St. Pauli verzweifelt an einer gefährlichen Schwäche
Das braun-weiße Muster verlängert die schwarze Serie des FC St. Pauli. Wieder kein Sieg. Wieder nicht die schlechtere Mannschaft, im Gegenteil. Wieder zwei Gegentore. Wieder Geschenke an den Gegner. Weiter im T...
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Das braun-weiße Muster verlängert die schwarze Serie des FC St. Pauli. Wieder kein Sieg. Wieder nicht die schlechtere Mannschaft, im Gegenteil. Wieder zwei Gegentore. Wieder Geschenke an den Gegner. Weiter im Tabellenkeller. Unterm Strich stehen nach den ersten vier Liga-Spielen drei magere Punkte, bei sieben Gegentoren, die fatalerweise gut verteilt sind. In drei von vier Partien haben die Kiezkicker zwei Treffer kassiert und dabei auch noch kräftig assistiert. Eine Killer-Kombination, mit der sich die Mannschaft alles Gute selbst schlecht macht – und das Leben in der neuen Liga verdammt schwer. Doch der neue Trainer will von einem Defensiv-Problem nichts wissen.
Der Dreier war drin, absolut. Doch auch in Bielefeld (2:2) reichte es nicht zum ersehnten ersten Sieg dieser Spielzeit – und saisonübergreifend seit Ende Februar. Eigentlich ist alles da, was es dafür braucht, mal zu gewinnen, vieles jedenfalls – wären da nicht diese wiederkehrenden Fehler, mit denen sich die Braun-Weißen das mühsam Aufgebaute selbst kaputt machen und ihre Fortschritte vergessen machen, in Sekunden. Unachtsamkeiten, Schnitzer, Aussetzer. Mal mangelnde Konsequenz, mal mangelnde Konzentration.
St. Pauli beklagt in Bielefeld „zu einfache Gegentore“
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„Die Leistung war gut, aber es waren wieder zwei einfache Gegentore“, ärgerte sich Innenverteidiger Marcus Mathisen. „Gefühlt ist jede Chance drin“, stöhnte Nebenmann und Kapitän David Nemeth. Keeper Ben Voll sah es genauso. „Momentan kassieren wir zu einfach Gegentore“, bemängelte die neue Nummer eins der Kiezkicker und fordert: „Das ist ärgerlich und das müssen wir irgendwie abstellen.“
Die bittere Wahrheit: St. Pauli bringt den Gegner immer wieder ins Spiel (oder zurück ins Spiel, wie in Kiel), sorgt gar für die Initialzündung beim Konkurrenten. Das Remis auf der Bielefelder Alm war das perfekte Beispiel dafür.
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Kiezkicker schenken Bielefeld die Führung
Die Mannschaft von Trainer Marcel Rapp hatte die Gastgeber in der Anfangsphase dominiert, mehr oder weniger in deren Hälfte eingeschnürt. Die Arminia war offensiv lahmgelegt, harmlos, mittellos gegen die sehr gut pressenden Hamburger. Kurz: Bielefeld fand offensiv gar nicht statt. Ein zunächst richtig guter Auftritt der Braun-Weißen, die alles andere als verunsichert wirkten nach der jüngsten 1:2-Heimniederlage gegen Kaiserslautern.
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Dann das paulianische Präsent: Ein weiter Abstoß von Arminia-Schlussmann Jonas Kersken segelte über die weit aufgerückte Abwehrkette der Kiezkicker, Nemeth verschätzte sich böse, und stellte sich auch im Anschluss im Zweikampf äußerst ungeschickt an, sodass Gegenspieler Jannik Rochelt freie Bahn in Richtung St. Pauli-Tor hatte und die Pille über Voll hinweg zur 1:0-Führung einnetzte (13.). Mehr Silbertablett geht nicht. Das Spiel war auf den Kopf gestellt.
St. Pauli hat Probleme bei hohen Bällen
Damit nicht genug: Auch beim abermaligen Bielefelder Führungstreffer zum 2:1 (51.) halfen die St. Paulianer mit. Eine Freistoßflanke in den Strafraum köpfte der eigentlich gute Taichi Hara, der den zwischenzeitlichen Ausgleich markiert hatte (20.), nicht etwa aus der Gefahrenzone, sondern unglücklicherweise in Richtung Elfmeterpunkt und direkt vor die Füße von Joel Grodowski, der einschoss. Dass der Ball dabei noch leicht von Mathias Rasmussen abgefälscht wurde, passte ins Bild.
Wieder ein Gegentor nach einem hohen Ball des Gegners. Auf diese Weise hatte St. Pauli beim 2:2 in Kiel nach 2:0-Führung zwei Gegentreffer kassiert, weil Voll sich verschätzt hatte und die entscheidenden Kopfballduelle verloren gegangen waren. Beim 0:2 im DFB-Pokal gegen Rot-Weiss Essen waren es zwei gegnerische Flanken, die zu den Gegentoren geführt hatten. Die Anfälligkeit bei hohen Bällen ist auffällig.
Schon wieder gilt: „Mit den Gegentoren killen wir uns selber“
Bei der 1:2-Heimniederlage gegen Kaiserslautern hatten die Gastgeber die „Roten Teufel“ mit einem fatalen Ballverlust im Mittelfeld und einer schlechten Rückwärtsbewegung zur Führung mit dem ersten (!) Torschuss eingeladen und sich beim zweiten Lauterer Treffer nach eigenem Einwurf (!) viel zu leicht ausspielen lassen – Sekunden nach dem Wiederanpfiff zu zweiten Halbzeit. Gepennt.
