Reif für die Insel: Ada Kaleh und die imperiale Grenze an der Donau

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Reif für die Insel: Ada Kaleh und die imperiale Grenze an der Donau

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Reif für die Insel: Ada Kaleh und die imperiale Grenze an der Donau

Wie die Donauinsel zum Spielball von Grenzziehungen, Machtpolitik und später zum Tourismus- und Schmugglerparadies wurde

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Florian Riedler

Die Dürre dieses Sommers hat nicht nur den Schiffsverkehr auf vielen europäischen Strömen zum Erliegen gebracht. Die sinkenden Pegel haben an vielen Orten auch eine lange versunkene Geschichte an die gleißende Sonne gehoben.

Am weitesten zurück in die Vergangenheit lässt uns die Donau blicken, wo bei der bulgarischen Stadt Russe im ausgetrockneten Flussbett Mammutknochen gefunden wurden. An der serbisch-rumänischen Grenze 500 Kilometer stromaufwärts sind im Stausee beim Eisernen Tor (serb. Djerdap, rum. Porțile de Fier) die vielleicht spektakulärsten Zeugnisse der Vergangenheit aufgetaucht: 20 Schiffswracks, die die Wehrmacht bei ihrem Rückzug am Ende des Zweiten Weltkriegs hier versenkt hat.

Damm und Stausee beim Eisernen Tor sind das bisher letzte Kapitel der modernen Zurichtung der Donau. Ende der 1960er-Jahre erbaut, sollte das angeschlossene Wasserkraftwerk Strom für den Aufbau des Sozialismus in den beiden Anrainerstaaten Jugoslawien und Rumänien produzieren. Heute ist die Stromproduktion der Staustufe genauso vom Niedrigwasser beeinträchtigt wie die der Atomkraftwerke in Ungarn, Bulgarien und Rumänien, die ihr Kühlwasser aus der Donau entnehmen.

Gleichzeitig lieferte der Damm die ultimative wasserbautechnische Lösung für das Problem der Stromschnellen und Untiefen am Eisernen Tor am Übergang von der Mittleren zur unteren Donau. Staudamm und Schleuse machen diese für den Schiffsverkehr äußerst gefährlich Stelle gefahrlos passierbar. Erste Versuche, die Stromschnellen zu regulieren, unternahmen habsburgische Militäringenieure bereits in den 1830er Jahren. Nach der Gründung der ersten Donau-Dampfschifffahrts-Gesellschaft (DDSG) war eine kontinuierliche Befahrung des Flusses von Wien bis ans Schwarze Meer zu einer Priorität geworden.

Unter Leitung der vom Kaiser eingerichteten Donau Kommission gelang es, einige der Felsen im Flussbett wegzusprengen. Jetzt konnten unter günstigen Bedingungen die Dampfer der DDSG die gefährlichen Stromschnellen durchfahren. Allerdings mussten bei Niedrigwasser, von dem die Donau nicht erst seit dem menschengemachten Klimawandel periodisch betroffen ist, Passagiere und Waren immer noch auf dem Landweg zu Schiffen jenseits der Stromschnellen transferiert werden.

Erst in den 1890er wurde eine endgültige Lösung gefunden. Ein Damm im Flussbett teilte eine Fahrrinne ab, in der der Wasserstand das gesamte Jahr über ausreichte, um die Flussdampfer passieren zu lassen.

Eine versunkene Insel

Unten am Grund des Stausees ruht ein weiteres Geheimnis, das bei anhaltender Trockenheit vielleicht in den nächsten Jahren sichtbar werden wird: Ada Kaleh, eine versunkene Insel samt Festung. Die zu Rumänien gehörende Insel, die dem Ausbau der Infrastruktur geopfert wurde, symbolisiert eine weitere wichtige Funktion der Donau – als staatliche Grenze. In diesem Abschnitt hat die Grenze einen imperialen Ursprung, bevor sie später in eine nationalstaatliche Logik übersetzt wurde.

Auf Generalstabskarten sehen Flüsse an sich schon wie Liniengrenzen aus. Vielleicht deshalb und weil sie die Aura des Natürlichen umgibt, wurden sie immer wieder herangezogen, wenn es darum ging, neue Grenzen festzulegen. So auch, als in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Grenze zwischen der Habsburgermonarchie und dem Osmanischen Reich an der mittleren Donau neu gezogen wurde.

