Richtig gute Leute: Antifa mit Popcorn

Die Lehrerin Hanka Gatter leitet einen Kurs gegen Rassismus, ehrenamtlich berät sie Geflüchtete in einem Café in Parchim. Ein großes Team kümmert sich um das Café für Geflüchtete in Parchim Foto: ...

  • 6 min read
Richtig gute Leute: Antifa mit Popcorn

Die Lehrerin Hanka Gatter leitet einen Kurs gegen Rassismus, ehrenamtlich berät sie Geflüchtete in einem Café in Parchim.

Die Ehrenamtlichen des Cafés des „Netzwerks für Flüchtlinge“ Parchim
Ein großes Team kümmert sich um das Café für Geflüchtete in Parchim

Foto: privat

Adam Schwedhelm

Popcornmaschine, rechtsradikale Mode oder eine Demo für Vielfalt: Die Jugendlichen der Freien Schule Güstrow bestimmen selbst, wie sie den Nachmittagskurs nutzen. „Wir machen auch einfach Sachen, die uns Spaß machen: Graffiti oder Siebdruck“, erzählt die Lehrerin Hanka Gatter, die den Kurs anbietet.

Seit 13 Jahren gibt es den Kurs im Rahmen des Netzwerks Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage. „Es geht darum, miteinander Spaß zu haben. Die Werte, die hinter Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage stehen, zu teilen auf fröhliche, spaßige, angenehme Weise.“ Zuletzt feierten sie alle zusammen auf einem Festival und haben dort ihren eigenen Bratwurststand betrieben. Eingeladen wurden sie dazu von ihren Paten, die der Nachmittagskurs selbst ausgesucht hat: von der Band Feine Sahne Fischfilet.

„Die Jugendlichen bestimmen, was relevant ist und worauf sie aufmerksam machen können.“ Dieses Jahr haben sie selbst eine Demonstration in Güstrow organisiert. Motto war: „Wir stehen zusammen. Feministisch, queer, solidarisch & antifaschistisch!“ So wünschen sie sich das Zusammenleben in der Stadt. Und auch in der Schule fällt der Kurs auf, etwa mit „Popcorn and Talk“: mit Popcornmaschine und Getränken gehen sie durch die Klassen und klären über rechtsradikale Mode und Musik auf.

Zwölf bunte Portraits

In Güstrow als Lehrerin, in Parchim im Ehrenamt

Polit-Influencer auf Schulbesuch: Marcant (Mitte) mit Schulleiter Arne Busch (li.), Hanka Gatter (re.) und zwei Abiturient*innen. Sie posieren mit einem Transparent des Netzwerks Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage
Polit-Influencer auf Schulbesuch: Marcant (Mitte) mit Schulleiter Arne Busch (li.), Hanka Gatter (re.) und zwei Ab­itu­ri­en­t*in­nen

Foto: privat

60 Kilometer weiter setzt sich Hanka Gatter auch ehrenamtlich ein, hier für ihr „Herzensprojekt“: ein interkulturelles Café in Parchim. Einen Anlaufpunkt für Menschen, die wegen Migration und ihren Asylverfahren mit den Ämtern hadern und Hilfe suchen – oder auch einfach nur plauschen wollen: „Da kann man dann schön sitzen und Kaffee trinken.“

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob Sie dieses Element auch sehen wollen:

Externen Inhalt erlauben

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden.

Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob Sie dieses Element auch sehen wollen:

Externen Inhalt erlauben

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden.

Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob Sie dieses Element auch sehen wollen:

Externen Inhalt erlauben

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden.

Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung

Begonnen hatte es damit, dass Gatter regelmäßig zu Freun­d*in­nen und Bekannten nach Hause ging, um den Briefverkehr mit den Ämtern zu bewältigen. Seit vier Jahren nutzt sie dafür die Parchimer Räumlichkeiten der Partei Die Linke. Seitdem helfen viele mit. „Ich habe das zwar organisiert und hab den Hut auf, aber wir sind eine feste Gruppe. Der Nachmittag wird nicht von mir organisiert, sondern das kommt immer von den Leuten selbst.“ Wichtig sei Gatter: „Nicht für, sondern immer mit und durch sie selbst.“

Das interkulturelle Café ist ein Projekt des „Netzwerks für Flüchtlinge, Demokratie und Toleranz Parchim“, dessen Vereinsvorsitzende Gatter auch ist. Darüber organisieren sie unter anderem auch einen Anlaufpunkt für den Tausch von Bezahlkarten: Menschen tauschen Bargeld gegen Einkaufsgutscheine für Supermärkte ein. Seit 2024 bekommen Asyl­be­wer­be­r*in­nen ihre Leistungen nämlich in Form von Bezahlkarten ausgezahlt. Durch die Aktion soll ihnen Autonomie zurückgegeben werden, über finanzielle Ausgaben selbst bestimmen zu können.