„Mit den Gegentoren killen wir uns selber“, hatte es Voll nach der Partie gegen den FCK drastisch formuliert. Und das hätte er auch nach Kiel-Spiel, dem Essen-Spiel oder nun dem dem Bielefeld-Spiel sagen können, denn es hätte gepasst. Mit dem Unterschied, dass der eingewechselte Abdoulie Ceesay diesmal nicht (wie gegen den FCK) nur den Anschlusstreffer, sondern den Ausgleich erzielte und wenigstens eine weitere Niederlage verhinderte.
Neun Gegentore für den FC St. Pauli nach fünf Pflichtspielen
Nimmt man die 0:2-Niederlage im DFB-Pokal in Essen dazu, sind es sogar neun Gegentore in den ersten fünf Pflichtspielen der Saison.
Von einer generellen Defensiv-Problematik will Rapp trotz alledem nichts wissen: „Wenn ich jetzt das ganze Spiel betrachte, habe ich jetzt nicht so viele Chancen gesehen von Arminia Bielefeld. Da sehe ich dann ein Tor nach dem langen Ball und ein Tor nach einem Standard. Das finde ich jetzt nicht so, dass man sagt, wir sind defensiv irgendwie total schlecht. Aber wir kriegen halt zwei Tore und das muss besser werden.“
Kiezkicker haben unter Rapp noch nicht zu Null gespielt
Es stimmt, dass seine Mannschaft aus dem Spiel heraus wenig zulässt – und dennoch wiederholt in den gleichen oder zumindest ähnlichen Bereichen Schwächen offenbart, wobei individuelle Fehler oder mangelhaftes Zweikampfverhalten nicht dem Trainer anzukreiden sind. Die Mannschaft macht sich kaputt, was sie eigentlich gut macht.
Tatsache ist auch, dass St. Pauli unter Rapps Regie noch nicht zu Null gespielt hat – Vorbereitung eingeschlossen. Das ist der deutlich offensiveren Ausrichtung nach dem Abstieg geschuldet, darf aber nicht der Standard bleiben. Aber es wäre falsch und unfair, diese Problematik allein dem neuen Coach anzuheften, denn auch unter Vorgänger Alexander Blessin, der die Mannschaft in der Bundesliga aus nachvollziehbaren Gründen äußerst defensiv ausgerichtet hatte, waren Gegentore zuletzt an der Wochenordnung.
Zu viele Gegentore gab es auch schon unter Blessin
Letztmals zu Null hat St. Pauli am 8. März beim 0:0 gegen Eintracht Frankfurt gespielt. In den neun Partien danach gab es 20 Gegentore und damit satte 2,22 im Schnitt pro Spiel. In dieser Saison sind es in der Liga 1,75 pro Partie. Weniger, aber immer noch zu viele. Da sind sich alle einig, das bestreitet auch der neue Chefcoach nicht.
„Defensiv war es nicht schlecht und trotzdem kassieren wir zwei Tore“, resümierte Rapp. „Die Gegentore bekommen wir wieder zu einfach.“ Und dennoch legte er den Fokus auf das Spiel nach vorn, als es um nötige Verbesserungen ging. „Wir hatten eine gute Spielkontrolle, aus der haben wir aber zu wenige Chancen kreiert. Es ist eine Aufgabe für die kommenden Wochen, dass wir torgefährlicher werden müssen.“
Gute Moral wird auch gegen Wolfsburg wichtig sein
Es trifft zu, dass es in Bielefeld an offensiver Durchschlagskraft und Großchancen mangelte und St. Pauli hätte mehr aus der starken Anfangsphase machen können und müssen, aber andererseits können oder sollten zwei Tore auswärts auch mal für einen Sieg reichen, was weder in Bielefeld noch in Kiel gelungen ist. Die Balance aus unbedingter Offensive und defensiver Stabilität muss besser werden. Das ist möglich. Das braucht womöglich mehr Zeit als sich alle erhofft haben. Die Komponenten sind da. Ein Sieg könnte eine Initialzündung sein, mehr Sicherheit und Selbstvertrauen geben.
Die Moral der Mannschaft ist intakt und sogar stark. In einer angespannten Gesamtlage einen zweimaligem Rückstand auszugleichen, noch dazu auswärts, wie gerade in Bielefeld geschehen, ist absolut positiv. Aber das diese Art von Moral nötig ist und betont wird, zeigt auch, dass es im Moment (noch) zu oft darum geht, aufzustehen, sich zu schütteln, zurückzukommen, zurückzuschlagen. Um besser zu werden, erfolgreicher, und endlich dreifach zu punkten, müssen die Kiezkicker ihre Aussetzer abstellen. In Führung gehen und hellwach bleiben.
Dass mit dem VfL Wolfsburg nun eine Mannschaft ans Millerntor kommt, die offensiv eine Torfabrik ist (10 Treffer nach vier Spielen), aber sich defensiv zuletzt sehr anfällig präsentiert hat (4:4 gegen Cottbus), macht die ohnehin brisante Partie noch spannender – und rückt auch das Defensiv-Thema noch mehr in den Vordergrund.