Nieder mit den Boomern! Der Kampf der Generationen hat in Frankreich begonnen
Frankreich brennt. Frankreichs Schüler haben die Schnauze voll. Vor allem in den ärmeren Vororten der Großstädte, den Banlieues, sind viele öffentliche Schulen in einem erbärmlichen Zustand: zu wenig Lehrer, ka...
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Frankreich brennt. Frankreichs Schüler haben die Schnauze voll. Vor allem in den ärmeren Vororten der Großstädte, den Banlieues, sind viele öffentliche Schulen in einem erbärmlichen Zustand: zu wenig Lehrer, kaputte Gebäude, unbenutzbare Toiletten, Ratten und Kakerlaken in den Klassenzimmern. Beim PISA-Ranking liegt Frankreich sogar noch zwei Plätze hinter Deutschland. Doch Präsident Emmanuel Macron und sein Regierungschef Sébastien Lecornu müssen sparen.
Frankreich ist hoch verschuldet. Zins und Tilgung nagen immer mehr am Staatshaushalt. Über die Jahre haben es sich die älteren Franzosen gemütlich gemacht: Der Sozialstaat ist unter der Generation der Baby-Boomer aufgeblüht und verschlingt mittlerweile einen Großteil der Steuereinnahmen. Und die Älteren wollen beharrlich ihre Pfründe behalten. Die Jüngeren erkennen nun in Frankreich langsam, dass sie das Nachsehen haben. Ihre Zukunft steht auf dem Spiel.
Ein Blick hinter die brennenden Barrikaden lohnt sich: Was gönnt sich unser Nachbar Frankreich so? Und: Warum reicht es bei Deutschlands Schülern nur zum elterlich betreuten Schuleschwänzen am Freitag?
Sozialstaat auf Pump: Zielbild für SPD und Linke
Frankreich wäre ein Träumchen für SPD und Linke: In Frankreich gehen die Boomer derzeit noch mit 62 Jahren in Rente. Die Lebensarbeitszeit sollte nun eigentlich langsam auf 64 Jahre steigen. Doch Präsident Emmanuel Macron hatte die Rentenreform ausgesetzt: Sozialisten und Gewerkschaften hatten demonstriert, weil es gesundheitlich unzumutbar sei, so lange zu arbeiten. Oh, là, là! Die Kosten der Aussetzung betragen mehrere Milliarden Euro bis 2027. Um das zu kompensieren, spart die Regierung einstweilen bei Familien, Bildung, Medikamenten und den Kommunen.
Das französische Sozialversicherungssystem sprengt alle finanziellen Grenzen. Rente, Familie, Gesundheit und Pflege: In Frankreich stammen heute bereits mehr als die Hälfte der Einnahmen der Sozialkassen aus Steuern und Sonderabgaben, 1990 waren es nur acht Prozent. Und bei der Arbeitslosenversicherung übernimmt netterweise der Staat seit 2018 den Arbeitnehmeranteil. Das ist schön und könnte in Deutschland zum Zielbild für Linke und SPD werden. Im Vergleich zu Frankreich sind unsere linken Parteien wirklich noch sehr weit hintendran, was die Ausgestaltung des Sozialstaats betrifft.
In Frankreich ist es gute alte Tradition, die Kosten für soziale Wohltaten auf die jüngeren Generationen zu schieben: In Frankreich liegt die Schuldenquote für 2026 daher bei einem Rekordwert von 119 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). In Deutschland sind es mittlerweile rund 65 Prozent. Die Maastricht-Kriterien der EU lassen maximal 60 Prozent zu. Der französische Staat zahlt so mittlerweile hohe Preise für seine Kredite: derzeit 4,9 Prozent für zehnjährige Anleihen. In Deutschland sind es noch 3,5 Prozent. Doch Deutschland ist auf einem guten Weg und tritt langsam, aber zielsicher in die Fußstapfen Frankreichs.
Wo liegt die deutsche Grenze des Verteilungskonflikts?
