Wie sich Sicherheitspolitik seit 9/11 verändert und der Terrorismus reagiert

Am 11. September 2001 verübten Al-Qaida-Terroristen in den USA Anschläge, die die Welt veränderten. Flugzeuge, die als Waffe genutzt wurden, Hochhäuser, die einstürzten. Der beispiellose Anschlag sorgte für Ängste und umfassende Sicherheitsmaßnahmen.

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Wie sich Sicherheitspolitik seit 9/11 verändert und der Terrorismus reagiert

25 Jahre nach den Anschlägen

Wie sich Sicherheitspolitik seit 9/11 verändert und der Terrorismus reagiert

Der südliche Tower des World Trade Centers bricht am 11. September 2001 nach einem terroristischen Anschlag in sich zusammen. (Quelle: Picture Alliance/Gulnara Samoilova)
Der südliche Tower des World Trade Centers bricht am 11. September 2001 nach einem terroristischen Anschlag in sich zusammen. (Quelle: Picture Alliance/Gulnara Samoilova)

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Am 11. September 2001 verübten Al-Qaida-Terroristen in den USA Anschläge, die die Welt veränderten. Flugzeuge, die als Waffe genutzt wurden, Hochhäuser, die einstürzten. Der beispiellose Anschlag sorgte für neue Ängste und umfassende Sicherheitsmaßnahmen.

Auf die Anschläge mit rund 3.000 Toten und den Bildern der einstürzenden Türme des World Trade Centers folgte der Kampf gegen den Terror. Mit militärischen Einsätzen in Afghanistan und im Landesinneren westlicher Staaten. Auch bei Polizei und Sicherheitsbehörden hier in Deutschland, die mehr Befugnisse erhielten.

Polizisten laufen im Dezember 2001 vor der US-amerikanischen Botschaft in Berlin. (Quelle: Picture Alliance/Bernd Settnik)
Polizisten laufen im Dezember 2001 vor der US-amerikanischen Botschaft in Berlin. (Quelle: Picture Alliance/Bernd Settnik)

9/11: Keine Zeitenwende aber Beschleuniger

Gesetzgebungen und Maßnahmen gegen Terrorismus, waren zwar schon vor 2001 vorhanden und teilweise sogar recht weitreichend in Bezug auf Überwachungsmöglichkeiten. Die sogenannte Rasterfahndung beispielsweise gibt es schon seit den 1970er Jahren. Dabei kann die Polizei automatisiert in Datensätzen nach Merkmalen einer Person suchen - Geschlecht, Alter, Nationalität -, aber auch im Kundenstamm von Unternehmen. Sie war bereits als Reaktion auf den Terror der Roten Armee Fraktion entwickelt worden.

Der als "9/11" in die Geschichte eingehende Tag sorgte aber für ein bis in die Gegenwart entscheidendes Umdenken im Anti-Terror-Kampf: Der Fokus rückte noch stärker auf die Planung einer möglichen Tat. Immer früher sollten potenzielle Gefährder möglichst weiträumig überwacht werden, um eingreifen zu können, bevor sie eine Tat begehen. Der Begriff "Zeitenwende" wäre hier vielleicht zu viel, angesichts der schon vorher vorhandenen Möglichkeiten. Der 11. September war "eher ein Beschleuniger", sagt Robert Pelzer, studierter Kriminologe und Soziologe sowie Terrorismusforscher an der TU Berlin.

2001 und 2002: Mehr Macht für Sicherheitsbehörden

Los ging es mit zwei Sicherheitspaketen 2001 und 2002. Mit ihnen wurden die Möglichkeiten zur Überwachung für Sicherheitsbehörden in Deutschland - einschließlich des Bundeskriminalamtes (BKA) - enorm vergrößert und später noch ausgeweitet: Leichterer Zugriff auf Telefondaten, Handys mit unbekannten Nummern können geortet und damit Bewegungsprofile erstellt werden, Banken und die Post haben Auskunftspflicht beim Verfassungsschutz. Durchaus diskutierte Maßnahmen - auch damals.

Aus Sicht von Robert Pelzer war es aber auch der entscheidende Schritt im Kampf gegen Terrorismus: "Die erweiterten Befugnisse zum Datenaustausch, insbesondere aber die BKA-Gesetz-Novelle 2008/09 mit eigenständigen Befugnissen des BKA zur präventiven Terrorismusabwehr waren - in Kombination mit dem bis 2004 aufgebauten Terrorabwehrzentrum - der zentrale Griff gewesen", sagt er.

