Österreich will in New York Zuversicht versprühen – ist das angebracht?
Trump unterzeichnet großspurig ein Grönlandabkommen, Europa blickt gebannt nach Kanada, das sich von den USA unabhängiger machen will. Etliche Kriege toben auf der Welt. Ist Zweckoptimismus das richtige Werkzeug?
- 6 min read
UN-Generaldebatte
Österreich will in New York Zuversicht versprühen – ist das angebracht?
Trump unterzeichnet großspurig ein Grönlandabkommen, Europa blickt gebannt nach Kanada, das sich von den USA unabhängiger machen will. Etliche Kriege toben auf der Welt. Ist Zweckoptimismus das richtige Werkzeug?
Anna Sawerthal
Je näher man an das riesige Loch tritt, desto mehr verschwindet der Stadtlärm im Rauschen des Wassers. Wo früher die zwei hohen Türme standen, klaffen heute zwei schwarze Krater, in die Wasser ins Nichts abfließt – unzuschüttbar sind die Löcher, bodenlos. Nichts kann sie vergessen machen.
Heute ist der Ground Zero in New York ein Ort des Gedenkens, des Erinnerns an jene, die ihr Leben bei den Terroranschlägen von 2001 verloren haben. Diese Woche kommen besonders viele hochrangige Staats- und Regierungschefs an den Ort, denn am Dienstag startete in der Stadt die "High Level Week" der Uno-Generalversammlung. Auch der österreichische Bundeskanzler Christian Stocker war tags zuvor hier. Er legte weiße Rosen zu den Namen zweier Opfer, die in Österreich geboren wurden. Er traf den Sohn eines Feuerwehrmanns, der in einem der Türme gestorben ist. Und am "Baum der Überlebenden" legte er einen Kranz nieder. Den Baum haben die Rettungskräfte im Oktober 2001 unter dem Schutt und Geröll der Türme gefunden. Er wurde monatelang aufgepäppelt – und lebt bis heute. Heute gilt er als Zeichen der Resilienz.
Hunderte bunte Zettelchen hängen um den Birnbaum: "Never forget", steht zum Beispiel drauf, "We stand with you", oder: Aufrufe zum Weltfrieden.
25 Jahre sind vergangen seit den Terroranschlägen. Die Konflikte und Kriege in der Welt haben sich seither multipliziert. Die Eröffnung der Uno-Generaldebatte am Dienstag durch António Guterres wird von diversen Konflikten überschattet. Die Hoffnungen, dass das altehrwürdige Uno-Plenum aber trotzdem als Impuls für Konfliktlösungen dienen kann, sind allerorts spürbar, auch in den österreichischen Delegationen von Präsident Alexander Van der Bellen, Kanzler Stocker und Außenministerin Beate Meinl-Reisinger. Doch sind sie angebracht?
So murmelte man schon zum Auftakt von einem möglichen Treffen zwischen US-Präsident Donald Trump und dem Iraner Massud Peseschkian. Ob es tatsächlich so weit kommen würde, blieb aber im Laufen des Dienstags offen – und unwahrscheinlich. In seiner Rede vor dem Plenum drohte Trump erneut damit, das Land zu zerstören. Am Mittwochvormittag wird Peseschkian im Uno-Plenum sprechen. Sehr wohl trafen sich Trump und der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj, der ebenfalls kurz vor Beginn der Debatte am Ground Zero seine Anteilnahme bezeugte.
Grönland-Abkommen als Show
Mit dem US-Präsidenten Trump im Weißen Haus sind die Grenzen zwischen diplomatischer Show und handfesten Initiativen besonders verschwommen. Am Dienstag unterzeichnete Trump mit Dänemark und Grönland feierlich ein Sicherheitsabkommen zu Grönland. Die Insel im hohen Norden wollte Trump ja schon seit langem "kaufen", nun hat man sich diplomatisch geeinigt. Die Details blieben bis zuletzt vage, aber die USA werden wohl eine weitere Militärbasis eröffnen, was das Land aber auch nach dem bisherigen Regelwerk hätte tun können. Laut Dänemark ist in dem Abkommen die territoriale Souveränität Dänemarks und das Selbstbestimmungsrecht der Grönländer explizit festgesetzt – alles andere wäre für die europäische Seite wohl nicht akzeptabel gewesen.
Grönland ist nur ein Beispiel dafür, dass die Beziehungen zwischen den USA und Europa sehr belastet sind. Es spricht auch Bände, dass die USA heuer kein transatlantisches Dinner organisiert haben. So wird der kanadische Premier Mark Carney unter den Europäern in New York gefeiert: Er hatte zuletzt zunehmend Kante gegenüber Washington gezeigt. Mit Europa will Kanada nun eine engere Partnerschaft eingehen. Das hätte kurzfristig Nachteile für Kanada, aber auf längere Sicht gesehen sei es wichtig, sich unabhängiger von den USA zu machen, heißt es dazu auch von österreichischer Seite.
