Sorge vor planetarer Kelvinwelle, die auf Kalifornien zusteuert

In den nächsten Monaten dürfte der Pegel an Amerikas Westküsten steigen, was auch mit El Niño zusammenhängt. Das Klimaphänomen könnte weltweit für rund 450.000 zusätzliche Todesfälle sorgen

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Sorge vor planetarer Kelvinwelle, die auf Kalifornien zusteuert

Folgen von El Niño

Sorge vor planetarer Kelvinwelle, die auf Kalifornien zusteuert

In den nächsten Monaten dürfte der Pegel an Amerikas Westküsten steigen, was auch mit El Niño zusammenhängt. Das Klimaphänomen könnte weltweit für rund 450.000 zusätzliche Todesfälle sorgen

Julia Sica

Links spritzt graues Meerwasser senkrecht vor einer Promenade mehrere Meter in die Höhe, rechts sieht man Häuserfassaden, vor denen Menschen stehen und mit Eimern Wasser hinausschöpfen.
In Long Beach, Kalifornien, hat man gefährlich nah am Wasser gebaut. Bereits Anfang September türmte Hurrikan Marie dort die Wellen auf. In den kommenden Monaten dürfte die Kelvinwelle zu noch höheren Wasserständen und Überflutungsgefahr führen.

Arktisches Eis schmilzt, warmes Wasser dehnt sich stärker aus als kaltes – und so steigt der Meeresspiegel, an manchen Orten stärker als an anderen. Bereits diese Entwicklung führt zu Problemen. Spaniens Strände werden schmäler, an der dicht besiedelten Küste Kaliforniens sind schon vor Jahren die ersten Häuser aufgrund der Erosion ins Meer gestürzt. Im Westen Amerikas dürfte sich die Lage in den kommenden Monaten verschärfen. Das liegt an einer Kelvinwelle, die mit El Niño zusammenhängt.

Kelvinwellen sind keine gewöhnlichen Wasserwellen, sondern breiten sich an den Rändern von Flüssigkeiten aus – entlang von Küsten und der Äquatorregion, weil hier die Erdrotation eine Art unsichtbare Leitplanke bildet. Benannt nach dem Physiker Lord Kelvin, der sich im 19. Jahrhundert unter anderem mit Welleneigenschaften befasste, erreichen Kelvinwellen mitunter planetare Ausmaße mit tausenden Kilometern Länge.

Blick von oben auf einen Strand, quer durchs Bild verläuft eine am Sandstrand anbrandende Welle, rechts schwimmt eine Person, links fliegt ein Vogel.
Eine Kelvinwelle ist keine gewöhnliche Welle im Meer, sondern sorgt allmählich entlang von Küsten für höhere Pegelstände.

Riskante Kombination

Bereits im Juni zeichnete sich am Äquator eine Welle ab. Ozeanologen zufolge kann die Welle, die vor einem Monat das nördliche Südamerika erreichte, schon in den kommenden Tagen in Kalifornien den Meeresspiegel um bis zu 30 Zentimeter anheben.

Gerade in El-Niño-Jahren schwellen Kelvinwellen im Ostpazifik an. Winde, die sonst von Südamerika nach Asien wehen, wechseln dann die Richtung und setzen so auch große Mengen an warmem Wasser in Bewegung. Die Wassermassen wälzen sich träge über den Ozean – von Asien entlang des Äquators nach Südamerika, wo sie von den Landmassen gestoppt werden und sich entlang der Küsten nach Norden und Süden fortsetzen. Das warme Wasser, das sich stärker ausdehnt, sorgt für steigende Pegel.

Entlang der Küste stehen mehrere mehrstöckige Wohnhäuser an zwei Seiten einer Gasse, davor schäumt die raue See die Gischt der Wellen bis in die Höhe der höchsten Stockwerke.
Am Hochwasser-Hotspot Long Beach wurden Barrikaden gebaut und Sand aufgetürmt, doch gegen die Naturgewalten bieten sie nur eingeschränkt Schutz.

Das Phänomen ist nicht neu, sondern wurde bereits seit Beginn der Aufzeichnungen der National Oceanic and Atmospheric Administration der USA (Noaa) dokumentiert, wie der Noaa-Wissenschafter Nate Mantua gegenüber dem Guardian erklärt. Doch in Kombination mit dem im Laufe des 20. Jahrhunderts um 20 Zentimeter gestiegenen Meeresspiegel stellt ein weiterer Anstieg ein Risiko dar, das sich nur teilweise abschätzen lässt.

Stürmische Feiertage

Aus diesem Grund bereitet man sich in Kalifornien auf Katastrophenszenarien vor. Gouverneur Gavin Newsom rief vergangene Woche den Notstand aus, Gerätschaften für Straßensperren und Schneeräumung werden bereits organisiert und an Highways bereitgestellt. Bis Anfang 2027 rechnet man nicht nur mit dem Einfluss der Kelvinwelle, sondern auch mit stürmischen Begebenheiten, die El Niño in den Nordpazifikraum bringt und die in Kombination mit hohen Wasserständen zu Überflutungen führen.