Das Gemeinsame Terrorismusabwehrzentrum mit Sitz in Berlin koordiniert seit 2004 die Ermittlungen von Geheimdiensten, Bundes- und Landespolizei, auch die Generalstaatsanwaltschaft und weitere Behörden wie der Zoll können einbezogen werden. Die Voraussetzungen dafür, dass Polizeibehörden und Sicherheitsdienste in diesem Maße Daten austauschen dürfen, wurden mit den Gesetzesänderungen nach "9/11" geschaffen. Heutzutage zeichne die Terrorabwehr "vor allem ein erfolgreiches Gefährdermanagement aus", sagt Pelzer. Die Vernetzung der Dienste und Behörden sei dafür entscheidend.

Das Terrorismusabwehrzentrum (GTAZ) auf dem Gelände vom Bundeskriminalamt (BKA) in Berlin-Treptow. (Quelle: Picture Alliance/Bernd von Jutrczenka)
Das Terrorabwehrzentrum heutzutage: Mitarbeiter unterschiedlicher Dienste und Behörden besprechen hier Fälle und koordinieren Maßnahmen. (Quelle: Picture Alliance/Bernd von Jutrczenka)

Abschaffung des Religionsprivilegs

Die Anschläge der Terrororganisation Al-Qaida, ausgeführt von Terroristen aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, Ägypten und dem Libanon, geplant teilweise und maßgeblich in Deutschland und umgesetzt auf US-amerikanischem Boden, sorgten zudem für grundsätzliche Änderungen im deutschen Strafgesetz: Bis dahin waren die Mitgliedschaft und Unterstützung ausländischer Terrororgansiationen nämlich noch nicht explizit strafbar.

Im gleichen Zug fiel auch das sogenannte Religionsprivileg im Vereinsrecht weg. Das ermöglichte, Religionsgemeinschaften bei entsprechender Begründung auflösen zu können. Die "Kalifatsstaat" genannte Vereinigung wurde als erste bundesweit verboten, bis heute über 20 weitere auf Bundesebene und weitere auf Landesebene - auch in Berlin und Brandenburg, hier allerdings erst in den letzten Jahren (2017, 2021 und 2024) und nicht in der ersten Welle ab 2002. Ohnehin war das neue Recht in der Anwendung nicht immer einfach.

"Die Kontroverse, die die gesamte Debatte um den Islam in Deutschland in den Nullerjahren bestimmte, war: Welche Formen des Islams sind denn jetzt problematisch?", sagt Robert Pelzer. Dabei habe es durchaus Tendenzen gegeben, Vereine schneller unter Fundamentalismus- oder Islamismusverdacht zu stellen. Erst nach und nach habe sich der "Neosalafismus" als "zentrale sicherheitspolitische Herausforderung" in Bezug auf den islamistischen Terrorismus herausgestellt.

Glossar

  • Islamismus nutzen deutsche Behörden wie der Verfassungsschutz, um eine Form des politischen Extremismus zu beschreiben. Der Islamismus beruft sich auf die Religion Islam, sieht die Religion aber nicht als Privatsache, sondern propagiert eine von Gott gewollte Ordnung. Dabei zielt er auf eine Abschaffung der freiheitlich demokratischen Grundordnung ab. Der Islam als Religion hat dagegen wie andere Religionen auch keinen Automatismus, extremistisch zu sein.
  • Dschihadismus wird eine gewaltorientierte Strömung des Islamismus genannt. Der Dschihad wird in diesem Kontext als "heiliger Krieg" bezeichnet, also als Kampf - auch bewaffnet - zur Verbreitung des Islams. Dschihad hat noch eine zweite Bedeutung und bezeichnet das Streben, nach dem islamischen Glauben zu leben, auch "großer Dschihad" genannt.
  • Salafismus bezeichnet eine Strömung, die sich an den ersten drei Generationen der Muslime nach dem Propheten Mohammed orientiert. Der Neosalafismus wird teilweise für heutige Anhänger des Salafismus verwendet, die sich strikt an angeblichen oder tatsächlichen Gesellschaftsvorstellungen der Frühgeschichte des Islams orientieren und Neuerungen kaum zulassen. Es gibt allerdings auch Gruppen, die das kaum öffentlich ausleben oder mit politischen Mitteln versuchen, ihre Ansichten zu verbreiten. Der terroristische Salafismus bezeichnet diejenigen, die Gewalt als Mittel einsetzen und "feindliche Kräfte" angreifen.
  • Fundamentalisten hängen an überlieferten, alten Grundsätzen - politischer oder religiöser Art - und weigern sich, sich der modernen Zeit anzupassen.

