Pädophiler über sein Leben in Therapie: "Ich habe immer Angst, dass es jemand erfährt"

Karl hat über 20 Jahre Therapie hinter sich. Er gab ein kleines Vermögen aus, um seine Neigung zu kontrollieren. Höhere Strafen verhinderten keinen Missbrauch, glaubt er. Präventionsangebote aber schon

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Pädophiler über sein Leben in Therapie: "Ich habe immer Angst, dass es jemand erfährt"

Kein Täter werden

Pädophiler über sein Leben in Therapie: "Ich habe immer Angst, dass es jemand erfährt"

Karl hat über 20 Jahre Therapie hinter sich. Er gab ein kleines Vermögen aus, um seine Neigung zu kontrollieren. Höhere Strafen verhinderten keinen Missbrauch, glaubt er. Präventionsangebote aber schon

Muzayen Al-Youssef

Ein Mann läuft auf einer gepflasterten Straße, wobei sein Schatten deutlich auf dem Boden sichtbar ist.
Schätzungen zufolge sind bis zu ein Prozent aller Frauen und bis zu fünf Prozent aller Männer pädophil.

Bevor Karl, den wir in diesem Text so nennen werden, seine erste Therapiesitzung vereinbarte, besorgte er sich ein neues Handy und eine neue SIM-Karte. Er stieg ins Auto und fuhr mehrere Kilometer zu einem abgelegenen Sendemast. Kein Mensch sollte erfahren, wohin er unterwegs war oder warum: nicht seine Familie, nicht seine Freunde, niemand.

Erst dann wählte er die Nummer der Männerberatung in Wien. "Ich wollte auf keinen Fall riskieren, dass der Anruf zu mir zurückverfolgt werden kann", erzählt er heute.

Als er bald darauf die Tür zum Therapiezentrum öffnete, war seine Aufregung groß. So groß, dass Karl überlegte, seinen Brustgurt mitzunehmen, "um zu sehen, wie weit mein Puls in die Höhe geht".

Nicht einmal seinen Vornamen wollte er den Mitarbeitern dort zunächst verraten. Seinen Nachnamen kennt sein Therapeut bis heute nicht. Monatelang bezahlte er ausschließlich in bar, um unter allen Umständen anonym zu bleiben.

Damals, im Jahr 2003, war Karl Mitte 20 und überzeugt, ein Geheimnis mit sich herumzutragen, das sein ganzes Leben zerstören könnte.

Der Grund dafür: Karl ist pädophil. Er fühlt sich zu Burschen im Alter zwischen zehn und 15 Jahren hingezogen. Sein Begehren beschränkt sich aber nicht ausschließlich auf Kinder. Seit über einem Jahrzehnt führt er eine Beziehung mit einer Frau. Dennoch verspürt er bei Erwachsenen zwar sexuelle Erregung, aber keine echte Anziehung.

Mehr als 20 Jahre nach seiner ersten Therapiestunde sitzt er mit STANDARD und Profil in einem Kaffeehaus. Seine Angst, als Pädophiler enttarnt zu werden, ist nie ganz verschwunden. In der Nacht vor unserem Treffen hat er schlecht geschlafen. Aus Sorge, er könnte einer Bekannten unverhofft begegnen, die in der Nähe des Lokals wohnt. Auf Karls Wunsch haben wir einige persönliche Details abgeändert. Er will nicht, dass sein Umfeld ihn erkennt.

Karl räumt ein, vor seiner Therapie vereinzelt auch Missbrauchsdarstellungen sowie FKK-Bilder konsumiert zu haben. "Man schafft es, sich viele Dinge schönzureden", sagt er rückblickend. Karl versucht seitdem Verantwortung zu übernehmen und seine Triebe unter Kontrolle zu halten.

"Gunkl" als Anlassfall

Dass Karl seine Deckung verlässt, so weit es ihm möglich ist, hat einen aktuellen Anlass: Am 22. Oktober muss sich der Kabarettist Günther Paal, bekannt als "Gunkl", vor Gericht verantworten. Ihm wird der Missbrauch eines Kleinkinds sowie der Besitz von hunderten einschlägigen Darstellungen vorgeworfen. Paal ist geständig. Bereits 2023 sprach Karl mit dem STANDARD und anderen Medien, damals war der Anlass der Fall des Schauspielers Florian Teichtmeister, der wegen des Besitzes und der Herstellung pornografischer Darstellungen Minderjähriger verurteilt wurde.

Wie so oft, wenn ein prominenter Missbrauchsfall bekannt wird, folgten auch in der aktuellen Causa prompt Rufe nach härteren Sanktionen: Die FPÖ forderte zuletzt eine "lebenslange Strafe für Kinderschänder". 2023 führte Teichtmeisters Verurteilung dazu, dass der Mindeststrafsatz beim Besitz von Kindesmissbrauchsdarstellungen erhöht wurde.

