"Wir werden niemals aufhören, für unsere Rechte zu kämpfen"

Reportage Queerer Jugendclub nach dem CSD-Anschlag "Wir werden niemals aufhören, für unsere Rechte zu kämpfen" ...

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"Wir werden niemals aufhören, für unsere Rechte zu kämpfen"

Reportage Queerer Jugendclub nach dem CSD-Anschlag

“Wir werden niemals aufhören, für unsere Rechte zu kämpfen”

Symbolbild: Jugendliche mit Regenbogenfahnen bei einem Christopher Street Day. (Quelle: dpa/Berg)
Symbolbild: Jugendliche mit Regenbogenfahnen bei einem Christopher Street Day. (Quelle: dpa/Berg)

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In einem Ladenlokal in einer Seitenstraße der Sonnenallee in Berlin-Neukölln steht Jaden vor einer grau gestrichenen Wand, an der 15 gerahmte Fotos hängen. Ganz oben: die Berliner Rapperin Ikkimel. "Die Mutter einer Generation", sagt die 18-Jährige. Zwei Fotos darunter ist die queere Sängerin Billie Eilish zu sehen: "Ich liebe sie!" Auch der ehemalige Queen-Sänger Freddy Mercury oder die lesbische Komikerin Tahnee haben hier ihren Platz gefunden – genauso wie viele andere "ganz, ganz tolle Leute, die halt auch einfach queer sind und hier hingehören", wie Jaden erzählt.

Es ist nicht irgendein Ladenlokal, in dem diese Fotos hängen. Seit fünf Jahren ist es das Zuhause des queeren Jugendclubs Q*ube des Trägers Outreach. Und seit fast zwei Jahren kommt Jaden hierher, oft nach der Schule. Dabei wohnt sie gar nicht in Neukölln, sondern am Berliner Stadtrand, etwa eine Stunde entfernt.

Fotorahmen mit verschiedenen Künstler:innen hängen an der Wand des queeren Jugendclubs Q*ube in Neukölln. (Quelle: rbb/K.-W. Brandenburg)
Fotorahmen mit verschiedenen Künstler:innen hängen an der Wand des queeren Jugendclubs Q*ube in Neukölln. (Quelle: rbb/K.-W. Brandenburg)

Warum sie diesen weiten Weg auf sich nimmt, wird klar, wenn sie erzählt, was der Club für sie bedeutet. "Es ist einfach ein richtiger Wohlfühlort", sagt sie. "Hier kann man immer lachen, immer Spaß haben." Aber vor allem: "Hier kann jeder so sein, wie er ist. Und hier wird jeder so akzeptiert, wie er ist." Keine Selbstverständlichkeit, wie der Anschlag auf den Berliner Christopher Street Day schmerzhaft wieder in Erinnerung gerufen hat.

"Gar nichts gefühlt außer Schock"

Auch Jaden war beim CSD – es war erst ihr zweiter Besuch überhaupt: "Letztes Jahr war mein erstes Mal und ich wollte dieses Jahr unbedingt wieder hin." Von früh bis spät sei sie den gesamten Weg von der Leipziger Straße bis zum Brandenburger Tor mitgelaufen. "Jeder war gut drauf, jeder hat gefeiert, man hat nur glückliche Leute gesehen", erinnert sie sich. Bis zu dieser einen Nachricht, die sie spätabends auf ihr Handy bekam.

Die 18-jährige Jaden im queeren Jugendclub Q*ube in Neukölln. (Quelle: rbb/K.-W. Brandenburg)
Die 18-jährige Jaden im queeren Jugendclub Q*ube in Neukölln. (Quelle: rbb/K.-W. Brandenburg)

Jaden war da schon nicht mehr auf dem CSD, sondern fast zu Hause. Gerade wollte sie sich von ihrem besten Freund verabschieden, der mit ihr zum ersten Mal auf dem CSD war. Dann erfuhr sie von dem Anschlag. "In dem Moment habe ich erstmal gar nichts gefühlt außer Schock. Ich konnte nicht denken." Ihrer Mutter sei es nicht anders gegangen.

"Wut, Trauer und auch: Jetzt erst recht!"

Das Q*ube hatte an diesem Samstagabend geschlossen, so wie immer am Wochenende. Aber Sozialarbeiterin Katharina Schilling, die den Club mitgegründet hat, habe gemeinsam mit ihren Kolleg:innen trotzdem für die Jugendlichen da sein wollen, erzählt sie. "Wir alle sind in WhatsApp-Gruppen mit den Jugendlichen, und da sind wir sofort in den Kontakt gegangen." Zwar hätten alle geschrieben, dass sie in Sicherheit seien. "Aber es war auch klar: Es sind nicht alle psychisch okay. Es war klar: Das wird einige in Krisen stürzen. Und es wird eine harte Zeit für uns alle."

