„Reiner Überlebensmodus“: Wie sich die Ukraine auf den Winter und drohende Blackouts vorbereitet

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„Reiner Überlebensmodus“: Wie sich die Ukraine auf den Winter und drohende Blackouts vorbereitet

Stand: 14.10.2026, 18:52 Uhr

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Eine Frau nutzt während eines Stromausfalls in Kiew das Licht ihres Smartphones.

Eine Frau nutzt während eines Stromausfalls in Kiew das Licht ihres Smartphones. © Sergei Gapon/AFP

Russland bombt die Ukraine erneut in die Dunkelheit. Während Trump von einer Energie-Waffenruhe spricht, bereiten sich die Menschen auf das Schlimmste vor.

Kiew – Wenn in der Ukraine von einer Energie-Waffenruhe die Rede ist, heißt das noch lange nicht, dass eine kommt. US-Präsident Donald Trump verkündete jüngst eine solche Waffenruhe. Nicht zum ersten Mal und scheinbar erneut ohne Wirkung – die Lichter gehen trotzdem immer wieder aus. Berichten zufolge würde eine solche Vereinbarung ohnehin nur Raffinerien betreffen. Kiew besteht jedoch auf einer beidseitigen Waffenruhe, die auch das Energienetz schützt. Doch Strom ist nur ein Teil des Problems, wie die Kyiv Post berichtet.

Bangen vor dem Winter im Ukraine-Krieg: Starke regionale Unterschiede bei den Stromabschaltungen

Die aktuelle Lage ist ein Flickenteppich. In Odessa, Mykolajiw und Ternopil blieben größere Ausfälle bislang aus, auch in Charkiw hält sich das Problem in Grenzen. „Im Oktober wurde zweimal das Licht abgeschaltet: das erste Mal für etwa eine Stunde, das zweite Mal von morgens bis genau 16 Uhr“, schildert der 39-jährige Doktorand Maksym der Kyiv Post. In der Hauptstadt klingt das anders. Für Chrystyna, eine 27‑jährige Vertriebsleiterin, waren die Blackouts im Oktober „fast täglich“.

„Derzeit dauern sie am Stück bis zu fünf Stunden“, sagt sie. Manche haben schlicht Glück: „Ich hatte das Glück, in der Nähe kritischer Infrastruktur zu wohnen – nur zwei Stromausfälle in den letzten zwei Wochen. Die meisten meiner Freunde und meiner Familie haben dagegen täglich mit Blackouts zu kämpfen“, sagt der 20-jährige Marketingmanager Oleksandr Burdeinyj. Fast alle von der Kyiv Post Befragten sorgen sich ums Wasser. Denn ohne Strom laufen die Pumpen nicht – und dann bleibt nicht einmal Wasser für die Toilettenspülung.

Der Blick zurück: So schlimm war der letzte Winter im Ukraine-Krieg

Die Furcht speist sich aus Erfahrung. Der Winter 2025/2026 gilt vielen als der härteste, an den sie sich erinnern können. Das UN-Menschenrechtsbüro dokumentierte vom 1. Dezember 2025 bis 31. Mai 2026 insgesamt 1272 getötete und 6871 verletzte Zivilisten – ein Anstieg um 40 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Zwischen Oktober 2025 und März 2026 führte Russland mindestens 423 Angriffe auf Anlagen der Stromerzeugung, -übertragung und -verteilung sowie mindestens 74 Angriffe auf Heizkraftwerke durch.

„Die Menschen werden im nächsten Winter vor denselben Herausforderungen stehen, und umso mehr, wenn die Angriffe wieder aufgenommen werden“, warnte Danielle Bell, Leiterin der UN-Menschenrechtsbeobachtungsmission in der Ukraine. Die Schäden sind so schwer, dass sich die Erzeugungskapazität bis zum kommenden Winter nicht vollständig wiederherstellen lässt. Wie sich der Vorwinter anfühlte, hielt Amnesty International fest. Die Ukraine verlor mehr als die Hälfte ihrer Erzeugungskapazitäten; Notabschaltungen betrafen bis zu 80 Prozent der Bevölkerung – bei unter minus 15 Grad. „Russland führt nicht nur einen Angriffskrieg, sondern setzt die ukrainische Bevölkerung gezielt extremer Grausamkeit aus“, sagte Generalsekretärin Agnès Callamard.

Eine Frau aus Kiew brachte es gegenüber der Kyiv Post auf den Punkt: „Im Moment befinden wir uns in einem reinen Überlebensmodus.“ Die Rentnerin Svitlana Prokopivna beschrieb ihren Alltag im Kalten: „Ich mache etwas Wasser in einer Tasse auf einem Kerosinkocher warm und fülle es in zwei Flaschen um. Die eine kommt unter meine Füße, die andere halte ich in den Händen, um nicht zu frieren. Und wir schlafen alle angezogen, verstehen Sie?“

Angriffe im Ukraine-Krieg: Wie brutal wird dieser Winter?

Angesichts der anhaltenden Angriffe wächst in der Bevölkerung die Furcht vor extremen Versorgungsengpässen im Winter: Russland bombt die Ukraine gezielt in den Blackout. Zuletzt hat Russland die Ukraine binnen eines Tages mit zwei großen Wellen überzogen – 188 Drohnen in der einen, 285 in der anderen; das Institute for the Study of War spricht vom Beginn einer Winterkampagne. Seit August 2026 setzt Russland zudem neuartige strahlgetriebene Jet-Drohnen ein, die schwerer abzufangen sind. Und nichts deutet darauf hin, dass Trumps „Energie-Waffenstillstand“ tatsächlich vom russischen Aggressor befolgt wird. (Quellen: Kyiv Post, UN OHCHR, Amnesty International) (cel)