Radka Denemarkovás „Schokoladenblut": Von Körpern und Menschen

Radka Denemarková verwebt in ihrem neuen Roman die Biografien von Božena Němcová, George Sand und John D. Rockefeller. Die tschechische Autorin recherchierte dafür zehn Jahre in Archiven.

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Radka Denemarkovás „Schokoladenblut": Von Körpern und Menschen

Stand: 25.08.2026, 14:09 Uhr

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Porträtbild der tschechischen Schriftstellerin Radka Denemarková.

Radka Denemarková. © Karel Cudlín

Zum Beispiel Božena Němcová, George Sand und John D. Rockefeller: In ihrem virtuosen Roman „Schokoladenblut“ leuchtet Radka Denemarková Mechanismen des 19. Jahrhunderts aus. Die tschechische Autorin recherchierte dafür zehn Jahre in Archiven.

Der Zug ist ein Rapper“, schreibt die tschechische Autorin Radka Denemarková, die für das diesjährige Buchmesse-Gastland die Eröffnungsrede halten wird, in ihrem neuen Roman „Schokoladenblut“. In konstanten Rhythmen durchquert ihr imaginärer Zug die Vergangenheit. Er startet im 19. Jahrhundert im Böhmen der Habsburger Monarchie, taucht aber auch in Wien und Paris auf, zieht sogar über den Atlantik bis nach Pennsylvania.

Das Buch

Radka
Denemarková:
Schokoladenblut. Roman. A. d. Tschech. v. Eva Profousová. Hoffmann und Campe.
576 S., 34 Euro.

Wer mitreist und den fast 600 Seiten ihres Romans bis zum Ende folgt, erhält Einblick in eine Welt, in der revolutionäre Umbrüche nicht nur zu mehr Freiheit und Individualismus führen. Zeitgleich setzen sie auch Kräfte der Gewalt, des Nationalismus und der wachsenden Ausbeutung frei. Der Zug zuckelt unbeirrt durch diese Zeit, man blickt wie mit einer 3D-Brille durch seine Fenster und sammelt Bilder aus unaufhörlich vorübergleitenden Landschaften.

Radka Denemarková nutzt in ihrem von Eva Profousová übersetzten Roman eine ungewöhnliche Erzählweise, um große Horizonte und kleinste Mikrosituationen des 19. Jahrhunderts zu zeigen. Einem Jahrhundert, in dem sich – wie die Autorin in Gesprächen betont hat – die Ursachen für gesellschaftliche Krankheiten der Gegenwart finden.

In schnell wechselnden Szenenfolgen beschreibt Radka Denemarková das Leben dreier Menschen, in deren Biografien sich die Umbrüche der Französischen und der industriellen Revolution sowie eines aufkommenden Nationalismus spiegeln. Im Zentrum stehen die tschechische Schriftstellerin Božena Němcová (1820–1862), die französische Autorin George Sand und der am Ende reichste Mensch des 19. Jahrhunderts, John D. Rockefeller. Die Leben dieser historisch realen Persönlichkeiten hat die vielfach mit Preisen ausgezeichnete und in 30 Sprachen übersetzte Autorin zehn Jahre recherchiert, in Archiven unveröffentlichte Briefe gelesen und sich in ihre intime Gedankenwelt eingefühlt.

Nach und nach erschließt sich im Roman ein komplexer Zeitgeist. An der Seite von George Sand werden Personen wie Alfred de Musset, Frédéric Chopin und Franz Liszt sichtbar, aber auch die Seelenverwandschaften zu Autorinnen dieser Zeit wie George Eliot, Emily Dickinson und der Brontë-Schwestern.

Leserinnen und Leser werden im imaginären Zug nicht auf einem Platz sitzen bleiben. Immer wieder wechseln sie das Zugabteil oder die Fahrtrichtung. Die Blickperspektive verschiebt sich und macht in diesem subtilen, von der Ich-Erzählerin ferngesteuerten Wechsel Zusammenhänge deutlich, die Wurzeln der Gegenwart freilegen. So entsteht ein mit überwältigender Komplexität gestaltetes Wimmelbild, in dem nicht nur vergangenes Leben und ein im Glashaus auf Amrum sitzendes „Ich“ zu erkennen sind, sondern auch die Gleichzeitigkeit von Freiheit, sozialem Elend und emotionaler Kälte eindringlich hervortritt.