Am Montag nach dem Anschlag hätten sie sich dann zum ersten Mal im Q*ube wiedergesehen. Die vorherrschenden Emotionen, so Schilling: "Wut, Trauer und auch: Jetzt erst recht!" Immer wieder sei die Frage gestellt worden, wie so etwas passieren kann – "schließlich tue man als queerer Mensch doch niemandem etwas". Aber es habe auch Ärger darüber gegeben, dass manche Politiker:innen sich nun öffentlich mit queeren Communitys solidarisierten, die früher abwertend über sie gesprochen und queeren Projekten Gelder gekürzt haben: "Es wurde als Fake-Solidarisierung beschrieben."

Unsichere Finanzierung

Auch das Q*ube stand immer wieder vor einer unsicheren Zukunft. "Vergangenes Jahr war wirklich die Frage, ob wir schließen müssen", erzählt Schilling. Das konnte abgewendet werden, es habe aber "kleinere Kürzungen durch die Hintertür" gegeben – obwohl Kosten wie die Miete gestiegen seien. Und: "Wir haben keine sicheren Jobs." Aktuell sei die Finanzierung – die komme vom Land Berlin, dem Bezirk Neukölln und aus Spenden – nur bis Ende des Jahres gesichert.

Ähnliche Probleme hätten auch andere Anlaufstellen für Jugendliche. Schilling erzählt davon, dass sie mit Jugendeinrichtungen in Kontakt sei, "die in der Extremismusprävention junge Leute auffangen, die vielleicht sonst auf dumme Ideen kommen würden". Sie wünscht sich, dass für solche Projekte mehr statt weniger Geld zur Verfügung steht, "dass nicht nur in Sicherheit und Polizei investiert wird."

In der ganzen Stadt negative Erfahrungen

Radikalisierung, Islamismus – das steckte auch hinter dem Anschlag auf den CSD. Und immer wieder gibt es Vorwürfe, gerade in Neukölln hätten islamistische Kräfte besonders leichtes Spiel. Wie wichtig ist es also, dass es genau dort, nahe der Sonnenallee, einen queeren Jugendclub wie das Q*ube gibt? "Es ist in Marzahn oder Hellersdorf genauso wichtig wie hier in Neukölln", sagt Katharina Schilling. Als queerer Mensch mache man überall in der Stadt negative Erfahrungen.

Selbstgebastelte Kunst aus Barbiepuppen hängt an der Wand des queeren Jugendclubs Q*ube in Neukölln. (Quelle: rbb/K.-W. Brandenburg)
Selbstgebastelte Kunst aus Barbiepuppen hängt an der Wand des queeren Jugendclubs Q*ube in Neukölln. (Quelle: rbb/K.-W. Brandenburg)

Die hätten sie im Q*ube auch schon gemacht, sagt Schilling, "aber auch sehr viel positive". Und die würden überwiegen: "Mit Menschen, die sich mit uns solidarisieren, mit Nachbar:innen, die uns sehr wohlwollend gegenüberstehen, mit Leuten, die hier schon ewig wohnen und vorbeikommen." Schilling glaubt, das eigentliche Problem sei grundsätzlicher: "Das, was wir erleben und das, was wir von Jugendlichen hören, ist: Dort, wo viele Männergruppen sind, fühlen sich queere Menschen unsicher."

"Niemals aufhören, auf die Straßen zu gehen"

Eines ist klar: Der Hass auf queere Menschen ist noch längst nicht Vergangenheit. Jaden erzählt, als sie sich als lesbisch geoutet habe, habe sie "Freunde verloren, die das ekelhaft fanden". Am Tag nach dem CSD habe sie ein Video auf TikTok, in dem es um den CSD-Anschlag ging, mit den Worten kommentiert: "Nur, weil man liebt…" Daraufhin habe sie Antworten bekommen wie: "Ja, aber sind wir mal ehrlich: es hat die Richtigen getroffen."

Was bleibt nach dem CSD-Anschlag? "Das Einzige, was ich bei mir geändert hat, ist, dass ich noch mehr Lust habe, auf den CSD zu gehen, dass ich noch mehr Lust habe, mich zu zeigen", sagt Jaden. Und fügt entschlossen hinzu: "Wir werden niemals aufhören, für unsere Rechte zu kämpfen. Wir werden niemals aufhören, auf die Straßen zu gehen. Und wir werden niemals aufhören, so zu leben und so zu lieben, wie wir es tun."

Sendung: rbb|24, 03.08.2026, 06:00 Uhr

Audio: rbb|24, 03.08.2026, Oda Tischewski

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