Ukraine: Oleksij identifizierte Soldaten-Leichen – bis es ihn selbst traf

KI-Stimme. InfoIm November 2023 steht Oleksij Yukow neben einem kleinen olivgrünen Transporter, auf dem die Zahl „200“ prangt. Im ukrainischen und russischen Militärjargon steht die „200“ für die Gefallenen. Yu...

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Ukraine: Oleksij identifizierte Soldaten-Leichen – bis es ihn selbst traf

KI-Stimme. Info

Im November 2023 steht Oleksij Yukow neben einem kleinen olivgrünen Transporter, auf dem die Zahl „200“ prangt. Im ukrainischen und russischen Militärjargon steht die „200“ für die Gefallenen. Yukow ist müde, er hat die vergangenen Stunden die nassen und schmutzigen Uniformen der verwesten Leichen durchsucht, die er und seine Männer in den Wäldern bei Klischtschijiwka gefunden haben. Er will den Toten ihre Namen wiedergeben, damit sie nach Hause gebracht werden können. Es ist seine Mission. Er sagt etwas, das typisch für ihn ist: „Der Krieg wird nicht vorbei sein, wenn wir den letzten Soldaten beerdigt haben. Er wird vorbei sein, wenn wir wieder Menschen werden.“ Das Kriegsende zu erleben, war Oleksij Yukow nicht vergönnt. Er ist am 5. August gefallen.

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Oleksij Yukow war einer der beeindruckendsten Menschen, die wir Funke-Reporter in den vergangenen Jahren auf unseren Reisen durch den Krieg in der Ukraine kennengelernt haben. In dem erbarmungslosen Gemetzel an der Front hatte er sich Menschlichkeit bewahrt und gelebt. Mit seiner Organisation „Plazdarm“, was für „Operationsbasis“ steht, hatte er es sich zur Aufgabe gemacht, die Toten beider Seiten zu bergen. „Menschen müssen ihre Verwandten beerdigen können, damit deren Seelen nicht zwischen den Welten gefangen sind“, hatte er uns gesagt, als wir ihn und seine Leute im November 2023 in der Nähe eines kleinen Dorfes in der Region Donezk trafen. Besonders die Mütter lagen ihm am Herzen.

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Ukraine: Gefallene „haben die Telefonnummer ihrer Mütter in der Kleidung“

Damals hatten Yukow und seine Männer die Überreste russischer Soldaten geborgen, die bei den Kämpfen um Klischtschijiwka ein knappes Jahr zuvor gefallen waren. Yukow hatte sich neben die Leichen gekniet, die verklebten Uniformjacken geöffnet, die Toten routiniert abgetastet, nach Dokumenten, Erkennungsmarken oder irgendetwas anderem gesucht, das bei ihrer Identifizierung helfen könnte. „Manche haben sich kleine Schilder mit der Telefonnummer ihrer Mutter in die Kleidung genäht“, erzählte er uns. Was uns auffiel, war der Anstand, mit dem er die Gefallenen behandelte: „Wir kämpfen nicht mit den Toten, wir respektieren sie. Ich will Mensch bleiben, auch wenn uns die töten, die in unser Land gekommen sind.“

Yukow hatte dieser Aufgabe sein Leben gewidmet. Eigentlich war er Sportlehrer in Slowjansk, jener Stadt im Osten der Ukraine, die eines der wichtigsten Ziele für die aktuellen russischen Angriffsoperationen ist. Er bildete junge Menschen in der ukrainischen Kampfsportart Horting und im thailändischen Muay Thai aus. Viele der Männer, die in seiner Organisation arbeiteten, waren seine Schüler. Für die Bergung und Identifizierung von Gefallenen hatte er sich schon früh eingesetzt. Bereits mit 14 Jahren arbeitete er für Organisationen, die die Toten des Zweiten Weltkriegs bargen, erzählte er uns bei unserer Begegnung.

Gefährliche Arbeit: Leichensammler stehen häufig unter Beschuss

Mit dem Ausbruch des Krieges im Donbass zwischen prorussischen Aufständischen und der ukrainischen Armee im Jahr 2014 verändert sich seine Mission. Er und seine Männer müssen die Gefallenen eines neuen Konfliktes in Europa bergen. Die Aufgabe ist lebensgefährlich. Als er am Stadtrand von Slowjansk die Leichen ukrainischer Soldaten birgt, die bei einem Hubschrauber-Absturz ums Leben gekommen waren, gerät er in Gefangenschaft und wird zum Tode verurteilt.

Yukow kommt aber frei und macht weiter. Er sagte uns bei unserer Begegnung im November 2023, dass die Russen sie häufig in Ruhe ihre Arbeit machen ließen. Manchmal eröffneten sie aber auch die Jagd auf die Leichensammler. „Wir waren häufig unter Beschuss, es sind eben unterschiedliche Kommandeure an der Front. Auf das Wort russischer Offiziere kann man sich nicht immer verlassen.“

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Jetzt ist Yukow tot. Am 5. August ist er nach ukrainischen Angaben in der Nähe des Dorfes Schandryholowe in der Gemeinde Lyman im Nordosten des Landes bei einer Mission in einem Waldstreifen auf eine Mine gefahren. Er wurde 40 Jahre alt. Seit dem Beginn der russischen Großinvasion im Februar 2022 haben er und seine Männer etwa 3000 Gefallene beider Seiten geborgen. Er hatte uns seinerzeit gesagt, dass seine Mission in der Ukraine nicht unumstritten sei. „Die, die den Krieg erlebt haben, ihn gespürt haben, die behandeln uns mit Respekt. Die anderen verstehen nicht, was wir machen.“

Militär: „Wir verneigen uns vor einem Leben, das den Menschen gewidmet war.“

Jetzt ist die Trauer in der Ukraine aber groß: „Sein Tod ist ein unersetzlicher Verlust für Slowjansk, die Region Donezk und die gesamte Ukraine. Wir verneigen uns tief vor einem Leben, das den Menschen gewidmet war. Möge sein Andenken für immer in Ehren und Licht bewahrt werden“, schreibt Wadym Ljach, der Militärverwalter von Slowjansk auf Facebook. „Oleksij riskierte sein Leben nicht, um das anderer zu nehmen. Sondern um den Namen, den Frieden und die Erinnerung an die Gefallenen zurückzugeben, und er gab vielen Familien den Trost des letzten Abschieds“, schreibt ein Trauernder stellvertretend für viele andere unter der Nachricht seines Todes.

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