeitspflicht für Asylbewerber" einzuführen. Und eine Reform der Medienpolitik habe man noch nicht in der Tiefe durchdacht, so der parteiinterne Vorwurf. Gemeint ist damit, dass die AfD Sachsen-Anhalt angekündigt hat, die Rundfunkstaatsverträge zu kündigen.

Einstufung der AfD in Sachsen-Anhalt

Der Landesverband Sachsen-Anhalt der Alternative für Deutschland (AfD) wird vom dortigen Verfassungsschutz seit 2023 als gesichert rechtsextremistisch eingestuft. Mit seinen Aussagen und Forderungen verstößt er laut Verfassungsschutz gegen Prinzipien der freiheitlich-demokratischen Grundordnung - wie den Grundsatz der Menschenwürde und das Demokratieprinzip. Rassistische Forderungen seien Teil der Prägung des Verbands, Menschen würden aufgrund ihrer ethnischen oder religiösen Identität abgewertet.
Die AfD Sachsen-Anhalt klagt gegen die Einstufung als "gesichert rechtsextremistische Bestrebung". Das Verfahren ist derzeit ausgesetzt.