Ihm stehe es nicht zu, solche Forderungen zu verurteilen, betont Karl. Dennoch fragt er sich: "Was möchte man erreichen? Will man, dass weniger Kinder missbraucht werden? Ich glaube nämlich nicht, dass eine noch so hohe Strafe das verhindert hätte." Hier setzt Karls eigentliches Anliegen an, weswegen er sich an die Öffentlichkeit wendet: Er verstehe zwar die Wut, die gerade in Kindesmissbrauchsfällen aufkomme, und die damit verbundenen Reaktionen, sagt er. Doch es werde zu wenig darüber diskutiert, wie man Übergriffe konkret verhindern kann, bevor sie passieren.

Pädophilie ist keine Entscheidung

Für ihre Sexualität können Pädophile nach aktuellem Stand der Wissenschaft wohl nichts. Sehr wohl entscheidet man sich aber bewusst dazu, Missbrauch zu begehen und zum Täter zu werden.

Karl pocht auf diese Differenzierung: "Ich habe mir das nicht ausgesucht. Trotzdem wird man als Pädophiler geächtet, auch, wenn man keine Straftat begangen hat", sagt er. "Und ich verstehe es ja. Ich habe selbst emotional ein negatives Bild von Pädophilen. Aber selbst Mörder haben es leichter, wieder einen Weg in die Gesellschaft zu finden."

Schätzungen zufolge sind bis zu ein Prozent aller Frauen und bis zu fünf Prozent aller Männer pädophil – in unterschiedlichen Ausprägungen. Verlässliche Zahlen gibt es jedoch nicht. Längst nicht alle Betroffenen werden straffällig: So ist mehr als die Hälfte aller wegen Kindesmissbrauchs verurteilten Sexualstraftäter nicht pädophil.

In offiziellen Polizeistatistiken dominieren mit bis zu 98 Prozent der erfassten Missbrauchsfälle eindeutig männliche Täter. Dunkelfeldstudien gehen hingegen von einem deutlich höheren Anteil weiblicher Täterinnen aus. Dass diese seltener strafrechtlich verfolgt werden, liegt Experten zufolge oft daran, dass Pädophilie und Kindesmissbrauch in der gesellschaftlichen Wahrnehmung primär als männliche Phänomene gelten.

Karl selbst war ein junger Student, als ihm bewusst wurde, dass "da etwas nicht passt". Sein starkes Selbstwertgefühl sei davon aber unberührt geblieben. "Ich habe immer nur die Angst, dass es jemand erfährt."

Nach heutigem Wissensstand gibt es "keine etablierte Behandlung, mit der sicher erreicht werden kann, dass eine pädophile Person künftig ausschließlich Erwachsene sexuell attraktiv findet", sagt die Sexualtherapeutin Nicole Kienzl zum STANDARD. "In der Therapie geht es darum, mit der eigenen Neigung verantwortungsvoll umzugehen, den Leidensdruck zu verringern und – wo nötig – Risiken zu reduzieren." Dazu gehöre, "Fantasien klar vom tatsächlichen Verhalten zu unterscheiden, mögliche Risikosituationen früh zu erkennen und Strategien zu entwickeln, um mit Impulsen umzugehen". Im Fall von Tätern müsse zusätzlich die Verantwortung für das eigene Handeln im Mittelpunkt stehen.

Immer wieder Fantasien

Auch Karls Fantasien sind nie verschwunden. "Es gibt immer noch Momente, wo einfach eine Spannung da ist, wenn ich ein Kind sehe, und mir innerlich wünschen würde, dass etwas passiert", sagt er. Was genau, wisse er selber nicht.

Zuletzt passierte das etwa, als er ein "unglaublich schönes Kind" im Zug entdeckte. Aber er hat gelernt, nicht auf seine Gedanken einzugehen, sie stattdessen zu reflektieren. Er achtet darauf, in keine "Negativspirale" zu fallen, wie er es nennt.

"Je früher man es bemerkt, desto leichter lässt sich das Verlangen abbrechen", sagt sein langjähriger Therapeut, Alex Seppelt, von der Männerberatung Wien. "Die Betroffenen sollen spüren, dass sie in eine Situation kommen, in der sie sich entscheiden müssen, ob sie ihre Neigung ausleben oder nicht. Wir werden alles dafür tun, dass sie sich dagegen entscheiden. Sollten sie es dennoch tun, müssen sie auch die Konsequenzen tragen."

Reue über Erzählung

Dieser ständige innere Konflikt begleitet Karl auch in seinem Privatleben. Irgendwann, nach Jahren an Therapie, beschloss er, seiner langjährigen Freundin von seiner Neigung zu erzählen. Etwas, was er bis heute bereut: Es habe "wenig Vorteile" gebracht und zu Verletzungen geführt. Zum Beispiel, weil seine Freundin nicht will, dass er mit zehn bis 15-Jährigen in einem Zimmer ist. "Da fehlt, glaube ich, noch immer das Verständnis dafür, dass das nicht heißt, dass ich etwas tue." Für ihn sei es so, als würde man sagen: "Ich lasse dich nicht mit einer fremden Frau allein in einem Zimmer."

