Deutschland: Rasanter Schwund von Jobs in Autoindustrie
Die durch chinesische Konkurrenz und hohe US-Zölle in Bedrängnis geratene deutsche Autoindustrie beschäftigt so wenige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wie seit mehr als 20 Jahren nicht mehr. Im ersten Halbjahr zählte sie nur noch 691.500 Mitarbeiter. Die Krise wirkt sich auch auf Österreich aus. Die Zulieferindustrie hängt stark von Deutschland ab.
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Deutschland
Die durch chinesische Konkurrenz und hohe US-Zölle in Bedrängnis geratene deutsche Autoindustrie beschäftigt so wenige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wie seit mehr als 20 Jahren nicht mehr. Im ersten Halbjahr zählte sie nur noch 691.500 Mitarbeiter. Die Krise wirkt sich auch auf Österreich aus. Die Zulieferindustrie hängt stark von Deutschland ab.
Online seit heute, 19.01 Uhr
„Seit 2005 waren noch nie weniger Menschen in der Branche beschäftigt“, teilte das Statistische Bundesamt am Freitag mit. Binnen eines Jahres sank die Zahl um 42.300 bzw. 5,8 Prozent. In keinem anderen großen Industriezweig fielen in Deutschland so viele Jobs weg.
Dennoch bleibt die Automobilbranche der zweitgrößte Industriearbeitgeber mit 691.500 Beschäftigten nach dem Maschinenbau mit 905.900 Beschäftigten (-2,7 Prozent). Auch die deutsche Industrie insgesamt baute im ersten Halbjahr Stellen ab. Im Verarbeitenden Gewerbe wurden Ende Juni noch 5,29 Millionen Beschäftigte gezählt und damit 144.100 bzw. 2,7 Prozent weniger als ein Jahr zuvor.
Neben Auto- und Maschinenbauern kommen auch die Metallerzeuger (-3,8 Prozent auf 471.700), die chemische Industrie (-3,6 Prozent auf 312.000) sowie die Hersteller von elektrischer Ausrüstung (-3,4 Prozent auf 374.500) mit weniger Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus.
„Nicht rechtzeitig darauf eingestellt“
„Die Zahlen zeigen, mit welcher Wucht der China-Schock die deutsche Industrie trifft“, sagte der Chefvolkswirt der Hamburg Commercial Bank, Cyrus de la Rubia. Der Wettbewerb mit chinesischen Anbietern auf dem dortigen Markt und auf Drittmärkten habe innerhalb kürzester Zeit stark an Intensität gewonnen.
„Darauf haben sich die deutschen Autobauer nicht rechtzeitig eingestellt“, sagte de la Rubia. Teure Energie, hohe Kosten im Zusammenhang mit Regulierung und Verwaltung sowie eine über Jahrzehnte vernachlässigte Infrastruktur belasteten Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit zusätzlich.
Konzerne reagieren mit Sparkurs
Die deutschen Autobauer verschärften zuletzt ihren Sparkurs. Im Volkswagen-Konzern stehen weitere 50.000 Stellen zur Disposition, überwiegend in Deutschland. Die Sportwagentochter Porsche hat kürzlich den Wegfall von 5.000 Jobs bis 2032 beschlossen. Auch der als krisenfest geltende Münchener Autobauer BMW will laut Insidern rund 8.000 Stellen in Verwaltung und Entwicklung streichen. Mercedes-Benz setzt den Sparkurs nach dem freiwilligen Ausscheiden Tausender Mitarbeiter außerhalb der Produktion fort, ohne Zahlen zu nennen.
Trendwende noch nicht in Sicht
Eine schnelle Trendwende erwarten Fachleute nicht. „Beim Thema Jobs gibt es keinerlei Entwarnung – im Gegenteil“, sagte Jan Brorhilker von der Unternehmensberatung EY. „Viele Unternehmen haben ihren Restrukturierungskurs noch lange nicht abgeschlossen.“
Angesichts hoher Arbeitskosten, einer schwachen Produktivitätsentwicklung und des immer schärfer werdenden internationalen Wettbewerbs planten viele Unternehmen, in Deutschland noch mehr Stellen abzubauen. „Selbst wenn sich die Umsätze stabilisieren, werden wir in der Industrie weitere Jobverluste sehen“, warnte Brorhilker. EY zufolge sind die Industrieumsätze im zweiten Quartal um 4,7 Prozent gestiegen, nach einem Plus von 1,7 Prozent zu Jahresbeginn.
„Wirtschaftspolitische Wende“
Die exportabhängige deutsche Industrie steht von mehreren Seiten unter Druck. Ihr wichtigster Kunde USA hat unter ihrem Präsidenten Donald Trump hohe Importzölle verhängt, die die Nachfrage nach Waren „made in Germany“ drücken. China wiederum stellt inzwischen viele Produkte her, die früher aus Deutschland importiert wurden – etwa Autos und Maschinen.
Die Folge: Die deutschen Exporte in die Volksrepublik brachen in den ersten sechs Monaten um mehr als zwölf Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum auf knapp 37 Milliarden Euro ein, während das US-Geschäft um rund sechs Prozent auf gut 74 Milliarden Euro schrumpfte.
Ruf nach Schutzzöllen für Schlüsselbranchen
„Deutschland braucht als Antwort dringend eine wirtschaftspolitische Wende hin zu einer offensiven und kraftvollen Industriepolitik“, forderte der wissenschaftliche Direktor des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Sebastian Dullien.
Gefragt sind deshalb nun die konsequente Anwendung von Klauseln für europäische Produkte bei öffentlicher Beschaffung und staatlicher Förderung etwa von E-Autos, selektive Schutzzölle für Schlüsselbranchen und gezielte Förderung von Zukunftstechnologien.
Regierung „auf dem richtigen Weg“
Chefvolkswirt de la Rubia sieht bereits einige Weichenstellungen. „Die Bundesregierung ist mit ihren Reformen in weiten Teilen auf dem richtigen Weg“, sagte er. „Die Infrastruktur wird erneuert, die steuerliche Belastung soll sinken.“ Mehr Ressourcen sollten in Forschung und Entwicklung im Rüstungsbereich fließen. Davon könne die Volkswirtschaft noch stärker profitieren, da diese Ausgaben üblicherweise auch in die zivilen Sektoren ausstrahlten.