Erdbebenserie in Italien: Ein seismisch stark gefährdetes Gebiet

Italien wird immer wieder von Erdbeben heimgesucht. Denn die tektonische Situation unter dem Land ist besonders komplex – die Ursprünge einiger Erschütterungen geben selbst der Wissenschaft noch Rätsel auf.

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Erdbebenserie in Italien: Ein seismisch stark gefährdetes Gebiet

Dass der Lago Maggiore, der wohl berühmteste der norditalienischen Seen, im strengen geologischen Sinne in Afrika liegt, mag viele überraschen. Doch tatsächlich sind die Regionen wie das Piemont und die Lombardei die nördlichsten Ausläufer des afrikanischen Kontinents, der sich wie ein Sporn in das europäische Festland bohrt. Bei diesem tektonischen Zusammenstoß werden nicht nur die Alpen aufgefaltet, auch fast der gesamte italienische Stiefel ist ein immer wieder von Erdbeben heimgesuchtes, seismisch gefährdetes Gebiet.

Das zeigte sich am Dienstag in Pisa, wo der Schiefe Turm in einem Beben der Stärke 4,3 leicht wackelte, oder vor knapp einer Woche in den Phlegräischen Feldern bei Neapel, wo Erdstöße mit Magnituden von bis zu 4,7 zu Bergstürzen und Gebäudeschäden führten.

Die Erdkruste, die äußere Haut der Erde, ist keineswegs starr und unbeweglich. In ein gutes Dutzend dicke Platten aufgebrochen, ist diese Kruste in ständiger Bewegung. Die Platten werden dabei von sehr viskosen Strömen geschmolzenen Gesteins angetrieben, das im Erdmantel brodelt. Sobald mindestens zwei dieser Platten aneinanderstoßen, wird die Erde unruhig. In Kalifornien schrammt beispielsweise die riesige Pazifische Platte entlang der Nordamerikanischen Platte. Erdbeben sind die Folge.

Die Afrikanische Platte schiebt sich nach Norden

In anderen Teilen der Welt, wie unter Chile, Peru und Ecuador, taucht ein Ableger der Pazifischen Platte, die Nazca-Platte, unter den südamerikanischen Kontinent. Als Folge entstehen dabei die gewaltigen Vulkane der Anden und einige der schwersten Erdbeben. In Asien führt die Kollision der Indischen Subplatte mit Eurasien zum Auftürmen des Himalajas mit seinen vielen Achttausendern sowie zu schweren Erdbeben und gewaltigen Erdrutschen.

Südeuropa und der gesamte Mittelmeerraum werden dagegen vom Zusammenstoß der sich im Durchschnitt mit einem Zentimeter pro Jahr nach Norden schiebenden Afrikanischen Platte mit der Eurasischen Großplatte dominiert. Die dabei entstandene mehr als 5500 Kilometer lange Kollisionszone beginnt im Westen bei den Azoren und endet im Osten entlang der levantinischen Mittelmeerküste zwischen der Osttürkei, Libanon und Ägypten.

Verglichen mit anderen tektonisch aktiven Zonen ist die Kollision zwischen Afrika und Europa ungleich komplizierter. So kommt es beispielsweise in der Türkei immer wieder zu schweren Erdbeben, weil das Land auf einer eigenen Mikroplatte liegt. Diese Anatolische Platte wird allmählich von der nach Norden weisenden Bewegung Afrikas nach Westen verschoben. Dabei kommt es im ganzen Land zu schweren Beben, so zuletzt im Februar 2023, als bei zwei Erdbeben mit Stärken von bis zu 7,8 mehr als 50.000 Personen ums Leben kamen.

Kollision führt zu intensivem Vulkanismus

Unter Italien ist die tektonische Situation besonders komplex, denn das stiefelförmige Land befindet sich auf einem Sporn des afrikanischen Kontinents. Während er sich nach Norden schiebt, türmen sich unter dem Kollisionsdruck die Alpen auf. Vor allem in der an Slowenien grenzenden italienischen Region Friaul entstehen dabei immer wieder verheerende Beben, so im Mai 1976, als mehr als 1000 Personen ums Leben kamen.

Gleichzeitig drückt von Osten die Adriatische Mikroplatte auf den Stiefel, was die vielen Erdbeben im Apennin zwischen den Abruzzen und Kalabrien zur Folge hat. Vor allem in alten Städten mit mittelalterlichen Bauwerken haben diese Beben immer wieder katastrophale Folgen, wie im Jahre 2009 in der Stadt L’Aquila, wo mehr als 300 Personen ums Leben kamen.

Auf der Westseite Italiens führt die Kollision mit Afrika dagegen nicht nur zu Erdbeben, sondern auch zu intensivem Vulkanismus, wobei die Feuerberge völlig unterschiedliche Ausbruchsformen zeigen. Der Vesuv bei Neapel ist ein Stratovulkan, der mit seiner typischen Kegelform jederzeit in gewaltigen explosiven Eruptionen ausbrechen kann. So begruben bei dem berühmten Ausbruch im Jahre 79 nach Christus pyroklastische Flüsse und Ströme heißer Asche die Städte Pompeji und Herculaneum. Bei einem ähnlichen Ausbruch heute könnte Neapel das gleiche Schicksal widerfahren.

Die Kollision zwischen Afrika und Europa wirft immer noch Fragen auf

Im Vergleich dazu ist die Lava des Ätnas auf Sizilien – Europas größtem Vulkan – relativ dünnflüssig, sodass ein Schildvulkan entstanden ist. Die Lavaflüsse fressen sich bei vielen Ausbrüchen bis an die Grenze zu bewohnten Gebieten im Umkreis des Vulkans vor.

Völlig anders verhält sich dagegen der Vulkan Stromboli auf den Liparischen Inseln im Tyrrhenischen Meer. Dieser oft als „Leuchtturm des Mittelmeers“ beschriebene Vulkan ist angeblich schon seit der Römerzeit ununterbrochen aktiv. In unregelmäßigen Abständen von wenigen Minuten bis zu einigen Stunden kommt es meist zu kleineren Ausbrüchen, bei denen Lavafetzen Dutzende Meter hoch aus dem Krater schießen.

Südlich von Neapel liegen die Phlegräischen Felder, eine alte Vulkancaldera, die sich im Rhythmus von Jahrzehnten jeweils um mehrere Meter hebt und senkt. Besonders betroffen davon ist die Stadt Pozzuoli, unter der sich auch vor knapp einer Woche das Beben mit der Stärke 4,7 ereignete.

Während die Forscher des Nationalen Instituts für Geophysik und Vulkanologie (INGV) die tektonischen Gefahren im ganzen Land gründlich überwachen und Risikokarten erstellen, wirft die Kollision zwischen Afrika und Europa immer noch unbeantwortete Fragen auf. So gibt es im Tyrrhenischen Meer, dem von Sardinien, Sizilien und dem südlichen Teil des italienischen Stiefels eingerahmten Teil des Mittelmeers, immer wieder Erdbeben, die in mehreren Hundert Kilometern Tiefe stattfinden. Wie es zu diesen an der Erdoberfläche oft kaum gespürten Tiefherdbeben in diesem Teil Italiens kommt, ist immer noch rätselhaft.