Menschen, die immer wieder ans Meer fahren, haben ein tieferes Problem

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Menschen, die immer wieder ans Meer fahren, haben ein tieferes Problem

Psychologin: Was Urlaub am Meer mit unserem Gehirn macht

Stand: 04.08.2026, 19:25 Uhr

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Strand und Meer gehören für viele Menschen zum Urlaub einfach dazu. Dabei geht es um mehr als das Bedürfnis, am Strand zu faulenzen.

Frankfurt – Im Ohr rauschen die Wellen, auf der Haut klebt das Salz, die Zehen versinken im heißen Sand: Viele Menschen zieht es im Urlaub fast magisch ans Meer. Die blaue Weite scheint den Schalter im Kopf umzulegen und den Geist auf Erholung einzustellen. Doch hinter einem Aufenthalt am Strand steckt mehr als nur die Sehnsucht nach einem ausgiebigen Sonnenbad. Die Wirkung von Orten mit Zugang zum Wasser, sogenannten „Blue Spaces“, ist Teil wissenschaftlicher Forschung und sucht nach Erklärungen, warum viele Menschen dort zur Ruhe kommen und den Alltagsstress vergessen.

Neben seiner lebenswichtigen Notwendigkeit für den Menschen wurde Wasser auch schon immer eine heilende Wirkung zugeschrieben. So soll Wasser nicht nur dem Körper, sondern vor allem auch dem Geist guttun. Damit beschäftigt sich die Umweltpsychologie schon seit geraumer Zeit. Als Pionier dieser Forschung gilt der Umweltpsychologe und Surfer Mat White. Bereits 2010 wies er mit seiner Kollegschaft nach, dass Menschen sowohl Natur- als auch Stadtlandschaften als wesentlich attraktiver und erholsamer wahrnehmen, sobald sie mit Wasser verbunden sind.

Umweltpsychologin über Erholung: „Natur hat eine entspannende Wirkung“

Sabine Pahl ist Professorin für Stadt- und Umweltpsychologie an der Universität Wien und konzentriert sich in ihrer Arbeit unter anderem auf die erholsamen Effekte natürlicher Umgebungen. Ihr Augenmerk liegt dabei auch immer wieder auf den Blue Spaces. Gegenüber der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media erklärt Pahl, dass mittlerweile viele Studien darauf hindeuten, dass die Natur ganz allgemein bei der Stressbewältigung hilft: „Natur hat eine entspannende Wirkung, wenn wir zum Beispiel im Park spazieren gehen, aber auch belebende Wirkung, wenn wir Sport in der Natur machen“, erklärt sie. Das Besondere an den Blue Spaces: Sie regen beides an.

Doch warum wirken die Weite des Meeres und das Geräusch des Wassers so gut? Pahl verweist auf die Attention Restoration Theory, einen der bekanntesten Ansätze der Erholungsforschung. Demnach gibt es vier Dimensionen, die entscheidend sind, „um unsere kognitiven und mentalen Ressourcen wieder aufzuladen“.

Urlauber am Strand von Jandia Playa auf Fuerteventura

Blue Spaces wie das Meer oder Badeseen ziehen viele Menschen an, die nach Erholung suchen. (Symbolfoto) © photo2000/Imago Images

Zunächst geht es um die Distanz zum Alltag. „Es ist wichtig, in eine andere Umgebung einzutauchen und den üblichen Anforderungen zu entkommen“, sagt Pahl. Für viele Menschen bedeutet ein Aufenthalt am Wasser – sei es am Strand, am Badesee oder am Fluss – eine Auszeit vom Bekannten. Dieses Gefühl verschafft dem Geist eine Pause von den gewohnten Reizen und Verpflichtungen.

Zweitens braucht es eine „sanfte“ Faszination, also eine Umgebung, die die Aufmerksamkeit auf sich zieht, ohne zu überfordern. „Das können akustische und visuelle Reize wie das Plätschern eines Baches oder Wellenbewegungen sein“, erklärt Pahl. Im Gegensatz zum hektischen Autoverkehr in der Stadt beschäftigen solche Eindrücke den Geist, ohne ihn zu stressen. Blue Spaces seien hier „sehr gut geeignet“, so die Forscherin. Aber auch Bäume, die sich im Wind bewegen, oder raschelnde Blätter könnten diesen Effekt auslösen.

