Respekt Coaches: Bund beendet Programm zur Demokratieförderung an Schulen

An der Mittelschule Eichendorffschule in Erlangen war das Bundesprogramm "Respekt Coaches" bisher sehr erfolgreich. Die Finanzierung läuft Ende 2026 aus, einen Ersatz gibt es nicht. ©Vera Loitz...

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Respekt Coaches: Bund beendet Programm zur Demokratieförderung an Schulen

An der Mittelschule Eichendorffschule in Erlangen war das Bundesprogramm "Respekt Coaches" bisher sehr erfolgreich. Die Finanzierung läuft Ende 2026 aus, einen Ersatz gibt es nicht.

©Vera Loitzsch

Wenn für Lea Beifuß das neue Schuljahr an der Eichendorffschule in Erlangen beginnt, kann sie nur noch ihren Ausstieg vorbereiten. Denn ihre Arbeit als Respekt Coach wird nur noch bis Ende 2026 vom Bundesbildungsministerium finanziert. Derzeit sind bundesweit 275 Respekt Coaches an Schulen für Demokratieförderung zuständig. Während der gesamten Laufzeit des Programms haben 900 Schulen vom Programm profitiert.

Helmut Klemm, der bis August Schulleiter der Eichendorffschule war, traf die Nachricht über das Aus des Bundesprogramms ebenso überraschend wie Lea Beifuß, die seit fünf Jahren zum Kollegium der Schule gehört. Schließlich ist der Bedarf an Demokratieförderung und Extremismusprävention an Schulen nicht geringer geworden – eher im Gegenteil.

Wie sich Fehlverhalten ändern lässt

Wie wichtig Lea Beifuß als Respekt Coach für die Eichendorffschule ist, zeigt ein Beispiel: Vor drei Jahren hatten Mädchen, die gerade erfolgreich ihren Schulabschluss gemacht hatten, einen offenen Brief verfasst, der auf dem Schreibtisch des Schulleiters landete. Darin würdigten die Mädchen zwar, was die Lehrkräfte für ihr Empowerment getan hatten. Sie beschrieben aber auch, was diese nicht sehen würden: all die versteckten Anfeindungen von patriarchalisch erzogenen Jungs, die zum Schulalltag der Mädchen gehörten – ein breites abfälliges Grinsen während eines Vortrages, ein Grapschen am Hintern, das sofort mit einem „Sorry, war nicht so gemeint“ kommentiert wird, und viele weitere kleine Situationen.

Klemm machte den Brief öffentlich, und Respekt Coach Lea Beifuß organisierte Workshops eines externen Anbieters. Sie wurden unter anderem von muslimisch gelesenen Männern durchgeführt, die mit den Jungen der Eichendorffschule über ihr Frauenbild sprachen. Am Ende entstand daraus ein Theaterstück, das jetzt, drei Jahre später, bei den Schultheatertagen in Erlangen einem breiten Publikum vorgestellt wurde. „Es ist wunderbar, zu sehen, wie sich frauenfeindliches Verhalten durch Aufklärung und ,Streetcred‘ ändern lässt. Das gesamte Schulklima hat sich dadurch zum Positiven verändert“, sagt Klemm.

Respekt Coaches arbeiten an Schulen eng mit dem Kollegium zusammen und greifen Problem- oder Fragestellungen aus der Schülerschaft auf, etwa zu Antisemitismus, zum Gazakrieg, zu Sexismus oder Rechtsextremismus. Dann suchen sie in ihrem breiten Netzwerk externe Partner, die genau diese Fragen kompetent mit den Kindern und Jugendlichen bearbeiten können. „Lehrkräfte sind dafür nicht ausgebildet, und sie haben auch nicht die Zeit dafür. Schließlich sollen sie sich auf den Unterricht konzentrieren“, meint Klemm. Zudem hätten Lehrerinnen und Lehrer nicht zu jeder Frage die gleiche Glaubwürdigkeit. Solche Haltungsfragen könnten nicht behandelt werden wie Stoff aus dem Lehrplan, der am Ende mit einem Leistungsnachweis überprüft werde. Für Klemm ist nicht nachvollziehbar, wie ein Programm, das so erfolgreich arbeitet, beendet werden kann, obwohl der Bedarf an Demokratiebildung hoch ist.

Evaluation zeigt: Das Programm wirkt

Tatsächlich hat eine zweijährige wissenschaftliche Begleitung gezeigt, dass das Programm wirkt und sich ein Großteil der Schulen die Respekt Coaches als feste Einrichtung wünscht. Denn je länger diese an einer Schule aktiv sind, desto größer ist ihr Einfluss.

Eine Sprecherin des Bundesbildungsministeriums begründet das Programmende auf Anfrage des Schulportals so: „Das Bundesprogramm ,Respekt Coaches‘ wurde im Jahr 2018 von Beginn an als Modellvorhaben, gefördert aus Mitteln des Kinder- und Jugendplanes des Bundes (KJP), konzipiert, um neue Ansätze im Bereich der Primärprävention zu erproben, erfolgreiche Strukturen sichtbar zu machen und Impulse für Regelsysteme zu setzen.“ Eine befristete Laufzeit sei also von Beginn an vorgesehen gewesen. Der zeitliche Rahmen ergebe sich aus dem Zeitraum, der zur Gewinnung entsprechender Erkenntnisse erforderlich sei. Dieser sei nun nach acht Jahren abgeschlossen.

Die Erkenntnisse aus dem Programm wurden bereits 2024 in einer Broschüre festgehalten, die auf der Internetseite www.lass-uns-reden.de abrufbar ist. Zum Programmende soll die Broschüre um weitere Ergebnisse ergänzt und digital auf der Seite des Ministeriums zur Verfügung gestellt werden.

Eine Broschüre hilft der Eichendorffschule jedoch nicht weiter. „Die Schule braucht eine verantwortliche Person, die die Workshops oder die Projekttage plant, externe Partner organisiert und die Angebote systemisch durchführt, sodass wirklich die ganze Schulgemeinschaft erreicht wird“, so Klemm. Es sei fatal, diese Arbeit einfach zu beenden. Veränderungen an Schulen bräuchten mehr Zeit als ein oder zwei Legislaturperioden, meint Klemm und spricht damit aus der Erfahrung eines Schulleiters, dessen Schule 2023 den Hauptpreis des Deutschen Schulpreises erhielt. Das Bundesprogramm dürfe nicht gestrichen, sondern müsse stattdessen verstetigt und ausgeweitet werden. „Jede Schule sollte einen Respekt Coach haben“, ist Klemm überzeugt.

Bund verweist auf die Verantwortung der Länder

Auch der Internationale Bund (IB), einer der Träger der „Respekt Coaches“, reagiert mit Unverständnis: „Gerade angesichts der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen und vielfältigen Krisen gewinnt diese Arbeit aus unserer Sicht weiter an Bedeutung. Junge Menschen sind mit Unsicherheiten, zunehmender Polarisierung und gesellschaftlichen Konflikten konfrontiert“, heißt es in einer Stellungnahme.

Auch das Bundesministerium sieht den Erfolg des Programms ebenso wie den Bedarf. „Den Ländern steht es jeweils frei, entsprechende Programme in Anlehnung an die Erkenntnisse aus dem Programm ,Respekt Coaches‘ aufzusetzen“, sagt die Sprecherin. Eine Verpflichtung dazu bestehe zwar nicht. Allerdings würden Modellprogramme in der Regel durch Länder und Kommunen kofinanziert, sodass dort ein Eigeninteresse an der Weiternutzung der Ergebnisse vorausgesetzt werden könne.