Sehen oder nur schauen? Wie wir von visueller Desinformation lernen können
Anstatt über digitale Kitschbilder und Deepfake-Videos zu verzweifeln, sollten wir die Chance erkennen: Der von der KI ausgelöste Schock könnte der Katalysator sein, um das kritische Lesen von Bildern zu erlernen
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István Virágvölgyi
Sehen oder nur schauen? Wie wir von visueller Desinformation lernen können
Anstatt über digitale Kitschbilder und Deepfake-Videos zu verzweifeln, sollten wir die Chance erkennen: Der von der KI ausgelöste Schock könnte der Katalysator sein, um das kritische Lesen von Bildern zu erlernen
Kommentar der anderen
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István Virágvölgyi
Wir könnten das Gefühl haben, dass uns die Realität durch die von der künstlichen Intelligenz (KI) perfekt generierten, unglaublich realistischen "Fotografien" endgültig entgleitet. Dabei ist eine solche visuelle Täuschung bei weitem kein neues Phänomen, sondern fast so alt wie unsere Kultur und begleitet uns schon lange.
So war beispielsweise die Fotografie – die in diesem Jahr 200 Jahre alt wird und als eine der authentischsten Darstellungen der Realität gilt – schon immer nur eine subjektive Interpretation der Realität. Anstatt jedoch über irreführende digitale Kitschbilder und Deepfake-Videos zu verzweifeln, sollten wir die historische Chance erkennen: Die von der KI ausgelöste Schockwelle könnte der Katalysator sein, der uns endlich dazu zwingt, den visuellen Analphabetismus zu beseitigen. Und damit das kritische Lesen von Bildern zu erlernen.
Unser Gehirn fühlt sich instinktiv zu visuellen Illusionen und verblüffenden Bildern hingezogen, da die sofortige Verarbeitung ungewöhnlicher Informationen einst einen evolutionären Überlebensvorteil darstellte. Deshalb ziehen auch KI-generierte Bilder, die oft grell, surreal oder emotional überhitzt sind, unsere Aufmerksamkeit wie ein Magnet an. Und die Algorithmen der dopaminbasierten Aufmerksamkeitsökonomie nutzen diese biologische Verwundbarkeit rücksichtslos. Es ist also offensichtlich keine Option, die generierten Bilder, die wie Fotos aussehen, zu ignorieren.
"Visuelle Kompetenz ist eine allgemeine Grundkompetenz, die nicht an den Rand von Kunstfächern verbannt werden darf."
Obwohl die Fotografie in diesem Jahr vor 200 Jahren erfunden wurde, hält sich in breiten Schichten der Gesellschaft hartnäckig der Irrglaube, dass das Foto die objektive Realität darstellt. Dabei wurden Fotos schon immer auf vielfältige Weise beeinflusst – nicht unbedingt absichtlich. Bereits vor der Aufnahme kann bewusst der Winkel gewählt oder das Fotomotiv instruiert werden; während des Fotografierens können spezielle Objektive oder ein Blitz zum Einsatz kommen; und danach können die Bildelemente in der Dunkelkammer oder in Photoshop bearbeitet werden.
Die Geschichte ist voll von manipulierten Fotos, von Stalins retuschierten Feinden bis zu den unrealistischen Schönheitsidealen der Modemagazine. Wir müssen dabei nicht nur an die absichtliche Manipulation denken, denn die Wahl des Bildausschnitts, die Entscheidung, wann belichtet werden soll und welches Bild nachträglich zur Veröffentlichung ausgewählt wird, sind alles notwendige Begleiterscheinungen der Fotografie und haben zwangsläufig einen großen Einfluss auf das schließlich veröffentlichte Foto.
Textzentrierter Reflex
Die westliche Kultur hat durch die platonische Philosophie, die Tradition des Studiums der Heiligen Schrift und den Rationalismus den geschriebenen Text mit der kühlen, objektiven Vernunft identifiziert, während Bilder als verdächtige, subjektive und manipulative Oberfläche behandelt wurden. Dies wurde durch die Massenbildung der industriellen Revolution endgültig zementiert, da das lineare Textverständnis billiger, einfacher und einheitlicher massenhaft gelehrt und abgefragt werden konnte als visuelle Fähigkeiten. Obwohl unser Alltag heute überwiegend bildbasiert ist, verharrt das Schulsystem weiterhin in diesem textzentrierten Reflex, so dass die Entwicklung der kritischen visuellen Kompetenz in der Grund- und Sekundarschulbildung fast völlig fehlt.
