„Eigenleben entwickelt“: Was der Fall Hanning über ein deutsches Geheimdienst-Problem verrät

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„Eigenleben entwickelt“: Was der Fall Hanning über ein deutsches Geheimdienst-Problem verrät

Stand: 13.10.2026, 20:39 Uhr

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Uns auf Google folgen

Ein Ex-BND-Chef unter Spionage-Verdacht: Der Fall Hanning schlägt hohe Wellen. Eine Beobachterin schildert im Interview eine noch größere Befürchtung.

Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik sitzt mit August Hanning ein Ex-Chef des Auslandsgeheimdienstes BND in U-Haft – wegen Spionageverdachts. Auch Hannings einstigen Büroleiter Manfred D. ließ die Bundeswaltschaft in U-Haft nehmen, wegen des Verdachts der „Beihilfe zum versuchten Landesverrat und zur landesverräterischen Ausspähung“. Ein Paukenschlag. Aber auch eine Überraschung? Die Journalistin und Autorin Birgit Jennen sagt im Interview mit dem Münchner Merkur von Ippen.Media: nein. Sie befürchtet, dass der Fall Hanning nur die Spitze eines Eisbergs ist.

August Hanning mit Aktentasche, im Hintergrund der Eingang zum einstigen BND-Sitz in Pullach und die Türme des Kreml

August Hanning auf einem Archivbild – im Hintergrund der Eingang zum einstigen BND-Sitz in Pullach und die Türme des Kreml. (Montage) © Montage: Michael Kappeler/Stephan Jansen/Ulf Mauder/picture alliance/dpa/fn

Jennen hat ausführlich zum Fall Wirecard und zu Verflechtungen zwischen Russland und der deutschen Wirtschaft recherchiert – und ist dabei auch auf Hannings Wirken gestoßen. Im konkreten Fall wird spekuliert, dass Informationen nach Aserbaidschan oder China geflossen sein können, Belege gibt es bislang nicht. Hanning habe sich in jedem Fall schon kurz nach seinem Ruhestand als Berater selbstständig gemacht, sagt Jennen, mit „Hanning Consult“ und – wie auch Ex-Verfassungsschützer und LKA-Beamte – als Berater bei der Agentur „Prevent“: „Hanning und Agentur fungierten damals nach meiner Einschätzung quasi als verlängerter Arm des BNDs im Privatsektor“, meint die Autorin. Gerade Hanning sei „sehr umtriebig“ gewesen. Und die Tätigkeiten der Sicherheitsberatungen seien insgesamt „völlig intransparent“. Jennen spricht von einem möglichen „Pullach-Netz“ aus Ex-BND-Leuten.

Mehr als 2.000 Dokumente aus BND weitergegeben? „Außergewöhnliche Kaltschnäuzigkeit“

Frau Jennen, Sie haben in Ihrem Buch „Putins Marionetten“ ausführlich zu Verbindungen zwischen dem Kreml und deutschen Sicherheitskreisen recherchiert. Hat Sie der Fall Hanning und Manfred D. überrascht? Die Ermittler stießen offenbar eher zufällig auf die entscheidende Spur.

Sollte sich der Verdacht bestätigen, wäre das Ausmaß tatsächlich überraschend. Wenn über mehr als zehn Jahre rund 2.000 Dokumente aus dem BND weitergegeben wurden – wie es jetzt heißt, im Rahmen einer Nebentätigkeit –, ist die Dimension und die Kaltschnäuzigkeit mit der vorgegangen wurde, schon außergewöhnlich. Nicht überrascht hat mich dagegen, dass August Hanning über weitreichende Kontakte verfügte und offenbar bereit war, diese im Rahmen seiner Beratungstätigkeiten zu nutzen. Darin habe ich schon länger ein erhebliches Risiko gesehen: dass sensible Informationen letztlich bei einem nicht befreundeten ausländischen Nachrichtendienst landen könnten.

Hanning war von 1998 bis 2005 BND-Chef und bis 2009 Staatssekretär im Innenministerium. Ein Mann mit weitreichendem Wissen. War das „Risiko“ aus öffentlichen Quellen erkennbar?

Seit Langem war bekannt, dass Hanning für zahlreiche Beratungsunternehmen im Sicherheitsbereich tätig war und auch Jahre, teilweise Jahrzehnte, nach seinem Ausscheiden aus dem öffentlichen Dienst Kontakte zu staatlichen Stellen pflegte. Allein zwischen 2017 und 2021 kam es nach Angaben der Bundesregierung als Antwort auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion zu mehr als 15 Gesprächen Hannings mit hochrangigen deutschen Regierungsvertretern, unter anderem aus dem Innenministerium. Solche Kontakte zu staatlichen Stellen und Akteuren aus dem Sicherheitsbereich sind natürlich auch für ausländische Mächte von Interesse.

Wie schwerwiegend sind die Vorwürfe Ihrer Ansicht nach?