Quellen: Bundeszentrale für politische Bildung, Bundesamt für Verfassungsschutz

Mitte der Nuller-Jahre: Sprengstoffanschläge dominieren

Der Terror der weltweit agierenden islamistische Terrororganisation Al-Qaida, die zu dieser Zeit unter ihrem Führer Osama Bin Laden besonders aktiv war, erreichte wenige Jahre nach dem 11. September auch Europa - spätestens mit den Anschlägen in Madrid (2004) und London (2005). Diesmal setzten die Terroristen Sprengsätze in Zügen und einem Bus ein. Bei den Explosionen in U-Bahnstationen in London kamen 52 Menschen ums Leben, die Bomben in spanischen Zügen töteten sogar 191 Menschen.

Veränderungen im Flugverkehr

Die ergriffenen Maßnahmen kamen diesmal auch schnell im Alltag der Bevölkerung an. Verkehrsmittel und Mülleimer im Stadtbild wurden teilweise umgestaltet und das Reisen bald mit deutlich mehr Sicherheitsmaßnahmen verkompliziert. Nachdem 2006 am Londoner Flughafen ein Terrorist erfolglos versucht hatte, einen Sprengstoffanschlag mit flüssigem Sprengstoff zu verüben, den er versuchte, in Getränkeflaschen an Bord zu bringen, traten die gegenwärtig lange bekannten Regularien für die Mitnahme von Flüssigkeiten in Flugzeugen in Kraft (nur 100 Mililiter große Behälter in einem Klarsichtbeutel verpackt). Erst vor kurzem sorgten moderne Scanner für eine gefühlte Lockerung. Auch die bekannten Körperscanner beim Fliegen kamen nach einem Anschlagsversuch: In den USA hatte 2009 ein Mann versucht, Plastiksprengstoff am Körper ins Flugzeug zu schmuggeln.

Professionalisierung der Behörden - neue Anschlagsformen

Und hinter den Kulissen entwickelten sich die Sicherheitsbehörden weiter: Neben dem Austausch im Terrorabwehrzentrum sei dabei die Professionalisierung von Behördenarbeit, insbesondere im Bundeskriminalamt entscheidend, sagt Robert Pelzer. Der Aufbau (auch fremdsprachiger) Expertenteams für Islamwissenschaften und Islamismus beispielsweise und die Beobachtung des islamistischen Extremismus im digitalen Raum. "Davor, zu Beginn der Nullerjahre gab es vielleicht noch das Problem, dass da mit Generalverdachten gearbeitet wurde, weil man noch nicht wusste, wo man genau hinschauen muss", sagt Pelzer.

Mit verbesserten Überwachungsmaßnahmen hat sich aber auch der Terrorismus verändert. "Ursprünglich gab es bei den Dschihadisten eine Obsession mit Flugzeugen und Sprengstoff", sagt Robert Pelzer, der in einer Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung zahlreiche Terroranschläge von Anfang der 2000er bis 2013 ausgewertet hat, um eine mögliche Logik dahinter zu erkennen. Das Ergebnis: Sprengstoffanschläge spielten zunächst die größte Rolle, weil sie hohe Todeszahlen versprachen. "Für den Dschihadismus geht es um die "Lethalität", je mehr "Ungläubige" sterben, desto höher war der religiöse oder politische Wert eines Anschlags", so Pelzer.

Anschläge wie am 11. September oder später in London und Madrid aber erfordern ein hohes Maß an Planung, Helfenden und gewisse Fachkenntnisse. "Das wurde durch die verschärften Sicherheitsmaßnahmen und Ermittlungswerkzeuge immer schwieriger", sagt Pelzer. Menschen, die mit Waffen umgehen konnten, wurden häufiger beobachtet. Sprengstoff und dergleichen muss besorgt werden, auch das hinterlässt Spuren. Diese Art des Terrorismus sei somit durch die neuen Möglichkeiten der Behörden "relativ schnell ausgetrocknet" worden.

Programmhinweis ARD

Zum 25. Jahrestag der Anschläge vom 11. September hat die ARD eine anderthalbstündige Dokumentation in der ARD-Mediathek veröffentlicht. Verdichtet auf die 30 Tage des Monats "September", nachdem die Doku benannt ist.

Am 11. September um 18:15 Uhr sendet die ARD im Fernsehen zudem eine Sondersendung unter dem Titel "Der Tag, der die Welt veränderte – 25 Jahre nach 9/11". Darin geht es auch um die politischen und gesellschaftlichen Folgen der Anschläge.

Viele Gesetze blieben - einiges ging aber zu weit

Das ist wohl auch der Grund, dass einige der vor fast 25 Jahren eingeführten Gesetzesänderungen und -verschärfungen zur Überwachung blieben. Denn weitreichende Befugnisse zur Telekommunikationsüberwachung waren eigentlich nur "temporär" eingeführt worden. Zunächst verlängerten die Bundesregierungen sie in Fünfjahresschritten, Ende 2020 wurden sie dann in ein permanentes Gesetz umgewandelt.