Die Fachleute sprechen von besonders hohen Wellen um den Thanksgiving-Feiertag und Weihnachten, Sturmfluten können ebenfalls auftreten. Hausbesitzerinnen und -besitzer werden angehalten, sich vorzubereiten, für Ablaufmöglichkeiten für Wasser zu sorgen sowie Bereiche zu prüfen und zu sichern, die für Erosion oder Überschwemmungen anfällig sind. Bereits im Vorfeld der Hurrikans der vergangenen Wochen sorgten Küstenbewohner in Long Beach vor, schützten ihre Häuser durch Sandsäcke und mit Holzbrettern vernagelte Fassaden.

Zwei Personen arbeiten an der Absicherung eines Hauses nahe Belmont Shore Beach in Long Beach, Kalifornien. Sie befestigen Holzplatten, um die Fenster und unteren Bereiche des Gebäudes zu schützen. Im Vordergrund sind eine Ufermauer sowie Wasserwellen zu sehen.
Fenster und Wände wurden in den vergangenen Tagen zum Schutz vernagelt, um sich vor Hurrikan Polo zu wappnen.

Da das diesjährige El-Niño-Ereignis seine Vorgänger in den Schatten stellen dürfte, befürchten Expertinnen und Experten entsprechend hohe Schäden. "Eine wichtige Erkenntnis aus früheren El-Niño-Ereignissen ist, dass die verheerendsten Stürme oft diejenigen sind, die mit den höchsten Wasserständen zusammenfallen", hält Kate Huckelbridge, die Vorsitzende der California Coastal Commission, fest.

Hunderttausende Hitzetote

Die Wucht, mit der El Niño diesmal eintrifft, ist immens, Schäden sind bereits entstanden. In Indonesien kam es aufgrund fehlender Niederschläge zu Feuern, die mehr als 200.000 Hektar Wald verbrannten, der Rauch verpestet noch in tausenden Kilometern Entfernung die Luft. Der Panamakanal führt zu wenig Wasser und schränkt den Schiffverkehr ein, in Peru werden weitaus weniger Sardellen gefangen als gewöhnlich, was die Fischerei in Bedrängnis bringt.

Wie schlimm die Schadensbilanz ausfällt, wird sich erst zeigen, wenn das klimatische Großereignis abgeebbt ist. Eine Schätzung des Climate Impact Lab rechnet bis Februar 2027 mit 451.000 zusätzlichen Todesfällen infolge des Super-El-Niños. Es dürfte sich vor allem um Hitzetote handeln, aber auch Dürren und Hungersnöte, Waldbrände und Überschwemmungen werden Menschenleben kosten. Länder des Globalen Südens sind besonders betroffen, allen voran Nigeria, wo mehr als 30.000 Personen an Hitzefolgen sterben könnten. Brasilien sowie Staaten in Süd- und Südostasien zählen ebenfalls zu den stark betroffenen Weltregionen.

Hurrikan-Ruhe und Blüten

Im Pazifik haben sich kürzlich mehrere Hurrikans zusammengebraut, die in Mexiko mehrere Todesfälle zur Folge hatten. Während die Hurrikansaison hier in vollem Gange ist, hat El Niño auf der anderen Seite des Kontinents eine ungewöhnliche Ruhe zur Folge: In der US-amerikanischen Atlantik-Hurrikansaison von Juni bis November werden durchschnittlich sieben Hurrikans erwartet, gekommen ist bisher kein einziger. Dies liegt daran, dass El Niños warmes Pazifikwasser die Passatwinde schwächt und für eine stärkere Windscherung über dem Atlantik sorgt. Ein tropischer Sturm benötigt aber stabile Luftverhältnisse über einem großen Gebiet, um sich zum Hurrikan weiterzuentwickeln.

Landschaftsaufnahme mit weiten, rötlich-violetten Blütenfeldern, im Hintergrund Gebirgshügel unter einer Wolkendecke.
In der Atacamawüste kommt durch die ungewöhnlichen Wetterbedingungen mehr Wasser an als sonst und bringt Blumen zum Blühen.

Neben dieser guten Nachricht für die Ostküste gibt es einen weiteren kleinen Lichtblick: Die Atacamawüste blüht. Sie zählt zu den trockensten Orten der Welt, die zentrale Region bekommt oft weniger als 3 Millimeter Regen ab. Doch dank El Niño haben es Regenwolken bis in die chilenische Wüste geschafft und teils 180 Millimeter Niederschlag abgelassen.

Ein weißes Auto fährt auf einer Straße, zu beiden Seiten sieht man Millionen an blassblauen Blüten und vereinzelt dunkle Büsche.
Hier eine weitere Impression aus der Wüste bei Copiapo in Chile. Die Blüte zieht regelmäßig viele Touristinnen und Touristen an.

Die schlummernden Pflanzensamen in der Erde sind aufgegangen und dürften am Höhepunkt im Oktober eine Fläche von bis zu 15.000 Quadratkilometern zum Blühen bringen. Schon im Vorjahr blühten die Wüstenblumen, zwei Jahre in Folge sind eine Seltenheit bei einem Ereignis, das in den vergangenen 40 Jahren nur 15-mal zu erleben war. (Julia Sica, 29.9.2026)

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