Streit um die „Rente mit 63“: Warum die geplante Abschaffung der Frührente die Rentenreform belastet
StartseitePolitik„Rente mit 63“ unter Druck: Abschaffungspläne spalten Koalition und LänderStand: 04.08.2026, 13:59 UhrKommentareUns auf Google folgenDie abschlagsfreie Frührente sorgt für Streit in der Koaliti...
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„Rente mit 63“ unter Druck: Abschaffungspläne spalten Koalition und Länder
Stand: 04.08.2026, 13:59 Uhr
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Die abschlagsfreie Frührente sorgt für Streit in der Koalition. Politiker, Ökonomen und die Bundesregierung ringen um den richtigen Kurs.
Berlin – Die sogenannte „Rente mit 63“ steht im Zentrum eines wachsenden Koalitionsstreits. Dabei handelt es sich längst nicht mehr um eine Rente mit 63 Jahren: Wer nach 45 Beitragsjahren abschlagsfrei in Rente gehen will, muss aktuell mindestens 64,5 Jahre alt sein. Die Rentenkommission der Bundesregierung empfiehlt, diese Möglichkeit abzuschaffen. Doch dagegen regt sich Widerstand – und der kommt aus verschiedenen Richtungen.

Besonders deutlich äußerte sich Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), gegenüber der Rheinischen Post: „Die Abschaffung der Rente mit 63 ist ein zentrales und finanziell das wichtigste Element der geplanten Rentenreform.“ Seine Schlussfolgerung fiel unmissverständlich aus: „Ohne dieses Element ist die Rentenreform tot.“
Fratzscher warnt vor Fehlanreizen und fordert Ende der abschlagsfreien Frührente
Fratzscher rechnet vor, dass die Abschaffung langfristig knapp zehn Milliarden Euro pro Rentnerjahrgang einsparen würde – und 125.000 zusätzliche Beschäftigte pro Jahrgang brächte. Zudem warnte er vor sozialen Schieflagen: Ohne die Abschaffung würde die gesetzliche Rente zu einer noch stärkeren Umverteilung von Jung zu Alt und von Arm zu Reich führen. Denn von der Frührente profitierten deutlich häufiger Besserverdienende und Männer – und deutlich seltener Menschen, die von Altersarmut bedroht sind.
CDU-Ministerpräsidenten aus dem Osten warnen vor Folgen einer Abschaffung der Frührente
Die drei CDU-Regierungschefs Michael Kretschmer (Sachsen), Sven Schulze (Sachsen-Anhalt) und Mario Voigt (Thüringen) haben sich gemeinsam gegen die Abschaffungspläne gestellt. Ihr Argument: In den ostdeutschen Bundesländern erreichen überdurchschnittlich viele Menschen die 45 Beitragsjahre. Laut Zahlen der Deutschen Rentenversicherung nutzte 2025 fast jeder dritte Rentner in Ostdeutschland (32,8 Prozent) die abschlagsfreie Frührente – im Westen waren es 28 Prozent.
Die drei Politiker fordern zwar keinen vollständigen Verzicht auf die Abschaffung, aber Übergangsregelungen. Kretschmer machte den Druck öffentlich: Ohne Änderungen werde man der Renten- und Pflegereform im Bundesrat nicht zustimmen können, erklärte er gegenüber den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland.
Widerstand gegen Frührenten-Aus wächst: SPD fordert Schutz für langjährig Versicherte
Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) unterstützt inhaltlich die Forderung der ostdeutschen CDU-Regierungschefs. Im ZDF-Morgenmagazin sagte sie: „Ich vertrete ganz klar die Auffassung, dass es bei der abschlagsfreien Rente nach 45 Versicherungsjahren bleiben muss.“ Davon profitierten „die Frauen und Männer, die von allen am längsten arbeiten und am längsten eingezahlt haben.“ Schwesig ergänzte: „Es muss einen Unterschied machen, ob ich schon mit 18 anfange zu arbeiten und einzuzahlen oder erst mit 28 Jahren.“
Auch die saarländische Ministerpräsidentin Anke Rehlinger (SPD) sprach sich gegenüber der Funke Mediengruppe gegen die Abschaffung aus: „Wer jahrzehntelang gearbeitet hat, verdient Respekt und eine würdige Rente.“
Der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, Dirk Wiese, brachte gegenüber der Welt „mindestens eine klare und deutliche Härtefallregelung“ ins Gespräch – etwa für langjährige Schichtarbeiter in der Stahl- und Metallindustrie. Zudem brauche es starken Vertrauensschutz für Menschen, die heute 58 oder 59 Jahre alt sind und die Frührente bereits eingeplant haben.
Union warnt vor einem Scheitern der Rentenreform durch Streit um die Frührente
Innerhalb der CDU/CSU gibt es ebenfalls unterschiedliche Töne. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Pascal Reddig, Vorsitzender der Jungen Gruppe in der Unionsfraktion, warnte im Deutschlandfunk davor, das Reformpaket wieder aufzuschnüren: „Wenn wir jetzt einen Baustein hier rausziehen, dann fällt im Zweifel das gesamte Haus der Reform zu Boden.“ Dies gelte sowohl für Forderungen, die Frührente zu erhalten, als auch für den Wunsch, auf die Abschaffung beitragsfreier Minijobs zu verzichten.
CSU-Chef Markus Söder mahnte im ARD-Sommerinterview zur Vorsicht: Man müsse aufpassen, nicht das gesamte Rentenpaket aufzuschnüren. „Wir müssen auf die Herausforderung der Demografie eine langfristige Antwort haben, und die Rentenreformkommission hat da gute Arbeit geleistet.“
Bas verteidigt Rentenpaket – Linke fordert mehr Freiheit beim Ruhestand
Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) zeigte sich im ZDF-Sommerinterview offen: „Ich bin bereit, über alles zu reden.“ Zugleich betonte sie, dass SPD und Union das Maßnahmenbündel als Kompromiss im Gesamtpaket vereinbart hätten. Einzelne Bausteine herauszunehmen, sei problematisch – dennoch werde es „um einzelne Punkte sicherlich im parlamentarischen Verfahren Diskussionen geben.“
Die Linke geht in die entgegengesetzte Richtung. Parteichefin Ines Schwerdtner fordert eine Ausweitung der abschlagsfreien Rente: „Wer 45 Jahre lang in die Rentenkasse eingezahlt hat, muss frei über seinen Ruhestand entscheiden dürfen.“
Rentenreform vor parlamentarischer Beratung – Wahlen könnten den Kurs beeinflussen
Die parlamentarischen Beratungen sollen nach der Sommerpause im September beginnen. Gesetzentwürfe zur Umsetzung der Empfehlungen der Rentenkommission liegen noch nicht vor. Bundeskanzler Friedrich Merz will die Reform bis Ende des Jahres abschließen. Ob das Paket noch einmal aufgeschnürt wird, dürfte auch davon abhängen, wie sich die anstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin auf die politischen Kräfteverhältnisse auswirken. (Quellen: Tagesschau, Rheinische Post, Deutschlandfunk, ZDF-Sommerinterview, ZDF-Morgenmagazin, ARD-Sommerinterview, Funke Mediengruppe, Redaktionsnetzwerk Deutschland, Welt, Evangelischer Pressedienst) (jal)