Angststörungen und Depressionen: Psyche als wichtiger Faktor bei Hitze
Der bisherige Sommer hat vielen zu schaffen gemacht. Auch die vielerorts extremen Temperaturen – am Montag und Dienstag soll es teils bis zu 39 bzw. 40 Grad heiß werden – bereiten vielen Menschen wieder große Sorge. Die anhaltende Hitze belastet nämlich nicht nur den Körper, sondern auch die Psyche. Vor allem Menschen mit Angststörungen, Depressionen oder anderen psychischen Vorerkrankungen leiden stärker darunter, wie Umweltpsychologin Daniela Renn erklärt.
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Angststörungen und Depressionen
Der bisherige Sommer hat vielen zu schaffen gemacht. Auch die vielerorts extremen Temperaturen – am Montag und Dienstag soll es teils bis zu 39 bzw. 40 Grad heiß werden – bereiten vielen Menschen wieder große Sorge. Die anhaltende Hitze belastet nämlich nicht nur den Körper, sondern auch die Psyche. Vor allem Menschen mit Angststörungen, Depressionen oder anderen psychischen Vorerkrankungen leiden stärker darunter, wie Umweltpsychologin Daniela Renn erklärt.
Online seit heute, 6.09 Uhr
(Update: 6.10 Uhr)
Die psychischen Folgen von Hitze seien deutlich größer, als vielen bewusst ist, sagt die Umweltpsychologin und Vorstandsmitglied des Berufsverbandes Österreichischer Psychologinnen und Psychologen (BÖP) gegenüber ORF.at. „Hitze ist für viele Menschen eine erhebliche körperliche und psychische Belastung, da sie unsere Ausdauer, Aufmerksamkeit und Konzentration unmittelbar beeinträchtigt“, so Renn.
Müdigkeit, Erschöpfung und Aufmerksamkeitsprobleme seien dabei nur die unmittelbaren Folgen. Besonders belastend werde es für Menschen, die bereits früher unter Angststörungen, Panikattacken oder Depressionen gelitten haben. Hitze könne das noch weiter verstärken, so Renn.
„Gefühl, einer Situation hilflos ausgeliefert zu sein“
Hitze kann genau jene körperlichen Symptome hervorrufen, die viele Menschen mit Angsterkrankungen als Warnsignale kennen: Herzrasen, Schwindel, Schwitzen und das Gefühl, nicht mehr leistungsfähig zu sein. Was für die meisten eine normale Reaktion des Körpers auf hohe Temperaturen ist, kann bei Betroffenen eine Angstspirale auslösen.
„Viele Ängste haben ihren Ursprung in dem Gefühl, einer Situation hilflos ausgeliefert zu sein“, erklärt Renn. Viele Menschen hätten dann die Sorge, den Alltag nicht mehr bewältigen zu können, sei es im Beruf, im Familienleben oder mit Blick auf die eigene Gesundheit. Besonders bei Panikstörungen könne ein regelrechter Teufelskreis entstehen: Die Hitze verursacht körperliche Beschwerden, diese werden als Gefahr interpretiert und die Angst verstärkt wiederum die körperliche Anspannung.
„Alles fällt schwerer“
Dass extreme Hitze bestehende psychische Probleme verschärfen kann, zeigen auch Studien. Laut einer bereits 2021 im European Journal of Public Health veröffentlichten Untersuchung steigt bei höheren Temperaturen das Risiko für psychische Belastungen und bestimmte psychische Erkrankungen.
Gut untersucht ist der Zusammenhang von großer Hitze und den Erkrankungen Schizophrenie und Demenz. Menschen mit diesen Erkrankungen müssen während Hitzewellen häufiger im Krankenhaus behandelt werden. „Bereits bestehende Symptome nehmen während Hitzephasen oft deutlich zu. Entsprechend steigt auch die Zahl der Menschen, die stationäre Hilfe in Anspruch nehmen“, sagt Renn.
Auch Menschen mit Depressionen leiden häufig stärker unter lang anhaltender Hitze, auch wenn die Datenlage hier weniger eindeutig ist. Laut Renn ziehen sich Betroffene oft noch stärker zurück, weil ihnen noch mehr die Energie fehlt und selbst alltägliche Tätigkeiten zur Belastung werden. „Alles fällt schwerer“, meint die Psychologin.
Sorge vor der nächsten Hitzewelle
Dabei kann auch der gesellschaftliche Druck eine Rolle spielen. Während in sozialen Netzwerken Bilder von Urlaub, Badesee und lauen Sommerabenden dominieren, fühlen sich manche Menschen durch die Hitze regelrecht gelähmt. Das Gefühl, den Sommer „genießen zu müssen“, könne zusätzlichen Stress erzeugen und bestehende psychische Probleme verstärken.
