Schreiben zum "Kontern gegen die Welt": Nachgelassene Texte von Helena Adler
Buchneuerscheinung Schreiben zum "Kontern gegen die Welt": Nachgelassene Texte von Helena Adler Das diesen Montag erscheinende "Die Atmung der Liebenden mit Anomalien" versammelt kürzere Texte der 2024...
- 4 min read
Buchneuerscheinung
Schreiben zum "Kontern gegen die Welt": Nachgelassene Texte von Helena Adler
Das diesen Montag erscheinende "Die Atmung der Liebenden mit Anomalien" versammelt kürzere Texte der 2024 an Krebs verstorbenen Autorin. Überraschend, beißend, verspielt
Michael Wurmitzer
Eine "durchsichtige Frau, die weniger Leben in sich trug als das tote Fleisch, das vor ihr auf dem Teller lag", so wartet Martha am Abendtisch auf ihren Mann. Nach 32 Jahren inzwischen lieblos verheiratet, werden sie sich trotzdem nicht mehr trennen, das weiß sie. "Nicht nur finanziell waren sie voneinander abhängig.“ Am nächsten Tag wird Martha ihm allerdings ihre Arbeitskraft auf so schlüssige wie unerwartete Weise entziehen.
Die 2024 verstorbene Salzburger Autorin Helena Adler hat wegen ihres viel zu frühen Todes mit nur 40 Jahren zwar ein schmales Werk, aber eines mit Karacho geschaffen. Drei Romane gehören dazu, darunter die Erfolge Die Infantin trägt den Scheitel links und Fretten übers Aufwachsen in der österreichischen Provinz mit all ihren deformierten Charakteren. Dieser Umfang soll posthum wachsen. Miserere versammelte kurz nach Adlers Tod existenzielle Texte und diesen Montag macht Die Atmung der Liebenden mit Anomalien den Anfang einer auf drei Bände angelegten Reihe mit "verstreuten und nachgelassenen Texten“. Drei in diesem ersten Band, darunter der über Martha, werden so erstmals publiziert.
Sprache als "Kontern"
Kurz, je sechs bis 22 Seiten lang, sind sie aber von großer Qualität und Vielfalt. Man darf Corona-Rückblicke satt haben. Adlers Aufzeichnungen aus der Coronazeit, die sie in Anspielung auf das Gefangenenlager Guantanamo Quarantanamo nennt, zeichnen sich aber nicht nur durch originelle Metaphern und Assoziationen aus. "Mann und Kind kleben an mir wie Abziehbilder“, heißt es da über den "Lagerkoller". Mit Maske im Supermarkt kommt Adler sich vor wie eine "Chirurgin, die fünf Fairtrade-Bananenkinder adoptiert“.
Sie denkt in dieser Chronik, entstanden, als abgesagte Lesungen ihr wie uns allen viel Zeit zum "Gammeln“ ließen, aber auch über ihre Arbeit nach. "Sprache bedeutet für mich oft so etwas wie ein Kontern gegen die Welt", notiert Adler. Sie habe zwar literarisches Schreiben nie gelernt, aber "eine Gier danach, etwas in Worte zu kleiden“. Unabdingbar das Publikum: "Ich möchte andere wohin mitnehmen.“ Was macht der Erfolg aus ihr? "Jetzt bin ich eine Provinzberühmtheit, das ist schlimmer als vereinsamt und anonym.“
Provinzberühmtheit war wohl damals schon ein ungenügendes Urteil für Adler, die bürgerlich Stephanie Prähauser heißt. Dafür plädieren auch andere Texte im Band. In Jesolo nimmt sie etwa eine deutsche Urlauberfamilie am italienischen Strand beißend satirisch in die Mangel. Es bleibt nicht bei Franks "ausgeleierten Brustwarzen, die aussehen wie getrocknete Salami-Räder“, sowie der Tochter "Cynthia, die ihn immer an Hannelore erinnert, als sie noch schlank war“. Hannelore, das ist Franks Frau. Sondern auf diesem Campingplatz manifestiert sich immer mehr kleingeistiges Status- und Bedrohungsgefühl.
Verlockungen und Abgründe
Für Maulzeit kontrastiert Adler derweil in kulinarischen Sprachspielen die Schönheiten dieser Welt ("Trevi-Brunnen bis oben hin befüllt mit Panna Cotta“) mit den Abgründen ("Polizeihauptquartiere, aus denen jedes Jahr im Frühling Eiernockerl wachsen“). In Semper Wien ist ihr Blick nicht weniger einfallsreich ("Wien trägt Goldhauer neben Amalgamtrümmern"). Wieder und wieder verblüffen die Kraft und Radikalität ihrer Sprachbilder. "Bei mir klang das Reden schon immer mehr wie Brechstange", stellt die Autorin an einer Stelle im Band fest. So direkt, wie es ist, kann das auch fürs Schreiben gelten – aber wie eine sehr kunstvoll arbeitende Brechstange, die genau weiß, was sie tut.
Das zeigt sich auch in der hier erstmals publizierten, dem Buch den Titel gebenden Liebesgeschichte eines Künstlerpaars: Rauschhaft und zärtlich beschreiben Episoden eine stürmische Verliebtheit ("Am Ende des Tages war ich mir sicher, wir würden uns gegenseitig die Zungen in den Rachen schieben, bis wir fast ersticken“), Herkunftsscham, Bedenken wegen später Vaterschaft ("Jetzt bist du ein alternder Mann voll Furcht"), auch zähe Phasen ("So fühlt sich irgendwie auch unsere Beziehung an. Braun und klebrig. Wir pflegen sie schon lange nicht mehr"). Mitreißend, menschlich. Wie eng das Erzählte an der als Malerin ausgebildeten Adler und ihrem Mann, dem Künstler Thomas E. Stadler, anlehnt, ist ungewiss. Vieles wäre biografisch nachvollziehbar: Geburtstage, Salzburg, der Altersunterschied... Nach ihrem Einzug bei ihm arbeiten die beiden Figuren jedenfalls nebeneinander: "Ich habe Gasmasken gemalt. Du hast mich gemalt."
Gasmasken-Bilder Adlers sind im Buch abgedruckt. Herausgegeben von Günter Helmes und dem Witwer möchte es nämlich unterstreichen, dass die Autorin Adler von der bildenden Künstlerin nicht zu trennen sei. Auch einige kunsthistorische Bezüge in Texten legen diese Verbindung nahe, man würde dennoch gerne mehr zu sehen bekommen. Andererseits sind diese "neuen" Texte für sich schon ein Glück. (Michael Wurmitzer, 12.10.2026)
Forum: 1 Posting
Ihre Meinung zählt.
Die Kommentare im Forum geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Benutzer:innen können diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die STANDARD Verlagsgesellschaft m.b.H. vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.