Als dritte Dimension nennt Pahl die Weite: „Es geht darum, Raum wahrzunehmen, statt in Häuserschluchten zu stehen.“ Das Meer sei hier ein gutes Beispiel, aber auch Seen oder Berge könnten dieses Gefühl von Ausdehnung vermitteln. Schließlich spielt die Kompatibilität eine Rolle: Die Umgebung muss zu den eigenen Bedürfnissen passen. „Es muss so sein, dass ich das tun kann, wonach mir ist, ob das nun Gehen, Sitzen oder Schwimmen ist“, sagt Pahl.

Wasser und Strand sprechen den Körper sensorisch mit allen Sinnen an

Doch Erholung passiert nicht nur im Kopf, auch der Körper spielt eine Rolle. Barbara Degenhardt, Geschäftsführerin des Instituts für nutzerInnengerechte Bauten und Landschaftsgestaltung in Zürich, betont gegenüber der Frankfurter Rundschau das sinnlich-taktile Erleben am Wasser: „Ich gehe ins Wasser, ich spüre die Kälte, die Nässe auf der Haut. Das hilft, die Aufmerksamkeit nach innen zu lenken.“ Dieses „Ich spüre mich wieder“ zeige sich in vielen Studien als wichtiger Erholungsfaktor. Das Meer spreche dabei alle Sinne an: Wellenrauschen, Wind, Salzgeschmack, das Gefühl von Wasser auf der Haut. „Das ist etwas, was ich auf dem Berg in dieser Form weniger habe“, so Degenhardt.

Dabei bedeutet Erholung am Strand nicht zwingend Stillliegen. Wer im Alltag unterfordert sei, brauche oft das Gegenteil von Stille, und auch das bieten viele Strände und Gewässer: „Manche Menschen suchen dort gerade Anregung, Bewegung, soziale Kontakte“, erklärt Degenhardt. Auch Pahl beobachtet das: In einer englischen Studie berichteten Kinder, dass ihre Eltern am Strand „mehr mitspielen, herumlaufen, aktiv statt passiv sind“. Sand, Wasser und Platz zum Herumtoben machten Strände zu einem besonderen Ort für gemeinsame Bewegung.

Erholung ist nicht nur die Reaktion auf Stress, sondern auch der Wunsch nach Selbstregulation

Trotzdem sind das Meer und Seen keine Allheilmittel und nicht für alle das Richtige. Degenhardt sieht drei Faktoren im Zusammenspiel: Erstens verarbeite unser Gehirn bestimmte natürliche Muster leichter als andere, etwa die sich wiederholenden Formen von Wellen oder Blättern. Zweitens prägen Kindheitserfahrungen, welche Orte wir als erholsam empfinden. Und drittens spielt die aktuelle Belastung eine Rolle: Bin ich überreizt oder eher unterfordert? „Wer aus den Bergen kommt, fühlt sich auf dem Wasser vielleicht weniger wohl und zieht es vor, wandern zu gehen“, sagt sie. Entscheidend sei auch das Gefühl von Sicherheit: „Kann ich schwimmen? Fühle ich mich kompetent?“ Ohne dieses Erleben funktioniere Erholung am Wasser nicht.

Dass es viele Menschen dennoch immer wieder ans Meer zieht, hat also weniger mit dem Meer selbst zu tun und mehr mit dem, was ihnen im Alltag fehlt. Erholung ist laut Degenhardt nicht nur Reaktion auf Stress, sondern auch vorausschauende Selbstregulation: „Viele wissen aus Erfahrung: Das tut mir gut. Sie planen es ein, weil sie gelernt haben, dass es hilft.“ Wer nicht ans Meer kann, könne sich die benötigten Qualitäten auch anders zusammenstellen: „Weite, Kühlung, Bewegung – das lässt sich auch lokal finden.“ Die Sehnsucht nach dem Meer verrät also vor allem eines: was wir gerade brauchen. (Quelle: eigene Recherche, ScienceDirect)