Häme und Provokation hinterm Glasfenster

Das Café im Parteibüro wird auch oft Ziel von Häme und provokanten Gesten. Denn es ist im 13.000-köpfigen Parchim sehr sichtbar. Die Glasfenster gehen bis zum Boden, es lässt sich gut reinschauen. Zum Glück sei noch niemand angegriffen worden. Aber die Ca­fé­be­su­che­r*in­nen berichten regelmäßig von Bedrohungen im Alltag. Letzten Sommer gab es einen Vorfall, „das war nicht mehr witzig“, sagt Gatter. An der Wohnungstür hätten sich Menschen als zivile Polizisten ausgegeben, die zur Abschiebung kommen. „Das war ein Fake. Ein echter rassistischer Scherz. Aber die Familie war außer sich.“

Hanka Gatter ist Lehrerin und engagiert sich für Geflüchtete. Zu sehen ist sie am Laptop im Freien
Lehrerin in Güstrow und im Café in Parchim: Hanka Gatter engagiert sich gegen den Rechtsruck

Foto: privat

Ist Engagement gegen das Asylsystem nicht ohnehin ein Kampf gegen Windmühlen? „Ganz wichtig ist Ehrlichkeit.“ Wenn Menschen mit einem Negativbescheid kämen, könnten sie sie an Beratungsstellen vermitteln, „damit das professionell begleitet wird“, so Gatter. „Denn das geht über unsere Kompetenzen hinaus. Wichtig ist, dass wir ehrlich sind, wenn wir etwa wissen: Es gibt keine Bleibeperspektive.“ Auch das wollen sie begleiten. „Manchmal heißt das, zusammen sitzen und weinen.“

Neulich wurde der Güstrower Nachmittagskurs mit dem Integrationspreis des Landes Mecklenburg-Vorpommern ausgezeichnet. Am Dienstag darauf legte der Influencer Marcant an der Schule einen Stopp auf seiner Tour vor den Wahlen ein.

Die Zukunft „bewegt nicht nur mich und die Gäste unseres Cafés“. Eine Person, die regelmäßig ins Café kommt, schrieb ihr gerade am Abend vor dem Gespräch völlig verängstigt. „Wenn die AfD hier an die Macht kommt ist, was heißt das dann für sie und ihre Familie, die keinen sicheren Aufenthaltsstatus haben?“, fragt sich Gatter. Das mache Angst und Unsicherheit bei Menschen mit Migrationsgeschichte. Auf der anderen Seite möchte Gatter weiter schauen: „Die Angst soll nicht der alleinige Ratgeber sein. Wir sind doch relativ viele und können uns gegenseitig halten.“ So wie im Café in Parchim.

Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion.

Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

Eine Zeichnung einer Zeitung die in einem Briefkasten steckt

Landtagswahlen und Rechtsextreme

Auf der Jagd nach schlechten Nachrichten

Essay von Silke Mertins

Die Medien tragen mit negativer Berichterstattung zu den Erfolgen der AfD bei. Deshalb braucht es kein Schönreden, wohl aber mehr Ausgewogenheit.

Ein Nacktradler unterwegs am Reichstag in Berlin, flankiert von zwei bekleideten Polizisten auf dem Fahrrad

Die AfD und die Landtagswahlen

Stellt euch vor, wir leben in einem Land

Gastkommentar von Olaf Zenker

Keine Vision, sondern real: Deutschland ist ein Land mit den unterschiedlichsten Menschen. Ein Sozialstaat, der Kritik zulässt und Grundrechte wahrt.

Schwesigs SPD-Wahlkampf in Meck-Pomm

Mit dem Wahlvolk kann sie

Manuela Schwesig kämpft in Mecklenburg-Vorpommern um jeden Prozentpunkt und rückt der AfD auf die Pelle. Gefährlich wird sie damit auch für die CDU.

Von Anna Lehmann

Werbegrafik für ein Probeabo der wochentaz: Oben steht groß in roten Blockbuchstaben „TAZ THE RICH“. Darunter liegt schräg eine Ausgabe der wochentaz, auf deren Umschlag eine gezeichnete Person zu sehen ist, die einen Globus mit Zeitungsausschnitten betrachtet. Links davor prangt ein schwarzer Sternaufkleber mit dem Angebot „10× für 10 €“.

10 Ausgaben für 10 Euro

Die Wochenzeitung mit taz-Blick

Wir schauen den Superreichen auf die Finger. Unsere wochentaz bietet jeden Samstag Journalismus, der es nicht allen recht macht und Stimmen, die woanders nicht gehört werden.

  • Jeden Samstag als gedruckte Zeitung frei Haus
  • Zusätzlich digitale Ausgabe inkl. Vorlesefunktion

Jetzt kennenlernen

0 Kommentare