Neustart am Schauspielhaus Düsseldorf: Andreas Karlaganis beginnt mit Kleist-Inszenierung von Ulrich Rasche

Wie üblich kreisen bei Rasche riesige Scheiben, auf denen die Schauspieler immerfort laufen, sich in Fluchten und Gespinsten aus Licht gegen die Drehrichtung bewegen, unablässig, gekrümmt, mühevoll. Für Kenner ...

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Neustart am Schauspielhaus Düsseldorf: Andreas Karlaganis beginnt mit Kleist-Inszenierung von Ulrich Rasche

Wie üblich kreisen bei Rasche riesige Scheiben, auf denen die Schauspieler immerfort laufen, sich in Fluchten und Gespinsten aus Licht gegen die Drehrichtung bewegen, unablässig, gekrümmt, mühevoll. Für Kenner hat das einen gewissen Gewöhnungs-, bei manchen womöglich einen Abnutzungseffekt. Man sieht die Variation der Variation einer Rasche-Inszenierung, vergleicht, nimmt Unterschiede, Feinheiten wahr. Aus dieser Warte betrachtet, zählt die Inszenierung von Heinrich von Kleists „Prinz Friedrich von Homburg“ sicher nicht zu Rasches überzeugendsten oder gar erschütterndsten Arbeiten. Sie ist hermetisch, kühl, lässt einen kalt. Aber in ihren präzisen technischen und körperchoreografischen Abläufen, in ihrem Willen zum Sprechexerzitium und ihrer unzeitgemäßen Furchtlosigkeit vor Textzumutungen und Gefühlspathos ist sie doch ein staunenswertes, inkommensurables Ding.

Das Publikum ist denn auch extrem konzentriert oder sogar: gebannt; jedenfalls hört man keinen Mucks. Es herrschen die Spannung und die Angespanntheit eines Neubeginns. Dieser Kleist ist keine leichte Kost. Es spricht für den neuen Intendanten, dass er das den Düsseldorfern zutraut, und es spricht für die Düsseldorfer, dass sie sich total darauf einlassen. Man glaubt zu spüren, dass sie das Gesehene verstehen und gut finden wollen. Als gehe es darum, an irgendetwas einen Anschluss zu finden, auf jeden Fall aber an etwas Großem teilzuhaben. Man kann Andreas Karlaganis zu diesem Publikum beglückwünschen – wie überhaupt zu diesem schön sanierten Haus, das sein Vorgänger Wilfried Schulz erfolgreich durch die (nicht nur bauliche) Misere geführt und in den vergangenen zehn Jahren bestens aufgestellt hat. Darauf lässt sich aufbauen. Düsseldorf spielt wieder mit. Fragt sich für die Zukunft nur, in welcher Liga.

Theater

:„Empathie ist erlernbar“

Als Wilfried Schulz vor zehn Jahren die Intendanz des Düsseldorfer Schauspielhauses übernahm, setzte ihm die Stadt ohne Vorwarnung eine Großbaustelle vor die Nase. Ein Abschiedsgespräch darüber, wie aus Hartnäckigkeit und Improvisation richtig gute Kunst entstehen kann.

Geht es nach Karlaganis, dann möglichst weit oben. Der 51-jährige Schweizer, bisher als Dramaturg tätig – in Berlin, Graz, München, Zürich und Wien –, will für Düsseldorf „große, kraftvolle Theatersprachen“, und was die Leute angeht: „die Besten“. So höflich und zurückgenommen Karlaganis mit seiner leisen Stimme und seiner helvetischen Sozialisation auftritt, einen großen Ehrgeiz hat er schon. Und Selbstvertrauen. Er bezieht es unter anderem daraus, dass er, wie er sagt, „gut mit komplizierten Menschen und verschiedenen Metalitäten umgehen“ kann.

In seinem Intendantenbüro mit Blick ins Grüne wirkt der Neue noch ein wenig unbehaust. Es hängt kein einziges Bild an der Wand. Im hinteren Teil des Raumes, wo sein Vorgänger Schulz am Chef-Schreibtisch saß, steht nun ein loungiges Designersofa. Es gibt ja vorne noch den großen Besprechungstisch. Andreas Karlaganis, verheiratet mit einem Mann, wurde 1975 in Bern geboren. Sein griechischer Familienname rührt von seinem Großvater. Damit, dass man ihn auch in der Theaterszene kaum kennt, geht er offensiv um: „Ich bin ein totaler Nobody. 25 Jahre im Hintergrund.“ Als Mann aus der zweiten Reihe ein unbeschriebenes Blatt zu sein und nach eigenem Bekunden nie einer „Theaterfamilie“ angehört zu haben, auch nicht am Wiener Burgtheater, wo er unter der Intendanz von Martin Kušej Chefdramaturg und zuletzt stellvertretender künstlerischer Direktor war, das habe auch Vorteile, sagt Karlaganis. Vor allem kenne er dadurch „sehr viele sehr gute Leute“. Auf die er jetzt zurückgreifen kann.

