Kulturstadt Beirut: «Es braucht die nächsten Generationen»
Die Bernerin Meret Michel hat ihren Lebensmittelpunkt in Beirut. Von dort berichtet sie für verschiedene Schweizer Medien, auch für Radio SRF. Kürzlich hat sie auch ein Buch über das Leben und die Menschen in Beirut geschrieben: «Beirut. Splitter einer Weltstadt». Im Kulturplatz Talk spricht sie über die Mythen und Realitäten des Lebens in der libanesischen Hauptstadt. Die Anziehungskraft auf Intellektuelle und Kunstschaffende, die Beirut in den 1960er-Jahren hatte, beschreibt Meret Michel ebe
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Sehnsuchtsort in der Krise Kulturstadt Beirut: «Es braucht die nächsten Generationen»
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Beirut galt lange als geistiges und kulturelles Zentrum der arabischen Welt. Hier fanden Schriftsteller, Künstlerinnen und politische Denker Freiheiten, die anderswo fehlten. Heute steckt die Stadt in einer tiefen Krise, viele ihrer einstigen kulturellen Rollen haben die reichen Golfstaaten übernommen. Warum Beirut dennoch fasziniert und welches Potenzial in der Stadt steckt, erklärt die Journalistin Meret Michel im Gespräch.
Meret Michel
Freie Journalistin
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Die freie Berner Reporterin, die für verschiedene Schweizer Medien – darunter Radio SRF – aus dem Libanon und Beirut berichtet, hat in Zürich und Hamburg Politikwissenschaften studiert und anschliessend die Reportageschule in Reutlingen absolviert. In jener Zeit begann sie, Arabisch zu lernen, und reist seither regelmässig nach Beirut. Seit 2023 lebt sie fest in der libanesischen Hauptstadt. 2025 hat sie ein Porträt der Stadt und ihrer Bewohner in Buchform vorgelegt: «Beirut. Splitter einer Weltstadt». (Hirzel Verlag, 2025)
SRF: Was machte Beirut in seiner Blütezeit zu einem kulturellen Zentrum der Region?
Meret Michel: Beirut war lange ein Ort, an dem Menschen etwas tun konnten, was anderswo oft nicht möglich war: sich frei äussern. Besonders in den 1960er-Jahren kamen viele Intellektuelle, Künstlerinnen und politische Denker aus der gesamten arabischen Welt nach Beirut.
Beirut war eine sehr lebendige Stadt. Heute fehlen oft die finanziellen Mittel, das Publikum und die Perspektiven.
Hier gab es einen Raum, in dem sie sich zusammenfinden konnten. Die Stadt war ein Zentrum des intellektuellen Austauschs. So etwas gab es seither in dieser Form in der ganzen arabischen Welt nicht mehr.
Kann Beirut mit den neuen Kulturmetropolen am Golf noch mithalten?
Nein, wirtschaftlich und kulturell ist Beirut heute klar abgehängt. Die Golfstaaten haben viele Rollen übernommen, die Beirut früher innehatte. Trotzdem glaube ich nicht, dass dort etwas entstehen kann, das dem Beirut der 1960er-Jahre entspricht. Dafür braucht es nicht nur Geld, sondern auch Freiheit.
Welche Auswirkungen haben Krise und Auswanderung auf das Kulturleben?
Sehr viele Künstlerinnen und Künstler, aber auch Aktivistinnen und Aktivisten haben das Land verlassen. Das merkt man deutlich. Noch vor zehn Jahren war Beirut kulturell enorm vielfältig – egal ob in Bezug auf Musik, Theater oder auch das Nachtleben. Beirut war wirklich eine sehr lebendige Stadt, die damals auch noch viele Leute vereint hat, auch weil viele Syrerinnen und Syrer dort waren. Heute fehlen oft die finanziellen Mittel, das Publikum und die Perspektiven.
Beirut wird oft als Stadt der Vielfalt beschrieben, als Schmelztiegel. Wie erleben Sie das Zusammenleben der verschiedenen Gruppen?
Gerade im Falle von Beirut würde ich das Wort Schmelztiegel gar nicht verwenden. Die Leute leben sehr viel mehr aneinander vorbei, als dass da etwas verschmilzt. Heute ist das eine wahnsinnig segregierte Stadt.
Beirut braucht vor allem politische Stabilität.
Wenn man eine Strasse überquert und von einem Stadtviertel ins nächste geht, hat man manchmal das Gefühl, man befinde sich in einem anderen Land. Nicht nur die Religion unterscheidet die Menschen, sondern auch ihre Sicht auf die Geschichte, die Identität des Landes und die Zukunft.
Wo sehen Sie trotz allem die Chance für einen Neuanfang?
Beirut braucht vor allem politische Stabilität. Das hängt stark von der gesamten Region ab. Im Moment herrscht eine Stimmung, die ich als kollektive Depression beschreiben würde. Deshalb glaube ich, dass es langfristig die nächsten Generationen braucht. Wenn die Voraussetzungen stimmen, könnten sie neue Ideen und neue Visionen für diese Stadt entwickeln.
Das Gespräch führte Barbara B. Peter.
Radio SRF 2 Kultur, Kulturplatz Talk, 30.7.2026, 09:03 Uhr. ; petb/wids