„Das Wort Nationalismus wurde zu einem Schimpfwort": Rubios Botschaft aus Athen

Der US-Außenminister knüpft in einer Rede in Griechenland an frühere Wortmeldungen an: Statt Kooperation auf Augenhöhe erwartet Marco Rubio, dass Verbündete sich dem Willen der USA beugen.

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„Das Wort Nationalismus wurde zu einem Schimpfwort": Rubios Botschaft aus Athen

US-Außenminister in Griechenland

Marco Rubio erwartet Unterwerfung


Aktualisiert am 08.10.2026 - 07:42 UhrLesedauer: 4 Min.

Der US-Außenminister knüpft in einer Rede in Griechenland an frühere Wortmeldungen an: Statt Kooperation auf Augenhöhe erwartet Marco Rubio, dass Verbündete sich dem Willen der USA beugen.

David Schafbuch berichtet aus New York

Die Kulisse hatte Marco Rubio kaum zufällig gewählt. Der amerikanische Außenminister sprach in Athen, während im Hintergrund die Akropolis in der Abendsonne erstrahlte. Rubio stand für seine Rede auf dem Pnyx. Der Hügel gilt als einer der Geburtsorte der Demokratie. Dort hatten sich schon in der Antike die Bewohner Athens zu Volksversammlungen zusammengefunden.

Den Ort nutzte der Außenminister dementsprechend weniger, um über aktuelle politische Geschehnisse zu sprechen, als vielmehr über Grundsätzliches – wie etwa die USA mit der griechischen Demokratie verbunden seien: "Griechenland ist buchstäblich in die Architektur unserer Regierung eingemeißelt", sagte Rubio etwa. Doch die Verbindungen würden weit über das Politische hinausreichen. Die Errungenschaften des antiken Griechenlands nannte er "das Fundament des westlichen Denkens".

Umfragen zufolge gilt Rubio neben JD Vance als aussichtsreichster Kandidat für die Nachfolge von US-Präsident Donald Trump. Bereits 2016 hatte sich Rubio darum beworben, Präsidentschaftskandidat der Republikaner zu werden. Damals unterlag er im Vorwahlkampf Trump. Noch dementiert der heutige Außenminister, dass er eine erneute Kandidatur anstrebt.

In Athen offenbart Rubio sein Weltbild

Seine Rede lässt aber vermuten, dass er weiterhin große politische Ambitionen verfolgt. In Athen schlug Rubio nicht nur eine Brücke zwischen dem antiken Griechenland und der heutigen nationalistischen Politik seiner Regierung. Rubio ließ auch anklingen, wie er sich die Zukunft der USA und des Westens vorstellt.

Rubio bewies mit dieser Rede erneut, dass er zwei Dinge beherrscht: Oberflächlich gelingt es ihm, Gemeinsamkeiten zwischen den USA und anderen westlichen Partnerstaaten auszuformulieren. Man wolle nicht nur "gemeinsam gewinnen", man müsse das auch.

Doch dahinter platziert Rubio eine Botschaft, die kaum auf Kooperation ausgerichtet ist: Was der Außenminister als Partnerschaft beschreibt, läuft auf die Unterordnung der übrigen westlichen Staaten unter die ideologischen Vorgaben der aktuellen US-Regierung hinaus: ein Weltbild geprägt von christlichem Nationalismus.

Rubio: Westen ist "Geisel des Durchschnitts" geworden

Ähnliche Worte waren von Rubio bereits in der Vergangenheit zu hören. Auf der Sicherheitskonferenz in München sprach er im Februar davon, dass die USA ein "Kind Europas" seien und zählte dafür allerlei Gemeinsamkeiten auf. Er berief sich auf eine "noble Zivilisation", die man verteidigen müsse, sowie auf den christlichen Glauben und eine "geteilte Abstammung" Europas und der USA.

Diese Erzählung griff Rubio nun in Athen wieder auf. Die Antike habe den Nährboden für das Weltbild geschaffen, das seine Regierung präge: Die heutigen USA seien "geboren in Athen, geprägt von Rom, getauft in der Christenheit". Die Zivilisation, die in Griechenland ihren Ursprung habe, sei in den Vereinigten Staaten wiedergeboren worden.

Allerdings sei dieses Weltbild in Gefahr. Man strebe nicht mehr nach Großem, sondern sei im Westen eine "Geisel des Durchschnitts" geworden, indem man sich weniger mit dem Potenzial der Besten als mit dem "Komfort der Schwächsten" befasse, kritisierte der Außenminister.

"Rissen wir unsere Denkmäler nieder"

Auch sei man im Westen mittlerweile beschämt über seine eigenen Leistungen und empfinde den eigenen Wohlstand als "Quelle von Schuldgefühlen". Rubio führte aus: "Das Wort Nationalismus wurde zu einem Schimpfwort, und so rissen wir unsere Denkmäler nieder."

Die Liste der Fehler, die der Westen aus Sicht des Außenministers begangen hat, ist lang: Rubio kritisierte eine Politik der offenen Grenzen und die Schwächung des Militärs. Zudem habe der Westen die Souveränität der Nationalstaaten vernachlässigt und stattdessen internationalen Institutionen immer mehr Kompetenzen zugestanden.

Rubio erwähnte in Griechenland nicht, welche Institutionen er damit konkret meinte. Doch an anderer Stelle hat die US-Regierung das bereits deutlicher formuliert: "Zu den größeren Problemen, mit denen Europa konfrontiert ist, gehören die Aktivitäten der Europäischen Union und anderer supranationaler Gremien, die die politische Freiheit und Souveränität untergraben", heißt es etwa in der nationalen Sicherheitsstrategie, die die US-Regierung im vergangenen Dezember veröffentlichte.

US-Regierung strebt nach "nationaler Macht"

Zuständig für das entsprechende Papier ist in der US-Regierung der Nationale Sicherheitsrat. Die Koordinierung innerhalb dieses Gremiums liegt beim Nationalen Sicherheitsberater: Neben dem Amt des Außenministers bekleidet Rubio auch dieses Amt. Eine solche Machtfülle besaß zuletzt Henry Kissinger in den 1970er-Jahren.

In Griechenland richtete der Minister aber auch den Blick in die Zukunft. Der Westen stehe jetzt am Scheideweg. Die Entscheidungen des kommenden Jahrzehnts, so Rubio, "werden die Geschichte des nächsten Jahrhunderts schreiben".

Europa im "Dornröschenschlaf"

Die US-Regierung unter Donald Trump habe sich bereits entschieden, unerschrocken nach "nationaler Macht" zu streben: Dabei gehe es um die Kontrolle der eigenen Wirtschaft, die Stärkung der Verteidigung und die Vorherrschaft über Technologien. Rubio sprach in diesem Zusammenhang auch von "Superintelligenz" – ein Begriff, den Trump anstelle von "Künstlicher Intelligenz" etablieren möchte.

Europa kann laut Rubio "aus seinem Dornröschenschlaf erwachen". Dafür sehe er bereits Anzeichen: So lobte Rubio die gestiegenen Verteidigungsausgaben in Europa, auf die sich die Nato-Staaten auf ihrem Gipfel im vergangenen Jahr geeinigt hatten.

Anders formuliert: Europa müsse, um Erfolg zu haben, den Weg einschlagen, den die Trump-Regierung bereits vorgegeben hat.