Sarg als Bücherregal: Wie ein Freiburger Schreiner Menschen hilft, den eigenen Tod zu planen

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Sarg als Bücherregal: Wie ein Freiburger Schreiner Menschen hilft, den eigenen Tod zu planen

Stand: 13.10.2026, 13:35 Uhr

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Bestattungen werden individueller. Ein Freiburger Schreiner will nun zum Nachdenken über Tod und Verletzlichkeit einladen. Beim Bau des eigenen Sargmöbels.

Freiburg – Ulrike Wolf legt das Fichtenholz-Regal, das später mal ihr Sarg sein wird, auf die beiden Arbeitsböcke. Nach dem Feinschleifen trägt sie mit einer Rolle die erste Lackschicht auf. „Ich werde die Seiten himmelblau gestalten. Das steht für mich für Verletzlichkeit“, sagt die 62‑Jährige. In die zwei Meter lange Holzkiste wird sie dann noch Regalbretter einbauen.

Artikel der KNA

Dieser Beitrag stammt von der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

Und dann soll ihr selbstgestalteter Sarg bis zum Tag X als Bücherregal in ihrer Wohnung stehen. Die Idee zum ungewöhnlichen Sargmöbel-Projekt stammt vom Freiburger Schreiner Johannes Wittich. Das Nachdenken über Sterben und Tod treibt ihn seit Jahren um. Sein Bauwagen stand mal im Garten eines befreundeten Bestatters.

Schreiner Johannes Wittich lehnt sich bei seinem Sargbau-Workshop in Freiburg über ein Möbel.

„Irgendwie macht der Sargbau die Leute offen – im positiven Sinne dünnhäutig“, sagt Schreiner Johannes Wittich. © Volker Hasenauer/KNA

„Da haben wir viele tiefe Gespräche geführt.“ Dann begleitete er einen engen Freund bis zum Tod. „Und dann habe ich seinen Sarg gebaut und gemerkt, wie nah ich ihm dadurch noch einmal gekommen bin.“

Drei Sargbauer

Wegen anderer Projekte dauerte es dann noch etwas, bis die Idee konkret wurde, den Sargbau als Schreinerprojekt für andere anzubieten. „Insgesamt hatte ich nun eine Handvoll Workshops mit etwa 20 Teilnehmern.“ In dieser Woche sind es drei, die am eigenen Sargmöbel werkeln.

Der Workshop begleitet den großen wissenschaftlichen Kongress der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin. „Wir wollen das Thema auch mitten in die Stadt tragen“, sagt Kongresspräsidentin Verena Wetzstein vom Palliative-Care-Forum des Erzbistums Freiburg.

Sargbau-Workshop führt zu Irritation und Faszination

Also bietet Johannes Wittich den Workshop nicht in seiner Werkstatt an, sondern vor einem beliebten Kulturzentrum und Café: dem alten Wiehrebahnhof. Immer wieder bleiben Passanten stehen. Einige schütteln den Kopf, äußern sich irritiert. Andere finden den Sargbau spannend.

„Es gibt verwunderte Reaktionen. Aber ich habe auch schon einige nette Gespräche gehabt“, sagt Markus Temmen, der seinen Sarg als Kleiderschrank mit Ausziehschublade gestaltet. „Für die Winterklamotten.“ Temmen bezeichnet sich selbst als pragmatischen Charakter. „Ich habe einen Organspendeausweis und eine Patientenverfügung. Der Bau des eigenen Sargs macht das Paket irgendwie komplett“, findet er.

Bundesverband sieht Trend

Der Bundesverband Deutscher Bestatter beobachtet seit Längerem, dass Bestattungen und ihre Vorbereitung individueller werden. Dazu gehört dann oft auch, den Sarg zu bemalen oder auf andere Weise persönlich zu bestatten. „Das passt zu einer größeren Entwicklung in der Bestattungskultur“, sagt Verbandssprecherin Pia Neerfeld.

Die wachsende gesellschaftliche Vielfalt und Individualität spiegeln sich auch bei den Wünschen rund um die Bestattung. Wie viele Menschen das Wagnis eingehen, zu Lebzeiten den eigenen Sarg zu bauen, kann der Bundesverband nicht einschätzen.