Obwohl das Paar auch körperlich miteinander intim ist, empfindet Karl dabei wenig. "Mir graust es nicht davor, aber es gibt mir nichts", beschreibt er das gemeinsame Sexleben. Er gebe sich stets Mühe, dass seine Partnerin das nicht bemerkt.

Weil ihm die reale Sexualität wenig gibt, suchte er lange nach anderen Wegen, um seine Triebe zu befriedigen, ohne einem Kind zu schaden. Bis vor kurzem sah er sich gezeichnete Comics an, die Kindesmissbrauch darstellen. Solche Darstellungen sind strafbar, wenn es für den Betrachter so wirkt, als wäre ein Kind involviert. "Jeder, der sich so etwas anschaut, spielt sich mit der Interpretation des Staatsanwalts", warnt Therapeut Seppelt. Karl rechtfertigt sich damit, dass er keinem echten Kind schade.

Seit kurzem gibt es die Webseite nicht mehr, auf der er die Comics konsumiert. Rechtlich ebenso heikles KI-Material habe er einmal gesucht, aber nichts gefunden und es daher wieder bleiben lassen. Wobei Karl damit eine Grenze überschritten hätte, denn: Für authentisch wirkende KI-Videos bedarf es Trainingsmaterial. Es ist also wahrscheinlich, dass hinter den generierten Videos echte Aufzeichnungen von Missbrauch stecken.

Gezeichneter Missbrauch

Dieser Konsum ist etwas, worauf Karl und sein Therapeut sich nie einigen konnten. Seppelt zufolge gebe es keinen Beleg dafür, dass animierte oder gezeichnete Darstellungen präventiv wirken könnten. Aus der Forschung zu legaler Pornografie wisse man: Je öfter man diese konsumiert, desto stärkere Reize brauche es auch. Würde Karl ihm erzählen, dass er regelmäßig KI-Darstellungen konsumiere, wäre das für Seppelt ein eindeutiges Warnsignal.

Für Sexualtherapeutin Kienzl, die ebenfalls Pädophile betreut, kommt es hingegen auf den individuellen Klienten an. Sie berichtet von Männern, die animierte Inhalte "als Möglichkeit erleben, Fantasien auszuleben, ohne reale Kinder einzubeziehen. Diese persönliche Erfahrung ist für die therapeutische Einschätzung wichtig, sie ist aber kein wissenschaftlicher Beleg dafür, dass solche Inhalte Übergriffe verhindern", wie sie sagt. "Umgekehrt lässt sich auch nicht pauschal sagen, dass der Konsum zwangsläufig zu einer Eskalation führt."

Vor einigen Monaten hat Karl die Therapie beendet. Es sei in letzter Zeit nur noch selten um seine Pädophilie gegangen, sagt er. Einerseits sei das Thema Sexualität mit dem Älterwerden weiter in den Hintergrund gerückt. Andererseits glaubt er, dass die vielen Therapiestunden ihm mittlerweile geholfen haben, mit seiner Neigung umzugehen. "Ich kann nicht sagen, was ohne Therapie passiert wäre", sagt er. Aber er sei froh, dass die Dinge so gelaufen sind, wie sie sind.

Auch Seppelt glaubt, dass Karl stabil ist. "Ich halte Karl für reflexiv genug, dass er sich Hilfe holt, wenn er wieder gefährdet ist", sagt er zum STANDARD. Das wäre nicht ungewöhnlich: Seppelt berichtet von zahlreichen seiner pädophilen Klienten, die nach einer abgeschlossenen Therapie halbjährlich zu ihm kommen, um ihre Situation zu besprechen.

25.000 Euro für Therapie

Fast 25.000 Euro hat Karl ausgegeben, um an diesen Punkt in seinem Leben zu kommen. Er habe das Privileg, sich das leisten zu können. Karl kommt aus einem gut situierten Umfeld, hat studiert und verdient gut.

So ergeht es nicht allen. Manchmal ist Therapie eine Frage des Geldes, wie Seppelt anmerkt: "Wer 1500 Euro im Monat zur Verfügung hat, kann sich eine Therapie, die trotz Rückerstattung durch die Krankenkasse 350 bis 400 Euro kostet, oft nicht leisten." Er schlägt vollfinanzierte Therapieplätze für Menschen in finanziellen Notlagen vor. Schließlich sollte jeder, der noch kein Delikt begangen hat und aktiv Hilfe sucht, diese auch bekommen.

Das sieht auch Karl so. Wenn nach prominenten Fällen wieder nach drakonischen Strafen gerufen wird, denkt er an Männer, die keine Straftat begangen haben und dennoch mit ihrem Problem allein sind – aus Scham oder weil das Geld für eine Therapie fehlt. Zugleich würden härtere Strafen erst einsetzen, wenn das Leben eines Kindes bereits zerstört sei.

Dass er selbst die Grenze zum physischen Übergriff nie überschritten hat, verdankt Karl der Entscheidung, die er vor über 20 Jahren traf: damals, als er mit dem neuen Handy zu dem abgelegenen Sendemast fuhr. (Muzayen Al-Youssef, 16.10.2026)

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