Frankreich ist die krassere Version Deutschlands. Ist Frankreich die deutsche Zukunftsvision? Die Generation der Boomer hat den Sozialstaat zu ihren Gunsten und auf Kosten der nachfolgenden Generationen bis zur Unfinanzierbarkeit aufgebläht. Die Staatsquote – also der Anteil aller Staatsausgaben am Bruttoinlandsprodukt – beträgt in Frankreich jetzt 54,5 Prozent. Deutschland liegt laut Bundesfinanzministerium mit 52 Prozent bereits knapp dahinter. Für Helmut Kohl begann jenseits der 50 Prozent der Sozialismus, doch Kohl ist längst Geschichte. Ökonom Clemens Fuest, Chef des Ifo-Instituts, sagt heute zum zunehmenden Sozialismus: „Bislang ist dieser Anstieg vor allem mit Schulden finanziert worden, um Verteilungskonflikten aus dem Weg zu gehen, aber das stößt an Grenzen.“
Wo liegen die Grenzen eines deutschen Verteilungskonflikts? Sie verlaufen etwa bei der Rentenversicherung: Ein Viertel des gesamten Bundeshaushalts geht mittlerweile für Zuschüsse an die klamme Rentenversicherung drauf. Oder bei den Kommunen: Deren Haushalte seien praktisch verfassungswidrig, meldete der Deutsche Landkreistag im Juni. Denn Schulden und Kosten werden vom Bund nach unten durchgereicht: sei es für die Verwaltung der Flüchtlingshilfe oder des Wohngelds oder die Zahlung der Sozialhilfe für Pflegebedürftige.
Oder bei der Infrastruktur: Jahrzehntelang zugunsten der Sozialpolitik kaputtgespart, muss sie nun mit einem 500-Milliarden-Sondervermögen – kreditfinanziert auf Kosten der Jungen – notdürftig saniert werden. Vorausgesetzt das Geld wird nicht weiter für den Sozialetat zweckentfremdet. Gerade Berlin kennt sich mit kaputten Brücken, Schulen und Universitäten recht gut aus.
Deutsche Jugend zündelt lieber an der Wahlurne
Die Aussichten für die jüngeren Generationen sind mau: Für ihre eigene Rente dürfen die Jungen jetzt noch selbst Geld investieren. Zugleich treffen viele beim Berufseinstieg auf den Kollegen KI, der wesentlich günstiger arbeitet. Dazu: höhere Staatsschulden, steigende Steuern und Abgaben; und verschleppte Sozialreformen, die das Wirtschaftswachstum hemmen. Selbst der eher linke Ökonom Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), warnte jüngst vor einem fatalen „Teufelskreis“ angesichts der weiteren Verschuldung: Steigende Zinsen und politische Lähmung könnten das Land tiefer in die Rezession treiben. Die Folgen wären sinkende Steuereinnahmen, was noch mehr Schulden nach sich ziehen würde.
Doch SPD und Union machen nun mal gerne Politik für Boomer und Rentner, denn sie werden laut Wahlanalysen überwiegend von den Generationen 60+ gewählt: In Deutschland brennen die Jüngeren noch nichts nieder. Sie zündeln derzeit noch an der Wahlurne: Bevorzugt werden die extremen Ränder. Bei der Bundestagswahl 2025 wählten laut Infratest dimap 25 Prozent der Unter-25-Jährigen die Linke und 21 Prozent die AfD. Bei der Berliner Abgeordnetenhauswahl im September wählten laut Forschungsgruppe Wahlen sogar 46 Prozent der Unter-25-Jährigen die Linke. Auf Platz zwei folgt die AfD mit zwölf Prozent.
Fazit: Die Probleme Deutschlands und Frankreichs ähneln sich. Doch während Frankreich anscheinend sein Schuldenlimit erreicht hat, besteht hierzulande noch Luft nach oben für die jetzige und die kommende Bundesregierung. Und: Die deutsche Jugend ist deutlich braver als die französische. Zum elterlich begleiteten Klimaprotest darf man freitags schon einmal die Schule schwänzen, aber brennende Mülltonnen und eingeschlagene Schaufenster lehnt sie ab. Man wählt lieber extrem. Genauso übrigens wie in Frankreich.
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