Radka Denemarková nutzt zahlreiche Wortneuschöpfungen und Metaphern, um Besonderheiten des 19. Jahrhunderts sprachlich zu markieren. Neu war damals etwa die Entdeckung von Erdöl als Energiequelle für die sich anbahnende industrielle Revolution. „Schokoladenblut“ nennt Denemarková diese klebrige, riechende Ölmasse, die John D. Rockefeller zu Reichtum und Macht verhelfen wird.

„Schokoladenblut“ ist aber auch das Blut, das zwischen den Beinen der verhungernden, von tschechischen Patrioten und Freunden allein gelassenen Autorin Božena Němcová auf den Boden rinnt. Der Begriff verweist auf ein System, in dem Armut einerseits zum Hungertod führt und andererseits, fernab in Pennsylvania, mit Armut maximaler Profit erwirtschaftet wird.

Doch gibt es auch eine Art Gegenbegriff zu diesem bitteren Bild. Immer wieder bezeichnet Radka Denemarková Menschen, die sich unterstützend und verständnisvoll, frei von Ideologie und Machtinteressen, an die Seite eines anderen stellen, als „Safran-Menschen“, seien sie Mann oder Frau. Safran, das bis heute seltene und kostbare Gewürz, kann den Duft und die Farbe einer Substanz grundlegend verändern. Im Roman haben „Safran-Menschen“ die Kraft, die Selbstentfaltung von frei denkenden, dem Zeitgeist entgegentretenden Personen wie George Sand positiv zu unterstützen.

Systematisch verfolgt Denemarková das Leben ihrer drei zentralen Figuren, spürt ihren Prägungen in der Kindheit nach und hinterfragt auch das über Eltern und Gesellschaft vermittelte Geschlechter-Korsett. Frauen werden primär als die gesehen, denen die Errungenschaften der Französischen Revolution zustehen. Denemarková bezeichnet sie als „Menschen mit Vagina“, die ebenso wie diejenigen ohne Vagina das Recht haben, zu studieren, Bücher zu schreiben und ihrer Sinnlichkeit freien Ausdruck zu verleihen.

Oft spricht Denemarková einfach von einem Körper, der unterschiedliche Namen beziehungsweise Identitäten in sich vereint und sie in paralleler Präsenz bis zum Tod aktiv hält. 1862 stirbt nicht nur Božena Němcová, sondern auch – wie sie bei ihrer Geburt hieß – Barbora Panklová. George Sands Name wird immer wieder zugleich mit den realen Namen Aurore Dudevant und Dupin verbunden, alle drei Persönlichkeiten bleiben in einem Körper dauerhaft präsent.

John D. Rockefeller zeigt die Autorin als einen Menschen ohne Empathie und Emotionen. „Zahlen sind seine Mätressen“, heißt es. Sein missionarischer Drang, immer mehr Reichtum zu erlangen, Medien aufzukaufen und mit korrupten Methoden Politik dem eigenen Willen unterzuordnen, habe das folgende Jahrhundert geprägt und bis heute zu den negativen Folgen der industriellen Revolution beigetragen. Eine Gegenkraft verkörpert im Roman die investigative Journalistin Ida Tarbell, deren Vater durch Rockefellers Wirken sein Unternehmen verloren hat und deren Familie so in Armut geriet. Durch Tarbells Recherchen wurde Rockefellers Versuch, Wettbewerb auszuschalten, vorerst gestoppt.

Deutlich stellt sich Radka Denemarková auf die Seite der Frauen, tritt gegen Entrechtung an und benennt die Umstände, die es Menschen erschweren, sich selbst zu verwirklichen. „Die Wahrheit lauert im Schatten“, schreibt sie. Diesen Schatten leuchtet sie in „Schokoladenblut“ mit innovativer Kraft überzeugend aus.