Schreiner Wittich beobachtet jedenfalls, dass die rund 1.000 Euro teuren Workshop-Plätze nachgefragt sind und die Teilnehmenden mit großer Energie dabei sind. „Natürlich geht es auch um das tolle Erlebnis, mit den eigenen Händen aus schönem Holz etwas handwerklich herzustellen. Aber irgendwie macht der Sargbau die Leute offen – im positiven Sinne dünnhäutig.“

Wer sich auf den Bau der eigenen letzten Ruhestätte einlässt, habe sich auf einen wichtigen Weg gemacht, glaubt Wittich. „Wir führen bei dem dreitägigen Workshop immer ganz besondere, tiefe Gespräche.“

Sarg als Regal, Bett, Phono-Möbel

Der Profischreiner bringt zu Beginn des Workshops schon die fertig zugesägten Sargbretter mit. Dann setzen die Teilnehmer die Dreischichtplatten zum Sarg zusammen. Und entscheiden dann, was sie daraus machen. Mehrere Modelle stehen zur Auswahl: Regal, Tisch, Garderobe, Phono-Möbel oder sogar Bett.

Ulrike Wolf hat die Sargseitenwände wellenförmig aufgesägt und glatt geschliffen. Sie arbeitet als Trauerbegleiterin im Bistum Rottenburg-Stuttgart – vor allem für Familien und Kinder. Der Tod ist ihr vertraut. Sie hat auch schon mit Gruppen individuelle Totenhemden gestaltet – auch als handwerkliche Methode, über das eigene Leben nachzudenken.

„Das Sargbau-Projekt hat mich selbst jetzt sehr berührt. Und ich würde es gerne auch einmal bei uns in Rottweil anbieten.“ Die Planungen laufen.

Workshop-Teilnehmer arbeiten gemeinsam an einem Regal bei einem Sargbau-Workshop in Freiburg.

Regal, Kleiderschrank, Tisch oder sogar Bett – die Anwendungsmöglichkeiten der Sargmöbel sind vielseitig. © Volker Hasenauer/KNA

Denn auch Schreiner Wittich will seine Idee über die Region hinausbringen. Als Beitrag, die häufig herrschende Sprachlosigkeit über Tod und Trauer zu überwinden. „Alle Materialien und die nötigen Werkzeuge für fünf Teilnehmer passen in meinen Transporter.“

Kirche würdigt Projekt

Die katholische Kirche sieht die Idee positiv, den Sarg als Möbel umzugestalten. Das bringe das Bewusstsein für die Unverfügbarkeit des Lebens in die eigenen vier Wände, sagte ein Sprecher des Erzbistums Freiburg. „Die katholische Tradition des Bestattungswesens ist tief im Glauben an die leibliche Auferstehung und an das ewige Leben gebunden.“

Jetzt wird Schreiner Wittich beim dritten Workshop-Teilnehmer Hartmut Georg gebraucht. Der 67-Jährige gestaltet zwei Wandregale aus dem Sargkorpus. Die Vorderseite braucht noch ein wenig Feinschliff, empfiehlt der Schreiner.

Probeliegen im Sarg als Mutprobe

„Ich habe im Sarg sogar probegelegen“, erzählt Georg. Als heitere Mutprobe habe er das empfunden. „Aber irgendwann habe ich mich dann schon gefragt, was es wirklich bedeutet, nun mein eigenes Ende mitzugestalten.“

Ulrike Wolf sieht den Sargbau auch als „Liebesdienst“ für meine Hinterbliebenen. „Als Trauerbegleiterin erlebe ich, wie viele Menschen überfordert sind von den anstehenden praktischen Entscheidungen nach dem Tod eines geliebten Menschen. Da hilft es unglaublich, wenn wir vorher darüber gesprochen haben, was die Person sich wünschte.“

Deshalb will Wolf selbst zum Abschluss des Projekts noch einen Brief für ihre Angehörigen schreiben. Darin eine genaue Anleitung, wie ihre beiden Regalteile in wenigen Schritten wieder zum Sarg zusammengefügt werden können. Die vier Sarggriffe sind vorbereitet.