„Ich stehe für Schauspielertheater. Für Kunst. Für Ambilvalenz“: Intendant Andreas Karlaganis.

„Ich stehe für Schauspielertheater. Für Kunst. Für Ambilvalenz“: Intendant Andreas Karlaganis.

Thomas Rabsch

Damit scheint er als Kandidat bei der Findungskommission gepunktet zu haben – auch mit seiner offenen und freundlichen Art, auf Menschen zuzugehen. Muss es bei Wilfried Schulz doch recht hierarchisch zugegangen sein, verspricht Karlaganis Transparenz. Auf die Frage, wofür er steht, antwortet er: „Ich stehe für Schauspielertheater. Für Kunst. Für Ambilvalenz.“ Er möchte das Publikum mit „großen Stoffen“ herausfordern – gleich als zweite Premiere zeigt er „Fanny und Alexander“ in der Regie von Thorleifur Örn Arnarsson –, er scheue aber auch kein bisschen populäre Theaterformen.

Am Broadway hat Karlaganis zum Beispiel das musikalische Erfolgsstück „Stereophonic“ entdeckt. Im „Jungen Schauspiel“, das er genauso weiterbetreibt wie das von Schulz erfolgreich etablierte „Stadt:Kollektiv“, gibt es als Familienstück „Der Hobbit“ nach Tolkien, und der Düsseldorfer Publikumsliebling Christian Friedel macht Ende der Spielzeit mit seiner Band Woods of Birnam ein Stück über den 1983 in New York an Aids gestorbenen Pop-Countertenor Klaus Nomi. Solche Sachen. Von seinem Vorgänger hat Karlaganis zwar nur neun Schauspieler übernommen, ansonsten aber doch so einiges – vom Logo „D'Haus“ bis hin zu den nachgelassenen Arbeiten von Robert Wilson, die alle noch im Spielplan sind: Düsseldorfer Kassenschlager.

Was die großen Setzungen im Schauspiel angeht, wartet Karlaganis mit bekannten Namen wie Barbara Frey, Karin Henkel, Jossi Wieler auf – arrivierte, dekorierte Regisseurinnen und Regisseure, alle nicht mehr die Jüngsten. Das gibt seinem Spielplan einen leichten Retro-Touch, zumindest das Siegel „Andernorts Bewährtes“. Gerade aus Münchner Perspektive hat man da ein Déjà-vu. Vieles, was Düsseldorf jetzt bekommt – vom großen Rasche-Aufschlag bis hin zum Chefdramaturgen Sebastian Huber –, gab es am Bayerischen Staatsschauspiel schon während der Intendanz von Martin Kušej (2011-2019), bei der auch Karlaganis anfangs dabei war. Und dass Jossi Wieler ein Stück von Elfriede Jelinek inszeniert, wie demnächst in Düsseldorf mit der Uraufführung „Ein Übertritt“, läuft seit Frank Baumbauers großen Zeiten in Hamburg und München quasi unter: sichere Bank.

Was andernorts als alter Hut gelten mag, ist für Düsseldorf neu. Alle genannten Regisseure sind Düsseldorf-Debütanten, ihre Handschriften hier noch nicht eingeführt – als Programmierung vermutlich genau richtig für eine Stadt, die in den Schulz-Jahren zu ihrem Theater zurückgefunden und nun vielleicht überregional etwas aufzuholen hat. Eine Stadt, in der das Bürgertum schon auch mit Namen gelockt werden will. Düsseldorf hat ja nicht nur auf der Kö ein gewisses Faible für Glamour und gepflegten Chichi. Karlaganis bedient – und bricht – das mit dem von der Düsseldorfer Künstlerin Katharina Fritsch entlehnten Motto: „Glamour für alle“. Sicher schmeichelt es das im Foyer versammelte Publikum, wenn er in seiner Eröffnungsrede sagt, er habe, wenn durch die Glaswand hinaus in den Hofgarten schaue, ein Gefühl wie in New Nork: als blicke man aus dem Metropolitan Museum raus auf den Central Park.

Ein Ensemble im Zeitlupen-Dauermarsch: Szene aus Ulrich Rasches Inszenierung „Prinz Friedrich von Homburg“.

Ein Ensemble im Zeitlupen-Dauermarsch: Szene aus Ulrich Rasches Inszenierung „Prinz Friedrich von Homburg“.

