Frankfurter Buchmesse 2026: Marica Bodrožićs Essay "Sterben"
All die verpassten Momente, in denen man hätte aufmerksam sein müssen und doch nur auf sein Handy starrte. All die halbherzigen Umarmungen, die das ganze Herz verdient hätten. All die nachlässig behandelten Men...
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All die verpassten Momente, in denen man hätte aufmerksam sein müssen und doch nur auf sein Handy starrte. All die halbherzigen Umarmungen, die das ganze Herz verdient hätten. All die nachlässig behandelten Menschen, als wäre morgen noch Zeit für Wiedergutmachung. So lebt man vor sich hin wie auf einer Probebühne.
Marica Bodrožić ist knapp fünfzig Jahre alt, als der Tod bei ihr anklopft. Sie öffnet die Tür, aber sie bittet ihn nicht herein. Der Arzt, der ihr die „tödliche Diagnose übermittelte“, habe sie gefragt, „an was ich gerade schreibe und was mein nächstes Buch zum Thema hätte“, heißt es in ihrem literarischen Selbsterkundungsessay „Sterben“. Dass diese Frage weniger sonderbar ist, als sie zunächst erscheint, erkennt Bodrožić erst allmählich. Ihr Horizont ist geschrumpft, zugleich öffnet sich ein neuer. Die Worte des Arztes, die Bodrožić erschauern lassen, ziehen „eine Art gebieterische Wahrnehmung nach sich, die mich in tiefem Ernst auf mein Leben schauen ließ. In einer winzigen, aber gleichsam sich lang genug dehnenden Sekunde sah ich, dass die Autorität des Todes identisch war mit der Autorität des Lebens.“
„Die Königin aller Krankheiten“
Woran Marica Bodrožić erkrankt ist, erfahren wir nicht. Nur so viel: „Die Königin aller Krankheiten“ hatte sich ihr vorgestellt. Die Krankheit zwingt die nun Versehrte in die Horizontale. Sie fesselt sie ans Bett und raubt ihr jede Kraft. Sie verstößt Bodrožić in ein fremdes Land aus endlosen Fluren, Aufzügen und Laboren. Terra incognita. Die Welt schrumpft, das Ich wächst: Bodrožić nennt diese Zeit ihr Zwischenjahr. Wer ist, wer wird man an der Schwelle zum Tod? Bodrožić befragt in ihrer Not die Literatur, die Philosophie, Religion und antike Mythen. Bei John Donne, Nelly Sachs, Paul Celan, Péter Nádas, Seneca, Dostojewski, Hermann Hesse und Nastassja Martin wird sie unter anderem fündig.

Die Bibliographie liest sich wie ein Lexikon des Übergangs. Müsste man sich für nur zwei Bücher entscheiden, wären es diese: Péter Nádas’ „Der eigene Tod“ und „An das Wilde glauben“ von der französischen Anthropologin Nastassja Martin. In der sibirischen Wildnis gerät sie in einen Kampf mit einem Bären, der ihr das Gesicht zerfetzt. Aus der radikalen Körperentmachtung erwächst bei Bodrožić ein neues Sehen. Buchstäblich verschiebt sich ihre Position. Sie blickt nicht mehr von außen auf die Klinik, sondern „aus der Klinik nach außen in die Welt“. Jene allzu bekannte Alltagsblindheit weicht einer geschärften Wahrnehmung.
Bodrožić schreibt von „gründlich schauenden Augen“. Es sei, als würden alle Toten zu einem hinsehen. Das neue Schauen öffnet bei ihr den Blick auf eine metaphysische Ordnung. Man muss diese Gewissheit nicht teilen, um zu verstehen, welche Kraft sie für die Kranke entfaltet. Dabei ist „Sterben“ weit mehr als eine Krankheitsgeschichte. Bodrožićs Essay ist eine Phänomenologie der Todesnähe. Ihre Beobachtungsgabe erschöpft sich nie in bloßen Naturbeschreibungen, ob sie nun die Rotbuche vor ihrem Krankenhauszimmer oder die Sterne betrachtet. Die Außenwelt wird zur Resonanzfläche des Inneren. Licht und Schatten verwandeln ihr Zimmer nachts in ein „Lichtschiff“, das Bodrožić als Schwellenraum zwischen den Welten erlebt.
Das eigene unverwechselbare Leben entsteht aus der Begrenzung
Die Grenze zum Tod verändert auch die Erfahrung von Zeit. Plötzlich kostbar, ist sie nicht länger etwas, das man bloß hat oder nicht hat. „Wir haben in Wahrheit nicht die Macht, nach unseren Vorstellungen über Zeit zu verfügen“, schreibt Bodrožić. Ließen wir von diesem unmöglichen Streben nach eindimensionaler Erfüllung ab, werde uns besondere Zeit zuteil. „Wir müssen sie nicht mehr nur maßlos haben, wir sind dann Zeit, und diese Zeit dehnt sich in der Tiefe des Erlebens für uns.“ Nie wieder werde sie den Satz „Ich habe keine Zeit“ schreiben können. Da sie lebe, sei sie Zeit, dürfe sie die Zeit durchleben. Aus dieser Begrenzung lässt sich etwas erschaffen: ein eigenes, unverwechselbares Leben. Gedanken, die sich Bodrožić in ihrem Krankenbett macht.
Dann kommt der Arzt und sagt, mit ihren Knochen sei alles in Ordnung. „Ich zu meinen Knochen: Ihr hättet es mir auch ruhig selbst sagen können. Sie schweigen. Ich rede jetzt mit meinem Körper. Und ich liebe alles an mir.“ Einmal erinnert sich die Autorin an die Begegnung mit einem todkranken Mann, den sie aus dem dritten Stock eines Hauses zur Straße begleitet hatte. Er sagte: „Alles ist immer nur einmal.“ Wenn nichts wiederholbar ist, besitzt jeder Augenblick ein unwiederbringliches Gewicht – das „einmalige Gold des Lebens“. Bodrožić, die das Krankenhaus schließlich verlassen darf und ihr Glück kaum fassen kann, hat ein zartes, trauriges, tröstliches Buch geschrieben. Die Lektüre trifft uns im Innersten und bringt zum Klingen, was wir so erfolgreich verdrängen: Wir sind ja längst inmitten der Aufführung.
Marica Bodrožić: „Sterben“. Hanser Berlin Verlag, Berlin 2026. 160 S., geb., 22,– €.