Ich selbst erlebe diesen schmerzhaften Mangel Tag für Tag: Meine beiden Kinder besuchen in Wien ein hervorragendes Bundesrealgymnasium, und trotz des hohen Niveaus und des modernen österreichischen Bildungsumfelds bleibt die visuelle Bildung auch dort oft auf den Rahmen des Kunstunterrichts beschränkt, mit minimaler Stundenzahl.
Wir können von den nächsten Generationen nicht erwarten, dass sie sich effektiv gegen Desinformationskampagnen wehren, wenn wir ihnen nicht das verstehende, dekonstruktive Lesen digitaler Inhalte beibringen. Die Schüler von morgen müssten bereits auf Fertigkeitsebene erkennen, dass die Aufnahmen, die in den sozialen Medien auf sie einströmen, konstruierte Ausdrucksmittel sind, die ebenso zur Wahrheitsfindung wie zur Täuschung geeignet sind – genau wie bei der gesprochenen Sprache.
Wir verlieren zwar einen falschen, illusorischen Bezugspunkt, erhalten aber im Gegenzug die Chance auf geistige Reife. Wie die amerikanische Ästhetin Susan Sontag genial formulierte: "Das Foto suggeriert: Wir wissen über die Welt Bescheid, wenn wir sie so akzeptieren, wie sie von der Kamera festgehalten wird. Das ist jedoch genau das Gegenteil von Erkenntnis, die gerade davon ausgeht, die Welt nicht so zu akzeptieren, wie sie scheint."
Visuelle Kompetenz
Zur wahren visuellen Kompetenz gehört nicht nur die kritische Interpretation von Fotos, sondern auch die Dekodierung von Videos, Karten, Grafiken und Infografiken, die uns aus den Nachrichten entgegengeschleudert werden. Eine statistische Darstellung mit einer entsprechend verzerrten Achse oder manipulativ eingefärbt kann ebenfalls eine brutal effektive Waffe der politischen Desinformation sein. Visuelle Kompetenz ist eine allgemeine Grundkompetenz, die nicht an den Rand von Kunstfächern verbannt werden darf.
Gleichzeitig müssen wir auch die Kehrseite des Prozesses sehen: Kritisches Denken allein ist kein Wundermittel. Wir befürchten zu Recht, dass die Alltäglichkeit von Fake News und Deepfake-Technologien uns in einen tiefen, apathischen Skeptizismus stürzt, in dem wir von vornherein an authentischen Beweisen zu zweifeln beginnen. Diese Art des totalen Vertrauensverlusts, die Erosion des Glaubens an die Realität, spült genau das Wasser auf die Mühlen gezielter Desinformationskampagnen, denen es oft genug ist, nur zu erreichen, dass die Menschen nichts mehr glauben, was die Vorhalle der Manipulierbarkeit und damit der autokratischen Systeme ist.
Fehlende Werkzeuge
All dies macht die Aneignung einer komplexen visuellen Bildung jedoch nur noch dringlicher. Denn wenn die grundlegenden Zusammenhänge nicht jedem klar sind, wird die gemeinsame Sprache und das begriffliche Netz fehlen, auf dem die gesellschaftlichen Herausforderungen der Zukunft sinnvoll diskutiert werden könnten. Solange aufgrund von Mängeln in der Bildung "Trompe-l’œil" (augentäuschende Illusion) und "Pareidolie" (wenn wir Gesichter in zufälligen Mustern sehen, etwa in Wolken) nur in einem engen Kreis bekannte Fachbegriffe, solange fehlen uns die Werkzeuge und damit die Chance, die Situation sachgerecht zu erörtern.
KI soll nicht die Abenddämmerung der Realität sein, sondern den Anbruch einer bewussteren, die Visualität endlich richtig einschätzenden, reifen Gesellschaft einläutet. (István Virágvölgyi, 12.10.2026)
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