Die Vorwürfe sind schwerwiegend. Es geht um Landesverrat und Spionage. Das muss nun zunächst juristisch geklärt werden. Manfred D. soll – wie erwähnt – eine Nebentätigkeit angemeldet haben. Welche rechtliche Bedeutung das im konkreten Fall hat, müssen die Ermittlungen und gegebenenfalls die Gerichte klären. Unabhängig von der juristischen Bewertung sollte jedem BND-Mitarbeiter klar sein, dass die systematische Weitergabe streng vertraulicher Informationen schweren Schaden anrichten und nicht nur das Vertrauen der Öffentlichkeit, sondern auch das der internationalen Partner in die deutschen Nachrichtendienste beschädigt.

Gibt es Ihrer Einschätzung nach ein größeres Netzwerk, in einem bislang nicht aufgedeckten Ausmaß?

Netzwerke im Sicherheitsbereich sind komplex. Für ihre Akteure geht es häufig darum, Zugang zu staatlichen Stellen und sensiblen Informationen zu erhalten. Ehemalige hochrangige Sicherheitsbeamte sind deshalb besonders gefragte Kontakte: Sie kennen die Strukturen, verfügen über weitreichende Verbindungen und haben häufig weiterhin Zugang zu Entscheidungsträgern. Nach der Jahrtausendwende wuchs die Zahl der Sicherheitsleute, die sich nach der Pensionierung selbstständig machten. Daraus entstand ein weitverzweigtes Umfeld ehemaliger Spitzenkräfte aus dem Sicherheitsapparat: frühere Polizisten, Verfassungsschützer und hochrangige BND-Mitarbeiter, die nach ihrem Ausscheiden in privaten Beratungsfirmen, Unternehmen und internationalen Netzwerken weiter Einfluss nehmen – auch mit Verbindungen zu ausländischen Akteuren. Meiner Ansicht nach haben diese Netzwerke teilweise ein problematisches Eigenleben entwickelt.

Wie selbstverständlich solche Verbindungen offenbar genommen werden, zeigte sich im Wirecard-Untersuchungsausschuss. Der frühere Geheimdienstkoordinator Bernd Schmidbauer meinte, er sowie andere Sicherheitsleute seien im „Unruhestand“ und würden staatlichen Stellen weiterhin mit „Gesprächen und Netzwerken“ sowie bestimmten „Maßnahmen“ zur Seite stehen. Es gebe auch lose internationale Verbindungen. Das sei doch alles „selbstverständlich“.

Sie würden das anders sehen?

Es ist höchst problematisch – für die demokratische Kontrolle. Private Sicherheitsberatungen verfügen über Kontakte und Wissen, die nicht beliebig kommerziell verwertet werden sollten. Andernfalls besteht die Gefahr des Missbrauchs. Wenn sich dann auch noch Netzwerke bilden, dann entstehen Schattenstrukturen, die ein Eigenleben entwickeln können. Die Verbindungen um Hanning und einige andere Sicherheitsleute würde ich als das Pullach-Netz bezeichnen. Ein Geflecht persönlicher Kontakte, das bis in die Zeit zurückreicht, als der BND seinen Sitz in Pullach hatte. Auch die nun bekannt gewordene Verbindung zwischen Hanning und dem festgenommenen BND-Mitarbeiter Manfred D. führt in dieses Umfeld.

Wer sind denn die „Kunden“ solcher Netze?

Die Kunden solcher Netzwerke aus Altherren sind nicht selten zweifelhaft. Der inzwischen insolvente Wirecard-Konzern, der größte Finanzskandal der jüngeren deutschen Geschichte, dessen CEO Jan Marsalek mittlerweile in Russland vermutet wird, wurde ebenfalls von zahlreichen Beratungsunternehmen unterstützt. Neben Schmidbauer waren der frühere bayerische Landespolizeipräsident Waldemar Kindler und dessen guter Bekannter, der ehemalige Geheimdienstkoordinator und Verfassungsschützer Klaus-Dieter Fritsche, für Wirecard als Berater tätig. In Fritsches Vertrag wurde „Sicherheit“ ausdrücklich als Aufgabenbereich genannt.

In den Ermittlungen zum Fall Hanning taucht offenbar nicht Russland, sondern der Geheimdienst Aserbaidschans auf. Wie fügt sich das in ein größeres Bild und in Russlands Wirken ein?

Im Fall Hanning gibt es bislang keine Belege dafür, dass Informationen nach Russland gelangt sind. Es gibt Berichte, wonach ein ehemaliger Agent den Verdacht geäußert haben soll, Hanning sei ein russischer Spion. Diesen Vorwurf soll Hanning gegenüber BND-Chef Martin Jäger vehement zurückgewiesen haben. Solange entsprechende Belege fehlen, lässt sich daraus keine Spionagetätigkeit für Russland ableiten. Doch auch ohne konkrete Belege für eine Spionagetätigkeit für Russland sollte man das Risiko eines Informationsabflusses nicht unterschätzen – angesichts der vielfältigen Kontakte, die Hanning über Jahre hinweg pflegte. Auch nach seinem Ausscheiden aus dem öffentlichen Dienst war er in russlandnahen Geschäftsfeldern tätig und engagierte sich im Ost-West-Dialog.