In der Wirklichkeit hingegen geben vor allem große Ströme keine guten Grenzlinien ab. Ihr Bett kann sich verlagern, neue Seitenarme können entstehen, während alte verlanden, und jahreszeitliche Überschwemmungen können ihre Ausdehnung dramatisch verändern. Ein Fluss ist keine Linie, sondern ein Raum, dessen Ränder sich ständig verschieben. An diesen Fluss-Raum sind gleichzeitig viele wirtschaftliche Interessen der Anrainer geknüpft, beispielsweise als Fischgrund oder als Transportweg. Er ist nicht bloß ein geografischer, sondern ein hochkomplexer sozialer Raum.

Im Fall der Inseln in der Donau verdichten sich viele dieser Eigentümlichkeiten, die eine Grenzziehung per Federstrich verkomplizieren. Diese Inseln sind wie an der Wasseroberfläche tanzende Papierschiffchen, die sich den politischen Zwecksetzungen entziehen. Eine einfache Lösung, sie demjenigen Ufer zuzuordnen, dem sie am nächsten sind, wurde selten stringent umgesetzt. Regelmäßig wurden sie zur Verhandlungsmasse bei Grenzziehungen, da sie in ökonomischer, verkehrstechnischer oder militärischer Hinsicht äußerst wertvoll waren. Ada Kaleh, die im Stausee am Eisernen Tor versunkene Insel, ist das beste Beispiel.

Grenzziehung im 18. Jahrhundert

Bis ins späte 17. Jahrhundert war Ada Kaleh nicht mehr als eine langgestreckte, unbewohnte Sandbank, gebildet aus den angeschwemmten Sedimenten des Flüsschens Cerna, das hier von Norden nahe des heute rumänischen Ortes Orșova in die Donau mündet. Als die habsburgische Armee in ihrer seit 1683 andauernden Offensive an dieser Stelle 1691 die Donau überschritt, errichtete sie eine erste behelfsmäßige Stellung auf der Insel.

Aber kurze Zeit später musste die gesamte Gegend wieder geräumt werden. Im Frieden von Karlowitz (serb. Sremski Karlovci) von 1699 wurde das nördliche sowie das südliche Ufer der mittleren Donau zusammen mit den angrenzenden Regionen, dem Banat und Serbien, dem Osmanischen Reich zugeschlagen.

Die territorialen Veränderungen an der mittleren Donau zwischen 1683 und 1739.

Die territoriale Lage veränderte sich erneut dramatisch, als nach einem neuen Krieg 1718 das Banat und Serbien Teil der Habsburgermonarchie wurden. Die strategisch wichtige Gegend um die Stromschnellen am Eisernen Tor wurde von den neuen Herren militärisch ausgebaut. Auf der Donauinsel vor Orșova, Neu-Orsova genannt, errichteten kaiserliche Ingenieure eine moderne Festung sowie am serbischen Ufer einen befestigten Brückenkopf, das sogenannte Fort Elisabeth.

Diese Festung machte aus der Sandbank vor der Cerna Mündung Ada Kaleh, türkisch für Insel(ada)festung(kale). Der türkische Name wurde zur gängigen Bezeichnung, denn bereits 1738 erobert die osmanische Armee in einem neuen Krieg die Festung nach zweimaliger Belagerung. Im Friedensschluss von Belgrad 1739 wurden die Donau und weiter westlich die Save als Grenze zwischen der Habsburgermonarchie und dem Osmanischen Reich festgelegt. Diese imperiale Grenzziehung blieb im Wesentlichen bis 1918 bestehen und übte einen entscheidenden Einfluss auf die modernen nationalen Grenzen aus.

Ada Kaleh und die Tücken der Grenzziehung

Der Vertrag von 1739 wollte keinen Eisernen Vorhang avant la lettre errichten, d. h. keine starre und streng bewachte Grenzlinie. Im Gegenteil versuchte er die Donau als Verkehrsader zu erhalten und die Grenze zu demilitarisieren. Den Anrainern wurde untersagt, die Grenze zu befestigen, und bereits bestehende Festungen, wie beispielsweise die von Belgrad, wurden teilweise zurückgebaut. Dass Ada Kaleh von diesen Maßnahmen verschont blieb, ist vielleicht ein Zeichen dafür, dass ihr bei den Grenzverhandlungen kein übermäßiger militärischer Wert zugemessen wurde. Im engen Flusstal konnte die Insel von beiden Ufern effektiv mit Artillerie beschossen werden.