Sicherheitspolitisch entfaltete der Kampf gegen den Terror und die Verschärfung von Gesetzen zur Überwachung damit eine Eigendynamik: "Es folgen Anpassungen, weil das Phänomengeschehen (Anm. d. Red.: die Aktivitäten der Terroristen) dynamisch bleibt und technische Innovationen neue Bedarf bei Sicherheitsbehörden wecken", so Pelzer. Das sorge dafür, dass es mit der Zeit eher Befugnisse und Gesetze ausgeweitet statt zurückgenommen würden. Dass heute mehr überwacht wird, sei in Teilen aber auch aufgrund der gestiegenen Mediennutzung logisch. Wenn mehr über Chats und Social Media kommuniziert werde, müsse eben auch die Zahl der Telekommunikationsüberwachungen durch Behörden ansteigen, sagt Pelzer.

Mit einigem ging die Politik aber hohen Gerichten zufolge zu weit. So war beispielsweise in der Hochzeit des Terrors mit gekaperten Flugzeugen kurzzeitig ein Gesetz eingeführt worden, dass den Abschuss einer Maschine in Gewalt von Terroristen erlaubte. Der Bundesgerichtshof schritt ein: nicht vereinbar mit dem Grundgesetz. Und um die sogenannte "Vorratsdatenspeicherung" (Tagesschau.de), also die Pflicht zum monatelangen Vorhalten von Telefon- und Internetdaten für Sicherheitsbehörden, wurde und wird seit Jahren auf EU- und Bundesebene gerungen. Bislang ohne Endergebnis.

Moderner Dschihadismus erforderte Schutz öffentlicher Plätze

25 Jahre nach dem 11. September hat der Terrorismus sich in einer neuen Form etabliert. Schon länger dominieren "einzelne Täter", nicht Einzeltäter, sagt Robert Pelzer - die Unterscheidung sei ihm wichtig. Die Taten bereiten sie zwar weitgehend alleine vor und führen sie auch oft alleine aus, was sie schwer vorhersehbar macht. Online oder sogar persönlich sind sie aber oft noch an dschihadistische Netzwerke angedockt.

Die Frage, wer seit 2001 wen vor sich hertreibe - der Terrorismus die Sicherheitsbehörden oder andersrum, sei schwer zu beantworten. "Es ist ein Wechselspiel aus Ermittlungsdruck, der Handlungsspielräume für Taten reduziert durch die Sicherheitsbehörden, darauf wird mit neuen Anschlagsformen reagiert, auch durch die Möglichkeit, sich im Internet zu radikalisieren und sich Wissen selbst anzueignen", sagt Pelzer.

Passanten gehen über Sicherheitsbarrieren am Breitscheidplatz. (Quelle: Picture Alliance/Paul Zinken)
Passanten gehen über Sicherheitsbarrieren am Breitscheidplatz. (Quelle: Picture Alliance/Paul Zinken)

Nach selbstgebauten Bomben kamen als Waffen auch Schusswaffen, Messer oder ganz neue Anschlagsformen wie Fahrzeuge, die in Menschenmengen gesteuert werden, dafür in Frage. Die Ergebnisse waren eine Reihe schwerer islamistischer Terroranschläge, darunter die Anschläge von Paris 2015 mit 130 Toten und den Anschläge von Nizza (86 Todesopfer) sowie auf dem Berliner Breitscheidplatz 2016 mit 12 Toten mündeten, bei denen Lastwagen als Waffe eingesetzt wurden.

Die Sicherheitspolitik reagiert darauf erneut mit öffentlich sichtbaren Maßnahmen. Der Schutz öffentlicher Plätze und Räume ist nicht nur verdeckt zu leisten. "Sicherheitszonen" wurden eingerichtet, LKW-Sperren, Poller und andere Sicherheitsmaßnahmen, die früher nicht vorstellbar waren, sind regelmäßig in Großstädten zu sehen und das alles, obwohl auch weiterhin und mehr denn je im Hintergrund überwacht wird. Für die Zukunft rechnet Robert Pelzer auch mit dem weitgehenden Einsatz von Videoüberwachung. "Das wird kommen, weil die Lösungen für datenschutzrechtliche Bedenken zunehmend verfügbar sind", sagt er mit Blick auf Modellprojekte mit KI-gestützter Überwachung, die in Berlin getestet werden.

Sendung: rbb24 Inforadio, 11.09.2026, 07:05 Uhr
Audio: rbb24 Inforadio, 11.09.2026, Angela Ulrich und Cathryn Clüver-Ashbrook

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