Wie sah das aus?

Hanning trat 2012 in einem britischen Zivilverfahren vor dem High Court als Sachverständiger aufseiten von Oleg Deripaska auf, einem russischen Industriellen, dem enge Verbindungen zu Putin nachgesagt wurden. Außerdem gehörte Hanning dem Aufsichtsrat der lettischen PNB Banka an, die dem russischstämmigen Geschäftsmann Grigorij Guselnikow zugerechnet wurde. Die Bank geriet in einen Konflikt mit der Bankenaufsicht der Europäischen Zentralbank und wurde schließlich geschlossen. Hanning nahm auch an der Eröffnungsveranstaltung des umstrittenen Thinktanks „Dialog der Zivilisationen“ (DOC) in Berlin teil. Dieser sollte von Wladimir Jakunin, einem früheren KGB-Kollegen Putins, finanziert werden und geopolitische Lösungsansätze jenseits einer „eurozentrischen Sicht“ entwickeln.

Birgit Jennen und ihr Buch „Putins Marionetten“

Birgit Jennen und ihr Buch „Putins Marionetten“ © privat/Deutscher Wirtschaftsbuch Verlag/fkn

2019 trat Hanning zudem in Moskau als Vertreter der Beteiligungsgesellschaft Pluteos bei einer Konferenz auf, auf der Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit Russland jenseits der Sanktionspolitik ausgelotet werden sollten. Bei der britischen Beratungsunternehmen G3 war er als Regionalleiter für Russland und die ehemaligen Sowjetrepubliken zuständig. Angesichts dieses Engagements in Richtung Russland und den ehemaligen Sowjetrepubliken muss man sich die Frage stellen, ob Russland nicht auch von seinen Kontakten hierzulande profitierte. Dafür liegen bislang aber keine Belege vor.

Es bleiben also offene Fragen. Was ist nötig, um die Aufklärung zu schaffen, die einige Politiker vehement fordern?

Die Regelungen für ehemalige Sicherheitsbeamte weisen Lücken auf. Zwar müssen ehemalige Beamte Erwerbstätigkeiten oder sonstige Beschäftigungen außerhalb des öffentlichen Dienstes anzeigen. Diese Anzeigepflichten sind jedoch zeitlich begrenzt: Sie enden sieben Jahre nach dem Ausscheiden aus dem Dienst beziehungsweise fünf Jahre nach dem Eintritt in den Ruhestand. Das greift zu kurz, wenn ehemalige Spitzenbeamte noch Jahrzehnte später im Sicherheits- und Beratungssektor tätig sind. Hinzu kommt, dass die Einhaltung solcher Pflichten schwer zu kontrollieren ist. Werden Tätigkeiten nicht angezeigt, fehlt der zuständigen Behörde häufig bereits die Grundlage für eine Prüfung. Da Kunden und konkrete Aufträge nicht öffentlich sind, sind solche Verbindungen kaum nachvollziehbar.

Tätigkeiten für fremde Mächte müssen aber genehmigt werden.

Ja, aber in der Praxis treten ausländische Staaten nicht immer selbst als Auftraggeber auf. Stattdessen können private Unternehmen oder Einzelpersonen als Vermittler fungieren, ohne dass der staatliche Hintergrund unmittelbar erkennbar ist. Deshalb brauchen wir deutlich klarere Transparenzregeln für Sicherheitsberatungen und strategische Beratungsunternehmen. Es muss nachvollziehbar sein, für wen ehemalige Spitzenbeamte arbeiten, welche Art von Aufträgen sie übernehmen und ob dabei öffentliche Sicherheitsinteressen berührt werden.

Wie könnte es konkret aussehen, wenn „Sicherheitsinteressen berührt“ sind?

Ein Beispiel, über das Business Insider berichtete, war der Auftrag des russischen Energiekonzerns Gazprom an McKinsey im Jahr 2010. Ziel dieses Auftrages sei es gewesen, eine Strategie zu entwickeln, mit der die deutsche Industrie langfristig in eine Energieabhängigkeit von Russland gebracht und Russland für sie unverzichtbar gemacht werden sollte. Wenn Beratungsunternehmen nachweislich Strategien entwickeln, die darauf abzielen, Deutschland in sicherheitspolitisch schädliche Abhängigkeiten von ausländischen Mächten zu bringen, darf das nicht als gewöhnliches Geschäft behandelt werden. Wo dabei Straftatbestände erfüllt sind, müssen auch strafrechtliche Konsequenzen möglich sein. (Interview: Florian Naumann)