Allerdings hatte die Existenz der Festung einen anderen entscheidenden Einfluss auf die Grenzziehung. Als Festung hatte Ada Kaleh Anspruch auf ein Glacis, eine unbebaute Fläche, die freie Schussbahn garantieren und es Angreifern erschweren sollte, zu nahe an die Wälle heranzugelangen. Das Glacis der Festung Ada Kaleh erstreckte sich bis ans nördliche Donauufer, sodass dort ein schmaler Streifen osmanischen Territoriums entstand. Im Falle von Belgrad führte dieselbe Logik zur Teilung der Kriegsinsel (serb. Veliko ratno ostrvo), einer Donauinsel direkt vor der Mündung der Save gelegen. Nicht nur der Fluss machte es den Grenzziehern schwer, da er ihre deutlich gezogene Linie immer wieder verwässerte. Zusätzlich hatten sie mit fliegenden Kanonenkugeln zu rechnen.

Plan der Festung Ada Kaleh und Umgebungsplan von Ada Kaleh und Orșova. Maßstab unbekannt.

In einer der merkwürdigsten Episoden der Grenzziehung nach dem Vertrag von Belgrad (1739) gelang es den Osmanen ihr Territorium am nördlichen Donauufer gegenüber von Ada Kaleh um den Ort Orșova zu erweitern. Eine im Vertrag enthaltene Klausel besagte, dass sie dazu die Mündung des Flüsschens Cerna binnen eines Jahres in den Westen des Ortes verlegen müssten. Offenbar handelte es sich bei dem Vertrag eher um einen Deal à la Trump, nach dessen Abschluss die Verhandlungen erst richtig anfingen.

Wie die Cerna zur Grenzfrage wurde

Vielleicht lag der Klausel bezüglich der Cerna-Mündung ein Streit während der Verhandlungen zugrunde, in dem sich die osmanische Seite über die Obsession der Europäer für natürliche Grenzen lustig machten, während die habsburgischen Unterhändler die Fähigkeiten der osmanischen Wasserbauingenieure infrage stellten. Wir wissen nur soviel, dass die Osmanen die Herausforderung annahmen und damit begannen, ein Aquädukt um Orșova herumzubauen. Einige Reste dieses Bauwerks sind bis heute erhalten.

Wegen des großen Gefälles, das zu überwinden war, floss das Wasser der Cerna mehr schlecht als recht durch sein neues Bett. Doch um die sich schon mehr als zwei Jahre hinziehende Nachverhandlung des Vertrages endlich zu einem Ende zu bringen, wurde der Ort schlussendlich doch dem Osmanischen Reich zugeschlagen.

Damit erkauften sich die Habsburger Zugeständnisse bei der Festlegung der mehr als 600 Kilometer westlich gelegenen Grenze zwischen dem osmanischen Bosnien und dem habsburgischen Dalmatien am Fluss Una. Der imperiale Charakter der Grenze hatte zur Folge, dass weit auseinander liegende regionale Kontexte verknüpft wurden. Wie wir noch sehen werden, blieb das bis ins zwanzigste Jahrhundert der Fall.

Für ein halbes Jahrhundert blieb Orșova in osmanischem Besitz, bis im letzten Türkenkrieg kaiserliche Truppen 1790 sowohl den Ort als auch die Inselfestung Ada Kaleh besetzten. Während sie die Insel im folgenden Jahr im Frieden von Sistova (Swischtow in Bulgarien) erneut an das Osmanische Reich zurückgeben mussten, wurde das osmanische Territorium am nördlichen Donauufer zur neutralen Zone erklärt. Diese durfte weder bewirtschaftet noch bebaut werden.

Cerna Mündung und Orșova in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Aus: Zwey hundert vier und sechzig Donau-Ansichten nach dem Laufe des Donaustromes von seinem Ursprunge bis zu seinem Ausflusse in das schwarze Meer. Gestochen und herausgegeben von Adolph Friedrich Kunike nach Vorlagen von Jakob Alt und Franz Wolf, Wien 1824–1826.

Das "Eiland des Friedens"

Im Frieden von Sistova am Ende des 18. Jahrhunderts versicherten sich das Osmanische Reich und die Habsburgermonarchie ihrer ewigen Freundschaft und ihrer gutnachbarschaftlichen Beziehungen. Das war in diesem Fall keine leere Formel. Bis zum Ende der Reiche blieb die Geschichte an diesem Abschnitt der Grenze weitestgehend friedlich. Spannungen um Ada Kaleh resultierten gerade nicht aus der Erbfeindschaft zwischen Habsburgern und Osmanen, sondern aus dem Zerfall der geopolitischen Eindeutigkeit des imperialen Zeitalters. Es waren die neuen nationalen Gemeinwesen auf dem Balkan, die die alten Grenzen infrage stellten.

