Sozialministerium führte nach Kritik an PVA Schulung durch – und engagierte dafür PVA-Mitarbeiter
Webinar zu ME/CFS Kritik am Vorgehen des Ministeriums kommt nun von der Österreichischen Gesellschaft für ME/CFS, den Grünen und weiteren Patientenorganisationen. 15. Oktober 2026, 13:51 ...
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Webinar zu ME/CFS
Kritik am Vorgehen des Ministeriums kommt nun von der Österreichischen Gesellschaft für ME/CFS, den Grünen und weiteren Patientenorganisationen.
15. Oktober 2026, 13:51
Nach breiter Kritik an den Begutachtungen – vor allem an jenen der PVA – hat das Sozialministerium eine Fortbildung für Gutachter des Sozialministeriumservice initiiert. Für einen Vortrag über die "Herausforderungen in der Begutachtung von postakuten Infektionssyndromen (PAIS) und chronischem Fatigue-Syndrom (ME/CFS)" wurde ein PVA-Mitarbeiter engagiert. Kritik kam von der Patientenorganisationen wie der ÖG ME/CFS. Die Grünen sprachen von einer "kaum zu überbietenden Absurdität".
Zum Thema Begutachtung von PAIS und ME/CFS wurde der Chefärztliche Assistent der PVA Wien engagiert, der in der jüngsten Vergangenheit in Fachvorträgen die Schwierigkeit der Objektivierbarkeit von ME/CFS und PAIS unterstrichen hatte. "Die Lösung der angeführten Problembereiche der Begutachtung von PAIS und ME/CFS ist nicht in Sicht", schrieb er etwa in einem im Frühjahr veröffentlichten Fachartikel des Manz-Verlages. Kritik kam von der Österreichischen Gesellschaft für ME/CFS, den Grünen und weiteren Patientenorganisationen.
Kritik an Vortragenden-Auswahl
Die ÖG ME/CFS bemängelte auf APA-Anfrage in einer schriftlichen Stellungnahme, dass das laut Programm am 30. September abgehaltene Fortbildungs-Webinar "ohne erkennbare fachliche Beteiligung" des Nationalen Referenzzentrums für Postvirale Syndrome an der MedUni Wien abgehalten worden sei. "Gleichzeitig wurden Personen als Vortragende eingesetzt, deren bisherige Positionierungen zu ME/CFS erhebliche fachliche Kritik hervorgerufen haben", so die Gesellschaft.
Die Patientenorganisation nahm nicht nur auf die Beteiligung des PVA-Mitarbeiters Bezug, sondern auch auf jene des zweiten Vortragenden: Der Leiter der neurologischen Abteilung des Universitätsklinikums Tulln war für das Thema "Postinfektiöse Syndrome aus Sicht der Neurologie" vorgesehen. Die ÖG ME/CFS verwies auf dessen Co-Autorenschaft an einem 2023 veröffentlichten Fachzeitschrift-Artikel ("Der Nervenarzt"), in dem "ausdrücklich eine psychosomatische Ätiologie (Anm.: Ursache) von ME/CFS zur Diskussion gestellt wurde" - was damals zu teils deutlicher Kritik auch in der Fachwelt geführt hatte.
"Nicht in PV engagiert"
Eine Stellungnahme seitens des Sozialministeriums kam auf APA-Anfrage nicht aus dem Büro von Ministerin Korinna Schumann (SPÖ), sondern direkt vom Leiter der Sektion IV, Martin Zach, in dessen Verantwortung das Sozialministeriumservice liegt. Angesiedelt ist dort auch die Abteilung IV/8 (Medizinische Angelegenheiten) unter Leitung von Ewald Sedmik und dessen Stellvertreterin, die die Fortbildungs-Veranstaltung moderierte.
"Dr. Krstic wurde nicht in seiner Funktion als Mitarbeiter der PV (Pensionsversicherung, Anm.) als Vortragender engagiert, sondern als Facharzt für Neurologie, der sich mit Begutachtungsrichtlinien beschäftigt und in Fachkreisen als Experte im Bereich der Begutachtung von ME/CFS und PAIS gilt", schrieb Zach. Der Sektionschef verwies auch auf die Veröffentlichung des oben erwähnten Artikels des Vortragenden in der Manz-Fachzeitschrift "Das ärztliche Gutachten", in dem er die "Herausforderungen in der Begutachtung von postakuten Infektionssyndromen (PAIS) und vom chronischen Fatigue-Syndrom (ME/CFS)" beleuchtet habe. Außerdem habe er bei der heurigen Jahrestagung der österreichischen Gesellschaft für Neurologie "einen Vortrag zu diesem Thema gehalten".