Kanada als Vorbild
Kanada sei einen konsequenten Weg gegangen, lobte etwa Stocker: Auch die EU müsse versuchen, "andere Bündnisse außerhalb der Vereinigten Staaten zu stärken, ohne die transatlantische Beziehung zu verlieren". Auf ein Treffen mit Carney, das für Montag angesetzt war, hatte sich Stocker gefreut. Seine Rede Anfang des Jahres in Davos, bei der er die Lanze brach für eine Politik, die "pragmatisch im Handeln" sei, habe ihn beeindruckt. Kurzfristig musste das Treffen abgesagt werden, weil Hunderte Flüge just am Montag gestrichen wurden, nachdem ein Signalfehler Flughäfen um New York lahmgelegt hatte – etwas, das wohl noch nachbesprochen werden würde, wie der Kanzler sagte. Das Treffen konnte am Dienstag aber schließlich nachgeholt werden.
Außenministerin Meinl-Reisinger wird am Donnerstag für Österreich vor dem Plenum sprechen. Davor stehen diverse Treffen mit Amtskollegen und Amtskolleginnen am Programm, unter anderem mit dem Iraner Abbas Araghchi bereits am Dienstagnachmittag (Ortszeit). Ab 2027 wird Österreich einen der zehn nicht-ständigen Sitze im Uno-Sicherheitsrat übernehmen. Schon jetzt hat das kleine Land somit mehr Gewicht. "Um sich frühzeitig abzustimmen" richtete Meinl-Reisinger etwa ein Treffen mit den anderen Ländern aus, die 2027 als nichtständige Mitglieder in den UN-Sicherheitsrat einziehen, nämlich Portugal, Kirgisistan, Trinidad und Tobago sowie Simbabwe. Außerdem gab es Austausch mit den derzeit amtierenden gewählten Mitgliedern des Sicherheitsrats. "Die nicht-ständigen Mitglieder spielen eine Schlüsselrolle dabei, Brücken zu bauen, gerade in jenen Dossiers, in denen sich die ständigen Mitglieder blockieren", betont dazu das Außenministerium.
Meinl-Reisinger hatte früher schon angekündigt, sich aber auch mit allen fünf ständigen Mitgliedern treffen zu wollen, dazu gehört auch Russland. Treffen mit US- und chinesischen Vertretern haben schon früher stattgefunden. Treffen in London und Paris sollen noch im Herbst folgen. Am Mittwoch wird die Außenministerin im Rahmen eines Briefings im Sicherheitsrat anwesend sein, bei dem auch der russische Amtskollege Sergej Lawrow vertreten sein wird, erklärte sie am Dienstag. Zunächst möchte sie noch die anderen ausständigen "P5"-Mitglieder treffen, wie sie betonte. Nach Moskau werde sie nicht reisen.
Mehrheit begrüßt Uno-Sitz
In Österreich wird der zweijährige Uno-Sitz übrigens begrüßt, wie eine aktuelle Gallup-Umfrage im Auftrag des Außenministeriums zeigt: Sechs von zehn Befragten halten die Mitgliedschaft für bedeutsam. 75 Prozent sehen die Vermittlung bei internationalen Konflikten als wichtigste Aufgabe, knapp die Hälfte der Befragten nennt die Entsendung von Blauhelm-Soldaten in Krisengebiete und die Aufrechterhaltung der regelbasierten internationalen Ordnung als wichtig.
So tritt Österreich in New York mit demonstrativer Zuversicht auf. "Gerade jetzt braucht es Diplomatie mehr denn je", sagt Meinl-Reisinger. Es sei wichtig, am "entscheidenden Tisch zu sitzen", richtet das Präsidentenbüro aus.
Nach der Kranzniederlegung beim Baum am Ground Zero betonte Stocker, dass man "an diesem Ort nicht unberührt bleiben" könne. Der Sohn des Feuerwehrmanns, mit dem er sich austauschte, war gerade mal fünf Jahre alt, als sein Vater starb. Er habe ihm erzählt, dass es schwer war, aber dass es weitergegangen sei. Die Begegnung habe ihm gezeigt, dass "auch aus der größten Tragödie der Optimismus nicht verschwindet". "Never forget", steht auf den Zetteln um den Baum, und "We stand with you". Auf einem Zettel ist in krakeliger Kinderschrift geschrieben: "You are a good tree." (Anna Sawerthal aus New York, 22.9.2026)
Forum: 16 Postings
Ihre Meinung zählt.
Die Kommentare im Forum geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Benutzer:innen können diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die STANDARD Verlagsgesellschaft m.b.H. vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.