Für viele Menschen endet die Belastung zudem nicht mit der Abkühlung. Statt Erleichterung bleibt die Sorge, wann die nächste Hitzewelle kommt. Laut Renn gehen die akute Belastung durch die Hitze und die Zukunftsangst vor noch heißeren Sommern „Hand in Hand“. Die Psychologin spricht dabei von einem Gefühl des „Ausgeliefertseins“.
Wer erlebt, dass die Temperaturen durch den menschengemachten Klimawandel immer früher im Jahr steigen und Hitzewellen länger andauern, könne das Gefühl entwickeln, die Kontrolle über die Situation zu verlieren. Besonders betroffen seien Menschen, die bereits schlechte Erfahrungen mit extremer Hitze gemacht haben, etwa in Form von gesundheitlichen Problemen oder Panikattacken.
Psychologin: Cool bleiben trotz Hitze
Die Stadtpsychologin Cornelia Ehmayer-Rosinak spricht über Klimaangst, Anpassung und die Bedeutung von Wasser als Erholungsraum. Sie rät dazu, die Hitze ernst zu nehmen, ohne sich von ihr beherrschen zu lassen.
Steigende Krankenstände
Auch Selbstständige beobachtet Renn als besonders belastete Gruppe. Sie hätten häufiger die Sorge, aufgrund der Hitze nicht mehr leistungsfähig zu sein und sich im Gegensatz zu unselbstständig Beschäftigten keinen Krankenstand leisten zu können. Doch auch die Zahl der Krankenstände steigt bei anhaltender Hitze deutlich.
Hilfe im Krisenfall
Berichte über (mögliche) Suizide können bei Personen, die sich in einer Krise befinden, die Situation verschlimmern. Österreichweit und in den Bundesländern gibt es Anlaufstellen, die Rat und Unterstützung im Krisenfall anbieten.
Die österreichweite Telefonseelsorge ist ebenfalls jederzeit unter 142 gratis zu erreichen. Hilfe für Jugendliche und junge Erwachsene bietet auch Rat auf Draht unter der Nummer 147.
Laut einem Preprint des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung führt bereits ein durchschnittlicher Hitzetag mit Temperaturen über 30 Grad zu einem Anstieg der Krankmeldungen um 3,5 Prozent. Nach einer einwöchigen Hitzewelle steigt dieser Wert sogar auf mehr als zehn Prozent. Die Zahlen beziehen sich allerdings auf Deutschland.
Schlechter Schlaf, höhere Reizbarkeit
Die psychischen Folgen der Hitze zeigen sich aber auch anderswo im Alltag. So leiden viele Menschen während Hitzewellen unter Schlafproblemen. Laut einem Bericht der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) schlief im Sommer 2025 jede dritte Person in Österreich aufgrund der Hitze schlechter, 2024 waren es sogar 60 Prozent.
Schlechter Schlaf wiederum wirkt sich direkt auf die Psyche aus. Die Konzentration sinkt, die Reizbarkeit nimmt zu und emotionale Belastungen können schwerer verarbeitet werden. Weitere Studien deuten zudem darauf hin, dass an besonders heißen Tagen die Aggressionsbereitschaft zunimmt und auch das Risiko für Selbstgefährdung und Suizide steigt.
„Gegenspieler von Angst ist Kontrolle“
Eine gewisse Sorge vor extremer Hitze sei aber nicht automatisch etwas Schlechtes, betont Renn. „Sorge richtet unsere Aufmerksamkeit auf eine Herausforderung und hilft uns, Strategien zu entwickeln, um die Situation aktiv zu verbessern.“ Problematisch werde es erst, wenn aus Sorge eine dauerhafte Angst entsteht. Der wichtigste Gegenspieler der Angst sei dann das Gefühl von Kontrolle. Wer das Gefühl habe, etwas tun zu können, sei der Situation weniger ausgeliefert.
Dazu gehöre, ausreichend Wasser zu trinken, körperliche Belastungen in die kühleren Tagesstunden zu verlegen und sich möglichst in kühlen Räumen aufzuhalten. Zudem sei bei Alkohol Vorsicht geboten. Auch die Wirkung von Medikamenten könnte sich ändern. Darüber hinaus könne auch ein klarer Plan für heiße Tage helfen. „Sobald ich merke, dass ich etwas tun kann, geht die Angst zurück“, sagt Renn.
Mit häufigeren und längeren Hitzewellen dürfte die psychische Belastung durch extreme Temperaturen künftig weiter an Bedeutung gewinnen. Die Folgen der Hitze seien deshalb nicht nur eine Frage von Kreislaufproblemen und Hitzeschlägen, sondern zunehmend auch eine der psychischen Gesundheit, und damit ein Thema, das laut Fachleuten bisher noch unterschätzt wird.