Sagen aus dem Saarland: Ein Geist springt einem auf den Rücken: Die unheimliche Sage vom Aufhocker

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Sagen aus dem Saarland: Ein Geist springt einem auf den Rücken: Die unheimliche Sage vom Aufhocker

Sagen aus dem Saarland Ein Geist springt einem auf den Rücken: Die unheimliche Sage vom Aufhocker

Serie | Burbach · Rund 30 Aufhockergeschichten sind aus der Saarregion bekannt. Sie handeln von unsichtbaren Lasten, Panik und langen Wegen durch die Nacht, erklärt Historiker Johannes Dillinger.

03.09.2026 , 08:00 Uhr

 Die Statue von Bildhauer Roeder zeigt einen Aufhocker.

Die Statue von Bildhauer Roeder zeigt einen Aufhocker.

Foto: Ole Spata/dpa/Ole Spata

Drei junge Männer gingen von Burbach nach Von der Heydt. Plötzlich wurde der, der in der Mitte ging, ganz blass. Er fing an, zu keuchen und zu schwitzen. Er bat seine Begleiter, sie sollten den schweren Mann von seinem Rücken nehmen. Die beiden anderen konnten niemanden sehen. Nach einer gewissen Zeit sagte derjenige, der sich über den Mann auf seinem Rücken beklagt hatte: „Jetzt ist er von mir und geht neben mir.“ Er beschrieb den beiden anderen, die noch immer nichts sehen konnten, wie der fremde Mann aussah: „Er ist groß und trägt einen langen Mantel und einen hohen Hut, bei sich hat er einen großen schwarzen Hund.“ Als sie an die Brücke kamen, verschwand der Geist laut lachend. Der Geist soll noch öfter Leuten, die nachts dort unterwegs waren, so mitgespielt haben.

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Foto: Marion Demme-Zech

Rund dreißig Aufhockergeschichten gibt es aus der Saarregion

Geister wie der aus dieser Sage sind in der Volkskunde als Aufhocker bekannt. Der Aufhocker springt einer Person, die nachts im Freien unterwegs ist, auf den Rücken. Er lässt sich trotz aller Mühe nicht abschütteln. Der Aufhocker wird immer schwerer. Der Aufhocker lässt sich stets eine bestimmte Wegstrecke tragen, dann verschwindet er wieder. Der Aufhocker ist die Form des Gespenstes, die sich am häufigsten in deutschen Sagen findet. In der Saarregion sind rund dreißig Aufhockergeschichten belegt.

Der Hintergrund der Sagen vom Aufhocker waren tatsächliche Erlebnisse. Der Kern der Aufhockergeschichten war, dass eine Person, die zu Fuß unterwegs war, das Gefühl hatte, plötzlich ein schweres Gewicht tragen zu müssen, das immer schwerer wurde und sich nicht abschütteln ließ. Hier scheint sich eine medizinische Deutung anzubieten: Das Gefühl, eine schwere, aber unsichtbare Last tragen zu müssen, könnte einer Herz- oder Kreislaufschwäche entsprechen. Eine andere Deutung lässt sich mit dieser Interpretation verbinden: Aufhockergeschichten erscheinen wie die Schilderung eines Albtraums, den man im wachen Zustand erlebt. Man könnte das als Panikattacke deuten: Wer den Aufhocker fürchtet, der kann sich so in seine Furcht hineinsteigern, dass er ihn tatsächlich zu erleben glaubt. Die intensive Angst vor dem Geist führt zu einer schweren Stresssituation, die ihrerseits Herz und Kreislauf belastet.

Lange Fußmärsche durch die Dunkelheit waren um 1900 Alltag für die Menschen

Die Voraussetzung aller Aufhockersagen und damit auch der Sage von Burbach war, dass Leute nachts zu Fuß unterwegs waren. Diese Erfahrung, nachts, im Dunkeln, allein einen Fußmarsch machen zu müssen, gehörte bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts zumindest auf dem Land zum Alltag. Die Straßenbeleuchtung kam in der Regel nicht vor der Zwischenkriegszeit in den Dörfern an. Aus unserem Alltag ist diese Erfahrung fast völlig verschwunden. Echte Dunkelheit lässt sich in oder nahe bei Ortschaften wegen der Straßenbeleuchtung und Autoscheinwerfern gar nicht mehr erleben.

Der Sagentext stellte es nicht ausdrücklich fest, aber es ist wahrscheinlich, dass die drei zur Grube Von der Heydt gingen. Von Burbach aus wären das etwa 4,5 Kilometer, wobei ein Anstieg von fast 100 Metern zu bewältigen wäre. Mit dem Auto würde man es in etwas mehr als fünf Minuten schaffen. Zu Fuß ist man eine gute Stunde unterwegs. In den letzten 120 Jahren haben sich die Erfahrungen von Distanz und von Geschwindigkeit drastisch verändert. Wir haben uns an sehr hohe Bewegungsgeschwindigkeiten bei gleichzeitig sehr geringer Anstrengung gewöhnt. Persönliche Mobilität stellte sich noch in der Zwischenkriegszeit ganz anders dar, als Autos für die meisten Privatleute unerschwinglich waren. Noch schwieriger war es im 19. Jahrhundert, als auf dem Land auch die Hauptstraßen meist nicht gepflastert waren. Dennoch mussten häufig, sogar routinemäßig weite Entfernungen überwunden werden: Der Fußmarsch der Bergleute aus dem Norden der Saarregion zum nächsten Bahnhof oder direkt zu den Gruben im Süden war um 1900 noch eine Selbstverständlichkeit. Oft genug brachen sie früh morgens im Dunkeln auf. Der Ausbau der Eisenbahn, später dann des Busverkehrs und schließlich die Autowelle der Nachkriegszeit haben hier radikale Veränderungen gebracht. Wie radikal diese Veränderungen tatsächlich waren, ist uns heute kaum mehr bewusst, weil die gesamte Gesellschaft sich sehr rasch an sie gewöhnt hat.

Die Notwendigkeit, zu Fuß durch die nächtliche Dunkelheit zu gehen, besteht für uns nicht mehr. Die Situation, auf der unzählige Gespenstersagen aufbauen, nicht nur die über Aufhocker, erleben wir nicht mehr. Die Sage vom Aufhocker erinnert an eine Vergangenheit, von der wir zeitlich noch gar nicht so weit entfernt sind, die von unserer Gegenwart aber doch radikal verschieden war. (lck)