Ihre 5 wichtigsten Bücher: Was Naomi Klein Schockierendes herausgefunden hat
„No Logo!“ machte die Aktivistin und Autorin Ende der 1990er schlagartig bekannt. In „Endzeitfaschismus“ nimmt sie sich nun die Oligarchen und Tech-Bros vor. Was man von Naomi Klein kennen sollte, um mitreden zu können
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„No Logo!“: Ein Krokodil und Karl Marx
Das Werk der kanadischen Autorin Naomi Klein ist eine Reise durch die jüngere Geschichte des Kapitalismus. 1999, im Jahr der WTO-Proteste in Seattle, erschien ihr erstes Buch No Logo!, ganz im Geiste der Antiglobalisierungsbewegung verfasst. In diesem Welterfolg befasst sich die damals kaum Dreißigjährige mit dem Phänomen der Markenware: Ist es nicht seltsam, dass wir umstandslos bereit sind, extra zu bezahlen, damit ein kleines Logo auf unserer Kleidung prangt? Vielleicht ein Krokodil oder ein Doppel-C?
Nirgends wird so leicht greifbar, was Marx mit Fetisch meinte: die religiöse Aufladung von Nutzlosem mit Bedeutung. Klein geht vom Widerstand gegen die Werbung aus. Von der Konzernkritik. Und sie steigt in jenes Höllenreich hinab, das hinter oder unter dem schönen Schein der Markenware steckt. Was wir im sauberen Laden kaufen, wurde hergestellt im stinkenden Maschinenraum der Produktion. Damit stylishe Westler mit Logos glänzen können, müssen Unterprivilegierte in Sweatshops schuften.
„Die Schock-Strategie“: Wie Marktradikale von Katastrophen profitieren
Vielleicht ist Die Schock-Strategie das Kleinsche Hauptwerk. Es wurde 2007 veröffentlicht, auf dem Höhepunkt jenes Neoliberalismus, dessen Operationen Klein in diesem Buch analysiert. Ist es weit hergeholt, die wirtschaftsliberalen Interventionen des chilenischen Diktators Pinochet mit einem Schock zu vergleichen, der das Leben stillstellt und im schlimmsten Fall auslöscht?
In Die Schock-Strategie führt Klein an Beispielen aus Thatchers England oder Jelzins Russland vor, was der Marktradikalismus mit einer Bevölkerung macht: „1994, auf dem Höhepunkt von Jelzins ‚Reformen‘, war die Selbstmordrate fast doppelt so hoch wie acht Jahre zuvor“. Bedingung solcher Maßnahmen sind oft Ausnahmezustände: Naturkatastrophen, Staatsstreiche oder Kriege.
Und so beschreibt Klein am Beispiel des Irak, der zu diesem Zeitpunkt von US-Truppen besetzt war, die Privatisierung des Militärs. Der Kampf gegen den Terror füllte die Foltergefängnisse. Was kam in ihnen zum Einsatz? Richtig, Elektroschocker.
„Die Entscheidung: Kapitalismus vs. Klima“: noch vor Thunberg und Saito
2014 kam Die Entscheidung: Kapitalismus vs. Klima auf den Markt. Es bildete den Auftakt von Kleins Beschäftigung mit der ökologischen Frage, eine natürliche Variation ihrer Kapitalismuskritik. Der deutsche Titel suggeriert, der Kapitalismus beute die Natur nur aus, doch Klein sah sehr klar, dass er auch an ihrem Schutz sehr gut verdienen kann. So berichtet sie von Konferenzen, auf denen Industriemanager in schwarzen Limousinen vorfahren, während Wissenschaftler ihre Sonnenverdunkelungsprojekte vorstellen.
Jahre vor Greta oder Saito las man hier von „Extraktivismus“, „Greenwashing“ oder „Climate-Change-Denial“. Für die nie-nur-negative Klein verband sich mit der planetaren Herausforderung auch die Aussicht auf etwas radikal Neues. Wenn das Klima sich wandelt, können wir Menschen das auch. Und warum nicht in einem Sinne so allumfassend wie die Erde? Der englische Titel This Changes Everything ist darum viel besser. Kleins Buch war das Manifest eines optimistischen Aufbruchs, der dann ja auch beinahe gekommen wäre.
„Doppelgänger“: Von Chemtrails und Abdriften in der Pandemie
Doppelganger ist ein Wort, das im Englischen fast so lautet wie im Deutschen. Naomi Klein wird stets mit der Namensvetterin Naomi Wolf verwechselt, beide tragen die Haare ähnlich. Diese andere Naomi galt einmal als progressiv. In den 2000ern jedoch begann eine gewisse Obsession für Chemtrails und die Bewegung nach rechts.
Dieses „Abdriften“ kennen wir alle aus der Pandemie, die den zeitlichen Hintergrund des Buches Doppelgänger – Eine Analyse unserer gestörten Gegenwart bildet, das 2023 erschien: Ehemals vernünftige Leute verbeißen sich in einem Kampf, der sie die größeren Zusammenhänge nicht mehr sehen lässt. Oder nur noch diese. Das große Ganze: Verschwörungstheorien sind verzerrte Gesellschaftskritik.
Je eigenwilliger die Texte der anderen Naomi werden, desto mehr muss sich Klein in ihr zum Teil wiedererkennen, befasst die Doppelgängerin sich doch zunehmend mit den Machenschaften großer Konzerne. Der böse Zwilling, er ist ein Zeichen, dass die Zeiten sich verdunkeln …
„Endzeitfaschismus“: Archen, Billionärsbunker und die Flut
Ihr jüngstes Buch Endzeitfaschismus von 2026 hat Klein zusammen mit Astra Taylor verfasst. Es wirkt wie die letzte Konsequenz eines Werkes, das bei der vergleichsweise freundlichen Markenware gestartet war. Die Epoche, die wir jetzt durchleben, ist ein Zustand sich steigernder Schocks – ein permanenter Ausnahmezustand, in dem das Überleben selbst auf dem Spiel steht.
Längst vergessen ist der Klimawandel als größte Bedrohung der Menschheit, da die Rechte weltweit gegen Antichristen und andere eingebildete Feinde mobilisiert; dabei selbst jene Apokalypse herbeiführend, vor der sie warnt. Das Paradox: Auch Klein und Taylor greifen auf biblische Sprache zurück, wenn sie den Autoritarismus unserer Gegenwart als eine politische Bewegung beschreiben, die auf die Endzeit hinausläuft, um von ihr zu profitieren: Die Oligarchen bauen die Archen und erzeugen die Flut.
Endzeit: Das sind im Meer versinkende Inseln, die Bunker der Billionäre, und die jetzt schon in den Kriegsgebieten von Drohnen getöteten Zivilisten. Aber auch der Widerstand dagegen für das Leben.
No Logo!Naomi Klein, Riemann, 2002, 512 S., 18 Euro
Die Schock-StrategieNaomi Klein, Hoffmann und Campe, 2023, 768 S., 28 Euro
Die Entscheidung: Kapitalismus vs. KlimaNaomi Klein, S. Fischer, 2016, 704 S., 18 Euro
DoppelgängerNaomi Klein, Hoffmann und Campe, 2024, 496 S., 30 Euro
Endzeitfaschismus: Und der Kampf um unsere WeltNaomi Klein, S. Fischer, 2026, 407 S., 28 Euro