"Facharzt für Neurologie"
Auf den Hinweis, dass eine Recherche von ORF, APA und Dossier im Mai 2025 erhebliche Missstände bei der Begutachtung von Patientinnen und Patienten mit Post-Covid und ME/CFS durch die PVA aufgezeigt hatte – und auch die Volksanwaltschaft in ihrem letzten Bericht sowie Patientenvereine wie etwa Chronisch Krank diese Mängel bestätigten – erklärte Zach, der Vortragende sei "als Facharzt für Neurologie als Vortragender ausgewählt" worden. "Die Tätigkeit bei der PVA bedeutet nicht, kein entsprechendes Fachwissen zu haben. Eine globale Ablehnung von bei der Sozialversicherung tätigen Ärzten, ist aus medizinischer Sicht nicht nachvollziehbar."
Gefragt, ob die Beauftragung nicht den Aussagen aus Schumanns Büro widerspreche, das erst vorige Woche die Kritik an den Gutachten (auf Anfrage des Online-Magazins "zackzack") als "durchaus berechtigt" bezeichnet hatte, hieß es seitens des Sektionschefs: "Es wurde nicht die PVA mit dem Vortrag beauftragt, sondern Dr. Krstic als Facharzt für Neurologie, der dieses Thema in Fachkreisen bereits mehrmals vorgetragen hat."
Nicht kommentieren wollte Zach einen vom PVA-Mitarbeiter gehaltenen Vortrag vom 20. Februar, in dem er die Begutachtung von PAIS und die Objektivierung der Symptome als sehr schwierig dargestellt hatte und von einer "Sackgasse" sprach. "Der medizinischen Fachabteilung ist der Inhalt dieses Vortrags nicht bekannt. Es kann daher nicht nachvollzogen werden, in welchem Zusammenhang die genannte Aussage getroffen wurde", erklärte Zach dazu. Zum zweiten Vortragenden hieß es, dieser gelte in Fachkreisen "als anerkannter Experte".
Experten nicht angefragt
Experten bzw. Expertinnen des Nationalen Referenzzentrums für Postvirale Syndrome an der MedUni Wien wurden nicht angefragt, so der Leiter der Sektion IV im Ministerium: "Thema der Veranstaltung war die Beleuchtung der Begutachtung dieser Erkrankungen aus rein neurologischer Sicht. Das Nationale Referenzzentrum wird jedoch geleitet von Expert:innen aus dem Bereich Immunologie und Public Health." Auch andere Experten zu PAIS/ME/CFS wurden nicht angefragt, hieß es.
"Scharfe Kritik" übte die ÖG ME/CFS "am Umgang" des Gesundheitsministeriums mit dem Thema: "Trotz dringenden Handlungsbedarfs werden Gespräche mit Betroffenenvertretungen nicht fortgesetzt, ausgewiesene Expertise nicht ausreichend eingebunden und notwendige strukturelle Reformen nicht konsequent verfolgt." Alleine im Jahr 2026 habe die Gesellschaft "im März, April, August und September um einen weiteren Gesprächstermin mit dem Gesundheitsministerium ersucht". "Auf die beiden jüngsten Anfragen im August und September erfolgte nicht einmal eine Antwort."
Mit deutlicher Kritik reagierte der Grüne Gesundheitssprecher Ralph Schallmeiner. Nach "monatelanger, berechtigter Kritik an den Begutachtungen durch die PVA" hole man sich "ausgerechnet den chefärztlichen Assistenten der PVA Wien als Vortragenden, während das Nationale Referenzzentrum für Postvirale Syndrome an der MedUni Wien nicht einmal angefragt wird. Das ist an Absurdität kaum zu überbieten", sagte er in einer Aussendung. Er kündigte eine parlamentarische Anfrage zur Gutachter-Fortbildung im Sozialministeriumservice an.
"Neuaufstellung" der Ausbildung gefordert
Den Ausführungen der ÖG ME/CFS schloss sich auch der Obmann des Vereins Chronisch Krank, Jürgen Holzinger, an. "Auch die übrige Kritik an den PVA-Gutachten kann ich zu hundert Prozent aus unseren Praxisfällen nachvollziehen. Darum fordern wir auch eine komplette Neuaufstellung der Ausbildung von Gutachtern der PVA und des SMS und vor allem auch eine Unabhängigkeit von der PVA", erklärte er. Auch verlangte er personelle Änderungen in jenen Bereichen, "die für den derzeitigen Begutachtungszustand verantwortlich sind".
Kritisch äußerte sich auch der Generalsekretär der Lebenshilfe Österreich und Mitinitiator der Petition "Meine Würde - für Faire Ärztliche Begutachtungen", Philippe Narval: "Ärztliche Gutachten entscheiden darüber, ob Menschen die Unterstützung bekommen, die ihnen zusteht. Wer Gutachter*innen schult, muss daher den aktuellen Stand der Forschung vertreten, transparent ausgewählt werden und Betroffene einbinden." Der aktuelle Bericht zeige, "dass das derzeit nicht gewährleistet ist", erklärte er gegenüber der APA. Die Armutskonferenz fordert einen Runden Tisch. (APA, 15.10.2026)