Am Eisernen Tor wurde die Grenzfrage akut, als 1867 das Fürstentum Serbien die verbleibenden osmanischen Festungen auf seinem Territorium übernahm und damit den vorletzten Schritt zu seiner vollständigen Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich machte. Neben den Festungen in Belgrad und anderen Städten gehörte dazu auch der am südlichen Donauufer gelegene Brückenkopf Ada Kalehs, das Fort Elisabeth.

Die Inselfestung selbst verblieb jedoch beim Osmanischen Reich. Mit dem nördlichen Ufer in österreichisch-ungarischem Besitz und dem drei Kilometer stromabwärts beginnenden Fürstentum Rumänien war das Vierländereck komplett.

Im russisch-osmanischen Krieg von 1877 bis 1878 spielte Ada Kaleh zum letzten Mal eine, wenn auch passive, militärische Rolle. Die Insel war der am weitesten westlich gelegene osmanische Stützpunkt der Donaufront gegen die russischen Angreifer. Kurzzeitig sperrte der Pascha von Ada Kaleh den Schiffsverkehr, um Munitionslieferungen der Serben an das verbündete Russland zu verhindern. Es war einer der seltenen Fälle, in dem die eigentliche militärische Funktion der Festung zum Tragen kam. Schlussendlich aber kam es vor dem Ende des Krieges zu keinen Kampfhandlungen.

Nach der totalen osmanischen Niederlage diktierten die Sieger, Russland und seine Verbündeten, dass die Insel geräumt und die Festung geschleift werden sollte. Doch sowohl das Osmanische Reich als auch Österreich-Ungarn wollten eine mögliche Besetzung Ada Kalehs durch Serbien verhindern. Deshalb übergab im Frühjahr 1878 die abziehende osmanische Garnison die Insel unter den Klängen des Radetzky-Marsches der kaiserlichen Armee.

Die Besetzung war, wie im Falle Bosniens, zunächst nur de facto. Erst 1913 annektierte Österreich-Ungarn Ada Kaleh auch formell. Im Friedensschluss von Trianon wurde die Insel 1920 zusammen mit dem Großteil des Banats an Rumänien übergeben.

Tourismus und Schmuggel

Das halbe Jahrhundert unter rumänischer Herrschaft war die vielleicht friedlichste Epoche von Ada Kaleh. Die Insel hatte sich zu einem beliebten Ausflugsziel entwickelt, wo Besucher sich nach Besichtigung der Festung mit Mokka und Lokum stärken konnten.

Diese Entwicklung hatte sich schon im 19. Jahrhundert angedeutet. Die Übergabe von Ada Kaleh an Österreich-Ungarn im Jahr 1878 hatte seine Zivilbevölkerung gerettet. Die türkisch-muslimischen Einwohner hatte nicht ihre Heimat verlassen müssen, wie das in vielen anderen Teilen des Balkans zur selben Zeit der Fall war. Zeitungen schickten Korrespondenten, die die Insel als ein kleines Stück Orient entdeckten. Schon nach wenigen Monaten kamen auch die ersten Touristen mit einem "Vergnügungs-Zug" aus Timișoara, um die Neuerwerbung zu besichtigen.

Postkarte mit ungarischer, deutscher und osmanischer Beschriftung aus Ada Kaleh.

Wie auch heute noch wurde Ada Kaleh schon im 19. Jahrhundert als Relikt einer vergangenen Epoche verklärt. Halb ironisch, halb nostalgisch titulierte das österreichische Feuilleton sie als "vergessene Insel", "Insel der Seligen", "Niemandsinsel" oder "Eiland des Friedens".

Die ursprünglich armen Einwohner wussten daraus eine Überlebensstrategie und ein Geschäft zu machen. Wir sollten jedoch nicht vergessen, dass die Grundlage des Erfolgs nicht nur die Nostalgie, sondern im Wesentlichen auch die Grenze und die Mobilität über sie hinweg war.

Im österreichisch-ungarischen Kontext war die Insel zollfreies Gebiet, ein Privileg, das auch unter rumänischer Herrschaft eine Zeitlang aufrechterhalten wurde. Das machte den Verkauf von Tabak und Zigaretten an Ausflügler zu einem lukrativen Geschäft, das durch Schmuggel ergänzt wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörten auch Menschen, die über die Donau ins blockfreie Jugoslawien fliehen wollten, zur Schmuggelware. (Florian Riedler, 17.9.2026)

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