Foto: Thomas Rabsch

Um sich vorzubereiten, ist Karlaganis schon vor zwei Jahren nach Düsseldorf gezogen. Er sagt, es sei eine „angenehme“ Stadt, die es einem leicht mache anzukommen, „groß und klein genug, weder Metropole noch Provinz“, vergleichbar mit Zürich, „aber nicht so reserviert“, sondern: „authentisch, freundlich, humorvoll“. Er scheint Düsseldorf und die rheinländische Mentalität tatsächlich zu mögen, und so herzlich und begeistert, wie NRW-Kulturministerin Ina Brandes und Düsseldorfs Kulturdezernentin Miriam Koch den „tollen Intendanten“ in ihren flotten Kurzansprachen begrüßen, beruht das auf Gegenseitigkeit. Begrüßt wird noch ein weiterer Neuzugang: Max Wagner, zuletzt in München Geschäftsführer der Beisheim Stiftung und zuvor von 2016 bis 2023 Gasteig-Chef, wird am Düsseldorfer Schauspielhaus von Januar an neuer kaufmännischer Geschäftsführer.

Wechsel an der Gasteig-Spitze

:Max Wagner geht. Und was nun?

Die Bilanz des Kulturmanagers ist beeindruckend. Der Stadtrat übergibt der Prokuristin Stephanie Jenke die Geschäfte und will seine Stelle zunächst nicht ausschreiben. Der Grund: Wer weiß schon, wie es mit dem Gasteig weitergeht?

Ulrich Rasches Kleist-Inszenierung dauert dann, trotz gekürzter Textfassung, fast vier Stunden, so zeitlupenhaft langsam und sprachlich gedehnt kreist, spukt und schleicht sie über die meist nachtdunkle Bühne. Sie bietet dem als schlafwandelnden Träumer eingeführten Homburg, der in der Schlacht zu Fehrbellin entgegen der Order des Kurfürsten gegen die Schweden losstürmt und dafür zum Tode verurteilt wird, obwohl er sogar einen Sieg errungen hat, ein abstraktes Albtraum-Setting. Die Inszenierung wirkt selbst wie ein anti-militärisch aufgeladener Somnambulismus, die Atmosphäre entsprechend traumgespinstig-diffus, unheilvoll.

Rasche, der seine (früher oft technoid-martialischen) Bühnen selbst entwirft, hat hier eine Halbkreisanordnung aus schlanken Leuchtstoffröhren ersonnen, die sich aus dem Schnürboden herabsenken, bewegen und raffiniert auch zum Kreis formen lassen. Wie überhaupt die ausgefeilte Farb- und Lichtregie betörende Bilder erzeugt, während links und rechts von der Bühne zwei Musiker das Geschehen mit einem filmisch-dramatischen Soundtrack aus Cello, Percussion und Elektronik schwer gefühlsmanipulieren. Muss man mögen.

„Prinz Friedrich von Hoburg“ ist ein heikles, von Nationalisten als „vaterländisch“ missbrauchtes  Stück, in dem Kleist das „heilige Gesetz“ des Kriegführens gegen das Gefühl ausspielt, gegen menschliche Individualität und Milde. Als Homburg sein Todesurteil anerkennt und sich fügt, wird er begnadigt und ist wieder Teil der Maschinerie, vermeintlich umerzogen und kriegstüchtig. Nicht bei Rasche, bei dem der Krieg als der Vater aller Unglücksdinge erscheint. Von dem Moment an, in dem der todesfürchtige Homburg sein eigenes Grab vor Augen sieht, gesellt ihm der Regisseur einen Doppelgänger mit nacktem, durchschossenem Oberkörper an die Seite, sein totes Alter Ego (Yannik Stöbener). Es ist dieser Zerstörte, der am Ende mit den anderen zurück in den Krieg, und das heißt hier: in den Untergang zieht. Während der sehr verhaltene Homburg von André Kaczmarczyk alleine vorne an der Rampe steht und mit entrücktem Blick dystopische Verse aus Kleists Gedicht „Das letzte Lied“ zitiert.

Das Fesselnde ist, wie buchstabentreu, klar und schön man hier Kleists Sprache zu Gehör bekommt, in aller Rätselhaftigkeit. Der Nachteil ist, dass die Schauspieler weder als Figuren ein scharfes Profil gewinnen noch als Persönlichkeiten zur Geltung kommen: Patrycia Ziolkowska als undurchsichtig herrschaftlicher Kurfürst, Christoph Luser als emphatischer Obrist Kottwitz, Lucia Kotikovas seltsam priesterliche Natalie. Man sieht sie nicht gut im dunkel-diesigen Licht. Der Applaus ist kurz, doch begeistert. Und voller Respekt.